EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Rede des heiligen Vaters Pabst Pius des VI. gehalten in der St. Peters-Kirche zu Rom, da Buonaparte in den Kirchen-Staat eindrang

1797.

Im Namen des Vaters, und des Sohnes und des heiligen Geistes, Amen.

Allerliebste Brüder in Jesu Christo!

Mit einem von Schmerzen durchdrungenen Herzen verkündige ich euch, daß der fränkische General, an der Spitze eines fürchterlichen und siegreichen Heeres in meine Staaten eindringt. Der heilige Stuhl läuft, wie vor etlichen Jahren Frankreichs Thron, die größte Gefahr, wirklich gestürzet zu werden. Ich darf es euch nicht länger verhelen: ich hatte bis dahin auf den Schutz der göttlichen Vorsehung gezählt; allein, wenn ich alle unsere verübte Missethaten, die sie zum gerechten Zorne reizen, in Erwägung ziehe, so gestehe ich ein, daß wir das uns bevorstehende Schiksal nur gar zu wohl verdienet haben. Seitdem ihr mir die päbstliche Krone auf das Haupt gesetzt, glaube ich eures Zutrauens würdig gewesen zu seyn; ich muß dann den Kummer, der an meinem Herzen nagt, vor euch ausschütten.

Der heilige Geist ist es, der mir diese Wahrheiten auf die Zunge legt, die ich euch offenbaren werde. Mein hohes Alter, meine Erfahrungen räumen mir ein grösseres Recht ein, von euch angehört zu werden, als der Titel, mit dem ihr mich beehret habt.

Die Abgründe haben sich unter unseren Fußtritten geöffnet, kaum werden wir ihren entgehen. Sagen wir es rund herau: die Hoffart hat uns ins Verderben gestürzt. Volk! Und ihr Häupter meiner Kirche! Die ihr euch aus Furcht und nicht aus Liebe gegen euren Gott in diesem geheiligten Tempel vor mir versammelt habt, höret an, die bebende Stimme eines Greisen, dem sein Innerstes zuruft: offenbare dich, und bitte Gott und die Welt um Verzeihung! Gestehen wir es ein, besonders ihr Bischöfe und Kirchendiener, die ihr mich anhöret; gestehen wir es ein, daß wir schändlich von den Geboten des Heiligen Evangeliums abgewichen sind. In diesem Buche war unser Wandel gezeichnet, und das Ziel unserer Pflichten gestekt. Ach! wenn wir den Lehren Jesu dieses göttlichen Führers allzeit pünktlich gefolgt wären, würden wir wohl in diese grausame Noth, die uns in diesem heiligen Tempel vereinigt hat, gerathen seyn? Ein großes Verbrechen wurde hier in dieser heiligen Stadt verübt; daß Blut eines fränkischen Botschafters, der fast unter meinen Augen gemeuchelmordet worden ist, hat wider uns gen Himmel geschrien. Frankreich fördert mit Recht Genugthuung über diese Greulthat. Ach! könnte doch unsere Reue die abgeschiedene Seele des unglücklichen Basseville besänftigen, seine betrübte Witwe trösten, und den Donnerkeil in den Händen eines siegenden Heeres lämen. Ja, diese grausame Handlung zog uns den Fluch des Allerhöchsten zu, welcher die Missethäter früh oder spät züchtiget. Ich erkennen wahrhaft den Finger eines erzürnten Gottes in den hohen Wunderthaten der fränkischen Heere. Diese Wahrheiten sind erschröklich, aber ich, der ich mich am Rande des Grabes befinde, darf sie nicht verschweigen, wenn ich nicht wider mein Gewissen handeln soll. Im Begriffe dem Sieger in die Hände zu fallen, wird er zweifelsohne, wenn er die Aeusserungen meines Schmerzens vernehmen wird, Ehrfurcht für die Silberloken eines Greisen hegen. Ja liebste Brüder! wenn die Kirche in ihrem Schoße wahrhafte Nachfolger der Apostel, und mehrere mit einer erbaulichen Tugend begabte Männer zählt; wie viel hat sie sich nicht auch über die Unordnung der Habsucht, des Geizes, der heuchlerischen Verstellung, der gränzenlosen Herrschsucht, und unsinnigen Rasereien der größten Anzahl aus ihren zu beklagen. Wie viele von meinen Vorfahren, denen ich wünsche, daß der Allmächtige ihnen Barmherzigkeit wiederfahren lasse, haben sich nicht großer Betrügereien und unerhörter Schandthaten schuldig gemacht!

Die zum Umglücke unerbitterliche Zeitgeschichte hat die greischenden Schandthaten mit blutigem Griffel aufgezeichnet. Wie viele schaudervolle und für die Menschheit kläglichen Kriege haben die Streitigkeiten unsrer Priester nicht erwekt! Was für fürchterliche Blut-Bäder haben unsre theologischen Zänkereien nicht bei allen Nationen verursacht! Wo hatte uns Jesus die roheste Unduldsamkeit gepredigt? und daß unsre Alltäre, wie es öfters geschehen ist, mit Menschenblute besudelt werden? Hatte uns Jesus Christus jemals die Grausamkeit, das finstere Mistrauen, den Pracht, der uns heraubwürdiget, die Begierde nach Reichthümern, welche uns feßelt, die Herrschsucht, die uns zur Nachbegierde anflammt, den Haß gegen unserer Mitmenschen, der uns in den Wirbel von Feindseligkeiten reißt, geprediget? Ja, ich bekenne es hier, vor dem Angesichte der Engel und der Heiligen, ich bekenne es vor dem Angesichte Gottes in diesem geheiligten Tabernakel, daß wir alle Herzen von seiner heiligen Religion entfernt, und dieselbe misbraucht haben, um unsren Leidenschaften zu opfern. Wir haben den Himmel um unsre Schätze anzuhäufen, feil geboten; und Ablässe und Reliquien um Gold verkauft.

Wir haben die grossen Sünder nur noch mehr zum sündigen gereizt, da wir für die Nachlassung der schwersten Verbrechen Summen Geldes angenommen haben. Wir haben ja selbst, die wir eine grosse Nation anklagen, ihren König vom Throne gestossen zu haben, die Fürsten der Erde abgesetzt, berherrschet, und in den Bann gethan. Wir haben uns der Leichtglaubigkeit der Völker bedienet, um sie von dem Gehorsam gegen ihre Fürsten abzumahnen. Dürfen wir es in dem Tempel des Gottes des Friedens wagen, von der teuflischen Inquisition zu reden, welche Ursach war, daß eine so grosse Anzahl von schlachtopfern lebendig verbrannt wurde? Werden wir euch diese mönchischen Grausamkeiten, diese Foltern, diese Scheiterhaufen, welche ohne Zweifel die Geduld des aufgebrachten Herrn ermüdet haben, vor Augen legen dürfen? O wie weit sezten wir dieses vollkommene Muster der Samftmuth, Geduld, Gerechtigkeit und Menschenliebe ausser Acht!

Ja wir haben die Unordnung und die Furcht, die Zwietracht und die Verzweiflung auf den Erdboden gepflanzt. Wie viele Völker wurden im Namen des Himmels niedergemacht; wie viele Könige sogar ermordet? O wie sehr, meine Freunde! wie sehr betrüben mich diese scheußlichen Schilderungen! Was will ich sagen von unserm ungeheuren Kosten-Aufwande? Selbst dieser Tempel, allzuprächtig für denjenigen, der das Weltall schuf, und für seine Ehre nur bescheidene Tugend verlangt; dieser Tempel, sage ich, hat über zwanzig Millionen Thaler gekostet; wie viele Seufzer der Unglücklichen, deren Anzahl ungemein groß ist, hätte man nicht mit diesen übermäßigen Verschwendungen stillen können? und sind unsere Palläste nicht auch zu kostbar, da der Arme unter den Lumpen des Elendes schmachtet?

Da unser Beruf darinn besteht, die Welt zu trösten, hben wir sie in Trauer gesenkt; da wir die Welt unterrichten sollten, haben wir sie irre geführt; anstatt sie zu erbauen, haben wir sie gärgert; anstatt uns vor den Mächten der Erde zu demüthigen, haben wir nach ihren Kronen gestrebt; wir haben ihre Thronen sogar erschüttert. Anstatt die Liebe zur Arbeit einzuflössen, haben wir die Müssiggänger vermehrt, und aus dem Betteln eine seraphische Tugend gemacht. Das Verderben schwebt eher, als die himmlische Flamme des heiligen Geistes, beinahe über allen gesalbten Häuptern. O Schande für die Kirche! O verkehrtes Jahrhundert! Ja wir sind es, welche die Säulen des Temepls erschüttert haben.

Selbst ich erröthe, Kriegsheere unter meinen Befehlen zu haben, da Jesus die Kriegsknechte des Pilatus nur mit Schonen und Sanftmuth behandelte. Ich schäme mich meines Pabstthums, wenn ich meine vergoldeten Zimmer mit seinem Stalle, mein Bett der Weichlichkeit mit seiner Krippe, den Uiberfluß meiner Tafeln mit seiner Mäßigkeit, meine zahlreiche Dienerschaft mit seiner Einsamkeit, meine Kutschen und Pferde mit seiner Eselinn, meine Drei-Krone mit seiner dörnernen, meine seidenen Kleidungen mit seinem wollenen Roke, mein Leben mit seiner Geißlung, meinen Thron mit seinem Creuze vergleiche. Was bin ich denn vor diesem erhabenen Wesen, ich – der ich herrsche und gebiete; ich – der ich mich seinen Diener und Stellvertreter nenne! ach! meine Brüder, ich bin nur ein elender sterblicher Mensch, der mehr mit dem Eitelkeiten dieser Welt, als mit den Seligkeiten der andern beschäftiget ist! Ich klage mich an, daß ich mit Unrecht pabstliche Briefe, welche immer den Hirten meiner Kriche die kläglichste Spaltung angerichtet haben, habe ausbreiten lassen; ich hätte ihnen vielmehr die gänzliche Ergebung in den göttlichen Willen, welche ihnen viele Ungnaden würden ersparet haben, predigen sollen. Der Mordstrahl und die Flammen hätten die fränkische Vendee nicht verheert; die Menschenwürgereien wären nicht geprediget, und gleichsam kanonisirt worden. Ja, wir sind es, meine allerliebste Brüder! welche darinn dem Willen Gottes widerstebten, der sich in dem Aufstande eines grosen Volkes so augenscheinlich zeigte; welches sich wegen unsrrer ungerechten Anmassungen, unsres geistlichen Wuchers, unsrer ärgerlichen Reichthümer und der Tyrannei, und die Kirche entehrenden Inquisition empörte. Lauter Dinge, welche die heiligkeit der Lehren unsers göttlichen Lehrmeisters geschändet haben, und an vieler Blut- und Thränenvergiessung Ursach gewesen sind; ja, wir sind es, die schuldig und strafbar sind. Vielleicht, ach leider! haben wir uns das traurige Ende unsers unglücklichen Sohnes, Ludwigs des 16ten vorzuwerfen, den wir beständig mit Bsichöffen umgaben, welche ihn auf das Blutgerüst geliefert haben, indem sie ihm den Meineid und den verderblichsten Widerstand einflüsterten.

Wie sehr beweinen wir es jetzt, daß wir diejenigen Priester, welche sich den Gesezen ihres Vaterlandes unterworfen hatten, anstatt sie zu unterstüzen, und zur Einprägung des Gehorsams gegen die Geseze aufzumuntern verfolgt haben.

Wie ist es uns jetzt nicht so leid, daß wir denenjenigen, die wir auf unsre Seite gezogen, angerathen haben, daß sie sich der Gewissen bedienen sollen, um sie von dem Gehorsame, so der heilige Paulus den Mächten der erden zu leisten so hoch anbefohlen hat, abzuwenden. Es ist dann unsere Schuld, daß der Religions-Krieg noch immer fortdauret; wir bitten Gott und die Menschheit dafür um Verzeihung, besonders seitdem wir sehen, daß die iezigen Regenten Frankreichs mit diesem Geiste der Gerechtigkeit und derOrdnung beseelt sind, welcher die blutigen Greulthaten, so die Franken schon so lange betrübt, haben, austilgen muß. Wir sind zu allem, was nur, um ihren gerechten Schmerzen zu stillen, von uns abhängen wird, bereit. Ist es sogar nothwendig, daß ich die schwere Bürde meiner dreifachen Krone ablege; so bin ich, um Rom und Frankreich in Ruhe zu sezen, auch zu diesem Opfer entschlossen; es wird meinem Herzen nichts kosten.

Ihr könnet sogar, wenn ihr es für gut achtet, abermal zu Republikanern werden, und das Capitolium, von woher der Senat eurer Voreltern der Welt Geseze vorschrieb, wieder aufrichten.

Berufet, wenn es euch gefällt, am morgenden Tage noch die Urversammlungen zusammen; erwählet ein Direktorium, gebt mir eine Pension, damit ich meine graue Tage in Ruhe beschliese; empfanget daher, ehe ich mich von dieser heil. Stätte begebe, für das lezte mal meinen Segen. –

Quelle:
Puis VI.: Rede des heiligen Vaters Pabst Pius des VI. gehalten in der St. Peters-Kirche zu Rom, da Buonaparte in den Kirchen-Staat eindrang, Strasburg 1797

Letzte Änderung der Seite: 27. 03. 2017 - 22:03