EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Manifest der Plebejer

vom 30.11.1795.

Es ist Zeit, dass das mit Füßen getretene und gemeuchelte Volk großartiger, feierlicher, allgemeiner als es je getan, seinen Willen kundgibt, auf dass nicht nur die Symptome, die Begleiterscheinungen des Elends, sondern die Wirklichkeit, das Elend selbst, ausgerottet werden. Möge das Volk sein Manifest erlassen! Möge es in demselben bestimmen, wie es die Demokratie verstanden wissen will, und wie sie in Übereinstimmung mit den wahren Grundsätzen wirklich sein soll. Möge es darin aufzeigen, dass die Demokratie solchen, die zuviel haben, Verpflichtung ist, diejenigen, die nicht genug haben, mit allem, was ihnen fehlt, zu versehen! Dass der Mangel an Mitteln bei den letzteren nur in dem besteht, was die anderen ihnen gestohlen haben. Gesetzmäßig gestohlen, wenn man will; d.h. mit Hilfe von Räubergesetzen, die, in den neuesten wie in den ältesten Zeiten, unter allen Regierungen jeden Diebstahl genehmigt haben; mit Hilfe von Gesetzen, nach denen ich gezwungen bin, nur um leben zu können, jeden Tag die Möbel aus meiner Wohnung wegzuschaffen und den Dieben, die jene Gesetze beschützen, auch den letzten Lumpen zuzutragen, der mich bedeckt. Möge das Volk erklären, dass es die Herausgabe alles Gestohlenen verlangt, alles dessen, was die Reichen den Armen schändlicherweise weggenommen haben! Eine solche Rückerstattung wird gewiss nicht weniger rechtmäßig sein als die Entschädigung der Emigranten. Wir wollen durch die Wiederaufrichtung der Demokratie erstens, dass wir unsere Lumpen, unsere alten Möbel zurückerhalten und dass diejenigen, die sie uns genommen haben, künftig daran gehindert werden, ähnliche Verbrechen zu begehen. Weiter wollen wir durch die Demokratie alles das erreichen, was - wie wir zeigten - diejenigen erstrebten, die von ihr eine rechte Vorstellung hatten.

Müssen wir zur Wiederherstellung der Rechte des Menschengeschlechtes und zur Beseitigung aller gegenwärtigen Übelstände uns auf den heiligen Berg zurückziehen, brauchen wir eine plebejische Vendee2? Mögen alle Freunde der Gleichheit sich darauf vorbereiten und es sich schon jetzt gesagt sein lassen! Möge jeder sich die unvergleichliche Schönheit dieses Unternehmens tief einprägen! Die Israeliten von der ägyptischen Knechtschaft zu befreien, sie hinzuführen zur Besitzergreifung der Äcker Kanaans - war je ein Unterfangen würdiger, die Herzen zu mutiger Tat zu entflammen? Der Gott der Freiheit, seien wir dessen sicher, wird die Moses beschützen, die sich an ihre Spitze stellen wollen. Er hat es uns versprochen, ohne die Vermittlung Aarons, den wir ebenso wenig brauchen können wie sein Priesterkollegium. Er hat es uns versprochen, ohne das Wunder einer Erscheinung im feurigen Busch. Weg; mit allen diesen Wundergeschichten, mit allen diesen Albernheiten! Die Eingebungen der republikanischen Gottheiten manifestieren sich ganz einfach als Verheißungen der Natur (des höchsten Gottes) im Herzen der Republikaner. So ist uns denn verkündet, dass, während eines Tages neue Josuas in der Ebene kämpfen werden, ohne nötig zu haben, die Sonne in ihrem Lauf aufzuhalten, anstelle des einen Gesetzgebers der Hebräer manche sich auf dem wirklichen plebejischen Berg befinden werden. Dort werden sie, inspiriert von der ewigen Gerechtigkeit, die Zehn Gebote der heiligen Menschheit, des Sansculottismus, der unverletzlichen Gleichheit aufzeichnen. Unter dem Schutz unserer hundert tausend Lanzen und Feuerschlünde werden wir den ersten wahren Kodex der Natur verkünden, dessen Vorschriften nie hätten verletzt werden dürfen.

Wir werden deutlich aussprechen, was das gemeine Glück, Ziel der Gesellschaft, ist.

Wir werden zeigen, dass beim Übergang aus dem Naturzustand zum gesellschaftlichen Zustand das Los keines einzigen sich hätte verschlechtern dürfen.

Wir werden die Grenzen des Eigentumsrechts festsetzen. Wir werden beweisen, dass Grund und Boden nicht einzelnen, sondern allen gehört.

Wir werden beweisen, dass alles, was sich jemand mehr davon aneignet als er zu seiner Ernährung braucht, Diebstahl an der Gesellschaft ist. Wir werden beweisen, dass das angebliche Veräußerungsrecht ein infames, volksmörderisches Verbrechen darstellt.

Wir werden beweisen, dass das Erbrecht der Familie ein nicht minder l großer Greuel ist; dass es alle Mitglieder der Gesellschaft voneinander! isoliert und aus jedem Haushalt eine kleine Republik macht, die gezwungen ist, gegen die große Republik zu konspirieren und die Ungleichheit zu verewigen.

Wir werden beweisen, dass alles, was ein Glied des Gesellschaftskörpers l weniger besitzt als es zur Befriedigung seiner verschiedenen Bedürfnisse! immer braucht, einen Raub an seinem natürlichen persönlichen Eigenturn darstellt, begangen von denen, welche die gemeinschaftlichen Güter an sich reißen.

Dass ähnlicherweise alles, was ein Glied des Gesellschaftskörpers mehr besitzt als es zur Befriedigung seiner verschiedenen Bedürfnisse immer braucht, Ergebnis einer, Beraubung anderer Gesellschaftsglieder ist, die eine mehr oder minder große Zahl von Menschen um ihren rechtmäßigen Anteil an den gemeinschaftlichen Gütern gebracht haben. Dass auch die scharfsinnigsten Einwendungen an diesen unabänderlichen Wahrheiten nichts ändern können.

Dass Überlegenheit der Talente und des Fleißes nur ein Märchen, ein blendender Betrug ist, der zu allen Zeiten den Komplotten der Verschwörer gegen die Gleichheit einen Schein von Rechtfertigung verschafft hat.

Dass die Unterschiede des Wertes und des Verdienstes am Produkt der Arbeit der Menschen nur auf der Ansicht beruhen, die einige von ihnen darüber gehegt und zum Sieg verholfen haben. Dass zweifellos zu Unrecht auf Grund dieser Ansicht der Arbeitstag dessen, der eine Uhr macht, zwanzigmal höher geschätzt wird als der Arbeitstag dessen, der Furchen zieht.

Dass jedoch nur dank dieser falschen Schätzung der Verdienst des Uhrmachers diesen befähigt, das Erbteil von zwanzig Arbeitern an der Pflugschar zu erwerben, die er auf derartige Weise enteignet hat. Dass alle Proletarier nur zu solchen geworden sind infolge des gleichen Schwindels in der Anwendung von Vergleichsmassstäben, die alle ausschließlich auf dem Unterschied des Wertes beruhen, der den Sachen bloß auf Geheiß jener Ansicht beigemessen wird. Dass es widersinnig und ungerecht ist, eine größere Belohnung für denjenigen zu verlangen, dessen Arbeit einen höheren Grad von Intelligenz, mehr Fleiß und geistige Anstrengung erfordert; dass diese keineswegs die Kapazität seines Magens vergrößern.

Dass kein Grund angeführt werden kann zur Rechtfertigung einer Belohnung, welche die Befriedigung des individuellen Bedarfs übersteigt.

Dass der Wert der Intelligenz ebenfalls nur eine Sache der persönlichen Ansicht und dass es vielleicht noch zu untersuchen ist, ob der Wert der natürlichen, rein physischen Kraft ihm nicht ganz gleichkommt. Dass es die Intelligenten gewesen sind, welche den Schöpfungen ihrer Gehirntätigkeit einen so hohen Preis gegeben haben und dass, wenn es die Starken gewesen wären, die ihrerseits die Dinge geregelt, sie ohne Zweifel festgestellt hätten, dass das Verdienst der Arme dem des Kopfes gleichkommt und dass die Anstrengungen des ganzen Körpers wohl die des einen wiederkäuenden Teiles aufwiegen.

Dass, wenn man diese Ausgleichung nicht annimmt, man den mehr intelligenten und betriebsamen Menschen eine Wuchervollmacht ausstellt, einen Rechtstitel zur straflosen Beraubung derjenigen, die es weniger sind.

Dass auf diese Weise im Gesellschaftszustand das Gleichgewicht des Wohlstands zerstört, umgestürzt worden ist, weil nichts eindeutiger bewiesen ist als unser Grundprinzip : dass man dazu gelangt, zuviel zu haben, nur indem man bewirkt, dass andere zu wenig haben. Dass alle unsere bürgerlichen Einrichtungen, unser gegenseitiger Verkehr, nur Akte einer beständigen Räuberei sind, durch widersinnige und barbarische Gesetze gedeckt, in deren Schatten wir damit beschäftigt sind, einander zu bestehlen.

Dass unsere Spitzbubengesellschaft als Folge ihrer von Anfang an scheußlichen Einrichtungen alle Sorten von Lastern, von Verbrechen und Unheil mit sich bringt, gegen die Krieg zu führen sich einige Wohlgesinnte deswegen vergebens verbünden, da sie keineswegs das Übel in seiner Wurzel angreifen und nur Palliativmittel anwenden, die sie aus dem Arsenal der falschen Ideen unserer organischen Verderbtheit beziehen.

Dass es nach obigem klar ist, dass alles, was diejenigen besitzen, die mehr haben als ihren gebührenden Anteil am Reichtum der Gesellschaft, Diebstahl und Usurpation ist. Dass es also gerecht ist, es ihnen wieder zu nehmen. Dass selbst derjenige, der beweisen würde, dass er lediglich mittels seiner natürlichen Anlagen so viel zu tun vermöge als vier andere und der daraufhin die Bezahlung von vier verlangte, darum nicht minder ein Verschwörer gegen die Gesellschaft wäre, indem er schon dadurch das Gleichgewicht derselben erschüttert und die unschätzbare Gleichheit vernichtet.

Dass die Weisheit allen Gliedern der Gesellschaft gebieterisch befiehlt einen solchen Menschen zu unterdrücken, ihn als eine soziale Geißel verfolgen, ihn wenigstens daran zu hindern, mehr als die Arbeit eines einzelnen zu verrichten, damit er nur Anspruch auf die Belohnung eines einzelnen erheben kann.

Dass es nur das Menschengeschlecht ist, das diesen mörderischen Wahnsinn, nach Verdienst und Wert zu unterscheiden, eingeführt hat und dass es auch nur unser Geschlecht ist, welches das Unglück und die Entbehrungen kennt.

Dass es keinen Mangel geben soll an Sachen, welche die Natur all schenkt, für alle hervorbringt, es sei denn, es handle sich um solche Mängel, die durch unabwendbare Naturereignisse verursacht werden; u dass in diesem Falle die Entbehrungen von allen gleichmäßig getragen und geteilt werden müssen.

Dass die Erzeugnisse der gewerblichen Tätigkeit und des Geistes gleichfalls das Eigentum aller, Besitz der gesamten Verbindung der Mensch werden von dem Augenblick an, da die Erfinder und die Arbeiter hervorgebracht haben, weil sie nur eine Vergütung für die früheren Erfindungen des Geistes und des Gewerbefleißes sind, aus denen die neuen Erfinder und Arbeiter in dem gesellschaftlichen Leben Vorteil gezogen haben und durch die sie in ihren Entdeckungen unterstützt worden sind. Dass die erworbenen Kenntnisse, weil sie allen gehören, unter alle gleichmäßig verteilt werden müssen.

Dass es eine sehr zu Unrecht von dem bösen Willen, dem Vorurteil oder der mangelhaften Überlegung bestrittene Wahrheit ist, dass diese gleiche Verteilung der erworbenen Kenntnisse alle Menschen an Fähigkeit und selbst an Talent nahezu gleich machen würde. Dass die Erziehung eine Ungeheuerlichkeit ist, wenn sie ungleich, nur dass ausschließliche Vorrecht eines Teils der Gesellschaft ist, weil sie dann den Händen dieses Teils eine Anhäufung von Maschinen, ein Arsenal von Waffen aller Art wird, mit deren Hilfe dieser Teil gegen den andere der waffenlos ist, kämpft und folglich leicht dazu gelangt, ihn zu erdrosseln, zu betrügen, zu berauben, in entwürdigende Ketten zu schlagen Dass es keine bedeutsamere Wahrheit gibt als die, welche wir bereits lobend erwähnten und die ein Philosoph folgendermaßen verkündet hat: Redet soviel ihr wollt über die beste Regierungsform, ihr werdet nichts ausgerichtet haben, solange ihr nicht die Keime der Habgier und des Ehrgeizes zerstört habt. Dass daher die gesellschaftlichen Einrichtungen dahin führen müssen, dass sie jedem Individuum die Hoffnung nehmen, jemals durch seine Kenntnisse reicher, mächtiger oder angesehener zu werden als irgendeiner seinesgleichen. Dass, um es noch genauer zu sagen, man dahin kommen muß, das Schicksal anzuketten, das Los jedes Mitglieds der Gesellschaft unabhängig zu machen von allen glücklichen und unglücklichen Zufällen und Umständen; jedem einzelnen und seinen Nachkommen, wie groß ihre Zahl auch sei, den ausreichenden Bedarf, aber auch nichts als diesen, zu sichern; und allen jeden nur möglichen Weg zu versperren, um jemals mehr als ihren rechtmäßigen Anteil an den Produkten der Natur und der Arbeit zu erlangen.

Dass das einzige Mittel, dies zu erreichen, darin besteht, die gemeinschaftliche Verwaltung einzuführen, das Sondereigentum aufzuheben, jedem Menschen nach seiner Anlage und seiner beruflichen Fähigkeit die für ihn geeignete Tätigkeit zuzuweisen; ihn zu verpflichten, die Frucht derselben in natura an das gemeinschaftliche Magazin abzuliefern, eine einfache Distributionsverwaltung einzurichten, eine Lebensmittelverwaltung, die über alle Individuen und Sachen Buch führt, und die die letzteren in peinlichster Gleichheit verteilt und jedem Bürger in seine Behausung zuführt.
Dass diese Regierung, welche die Erfahrung als ausführbar bewiesen hat, weil es die gleiche ist, die gegenüber den zwölfhunderttausend Mann unserer zwölf Armeen angewandt wird (und was im Kleinen möglich ist, ist es auch im Großen), dass diese Regierung die einzige ist, aus der ein allgemeines, unvergängliches, ungetrübtes Glück hervorgehen kann - das gemeine Glück, Ziel der Gesellschaft. Dass diese Regierung verschwinden machen wird die Feldmarken, die Hecken, die Mauern, die Schlösser an den Türen; die Streitigkeiten, die Prozesse, die Diebstähle und die Morde, alle Verbrechen; die Gerichtshöfe, die Gefängnisse, die Galgen, die Strafen, die Verzweiflung, welche all diese Übel verursachen; den Neid, die Eifersucht, die Unersättlichkeit, den Hochmut, den Betrug, die Doppelzüngigkeit, mit einem Wort: alle Laster. Mehr noch (und dieser Punkt ist zweifellos der wesentliche), den nagenden Wurm der allgemeinen und der persönlichen, jeden von uns stets quälenden Besorgnis über unser Schicksal am nächsten Tag, im folgenden Monat, im kommenden Jahr, in unserem Greisenalter, über das Los unserer Kinder und Kindeskinder.

Soweit der kurze Abriss des fürchterlichen Manifests, das wir der bedrückten Mehrzahl des französischen Volkes vorlegen werden und dessen ersten Entwurf wir ihm hiermit unterbreiten, um ihm einen Vorgeschmack desselben zu geben.

Quelle:
Le Tribun du Peuple, Nr. 35 vom 30.11.1795

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