EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Beantragung eines Priviliegs zur Errichtung einer Baumwollspinnerei durch Johann Gottfried Brügelmann an Herzog Johann III. von Berg

vom 24.11.1783

Durchlauchtigster Kurfürst, gnädigster Herr!

Ew. Kurfürstliche Durchlaucht erlauben gnädigst, Höchstdemselben untertänigst vorzutragen, daß [ich] gleich bei Übernahme der Fabrik meines Vaters jener Ursachen mit unermüdetem Fleiß nachgeforscht habe, warum unsere sogenannte Siamosen den Englischen u. Rouener Fabrikaten an Güte, Reinheit und Egalität nicht beikommen und warum bei unserer so vorteilhaften Lage keine anderen baumwollene Fabriken entstanden seien? Durch Länge der Zeit und durch beträchtlichen Kostenaufwand erfuhr ich endlich, daß in Engeland die Baumwolle durch Handmaschinen, und Wassermühlen gesponnen wurde, durch welche der Faden eine solch vollkommene Gleichheit, und Kraft erhielte, daß das Garn fein oder grob zur Kette mithin zu allerhand neuen oder hier fremden Fabrikaten gebraucht werden könne. Dahingegen ist jenes, welches in dem benachbarten Märkischen und hiesigen Gegend versponnen wird, ganz unrein, roh und los. [...] In Engeland sind die baumwollene Fabriken seit Einführung der Spinnmühlen in den größten Flor gekommen – ich gab mir daher alle Mühe, eine solche Mühle, oder wenigstens derselben Modell zu bekommen – allein alle Versuche und Belohnungen wollten nichts erhalten, und ich konnte niemand ausfindig machen, welcher mit eine dergleichen Mühle überschickte, in dem das Parlament die Ausführung derselben sowohl, als auch deren Arbeiter unter der schwersten Strafe verboten hatte. Ich besprach mich daher mit verschiedenen Mechanicis und erfuhre, daß im Siegerland ein gewisser Künstler seie, der eine solche Spinnmühle zu verfertigen, und einzurichten im Stande wäre. Ich reiste demnach bereits vor sechs Jahren selbst dahin und brachte denselben mit Lebensgefahr nach Elberfeld. Ein ganzes Jahr bliebe derselbe in meinem Hause. Unangesehen aller angewendeten schweren Nöthen, und Zeitverlust konnte ich aber mit ihm nichts ausrichten. Dieser kostbare Vorgang schwächte mich nicht ab. Ich entschloß mich daher, an meinen in Engeland bestehenden guten Freund näher zu wenden und durch neuen Kostenaufwand, und großer Gefahr wurde mir endlich vor zwei Jahren eine Kratzmaschine verschafft, welche die Baumwolle reinigt und säubert. Von dieser konnte ich aber keinen Gebrauch machen, in dem solche mit der Spinn- und übrigen dazu erforderlichen Maschinen verbunden werden müßte. Diesertwegen zeigte sich abermals neue, fast unüberwindliche Schwierigkeiten.

Jedoch im vorigen Jahr erhielte ich endlich das Modell. Allein, kein Mensch wäre im Stande mit solchem etwas anzufangen, noch einzurichten. Dieses bewoge mich abermals, an meinen Freund nach Engeland zu schreiben, daß weder die Kratzmaschine, noch das Modell der Spinnmühle, an welche ich bereits 3.000 Rthlr. verwendet mir von einigem Nutzen sein könnten, wenn solche nicht durch einen geschulten Mechanicum zum Gebrauch eingerichtet würden. Große Versprechungen und Belohnungen lockten endlich einen ganz geschickten Meister nach vieler Mühe, und Umständen zur anhero Reise. Derselbe ist auch wirklich in Begleitung meines Freundes bei mir eingetroffen. Allein beim ersten Anblick der Mühlen erklärte derselbe, daß auch diese nicht die rechten wären; er versicherte mich aber, daß er selbige nach der neuesten Erfindung viel einfacher und ganz vollkommen einrichten wollte. Um nun dessen überzeugt zu werden, ließe ich mir von ihm in Zeit von einigen Wochen eine kleine, zum Modell dienende Handmaschine machen, und diese ist so gut ausgefallen. daß solche meiner Erwartung völliges Genügen geleistet. Dieses alles würde noch nicht hinreichend sein, wann ich nicht solche ins große, wie in Engeland, durch ein Wasserrad, könnte treiben lassen. Solchen Ends habe ich mir einen Ort bei Höchstdero bergischen Mithauptstadt Ratingen ausersehen. Daselbst auch nach beikommendem Zeugnisdortigen Magistrats diesen Sommer bereits zwei große Gebäude errichten lassen, und mit welchen ich künftigen Frühjahrs fortzufahren gedenke. Von welchen zu mehreren Beweis dem Plan dieser Gebäude nebst dem inneren Wert, welches 1600 Spindeln auf einmal in Bewegung setzet, und welches von Höchstdero Hofbaumeister Flügel verfertigt worden, unterthänigst anfüge.

Durch schwerste Kosten, durch unermüdeten Fleiß und durch Treue meines Freundes bin ich endlich zu meinem Endzweck gekommen, welcher Freund nicht aus Noth sein preußisches Vaterland verlassen, sondern da er während seinem langen Aufenthalt die in England herrschende Freiheitsgrundsätze eingesogen, so hat er Höchstdero durch Freiheit und unbeschränkten Handel vorzügliches Gülich- und Bergische Land dem Seinigen vorgezogen, und alle in den preußischen Staaten ihm gebotenen Vorteile ausgeschlagen. Nie ist eine nützlichere Anlage für das ganze Land, besonders aber für Ratingen vorgenommen worden, in dem die Hauptvorteile, welche aus solcher Spinnmühlen entstehen, die Folgen so vieler neuer Zweigen der Handlung und Fabriken sind, welche bisdahin nur denen Engeländern eigen und Mangel des unendlichen Grundstockes ihren überlassen, und die Waren aufs teuerste bezahlt werden müssen.

Ew. Kurfürstliche Durchlaucht ist gnädigst bekannt, daß von Preußen alle nur zu verlangende Privilegien und sogar bis auf 25 und auf mehr Prozent sich erstreckende Baugelder, oder das nötige Bauholz und andere Materialien umsonst hergeben lasse, daß diese Prämien ganz bestimmt durch offene Zeitungen verkündet und daß daher viele Fabrikanten in preußische Staaten gelockt werden. Solcher, und mehrer Vorteilen würde ich mich ebenfalls zu erfreuen haben, wenn ich nur eine neu einzurichtende Fabrike, und Spinnmaschinen auf die ans Bergische anstoßende Märkische Grenzen und besonders zu Duisburg angelegt hätte. Allein, Liebe zu meinem Vaterland, und unter Höchstdero Regierung, als ein beglückter Unterthan zu leben, hielten mich zurück.

Da nun zu dieser Unternehmung, welche mir schon bei 4.000 Rthlr. zu allerhand Proben gekostet, noch eine Anlage von 20.000 Rthlr. für die Gebäude und dem inneren Werke gefordert werden, ehe ich den geringsten Nutzen ziehen könne; da durch diese Anlage Höchstdero Stadt Ratingen, und das ganze Amt die größten Vorteile ziehet, in dem eine Menge armer Einwohner, und kleiner Kinder von 6-10 Jahren, welche nur gar zu häufig dem Müßiggang, und Betteln nachgehen, ihren täglichen Unterhalt verdienen, und dadurch von Jugend an zur Arbeit und Fleiß angehalten werden. Da diese Mühen, von welchen man den größten Nutzen in Engeland nicht alleine, sondern auch in Frankreich und Österreich eingesehen, und derer befördere Vorzüge, und ausschließliche Privilegien nach der Anlage erteilt, dem Grund zu neuen Fabriken von Baumwollenen Mützen, Strümpfen, Manchester, Barchent, Kattun, Zitzdruckerei, und Musselin legen, und diese ganz frische Zweige von Fabriken in unserem Lande hervorbringen, welche Höchstdero Aerarium bereichern, und vielen Tausend Menschen eine neue Quelle zum Unterhalt eröffnen: - Gründe, welche da in der reinen Wahrheit beruhen; - So bitte Ew. Kurfürstliche Durchlaucht unterthänigst, Höchstdieselben geruhen gnädigst, wegen gemeldeter Kratz-, Hand- und Wassermaschinen mir ein ausschließliches Privilegium in Höchstdero Herzogthümer Gülich- und Berg auf 40 Jahre zu erteilen; diese höchste Gnade erhoffe ich umso mehr unterthänigst zu verdienen, als gemeldete Maschine einzig in ihrer Art mit dem größten Risiko verknüpfet, viel größere und kostbare Anlage erfordern als andere Fabriken, welche von Ew. Kurfürstliche Durchlaucht mit dem größten Vorzügen und ausschließlichen Privilegien, und höchsten Schutz begnädiget worden. Von welchen das der sogenannten Garnnahrung oder Kaufmannschaft in Elberfeld, und Barmen erteilte ausschließliche Privilegium, sodann jene der Frankenthaler Fabrike mildeste verliehene Gerechtsame die deutlichsten Beweise vorlegen. - Des guten Gehörs mich unterthänigst betröstend erstrebe in tiefster Erniedrigung Ew. Fütstlichen Durchlaucht

unterthänigster Johann Gottfried Brügelmann

Elberfeld
24. November 1783“

Quelle:
Die Macht der Maschine. 200 Jahre Cromford-Ratingen. Eine Ausstellung zur Frühzeit des Fabrikwesens, Ratingen 1984

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