EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Von Heines Napoleon zu Hegels Napoleon

von Norbert Waszek

Einleitung

Der Düsseldorfer Schriftsteller Heinrich Heine (!797-1856) von Moritz Daniel Oppenheim im Jahre 1831 gemalt.
Heinrich Heine (!797-1856)

Bei einer näheren Betrachtung der literarischen Gestaltung, welches Heines »politisches Urerlebnis«, der Einzug Napoleons in Düsseldorf, im Kapitel VIII der »Ideen« erlangte, fällt sofort auf, dass Dichtung und Wahrheit nicht immer zusammenlaufen. Schon die Chronologie, die eben ins Gedächtnis gerufen wurde, wird von Heine bewusst durchbrochen. Ist Napoleon in Wirklichkeit erst Anfang November in Düsseldorf eingetroffen, verlegt Heine diesen Besuch in den Frühling oder Frühsommer, denn er spricht von den »Sonnenstrahlen« , die »durch das grüne Laub zitterten« und vom »blauen Himmel«, weil ihn diese »politische Sommerkulisse« offenbar geeigneter erschien, um das Ereignis zu feiern, und er hebt sich den »fröstelnden Herbsttag« für die Darstellung der Restauration im folgenden Kapitel auf. Angesichts des folgenden Vergleichs zwischen dem Einzug Napoleons und demjenigen von Jesus in Jerusalem kann man sich auch fragen, ob bei Heines Schilderung, wenn zwischen Frühling und Sommer zu entscheiden wäre, nicht doch an den Frühling genauer an die Osterzeit zu denken ist, denn damit wäre die Parallelführung zu Jesus noch enger, der sich Jerusalem bekanntlich vor dem Pesachfest näherte, ein Termin der auf christlicher Seite dann als Palmsonntag gefeiert werden sollte.

Was dann gleich zu Anfang frappiert und das ganze VIII. und folgende IX. Kapitel durchzieht, ist die Tendenz zur Mythologisierung, zur Vergötterung Napoleons, die sowohl jüdisch-christliche Elemente benutzt, als auch solche aus der griechisch-römischen Antike. Wulf Wülfing spricht in diesem Zusammenhang von einem »mythologischen Synkretismus«.

Diese Vergöttlichung

1.    beginnt bereits mit dem »Hosiannah!«-Ausruf (nach dem spätmittelalterlich und liturgischen, aus dem Hebräischen »hochana« abgeleiteten »Hilf doch!«) der zweiten Zeile des VIII: Kapitels[1] - ein Ausruf, welcher zudem noch durch das Wort »hochbeggnadigten«, mit welchem Heine seine Napoleon sehenden Augen näher bestimmt, eingeleitet wird, ein Wort, das eine gewisse Weihe stiftet, die sehr wohl religiös begründet sein könnte, wenngleich natürlich auch ein ironischer Ton mitschwingt.

2.    Wird dann in der ganzen Beschreibung von Napoleons Einzug fortgesetzt, welche an die Schilderung von Christi Eintritt in Jerusalem erinnert: beide reiten (Jesus auf einem »Eselein«, Napoleon auf einem »Rösslein«; sollte Heines wegen der gewünschten Parallelisierung Napoleons Pferd verkleinert haben?) unter dem Jubel des Volkes ein.[2]

3.    Ebenso in dem »goldenen Stern«, der seltsamerweise an dem »blauen Himmel schwamm« und dem Stern von Bethlehem evoziert, dem die drei Weisen aus dem Morgenland folgten.[3]

4.    Mit der »sonnigmarmornen Hand« Napoleons und mit seinem Kopf, der dem »marmornen Griechen- und Römerköpfen« gleicht, werden die Götter der Antike aufgerufen. In dem folgenden »Reisebild«, genauer der »Reise von München nach Genua«, wird der antike Bezug übrigens präzisiert, die Geschichte Napoleons ausdrücklich als »Mythos« bezeichnet und des Kaisers Schicksal mit dem des Titanen Prometheus verglichen.

5.    Wenn Heines dann ausführt, dass auf Napoleons Gesicht gestanden hätte: »Du sollst keine Götter haben außer mir«, geht er von der heidnischen Vielgötterei wieder zum jüdisch-christlichen Monotheismus über.[4]

In dem Rückblick auf Napoleon des folgenden IX. Kapitels wird die Vergötterung Napoleons dann auf den Höhepunkt getrieben

6.    sein Grab ist ein »heiliges Grab«,

7.    wohin »die Völker des Orients und Okzidents wallfahrten« werden,

8.    um sich dort »an die Taten des »weltlichen Heilands« zu erinnern;

9.    ein »weltlicher Heilland«, der nicht unter Pontius Pilatus »gelitten« hat, wie der Heilslbringer des Neuen Testaments, sondern unter Sir Hudson Lowe, dem englischen Gouverneur von St. Helena.[5]

10.  Schließlich ordnet Heine Napoleons weltlicher Passionsgeschichte zu ihrer Überhöhung noch die zeitgenössischen Berichte von »Las Cases, O'Meara und Antommarchi« als so genannte »Evangelien« zu - die störende Asymmetrie(für Napoleon hier nur drei; im NT bekanntlich vier Evangelien) hat Heine an einer anderen Stelle seiner »Reisebilder«, genauer in der dritten Abteilung der »Nordsee«, durch die Hinzunahme von Sir Frederick Maitland korrigiert, dort also die vollkommene Symmetrie zu vier den Evangelien hergestellt.[6]

Das Heine in seiner Vergötterung Napoleons die heiligsten Symbole verwendet und sozusagen entweiht, musste fromme Juden und gläubige Christen schockieren; insbesondere den letztgenannten dürfte die ganze Parallelisierung von Jesus und Napoleon blasphemisch erscheinen. Ohne Heine immer entschuldigen zu wollen – den Preis seiner Provokation hat er ohnehin mit vielen Anfeindungen und Verfolgungen bezahlt, die er selbst Zeit seines Lebens und sein Werk bis heute erlitten haben und noch erleiden -, sollte doch zumindest darauf hingewiesen werden, dass Heines Deifikation Napoleons kein Einzelfall war, sondern dass er damit lediglich an einen zeitgenössisch durchaus verbreiteten Topos partizipierte, welcher wohl auf Napoleon selbst zurückgeführt werden kann[7]. Es ist auch nicht schwer, sich vorzustellen, wie empört etwa Börne aus seiner Sichtweise auf Heines Verherrlichung, ja, Vergöttlichung Napoleons reagieren musste. Mit Gerhard Höhn müsste aber auch darauf aufmerksam gemacht werden, dass sich Heine von dem »dithyrambischen Kultus« Napoleons der Zeit dadurch unterscheidet, dass er ihn nicht ahistorisch benutzt, sondern gerade zeitkritisch einsetzt: als Kontrastfolie zum ancien régime in Düsseldorf, welches er vorher behandele, dann zum Düsseldorf der Restauration, das er im X. Kapitel seiner »Ideen« attackiert. Welches war denn aber der rationelle Kern, die sachliche Begründung, die Heines Verherrlichung der rationelle Kern, die sachliche Begründung, die Heines Verherrlichung Napoleons zweifellos besitzt.

Der Kaiser beseitigte für ihn die alte Ordnung – an die Heine spöttisch mit der Polizeiverordnung, man dürfte »nicht meinen durch die Allee reiten« erinnert, die er dann sachlich als das alte Feudal- und Kirchenregime charakterisiert: »diese Lippen [Napoleons N.W.] brauchten nur zu pfeifen -, es la Prusse n’existait plus -  diese Lippen brauchten nur zu pfeifen – und die ganze Klerisei ritt ruhig mitten durch die Allee, kein Polizeibediener widersetzte sich ihm…« Napoleon erscheint bei Heine grundsätzlich als Fortführer und Vollender der Französischen Revolution. Auf Napoleon verweisen schon die im Titel des Werkes angesprochenen »Ideen«, zuvörderst die Idee der Freiheit. In einem Brief an Karl August Varnhagen von Ense (vom 01.05.1827), also noch in zeitlicher Nähe zum Erscheinen des Buches, bezeichnet Heine Napoleon als »Mann der Idee« als »Idee gewordenen Menschen« Der Trommler Le Grand, Titelfigur, Vertreter der grande nation, Träger und Vermittler der Freiheitsideen der Revolution und damit Napoleons stellt in seiner politischen Erziehung des jungen Heines die Einheit von Napoleon mit der Revolution dar. Daran ändert auch der gescheiterte Russlandfeldzug nichts. In der Haltung von Le Grand gib es nämlich eine schöne Kontinuitätslinie, von der ersten Ausbildung Heines anlässlich der »Einquartierung«:

Monsieur Le Grand wußte nur wenig gebrochenes Deutsch, nur die Hauptausdrücke – Brot, Kuß, Ehre – doch konnte er sich auf der Trommel sehr gut verständlich machen, z.B. wenn ich nicht wußte, was das Wort »liberté« bedeute, so trommelte er den Marseiller Marsch – und ich verstand ihn. Wußte ich nicht die Bedeutung des Wortes »égalité«, so trommelte er den Marsch »Ca ira, ça ira – les arisocrates à la lanterne!« - und ich verstand ihn.«

Bis hin zu einer letzten Begegnung in der Restaurationszeit, als Le Grand nach mehrjähriger Gefangenschaft in Sibirien auf dem Heimweg nach Frankreich, wo er nie mehr eintreffen sollte, wieder nach Düsseldorf kommt, um dort zu sterben. Er ruft bei dieser Gelegenheit mit seiner Trommel nämlich beides, die Revolution und Napoleons »Freiheitskämpfe« zusammen in Erinnerung:

Die Pappeln neben uns erzitterten, als er wieder den roten Guilontinenmarsch ertöhnen ließ. Auch die alten Freiheitskämpfe, die alten Schlachten, die Taten des Kaisers trommelte er wie sonst, und es schien, als sei die Trommel selber ein lebendiges Wesen, das sich freute, seine innere Lust aussprechen zu können.

Diese Kontinuitätslinie, die Napoleon als Fortsetzer der Revolution betont, wurde auch schon vorher verdeutlicht, in der entscheidenden Textstelle (IX. Kapitel), in welcher Heine das Ende des Kaisers auf St. Helena ergreifend schildert. Heine übernimmt dort das damals schon weit verbreitete Gerücht von einer Ermordung Napoleons, macht dafür die Engländer direkt verantwortlich und empört sich über einen solchen Verstoß gegen die Regeln der Gastfreundschaft. Noch wichtiger ist indessen, dass er die »verschworenen Könige« der Restauration als die eigentlichen Auftraggeber dieses Verbrechens ansieht und ihre Absicht als Rache für den enthaupteten Ludwig XVI. versteht.

Britannia! dir gehört das Meer. Doch das Mehr hat nicht Wasser genug, um von dir abzuwaschen die Schande, die der große Tote dir sterbend vermacht hat. Nicht den windigen Sir Hudson, nein, du selbst warst der sizilianische Häscher, den die verschworenen Könige gelungen, um an dem Manne des Volkes heimlich abzurechnen, was das Volk einst öffentlich an einem der Ihrigen verübt hatte – Und er war dein Gast und hatte sich gesetzt an deinen Herd -

Heine war also offenbar der Ansicht, dass es die europäischen Könige der Restauration waren, die sich für den Regizid an Ludwig XVI. an Napoleon rächten. Wenn seine Gegner mit der Konterrevolution assoziiert werden, bleibt Napoleon aber der Vertreter der Revolution, der »Mann des Volkes«.


[1] Neben den neutestamentarischen Verwendungen des Ausdruckes ist natürlich an den alttestamentarischen Ursprung des Wortes (Pslam 118,25) und an den Gebrauch des Wortes in den Hoschanot-Gebeten der Laubhüttenfeiertage (Sukkot) und darunter vor allem des Festes der ora-Freude (Simchat Tora) u erinnern, wies dies A. Ruiz überzeugend getan hat.

[2] NT, Johannes-Evangelium, 12. Kap. 12-15: »12. Des andern Tages, viel Volks, das auf das Fest gekommen war, da es hörete, das Jesus kommt gen Jerusalem; 13. Nahmen sie Palmenzweige, und gingen hinaus ihm entgegen, und schrieen: Hosianna. Gelobet sey der da kommt in dem Namen des Herrn, ein König von Israel. 14. Jesus aber überkam ein Eselein, und ritte darauf; wie denn geschrieben stehet; 15. Fürchte dich nicht, du Tochter Zion, siehe dein König kommt reitend auf einem Eselsfüllen.« Vgl. Matthäus, 21. Kap., 7-10; Markus, 11. Kap., 7-10; Lukas, 19. Kap., 35-38.

[3] NT., Matthäus-Evangelium, 2. Kap. 1-2: »1. Da Jesus geboren war zu Bethlehem im jüdischen Lande, zur Zeit des Königs  Herodes, da kamen die Weisen vom Morgenlande gen Jerusalem, und sprachen: 2. Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenlande und sind gekommen, ihm anzubeten.«

[4] Vgl. die Selbstvorstellung Gottes am Anfang des Dekalogs (AT, Exodus, 20. Kap., 2-3), die im Judentum als eigenständiges erstes Gebot, im Christentum aber vielmehr als »Präambel« gegenüber allen folgenden Geboten betrachtet wird: »Ich bin der Herr dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft geführt habe. Du sollst keine andern Götter haben neben mir.«

[5] Die Formulierung »gelitten unter Pontius Pilatus« entstammt natürlich dem Apostolischen Glaubensbekenntnis: »Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus…« (unsere Hervorhebung N.W.)

[6] »Maitland, der sturmkalte, englische Seemann, verzeichnet die Begebenheiten vorurteilslos und bestimmt, als wären es Naturerscheinungen, die er in sein Logbuch einträgt; Las Cases, ein enthusiastischer Kammerherr, liegt in jeder Zeile, die er schreibt, zu den Füßen des Kaisers, nicht wie ein russischer Sklave, sondern wie ein freier Franzose, dem die Bewunderung einer unerhörten Heldengröße und Ruhmeswürde unwillkürlich die Kniee beugt; O'Meara, der Arzt, obgleich in Irland geboren, dennoch ganz Engländer, als solcher ein ehemaliger Feind des Kaisers, aber jetzt anerkennend die Majestätsrechte des Unglücks, schreibt freimütig, schmucklos, tatbeständlich, fast im Lapidarstil; hingegen kein Stil, sondern ein Stilet ist die spritzige, zusammenstoßende Schreibart des französischen Arztes Antommarchi, eines Italieners, der ganz besonnentrunken ist von dem Ingrimm und der Poesie seines Landes.«

[7] Beispiele für die zeitgenössische Vergötterung Napoleons (etwa bei Alessandro Manzoni) und für die von Napoleon selbst überlieferte Identifikation mit dem Messias finden sich bei Ruiz: Napoleon dans les Tableaux de voyage de Heine, S. 220ff.

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