EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Der Tiroler Volksaufstand im Kontext der Konflikte des beginnenden 19. Jahrhunderts

von Staatsminister Dr. Ludwig Spaenle

Das Ende des Tiroler Kampfes von 1809

Vielleicht kann man in der letzten der Berg-Isel-Schlachten des Jahres 1809, der vom 1. November, in gewisser Weise eine Parallele zur „Sendlinger Mordweihnacht“ sehen. Hier wie da erfolgt die Auflehnung aus Not und Verzweiflung, aus eigentlich aussichtsloser Position. Die Tiroler haben sich im Jahr 1809 mehrfach spektakulär und militärisch erfolgreich durchgesetzt – zunächst im April gegen die Bayern, dann im weiteren Verlauf im Mai und schließlich in der vorletzten Berg-Isel-Schlacht vom 13. August auch gegen Franzosen und Sachsen. Aber schon die Berg-Isel-Schlacht vom Hochsommer des Jahres findet in einer deutlich isolierter gewordenen Situation des aufständischen Tiroler Volkes statt: Einen Monat zuvor, am 12. Juli 1809, hat Österreich mit Frankreich den Waffenstillstand von Znaim geschlossen. Umso bemerkenswerter ist, dass die Tiroler sich vor ihrer Landeshauptstadt nochmals durchsetzen und Andreas Hofer für mehrere Monate von Innsbruck aus das Land regieren kann – administrativ gewiss nicht professionell, sondern spontan, erfrischend improvisierend, lieber mündlich als schriftlich und in seiner kernigen Mundart. Das ist uns in vielen Quellen überliefert.

Am 14. Oktober 1809 schließt Österreich mit Frankreich den Friedensvertrag von Schönbrunn. Nun ist eigentlich für die Tiroler nichts mehr zu machen. In der Wiener Politik gibt es das, was man auf Neudeutsch einen »Paradigmenwechsel« nennt, also eine neue politische Linie unter Fürst Metternich, seit 12. Oktober der neue Leiter der österreichischen Politik. Metternich ist mittlerweile Realpolitiker. Er weiß: Es ist sinnlos, Österreich in isolierten Konflikten mit dem übermächtigen Imperium Napoleons zu verschleißen. Er betreibt eine Politik der Anpassung. Personifiziert wird sie durch die Vermählung Napoleons Anfang 1810 mit Kaiser Franz’ Tochter Marie-Louise. Napoleon gelingt auf diese Weise der Eintritt in die damals wohl höchstrangige europäische Dynastie – ein Stück Legitimitätsgewinn, das durch nichts aufzuwiegen ist und von dem er sich zugleich mit einem künftigen Thronfolger die Etablierung einer eigenen, auf dem Kontinent als legitim anerkannten Dynastie verspricht.

Was vermögen gegen derlei strategische Konzeptionen noch die nun völlig isolierten aufständischen Tiroler? Kein Wunder also, dass schon vor der militärischen Niederlage am 1. November Besorgnis und Furcht um sich greifen. Die Quellen sprechen da eine deutliche Sprache.

Das Ende ist allgemein bekannt und schnell erzählt: Von dem Bauern Franz Raffl an die Franzosen verraten, wird Andreas Hofer in der Nacht vom 27. auf den 28. Januar 1810 von französischem Militär in einer Hütte auf der Pfanderalm verhaftet, mit seinem Begleiter Cajetan Sweth nach Mantua verbracht, am 19. Februar vor Gericht gestellt und bereits am Folgetag hingerichtet. Die Erschießung Andreas Hofers bedeutet in der historischen Überlieferung zugleich das Ende des Tiroler Aufstandes.

Die Exekution Andreas Hofers erfolgte gegen den vielfachen Widerspruch und Protest der italienischen Bevölkerung in Mantua. Das ist bemerkenswert. Denn gut 100 Jahre später, in der Zeit des Ersten Weltkrieges, wird das Geschehen von 1810 in ein förmlich gegenteiliges historisches Narrativ übersetzt. Nun ist  Hofer das Tiroler Idol, das symbolhaft überhöht gegen jenes Italien in Stellung gebracht wird, welches im Mai 1915 Österreich-Ungarn den Krieg erklärt und sich daran macht, Tirol zu erobern.

Freilich: Wenn wir 1809 von Tirol sprechen, dann meinen wir das gesamte historische Tirol einschließlich des italienischsprachigen Welschtirols um Trient bis zur Nordspitze des Gardasees. Auch Welschtiroler haben sich 1809 – wenn vielleicht auch mit etwas reduzierter Intensität – am Aufstand gegen die Bayern und die Franzosen beteiligt. Im 20. Jahrhundert und vor allem mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges verkehrt sich diese Konstellation ins Gegenteil: Nun sind die Bayern die Verbündeten, hilft ein Deutsches Alpenkorps aus vor allem bayerischen Soldaten, das Land südlich des Brenners gegen Italien zu verteidigen. Meinrad Pizzinini schreibt in der vor kurzem erschienen Gesamtdarstellung über Andreas Hofer zu dieser veränderten Konstellation Folgendes:

Dieses Beispiel zeigt mit größter Deutlichkeit: Geschichte ist eben nichts Eindeutiges. Sie wird durch Überlieferungen und Urteile verklärt wie reduziert, sie wird so oder so interpretiert, sie wird auch nach sich wandelnden politischen Konstellationen instrumentalisiert. Und es hat auch wenig Sinn, solche Entwicklungen einfach nur zu beklagen und zu kritisieren. Hilfreich ist vielmehr, dass wir Geschichte nicht einfach als ein »Ding an sich« nehmen. Wir sollten ihre Relativität akzeptieren. Nur so gelangen wir zu komplexen und damit angemessenen Geschichtsbildern!

Noch einmal zurück zum Ausgangspunkt unserer Betrachtungen, zum Jahr 1809: Die Niederlage der Tiroler im Herbst des Jahres, personifiziert in Verurteilung und Hin-richtung Andreas Hofers Monate später, bedeutete gewiss keinen Sieg oder gar Triumph der bayerischen Seite. Das beginnt schon mit Hofers Person selbst. Rein rechtlich war er ja bayerischer Staatsbürger. Aber auf Bayerns Zuständigkeiten nahm die französische Seite nun gar keine Rücksichten mehr. Es ging ihr um ein Exempel von Vergeltungsjustiz. Denn für die napoleonische Seite war die Niederwerfung des Aufstandes im Herbst 1809 und danach zur Prestigesache geworden. Und aus französischer Sicht wären die Bayern dazu eben selbst nicht in der Lage gewesen. Es ist in diesem Sinne ja auch bemerkenswert, dass Todesurteile und Exekutionen nach dem Aufstand bzw. Befreiungskampf allein von französischer Seite verhängt wurden. Auf bayerischer Seite erfolgte hingegen eine Amnestie. Trotzdem – auch das muss man hinzufügen – haben die Bayern während der Folgejahre kaum Sympathien in Tirol gewonnen. Es war nun eher ein Schwebezustand bis zum Wiener Kongress. Immerhin wurde die Gesamtlage deutlich unübersichtlicher.

So war der bayerische Kronprinz, der spätere König Ludwig I., ein Gegner Napoleons – das galt als offenes Geheimnis. Er gehörte zu jenen in den Rheinbundstaaten, die innere Distanz gegenüber Napoleon wahrten und die sich der anschwellenden nationalen Bewegung in Deutschland und Mitteleuropa öffneten. Und ganz allgemein gilt: Das Jahr 1809 war eben – trotz des militärischen Erfolges Frankreichs über Österreich – bereits ein Jahr im Abstieg für den napoleonischen Imperialismus. In ganz Europa baute sich zunächst psychologisch wie kulturell der Widerstand auf. Dies war die Vorstufe für die Überwindung der französischen Fremdherrschaft in Mitteleuropa fünf Jahre später. Ähnlich wie die Tiroler agierten in Spanien viele Aufständische, derer die französische Fremdherrschaft nicht Herr werden konnte. Auch hier, auf der iberischen Halbinsel, ging es um einen Befreiungsakt aus einer zumindest auch alteuropäisch-religiösen Haltung gegen einen als gottlos empfundenen Spätabsolutismus. In Preußen gab es 1809 viel Kritik am eigenen König Friedrich Wilhelm III., weil er – wenn auch im Ergebnis politisch wohl klug beraten – nicht wagte, dem isoliert kämpfenden Österreich zu Hilfe zu kommen. Die führenden preußischen Reformmili-tärs und Heerführer – Blücher, Gneisenau, Scharnhorst – waren mit dem Herzen ganz auf der österreichischen Seite, erwogen teilweise sogar, in österreichische Dienste zu treten.

Besonders eindrucksvoll klingen in diesem Sinne die Worte des preußischen Offiziers – eigentlich mehr Militärgelehrten – Carl von Clausewitz, Autor des grundlegenden Werkes „Vom Kriege«.

Clausewitz hatte für seine Theorien und Schlussfolgerungen vor allem die Aufstände in Spanien und Tirol zugrunde gelegt. In ihnen sah er ein modernes Instrument, um mittels – heute würde man sagen asymmetrischer – Kriegführung überlegenen Eroberern entgegenzutreten. 1812 ging Clausewitz in russische Dienste und beriet Zar Alexander und seine Militärs bei der Strategie – die weit überlegene Armee Napoleons in die Weiten des Landes hineinzulocken und zum Opfer von Geographie und winterlichem Klima werden zu lassen. Das erinnert eben auch an die landverbundenen Tiroler und ihre Strategie, sich die heimischen alpinen Bedingungen zunutze zu machen. Clausewitz hat immer auf die emotionalen Faktoren großen Wert gelegt. Nicht nur auf Zahlen komme es an, sondern auch auf Entschlossenheit und Identifikation mit der Sache.

Über das Geschehen von 1809 urteilte er: »So sind die Tiroler eine mächtige Fackel, die schon erleuchtet mit ihrem Licht, an deren Glut man sich schon erwärmen kann.«[2] Und so erscheinen die Tiroler eben durchaus als Vorbild für den preußisch-deutschen Befreiungskampf von 1813/14, bei dem das emotionale Moment eine große Rolle spielte.

Und auch nicht wenige preußische Intellektuelle und Dichter schlugen sich damals jedenfalls auf die österreichische Seite. Heinrich von Kleist, mit seinem Drama »Der Prinz von Homburg« eigentlich so etwas wie der preußische Staatsdichter, reiste in die Nähe der Schlachtfelder auf dem Marchfeld bei Wien und rühmte Erzherzog Karl nach der Schlacht bei Aspern, in der er Napoleons die erste militärische Niederlage beigebracht hatte, als den »Überwinder des Unüberwindlichen«.

Dem napoleonischen Imperium blieb in dieser Phase des sich abzeichnenden Niedergangs nichts anderes übrig, als die Schraube der Repression und des militäri-schen Ausgreifens immer weiter anzuziehen. Es ist aber eine zentrale geschichtliche Erfahrung, dass Imperien solche Anstrengungen auf Dauer nicht durchhalten. Der amerikanische Historiker Paul Kennedy hat vor einigen Jahrzehnten in einer großen Darstellung über den Aufstieg und Niedergang von Weltmächten die These vertreten, dass Überanstrengung und Überdehnung das Ende von Vorherrschaft einläuten.[3] Genau dafür erscheint das Jahr 1809 wie eine Art Menetekel und offenbart sich damit auch als eine bleibende historische Lehre: Typisch war und ist, dass Napoleon seinen eigenen Verbündeten immer weniger vertraute. Bayern etwa warf er Schwäche bei der Bekämpfung des Tiroler Aufstandes vor. Das Königreich musste nun Welschtirol und den Raum um Bozen an das napoleonische Königreich Italien abtreten, Osttirol an die sogenannten illyrischen Provinzen unter unmittelbar französischer Herrschaft. In Bayern machte sich allmählich die Stimmung breit, dass man an der Seite Napoleons zwar mancherlei gewann, aber eben auch vielerlei verlor.

Das Ende kam 1812, mit dem durch Hybris motivierten Feldzug Napoleons gegen Russland. Es war ein Ende, das Bayern viel schwerer traf als Österreich oder Preu-ßen, die formal Verbündete Napoleons waren, tatsächlich aber bereits den Abfall vom Kaiser der Franzosen vorbereiteten. Die 30.000 Bayern, die mit Napoleons Großer Armee bis nach Moskau zogen, sind fast ausnahmslos zu Tode gekommen. An sie erinnert ein dunkler Obelisk am Münchener Karolinenplatz.[4]

1809, das war und ist mir wichtig, ist ein in vielfacher Weise aussagekräftiges Jahr der Tiroler, der bayerischen, der europäischen Geschichte. Es erzählt, wenn wir es deutend einzuordnen versuchen, von Trennung und Konflikt. Es erzählt aber auch von gemeinsamem Leid, von Bildern und Erfahrungen, die im Kern zusammengehören. Es geht um den Plural von Identität, um Identitäten, es geht um historische Erfahrungen und Selbstwertgefühle.

Auch und gerade dieses Jahr zeigt: Die Ostalpen und ihr Vorland bilden einerseits einen gemeinsamen Kulturraum mit sehr ähnlichen Einstellungen, Bräuchen, kulturellen Überlieferungen. Zum anderen sind sie durch eine Vielfalt historischer Ereignisse und Prozesse in sich differenziert. Aus solcher Vielfalt resultieren Wechselbeziehungen, die man nicht als Trennung, ja als verabsolutierte Gegensätzlichkeit sehen sollte – sondern als Chance auf gelebte Pluralität.

Ich selbst habe nach meinem Amtsantritt als Bayerischer Staatsminister für Unterricht und Kultus im Oktober letzten Jahres damit begonnen, der Landesgeschichte als Ressource der kulturellen, der politischen wie auch ethischen Orientierung verstärkte Aufmerksamkeit wie Zuwendung zukommen zu lassen. Allein die Geschichte des 20. Jahrhunderts in Deutschland und Europa zeigt mit schmerzhafter Deutlichkeit, was Geschichte leisten kann, welches „Material“ sie zur Verfügung stellt, wenn es darum geht, die Optionen des Menschen zu gutem wie zu bösem Handeln zu erkennen. Das sind keine abstrakten Fragen. Man muss nur im Blick auf meine Heimatstadt die Schergen des NS-Regimes auf der einen Seite, den Hitler-Attentäter Georg Elser und die Studentinnen und Studenten der Weißen Rose auf der anderen Seite erwähnen – und wir alle wissen, was gemeint ist.

Ich selbst bin fest davon überzeugt: Landesgeschichte als die Geschichte der eigenen Heimatregion wie des unmittelbaren staatlichen Rahmens unterhalb der Nationalstaatsebene ist eine unverzichtbare Voraussetzung dafür, um sich in einer globalisierten, vielfach unübersichtlich gewordenen Welt zu orientieren und zu behaupten. Die Antwort auf Globalisierung ist nicht Beliebigkeit ohne Bodenhaftung. Es geht dabei zugleich gewiss nicht um die Zwangsjacke einer Identität. Wir haben viele Identitäten – im Blick auf unsere Beheimatung vor Ort und im Land, im Blick auf unsere Nationalgeschichte wie auf unsere kulturelle Überlieferung als Europäer, im Blick auf unsere ganz verschiedenen Glaubensüberzeugungen und im Blick auf vielfache Parteinahmen bis hin zur Präferenz für diesen oder jenen Fußballverein. Insofern ist Identität eine echte Orientierungshilfe für den Menschen und ein Angebot zur wechselseitigen Kommunikation und Bereicherung.

Identität setzt stets auch Geschichte und Geschichten voraus. Insofern ist das Jahr 1809 ein Bezugspunkt, der zum Erzählen über gemeinsame Geschichte förmlich einlädt, über unsere gemeinsame Geschichte – als Tiroler, als Bayern, als Österreicher, als Deutsche, als Mitteleuropäer. Und wir sollten dabei auch daran denken: Wir teilen nicht nur vielfach die Vergangenheit. Wir haben auch eine gemeinsame Aufgabe und Perspektive. Ich meine die Herausforderung, unseren gewachsenen Kulturraum so zu gestalten, dass die Menschen sich auch künftig in ihm beheimatet fühlen. 


[1] Pizzinini (wie Anm. 2), S. 327.

[2] Zit. n. Ernst Engelberg, Carl von Clausewitz in seiner Zeit, in: Achim Engelberg (Hg.), Die Deutschen. Woher wir kommen, Berlin 2009, S. 154.

[3] Vgl. Paul Kennedy, Aufstieg und Fall der großen Mächte. Ökonomischer Wandel und militärischer Konflikt von 1500 bis 2000. Frankfurt a. Main 1989.

[4] Vgl. Ute Planert, Der Mythos vom Befreiungskrieg. Frankreichs Kriege und der deutsche Süden. Alltag – Wahrnehmung – Deutung 1792 bis 1841, Paderborn-München-Wien-Zürich 2007, S. 626 ff.

Letzte Änderung der Seite: 29. 10. 2017 - 01:10