EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Der Tiroler Volksaufstand im Kontext der Konflikte des beginnenden 19. Jahrhunderts

von Staatsminister Dr. Ludwig Spaenle

»Der Bayer hat das Land verheeret,
wie eine Sau die Flur zerstöret.
Franz! leg dem Rüssel Ringe an,
damit er nicht mehr wühlen kann.«[1]

 

 

König Maximilian I Joseph (1756-1825) von Bayern herrschte von 1805 bis 1814 in Tirol.
König Maximilian I Joseph von Bayern (1756-1825)

So lautet eine Strophe aus einem typischen derben Tiroler Spottlied. Lieder wie dieses wurden in den Wirtshäusern zwischen Kufstein und Salurn vielfach gesungen – nach der Etablierung der bayerischen Herrschaft per Besitzergreifungspatent von König Max I. Josef vom 22. Januar 1806. Mit »Franz« ist naturgemäß der in Wien regierende Kaiser Franz gemeint, der Landesherr auch Tirols bis zur österreichischen Niederlage im Krieg gegen das napoleonische Frankreich von 1805.

Die Geschehnisse von vor 200 Jahren, der Konflikt zwischen dem erst wenige Jahre alten bayerischen Königreich und dem Tiroler Volk unter seinem Anführer und Heros Andreas Hofer – sie sind vielfach thematisiert, beschrieben, bedichtet und verfilmt, verkitscht wie analysiert worden. Sie sind auf der einen Seite unbestreitbar in einem welthistorischen Kontext zu sehen.

Der Bayerische Staat und die Tiroler Bauern haben keinen isolierten Konflikt fernab von den Zeitläufen des beginnenden 19. Jahrhunderts ausgetragen. Der Konflikt war Teil der großen, ganz Europa in Beschlag nehmenden Auseinandersetzung zwischen dem napoleonischen Empire auf der einen Seite und den Ländern, Monarchien und Mächten des restlichen Kontinents auf der anderen. Und auch mit dieser Feststellung ist die Dimension des Gesamtprozesses gewiss nicht erschöpfend beschrieben.

Das napoleonische Kaisertum folgt auf die Französische Revolution, die zunächst für den Kontinent, gerade für viele Dichter und Intellektuelle im deutschen Sprachraum, eine große und positive Verheißung zu sein schien – nämlich die Verheißung der Überwindung absolutistisch-monarchischer Willkürherrschaft, der Verbürgung von Menschenrechten und politischer Teilhabe der Individuen. Unter Napoleon schlägt diese Verheißung weitgehend in Expansion, Unterdrückung und Hybris um.

Diese Entwicklung ist kein Einzelfall, sondern eine allgemeine historische Erfahrung. Ich erinnere nur an das Buch des ehemaligen deutschen Kommunisten Wolfgang Leonhard »Die Revolution entlässt ihre Kinder«. Immer wieder sind in der Geschichte Ideale und Utopien Opfer politischen Machtanspruches und politischer Willkür geworden oder haben sich als unrealisierbar erwiesen. Diese Erfahrung bestätigt sich im Zusammenhang von Französischer Revolution auf der einen Seite und napoleonischem Herrschaftsanspruch auf der anderen in beispielhafter Form.

Freilich wird man zugleich anerkennen müssen, dass die Zeit Napoleons auch manch Positives gebracht hat, denken wir nur an den »Code Napoléon«, das große Zivilrechtsbuch. Es hat gerade auch in Deutschland fortschrittlich gewirkt. Hell und Dunkel liegen hier, wie oft in der Geschichte, nahe beieinander. Gerade die Intellektuellen und Dichter der Zeit haben auch schon im Deutschland jener Jahre diese Ambivalenzen bemerkt und ihre Schlüsse daraus gezogen. Ich denke dabei an Goethe, Heinrich von Kleist und an Friedrich Schiller. Dieser hat sich sehr bald von den Entwicklungen in Frankreich abgewandt, denen wir im heutigen Sprachgebrauch totalitäre Züge zuschreiben – etwa den Wohlfahrtsausschüssen und einer denkbar blutigen Justiz.

Unterschiedliche Narrative

Andreas Hofer war Führer des Tiroler Aufstandes im Jahre 1810.
Andreas Hofer (1767-1810)

Wir finden in der Rückschau auf Bayern und Tirol über zwei Jahrhunderte mehrere, wie die Historiker heute sagen, »Narrative«, also bestimmte Linien, ein historisches Geschehen zu übermitteln und zugleich zu deuten. Das eine, traditionelle Narrativ ist das hier schon angedeutete vom Konflikt zwischen den in einem tiefen katholischen Volksglauben wurzelnden Bauern und einer unsensiblen, alles regelnden, modernen Staatsverwaltung. Das zweite Narrativ ist das vom mehr oder weniger nationalen Volksaufstand gegen eine französisch dominierte Fremdherrschaft.

Beide Deutungsmuster sind zu unterschiedlichen Zeiten über die Maßen in Anspruch genommen, ja geradezu vereinseitigt und ideologisch aufgeladen worden – das nationale vor allem in der Zwischenkriegszeit, als Deutschland und Österreich sich durch die Friedensverträge von Versailles und St. Germain tief gedemütigt sahen, nationale Konflikte rückprojizierten und Antagonismen kultivierten. Was 1809 die Franzosen gewesen waren, waren nun unversehens die Italiener, die das Land südlich des Brenners gewonnen und dabei sogar die Heimat Andreas Hofers im engeren Sinne, das Passeiertal, annektiert hatten.

Beide Narrative sind auch nicht ganz falsch. Aber man wird sie deutlich relativieren und zugleich anerkennen müssen: Es gibt ohnehin kein verbindliches Geschichtsbild. Die berühmte Maxime des preußisch-deutschen Historikers Leopold von Ranke – der über längere Zeit ja auch in München gewirkt hat –, es gehe bei der Geschichtswissenschaft schlicht darum, »zu zeigen, wie es eigentlich gewesen ist«, erscheint heute als abstrakte und wahrscheinlich so gar nicht einzulösende Forderung.

Wenn wir beispielhaft beim napoleonischen Zeitalter verbleiben und fragen, um welches Narrativ es hier eigentlich geht, dann finden wir relativ mühelos mindestens drei sehr unterschiedliche Linien der geschichtlichen Wahrnehmung wie der geschichtlichen Deutung. Wir können erstens das Ergebnis eines schließlich gelungenen regionalen und nationalen Befreiungskampfes in Mitteleuropa sehen. Mit der Rückkehr Tirols in den österreichischen Staatsverband 1815, mit den vor allem auf preußischer Seite so emphatisch gefeierten Befreiungskriegen 1813/14 und mit Grenzziehungen, die das Rheinland und die Pfalz wieder an deutsche Staaten, nämlich Preußen und Bayern, übereigneten. Eine zweite, ganz andere Linie der Interpretation sieht die nicht realisierte Erreichung von bürgerlicher Emanzipation oder gar die Gewinnung von republikanischen Verhältnissen. In diesem Zusammenhang wird etwa auf die kurzzeitige Mainzer Jakobinerrepublik unter den Einflüssen der Französischen Revolution verwiesen. Hier setzt eine Deutung an, die sich vor allem auf ein deutsches Defizit an moderner Verfassungsentwicklung und Demokratie bezieht. Auf eben diese Interpretation hat in der Bundesrepublik etwa der Bundespräsident Gustav Heinemann zu Beginn der Siebziger Jahre großen Wert gelegt.

Ein drittes Narrativ legt das Schwergewicht auf die schließlich erreichten, modernen und leistungsfähigen Staatswesen in Süddeutschland wie auf preußischem Boden. Es betont den Kontrast zur Territorienvielfalt des Alten Reiches mit seinen mehr als 400 Reichsständen, die auf die Dauer nicht existenzfähig gewesen seien. Das Königreich Bayern, das Königreich Württemberg, das Großherzogtum Baden seien so die Nutznießer der napoleonischen Flurbereinigung im Süden des früheren Heiligen Römischen Reiches gewesen. Sie hätten damals staatliche Grundlagen errichten können, die auch heute noch tragen und funktionieren. Auch für diese Lesart spricht manches: Das moderne Bayern zwischen Main und Alpen ist vor allem das Produkt gelungener staatlicher Integrationspolitik unter den Wittelsbacher Herrschern des 19. Jahrhunderts nach napoleonischer Ära und Wiener Kongress.


[1] Zit. n. Meinrad Pizzinini, Andreas Hofer – seine Zeit – sein Leben – sein Mythos, Wien – Innsbruck – Bozen 2008, S. 119.

[2]Zit. n. Pizzinini (wie Anm. 2), S. 114.

 

Letzte Änderung der Seite: 29. 10. 2017 - 01:10