EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Am 30. September 1813.

1.

Honiglippe, Rosenmund,
Küsse mich zu jeder Stund'!
Arme weich und wonniglich,
Liebesketten, bindet mich.

Dunkel ist das Felsenthal
Und der Steg ist schwank und schmal;
Doch du leuchtest mir so gern,
Himmelsfunken, Augenstern.

Athem, Rede, Druck und Kuß,
Aller Wonnen Ueberfluß,
Engelseele, Götterleib,
Mein das allerschönste Weib.

Alles, alles das war mein;
Muß nun so verlassen sein!
Sänk' ich blutend in der Schlacht,
Niemand hätte meiner Acht!

Wanke nicht mein guter Muth,
Lust am Leben, leichtes Blut,
Daß der Schmerz mich nicht verzehrt,
Eh' mein Himmel wiederkehrt.

Ach, ich bin so blaß und krank,
Wüßte wol dem Arzte Dank!
Honiglippe, Rosenmund,
Sprich, wann machst du mich gesund?

2.

O könnt' ich zu dir fliegen,
Ein Vögelein, in Eil,
An deine Brust mich schmiegen,
Da träfe mich kein Pfeil.

O gält es nur zu schwimmen
Durch wilde, weite See,
Oder hinan zu klimmen,
Die steilste Felsenhöh!

Das wäre wol ein Leichtes
Um solch ein Himmelsgut.
Allein kein Blick erreicht es,
Kein Wünschen und kein Muth.

Doch muß ich stets mich wenden
Zu deiner Gegend hin,
Und immer Grüße senden
Voll treuem Liebessinn.

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