EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Knospen

Prolog

zu einer dramatischen Behandlung des Konradin von Schwaben.

(Der Vorhang geht auf; man sieht eine freundlich Gegend; es ist Morgen, und alles deutet auf Frühling und Kindheit. Da tritt der Sänger mit der Harfe hervor, präludiert fröhlich und spricht:)

    Es graut der Tag, die Nebel sind zerronnen;
Im Morgenlicht löst sich die Dämmerung.
Des Tages heitre Lust ist neu gewonnen;
Die Wiese glänzt im zarten Frühlingsprunk.
Am frühen Strahl will sich die Blüte sonnen,
Vom Tau erquickt, ein süßer Labetrunk.
Im leichten Spiel des Lebens zart verbunden,
Verträumt Natur der Kindheit frohe Stunden.

    Sie ruht so hold in süßer, heil'ger Stille,
Umsäuselt vom Geheimnisse der Nacht.
Noch schläft die Knospe in der finstern Hülle,
Vom leisen Strahl des Morgens angefacht.
Doch still im Innern schwillt zur höchsten Fülle
Des zarten Blümchens heitre Liebespracht,
Und, sanft getröstet von der Gottheit Segen,
Sieht es dem Tag der Freiheit still entgegen.

    Rein glänzt des Himmels zartgeschmückte Bläue
Und spiegelt sich im klaren Wellenbad,
Und sicher in des Lebens heil'ger Weihe
Ergreift der Geist des Herzens mut'gen Rat.
Er regt sich fessellos in kühner Freie,
Lebt nur im Traume seiner künft'gen Tat;
Doch malt er sich den Schmerz mit stiller Freude
Und Nacht und Tod im heitern Frühlingskleide.

    Die Gottheit läßt den kühnen Mut gewähren,
Stoßt ihn hinaus in die entflammte Zeit.
Er hofft, der Glaube soll die Tat verklären,
Fühlt sich zum Ungeheuersten bereit.
Mit starrem Sinn will er die Welt bekehren;
Er träumt vom Siegen nur, von Kampf und Streit.
Die schwache Faust will kühn das Schwert entblößen
Und schnell das Rätsel seines Daseins lösen.

    Und keine Schranke will er anerkennen,
Die nicht der stolze Knabensinn begreift.
Die ferne Bahn des Glücks will er durchrennen,
Als wär' die Kraft ihm tausendmal gehäuft.
Er will das Maß der Zeit vom Raume trennen;
Doch seine Blüten sind noch nicht gereift,
Und rückwärts schleudert ihn das ew'ge Walten;
Die eh'rne Zeit muß ihr Gesetz erhalten.

    Dem kühnen Mute fällt sie in die Zügel,
Wie er sich furchtbar auch entgegenbäumt,
Schiebt vor das Tor der Bahn gewalt'ge Riegel,
Die er vergeblich zu zerbrechen träumt,
Und knirschend fühlt er da des Staubes Siegel
Auf seiner Stirn, wie sehr das Herz auch schäumt.
Kühn wagt er da, das letzte zu ergreifen;
Doch nur im Sommer kann die Blüte reifen.

    Zur künft'gen Kraft darf Jugend sich gestalten,
Der Lenz verwandeln in des Sommers Pracht,
Der Morgen seine Rosenglut entfalten
Und zart sich ringen aus der düstern Nacht.
Doch das Gesetz, das ew'ge, muß er halten;
Er bilde nichts aus einer fremden Macht!
Einfach ist der Natur uralte Weise,
Und ernst schließt sich die Welt zum ew'gen Kreise.

Letzte Änderung der Seite: 27. 03. 2017 - 22:03