EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Knospen

Amphiaraos.

    Vor Thebens siebenfach gähnenden Toren
Lag im furchtbaren Brüderstreit
Das Heer der Fürsten zum Schlagen bereit,
Im heiligen Eide zum Morde verschworen,
Und mit des Panzers blendendem Licht
Gerüstet, als gält' es, die Welt zu bekriegen,
Träumen sie jauchzend von Kämpfen und Siegen,
Nur Amphiaraos, der Herrliche, nicht.

    Denn er liest in dem ewigen Kreise der Sterne,
Wen die kommenden Stunden feindlich bedrohn.
Des Sonnenlenkers gewaltiger Sohn
Sieht klar in der Zukunft nebelnder Ferne.
Er kennt des Schicksals verderblichen Bund;
Er weiß, wie die Würfel, die eisernen, fallen;
Er sieht die Moira mit blutigen Krallen;
Doch die Helden verschmähen den heiligen Mund.

    Er sah des Mordes gewaltsame Taten;
Er wußte, was ihm die Parze spann.
So ging er zum Kampf, ein verlorner Mann,
Von dem eignen Weibe schmählich verraten.
Er war sich der himmlischen Flamme bewußt,
Die heiß die kräftige Seele durchglühte;
Der Stolze nannte sich Apolloide;
Es schlug ihm ein göttliches Herz in der Brust.

    »Wie? – ich, zu dem die Götter geredet,
Den der Weisheit heilige Düfte umwehn,
Ich soll in gemeiner Schlacht vergehn,
Von Periklymenos' Hand getötet?
Verderben will ich durch eigne Macht,
Und staunend vernehm' es die kommende Stunde
Aus künftiger Sänger geheiligtem Munde
Wie ich kühn mich gestürzt in die ewige Nacht!«

    Und als der blutige Kampf begonnen,
Und die Ebne vom Mordgeschrei widerhallt,
So ruft er verzweifelnd: »Es naht mit Gewalt,
Was mir die untrügliche Parze gesponnen.
Doch wogt in der Brust mir ein göttliches Blut,
Drum will ich auch wert des Erzeugers verderben.«
Und wandte die Rosse auf Leben und Sterben
Und jagt zu des Stromes hochbrausender Flut.

    Wild schnauben die Hengste, laut rasselt der Wagen;
Das Stampfen der Hufe zermalmet die Bahn.
Und schneller und schneller noch rast es heran,
Als gält' es die flüchtige Zeit zu erjagen.
Wie wenn er die Leuchte des Himmels geraubt,
Kommt er in Wirbeln der Windsbraut geflogen;
Erschrocken heben die Götter der Wogen
Aus schäumenden Fluten das schilfichte Haupt.

    Doch plötzlich, als wenn der Himmel erglühte,
Stürzt ein Blitz aus der heiteren Luft,
Und die Erde zerreißt sich zur furchtbaren Kluft.
Da rief laut jauchzend der Apolloide:
»Dank dir, Gewaltiger! Fest steht mir der Bund.
Dein Blitz ist mir der Unsterblichkeit Siegel.
Ich folge dir, Zeus!« – und er faßte die Zügel
Und jagte die Rosse hinab in den Schlund.

Letzte Änderung der Seite: 27. 03. 2017 - 22:03