EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

An die Frau von Reichmann

Kommendantin zu Magdeburg. 1762.

Der Winter hauchet Frost an diese dünne Wand;
Ich aber troz ihm in dem Bette.
Hier sitz ich, und hier schreibt die kaltgewordne Hand
An Dich, und wenn der Nord durch meine Fenster redte
Gewaltiger als sonst, wenn dieser Finger krumm
Von Frost geworden wär, so würd ich doch nicht stumm,
Ich sänge Dir ein Lied, Dir! der ich alle Tage
Des Herzens ersten Gruß in einem Liede sage.
Viel Kälte stand ich aus, als Armuth mich gejagt
Früh Morgens aus dem Bett, sobald es nur getagt,
Wie ängstlich lief ich da nach Holze,
Bei mir vorüber ging das stolze
Und reiche Bürger-Volk, nicht vornehm, aber doch
Sehr aufgebläht durch kluges Wissen
Des Geldbesitzens, das sie noch
Vielleicht, wie Rauch, verlieren müssen.
Du hättest laut geweint, von Mitleid hingerissen,
Wenn ich bei Dir vorbeigegangen wär!
Der arme Körper war inwendig kalt und leer,
Von außen war er schlecht behangen;
Ein Bündel Holz trug unter jedem Arm,
Das Weib, nach welcher izt so warm,
So eifrig Alt und Jung verlangen.
Ich schleppte mühsam mich und brach das Reisicht klein,
Saß vor dem Ofen hin, und heitzte zitternd ein,
Die Kinder vor dem Frost zu schützen;
O Dein Gedanke sieht mich bei dem Ofen sitzen,
Ein Topf mit Wasser steht bei trockner Fichtengluth;
Er kocht, ich heb ihn ab, um Mehl darin zu schütten,
Die Suppe, schlecht und ohne Schmalz, war gut.
Izt dürfte keiner mich darauf zu Gaste bitten.
Seit dem berühmten Sieg bei Leuthen tadle ich,
Den Kaffee, wenn er nicht so kräftig ist, daß mich
Sein wärmend Öhl beschützt vor einen bösen Husten,
Den alle Suppen mir nicht zu vertreiben wusten;
Jezt eben komm ich, Frau, und wenn ich Dich geküßt,
So frägt mein erster Blick: ob Kaffee fertig ist!

Letzte Änderung der Seite: 27. 03. 2017 - 22:03