EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Der Ganter an die Einwohner Freyburgs

von Johann Georg Jacobi am 01.01.1814.

Ganter war der Name des hießigen Ausrufers

Wenn unser wohlbestallter Wächter
Von seinem Thurm dieser guten Stadt
Zum neuen Jahr gesunge hat,
So dünkt ein ander sich nicht schlechter,
Der auch im Amt und Pflichten steht,
und oft, von rauhen Winden umweht,
Mit seiner Stimm‘ in allen Gassen
Sich früh und spät muß hören lassen.
Daß einige Klaster höher, als ich,
Der Wächter haust, was kümmerts mich?
Er schaut aus einem Fensterlein
Herab, und ich hinauf: da sehen
Wir beyd‘ einander eben klein;
Denn, wer auf Thürmen sich groß will zeigen,
Muß größer, als unser einer, seyn.
Mag mich deswegen nicht versteigen;
Verrichte mein Aemtchen, so gut ich kann,
Und denke, daß für jedermann
Es sicher ist, auf der Erde zu bleiben,
Als in der Luft sein Wesen zu treiben.
Was hilft so machen sein kühner Flug?
Er ist, mit Menschen zu verkehren,
Zu hoch, und doch nicht hoch genug,
Die Engel im Himmel singen zu hören,
Der Thürmer dort, im Nebel versteckt,
Wird nur von Dohlen und Raben geweckt.
Indeß thut jeder, was ihm gefällt,
Und jedem gönn‘ ich seine Launen;
Der eine läßt vor sich her posaunen,
Der andree pfeifft sich durch die Welt
Und lebt mit seinem Lose zufrieden;
Ists einem dritten, wie mir, bescheiden,
Sich durchzutrommeln, so kürzt er den Tag
Und bannt die Stillen mit wechselnde, Schlag.
Vergnügt mit sich, von Mißgunst frey,
Wünscht er, daß dalles glücklich sey.

Drum wünsch ich allen, allen hier
     Von jedem Stand‘ und Orden,
In meiner Einfalt das, was mir
     Von Glück zu Theil geworden.

Nicht zwar mein abgetragenes Kleid,
    Nicht meine Trommel eben;
Allein, in dieser harten Zeit,
     Mein Kummerloses Leben.

Die meisten wollen hoch hinan,
     Und was die Schwindler denken,
Das reimen die Poeten dann
    Uns zu Neuhahsgeschenken;

Doch ist und bleibt zufriedner Sinn
     Die köstlichste der Gaben;
Der läßt bey dürftigem Gewinn
     Uns keinen Mangel haben;

Der lebt mit klugem Vorbedacht
     Die Reichsherren genießen,
Die leider oft, vor lauter Pracht,
Ihr Haus verganten[1] müssen;

Giebt Trost dem Bürger, der sich härmt,
    Wenn die bethränte Steuer
Er dargebracht, und stumm sich wärmt
    An seinem kleinen Feuer.

Daneben wünsch‘ ich , daß man sich
    Ermann‘ in unsern Tagen,
Der Wahrheit treu, sie öffentlich,
    So laut als ich zu sagen;

Das überall in jeder Brust
    Der Bürgergeistrr erwache,
Und man, zu seiner eigenen Lust,
     Dem andern Freude mache.

Mit eigenen Jubel seh‘ ich so
    Der Knaben muntern Haufen,
Wenn auf den Schall der trommel, froh
    Sie mir entgegen laufen.

Und o wie treibt die Freude mich
    Dann fort in raschen Sprüngen,
Kann ein verlornes Hündchen ich
    Den Kindern wiederbringen!

Wünsch‘ aber auch, wie sichs gebührt,
    Das jeder wiederfinde,
Was er getreues sonst verliert,
    Und was ich nicht verkünde!

Und zum Beschlusse seys gesagt! —
    Daß man im neuen Jahre,
Was man nicht auszutrommeln wagt,
    Sorgfältig bewahre!


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Letzte Änderung der Seite: 23. 05. 2017 - 13:05