EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

An eine Tirolerin

Wort, das sich selber widerspricht,
     Du bist doch wahr und nicht ersonnen:
Ein ächter Schweizer wär´ ich nicht,
     Hätt' ich Tirol nicht lieb gewonnen!

Frei über beide Länder schwebt
     Des Adlers rauschende Gefieder!
Wer hemmt den Geist, der sich erhebt
     Zum kühnsten Flug in Klang der Lieder!

Wohl gibt es nur ein Vaterland;
     Im Schmerz hab' ich das Haus gemieden,
Wo meine stille Wiege stand,
     Wo mich umblüht der Jugend Frieden.

Doch jene Bande der Natur,
     Wie zart und innig sie geworden,
Sie sind ein Theil des Lebens nur,
     Das wir der Menschheit angeloben.

ich stand am Elterngrab allein!
     Welk sah ich meine Hoffnung Kränze,
Als überflogen ich den Rhein,
     Der Länder - nicht der Liebe Gränze!

Der Kummer meines Herzens schwieg,
     Als ich, im Ohr verwandte Laute,
Den Adlerberg herunterstieg;
     Mir war´s als fänd' ich rings Vertraute!

Da grüßte mich zum ersten Mal
     Der muntre Wildbach, die Rosanna,
Der jauchzend springt ins schöne Thal,
     Das deine Heimath ist, Johanna!

Treu schlug mein Herz und ungetheilt
     Für´s Schöne jede Lebensstunde!
Tirol hat liebevoll geheilt
     Des Schweizerheimweh's tiefste Wunde!

Vertraut grüßt mich das Gletschereis,
     Das hell von deinen Bergen glänzet,
Der Unschuld Bild, das Edelweiß,
     Das zart der Felsen Stirn bedränget.

Wie mich entzückt des Liedes Macht
     Von des Berg-Isels jungen Tannen,
Wo einst dein Volk im Zorn der Schlacht
     Das Joch zertrümmert des Tyrannen,

So hab' ich dir mit Lust gepflückt
     Der Primeln Gold und die Brunelle,
Mit denen gläubig du geschmückt
     Das Christusbild der Waldkapelle!

Es ist kein trügliches Idol,
     Um das ich, fern dem Vaterlande,
An dieses herrliche Tirol
     Gekettet bin durch laufend Bande!

Doch fühl' ich's tief, an keinem Ort
     Hat so mein Herz sich festgebunden,
Wie an der theuren Stelle dort,
     Wo dich zuerst mein Blick gefunden!

Den Herzen, die versenkt in Nacht,
     Möcht ich vom Quell des Lichtes reden
Und von der Liebe Himmelsmacht,
     Die aus der Scholle schafft ein Eden!

So hat des Engels reine Hand
     Der Liebe Himmel uns erschlossen,
Er fragt nicht, ob demselben Land,
     Demselben Boden wir entsprossen;

Mit Rosenblättern sind verweht
     Die Grenzen die der Wahn ersonnen,
Und wenn die Welt uns ganz versteht,
     Hat ihre goldne Zeit begonnen!

Letzte Änderung der Seite: 27. 03. 2017 - 22:03