EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Über Karl Philipp Moritz

von Henriette Herz

Moritz war ein genauer Freund unseres Hauses. So lange er nunmehr [1838] auch schon tot ist, so habe ich ihn doch aufs lebendigste in der Erinnerung. Er war in der Tat ein genialer, aber ein kränklicher und hypochondrischer Mensch. Man hat dies bei seiner Beurteilung nicht genug in Anschlag gebracht. Unwahr gegen sich selbst, wie man ihn oft hat schildern wollen, habe ich ihn nie gefunden. Es war ihm mit allen Empfindungen, die er aussprach oder die seine Handlungen bestimmten, im entsprechenden Augenblicke Ernst, aber er war unstet, und daher mußte öfter sein Handeln ohne Konsequenz erscheinen. Sein Gemüt war von einer liebenswürdigen Kindlichkeit; da er jedoch gewohnt war, sich gehen zu lassen, so konnte es nicht fehlen, daß er bisweilen kindisch erschien. Die Gesellschaft stimmte ihn in der Regel zu schweigendem Ernste, regte ihn jedoch irgend etwas zur Munterkeit an, so lachte er, wie ich noch kaum einen Menschen lachen gehört habe. Selbst Unbedeutendes, aber ihm Neues, ja irgendein Gerät, ein Möbel, konnte ihn zu lauten Ausbrüchen des Erstaunens und der Freude hinreißen. "Ja, das lobe ich mir! - Ja, wer so etwas auch haben könnte!" habe ich ihn bei solchen Gelegenheiten einmal über das andere ausrufen hören.

Den Eindruck, welchen einer unserer jungen feinen, wohlgeputzten, sprachgewandten und sprechseligen Gelehrten, das Entzücken der geistreichen Damen unserer Teezirkel, uns gibt, machte der lange Moritz mit seiner hektischen Gestalt auf diese Weise freilich nicht. Aber war er einmal durch irgendeinen Gegenstand angeregt genug, um sich zur Äußerung über ihn gedrängt zu fühlen, so war die Lebendigkeit, mit welcher er es dann tat, von um so größerem und dauerndem Eindruck. Nie werde ich in dieser Beziehung seine Schilderung der Peak-Höhle in Derbyshire vergessen, die er uns sogleich nach seiner Rückkunft von seiner von einem Spaziergange aus angetretenen Reise nach England mündlich machte, später aber in seiner Reisebroschüre auch dem Publikum gab. - Auch las er ganz vortrefflich. In unserer damaligen Lesegesellschaft wurde fast jährlich einmal Lessings Nathan mit verteilten Rollen gelesen. Moritz las den Tempelherrn, und ich habe diese Rolle nie wieder so vortragen hören.

Als Herz die bekannt gewordene Kur mit ihm vornahm, war ich schon verheiratet. Eine lediglich eingebildete Krankheit war Moritzens Übel nicht. Er war in der Tat krank, jedoch nicht gefährlich. Aber der Wahn, ein er ein Opfer des Todes sei, hatte ihm ein Fieber zugezogen, welches ihn aufzureiben drohte. Lebhaft erinnere ich mich noch der Besorgnis, welche Herz, der ihn sehr liebte, um ihn hegte. "Gott", rief er an jedem Abende, "wenn ich doch dem Moritz helfen könnte!" - Eines Morgens jedoch, als er sich zur Umfahrt bei seinen Patienten bereitete, eröffnete er mir, er habe in der Nacht ein Mittel ersonnen, welches, wenn überhaupt Hilfe möglich sei, Moritz retten werde. Ich glaubte, es handle sich um eine Arznei; und da ich mit meinem Manne auf dem Fuße stand, über seine Berufsangelegenheiten mit ihm sprechen zu können, so bat ich ihn, mir das Mittel zu nennen. - "Lass es gut sein", antwortete er mir. "Ich werde es dir mitteilen, sobald ich eine Wirkung davon wahrnehme."

Er fuhr nun zu Moritz, dessen Fieber er noch gesteigert fand. Der Arme warf sich im Bette hin und her und rief wie gewöhnlich dem Arzte entgegen: "Aber muss ich denn sterben? - eben ich? - Ist denn keine Hilfe möglich?" - "Keine!" antwortete Herz. "Länger will ich es Ihnen nicht verhehlen. Aber es ziemt sich für einen Mann, und gar für einen Weisen, dem Unvermeidlichen mit Ruhe, ja mit Heiterkeit entgegenzutreten." - Und nun sprach er trefflich, wie er sprechen konnte, weiter mit ihm, immer aber den Tod des Patienten dabei als gewiss hinstellend. Gründe der Religion konnte er ihm dabei freilich nicht anführen, denn gab es je einen Freigeist, so war es Moritz, und nie wurde er heftiger, als wenn es galt, gegen eine geoffenbarte Religion zu Felde zu ziehen.

Als Herz am nächsten Morgen seinen Kranken besuchte, fand er ihn zum ersten Male ruhig im Bette liegend, und dieses selbst mit Blumen geschmückt. - "Nun, wie geht es Ihnen?" fragte Herz. - "Sie sehen es!" antwortete Moritz. "Ich gehe mit Fassung, ja mit Seelenruhe meiner Auflösung entgegen. Der Tod soll in mir keinen Feigling finden." - "Brav!" erwiderte Herz. "So habe ich Sie zu finden erwartet. Dies Bild will ich mir nach Ihrem Abscheiden von Ihnen bewahren!" - Er fühlte dem Kranken den Puls. Das Fieber hatte bedeutend nachgelassen. Nach drei Tagen, welche Moritz mit der Gemütsruhe eines sterbenden Weisen zugebracht hatte, war es gänzlich verschwunden, und nicht lange darauf der Kranke völlig hergestellt.

Goethe interessierte sich stets aufs lebendigste für Moritz, und in jener früheren Epoche seines Lebens tat er dies selten für andere als für sehr bedeutende Menschen. Beide waren in Rom viel miteinander, und nach jenem auch durch Goethe bekannt gewordenen tragisch-komischen Ereignisse, dem Ritte zu Esel nämlich, welchen sie miteinander machten und bei welchem Moritz in einen Laden hineinritt, vom Esel fiel und ein Bein brach, pflegte Goethe ihn aufs freundschaftlichste. In Rom und seiner Nähe war zur Zeit meiner Anwesenheit daselbst, also dreißig Jahr nachher, das Andenken an Goethe und Moritz noch nicht erstorben. Man nannte sie oft gemeinsam, und namentlich erinnere ich mich, das der Wirt in der "Sibilla" in Tivoli mir noch mancherlei von ihnen zu erzählen wusste.

Mir ist der Tag noch in lebendiger Erinnerung, an welchem Moritz mir seine Braut, eine geborene Matzdorff, in meiner Wohnung vorstellte. Kaum hatte er es getan, so winkte er mir, mit ihm in das anstoßende Kabinett zu treten, und fragte mich dort ganz ernst und trocken: "Nicht wahr, ich habe da", hier wie er mit dem Zeigefinger auf das Zimmer, in welchem sich seine Braut befand, "einen sehr dummen Streich gemacht?" Ungeachtet schon diese Frage bewies, daß er einen gemacht hatte, denn wie konnte ein unter solcher Voraussetzung geschlossenes Ehebündnis zu seinem Heile ausschlagen, und trotz meines lebendigen Interesses für den Fragenden war ich im Begriff zu lachen, so komisch wurde die Frage durch Art, Zeit und Ort. Später ging denn auch die Frau mit einem gewissen Sydow oder Zülow - ich erinnere mich des Namens nicht mehr genau -, der ein Buch über die Art, sich in Gesellschaft zu benehmen, geschrieben hatte und, wie es schien, seine Theorie in der Gesellschaft der Frau Moritz mit gutem Erfolge angewendet hatte, auf und davon. Moritz eilte den Flüchtigen nach und kam ihnen endlich auf die Spur. In einem Dorfe oder Städtchen angekommen, erfährt er auf Nachfrage im Gasthofe, das der Herr, welchen er bezeichnet, sich im Hause befinde, und deutet ihm an, das er bei Moritzens Ankunft sich unter einem umgestülpten Fasse versteckt habe. Moritz tritt an das Fass, steckt die Mündung eines Pistols in das Spundloch und ruft: "Meine Frau mir herausgegeben, oder ich schieße!" Der geängstigte Entführer gibt das Versteck der Frau an, denn er weiß nicht, das das Pistol nicht geladen ist. Moritz führt seine Frau zum zweiten Mal heim, und so unglaublich es scheinen mag, die Eheleute lebten nachher ganz erträglich miteinander, ja die Frau pflegte den Mann in seiner letzten Krankheit, einem Lungenödem, so treu, daß sie von ihr angesteckt wurde und gleichfalls an derselben starb!

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