EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Eulogius Schneider's ehemaligen Professors in Bonn etc. Schicksale in Frankreich.

von Christoph Friedrich Cotta

37.

Nun »der heilige Decadi« selbst.

»Der Tag ist da, nach welchem alle Guten sich sehnten, vor welchem alle Bösen (warum denn?) und alle Einfältigen zitterten. Nie war ein Tag größer, heiliger. Die einzige Religion, welche vernünftigen Wesen gebürt, die Religion der Natur, ist von einem neugeboren Volke, durch die Kraft seiner Souveränität, feierlich anerkannt worden. Die Revolution hat sich in ihrer ganzen Erhabenheit gezeigt, und über alles, was lebt, und was leben wird, die Segensworte ausgesprochen: Seyd vernünftig, so seyd ihr glücklich! Die Wahrheit allein ist heilig, Pfaffengauckeleien sind verbannt aus der Frankenrepublik. Als der Thron ungestürzt war, fielen uns die Sklavenketten von den Händen (???) als die Götzen vernichtet waren, vielen uns die Sklavenketten von der Seele. Die schwarze Horde würde uns sicher wieder an das Joch des Despotismus geschmiedet haben; weg mit ihr! die Freiheit hat jetzt das ganze Gebiet der Seele erobert.

Wenn einst ein deutscher Reisender nach Strasburg kommt, und fragt: Wo ist das Münster?[1] so wird Jedermann (Hm!) lächelnd sagen: Wir kennen kein Münster, kein Thomasstift, kennen nichts, als den Tempel der Vernunft und die Volksgesellschaft. – Wenn er fragt: Wo wohnt der Herr Bischof, wo der Herr Pfarrer, so wird es heißen: Die Thiere kennen wir nicht! Habt ihr aber Lust, unsre Volkslehrer zu sehen, so kommt, wir wollen euch ein Dutzend brave Sansculottes zeigen – (Rifum teneatis) – Und ich wette, wenn der Reisende Christus wäre, oder Martin Luther, er würde Freudenthränen weinen, und ausrufen: So habe ichs gewünscht; so muß es seyn! - -

Vorgestern, Dekadi den 30. Brumaire, ward der Tempel der Vernunft feierlich eingeweiht. Ein unübersehbarer Zug von Brüdern gieng unter dem Donnern der Glocken in das ehemalige Münster, von allen Seiten erscholl Freudengeschrei, und ganz Strasburg lebte wieder von neuer Kraft und Größe. Es war der Thriumph unsrer Menschenwürde! es war die unbeschreiblich erhabene Feier einer neuen Schöpfung. Kinder und Greise freuten sich, denn die Kraft der gesunden Vernunft regte sich in ihrer Brust; sie sprachen zum erstenmal: Zweimal zwei macht vier, und nicht zwanzig; wer das erste sagt, ist unser Mann, wer das zweite träumt oder vorgauckelt, den wollen wir belehren oder – ersticken. (So!)

Aus dem Tempel der Vernunft waren alle Spiegelfechtereien verschwunden, die noch einige Tage vorher das ehrwürdige Gebäude entheiligt hatten. An der Stelle, wo sonst ganze Schwärme von Pfaffen umsinnig brüllten, stand jetzt ein Gemälde, (ja wohl, ein schönes feines Gemälde, ganz ähnlich dem Geiste seiner ersten Entwerfer) worauf die Freiheit mit markvollem Arm die ganze Horde des Aberglaubens und des Schurkenwesens zermalmte, damit die liebe gute Mutter Natur ihre Rechte wieder gewönne, und ihre Wohltaten ausschütten könne. Der sogenannte heilige Geist über der Rednerbühne war verschwunden, weil er lange genug den gröbsten Unsinn, wahre Gotteslästerungen eingehaucht hatte. Der große majestätische Tempel war voll freier Bürger, die mit Dank- und Freundenthränen alles Gute und Wahre in ihre Herzen aufnahmen, was aus dem vollen Herzen der Redner herströmte.

Eine bald samftschmelzende, bal Himmelanhebende Musik stimmte die Zuhörer für Wahrheit und Vernunft, sie bewies, daß der Republikaner fein und stark empfinden darf, ohne deswegen seinem Verstand, seiner Menschenwürde zu entsagen. Doc muß ich gestehen, daß ich nie eine angenehmere Musik hörte, als die Stimme ehemaliger katholischer Geistlicher, welche im Tempel der Vernunft dem Pfaffenwesen abschworen, und sich freuten, Menschen zu werden. Diese Scene ward mehrmal erneuert, und mit dem Absingen republikanischer Lieder gewürzt. Allein die lutherischen Stadtpfaffen zeigten sich ganz anders; die großen Thiere kamen gar nicht, und die kleinen sprachen solchen Unsinn, daß die Zuhörer sie von der Tribune jagten. Wenn Luther das gesehen hätte, großer Gott, wie würde er sich geschämt, wie würde er gedonnert haben!

Abends war Volksgesellschaft, wo Männer von Talenten und Kenntnissen das Volk in der neuen Ordnung der Dinge unterrichteten. Die Ideen drängten sich, es ward hell um uns her, und das Volk erkannte die Religion der Natur in ihrer ganzen Würde, und das Pfaffensystem in seiner ganzen Häßlichkeit. – Diese schöne Scene ward erhöht durch das ehrenvolle Geständnis einiger protestantischen Geistlichen, NB. Nicht lutherischen Froschpriester, wie herzlich sie die Religion der Vernunft lieben, und wie unerbittlich sie das Unwesen der Pfaffen verabscheuen, heiße es Katholizismus, Talmund oder Lutherthum.

Brendel, Bischoff, gab seine papiernen Narrenspossen zum Verbrennen auch her, aber die Narrenspossen in seinem Kopfe wird man vielleicht nur durch eine veränderte Luft vertreiben können.

Gegen die Nacht ward die Stadt erleuchtet, auch die – Guillotine auf dem Paradeplatze war illuminirt, und man tanzte um sie her die Carmagnole. Wie mancher mag da geseufzt haben: O liebe Guillotine, wie thust du so wohl, hast den vernünftig gemacht, der ohne dich zeitlebens ein Thor geblieben wäre.

Erklärung des Bürgers Philipp Jakob Engel, vormaligen Religionslehrer an der Thomaskirche in Strasburg

Mitbürger! Indem ich allen kirchlichen Verrichtungen entsage, die ich bisher ausgeübt habe, komme ich, euch meine Gesinnungen zu erklären über die philosophischen Grundsätze, welche das Fundament der Republik seyn sollen.

Ich erkenne das Priesterthum, welches unter den Christen Statt gehabt, für einen großen Mißbrauch; ich beweine die großen Uebel, die dadurch über das Menschengeschlecht gekommen sind, und die nachtheiligen Folgen, die dasselbe selbst für die Moralität und Religion gehabt hat. ich verabscheue den Hochmuth, den Geiz, die Betrügereien und den Despotismus, den die Priester ausgeübt haben. Was mich betrifft, so habe ich niemals den Titel eines Priesters angenommen; ich habe mich als den Freund meiner Brüder angesehen; als einen Lehrer moralischer Vorschriften, welche auf die Natur des Menschen und auf die ewigen Wahrheiten der Vernunft und der Religion gegründet sind; ich habe kein Priesterdiplom auf dem Altar des Vaterlands zu opfern, weil ich nie eines empfangen hatte, ich habe keinen Religions- oder Sektenhaß abzulegen, weil ich allzeit Abscheu dafür getragen, und meine Religion vornehmlich in der allgemeinen Menschenliebe besteht. Im gegentheil, wenn alle diejenigen, welche den einzigen wahren Gott anbeten, sich als Brüder und Schwestern in dem nämlichen Tempel vereinigen wollten, um die Gottesverehrung blos nach der natürlichen Religion, mit Absonderung aller Lehrsätze, einer Offenbarung, auszuüben – welches ich schon vor der französischen Revolution, seit vielen Jahren, gewünscht hatte – würde ich mich gerne verbinden, um die Moral und die Wahrheiten der natürlichen Religion zu lehren, weil diese Gottesverehrung die menschen, die Bürger vereinigen, und sie als zu einer Familie versammeln, weil die Sitten und der Gehorsam gegen das Gesetz dabei gewinnen würden. – So viel an mir ist, werde ich allzeit daran arbeiten, das Reich der Vernunft auszubreiten, und auf den unerschütterlichen Grundsätzen des preiswürdigen Reiches der Freiheit, Gleichheit und der Bruderliebe zu befestigen. – Ja, gebührende Ehre sey dem, was Natur, was Wahrheit ist, dem gesunden Menschenverstande, den guten Sitten, den moralischen und gesellschaftlichen Tugenden, und allem, was da dienet, dieselbe zu bilden. Es lebe die Republik!

Erklärung des Bürgers Johann Georg Stuber‘s:

Hier ist das Geständnis eines alten Mannes, der sein Leben damit zubrachte, Wahrheit zu suchen, und für sie zu kämpfen. Er wagts‘, sich dem erhabenen Namen eines Philosophen zu geben. Die Hindernisse, welceh Fanatismus und Aberglauben mir immer in den Weg legten, wenn ich meinen Mitbürgern eine gesunde, reine philosophische Moral lehren wollte, sind verschwunden. Ich segne den Tag, wo die Sonne der Wahrheit sich über Frankreich erhob.

Ja Bürger, ich schwöre, ich schwöre noch Haß, ewigen Haß dem Fanatismus, und dem Betruge vorzüglich, wenn er von Priestern herrührt. Die Freiheit, welche den Fanatismus, ihren grausamsten Feind, zerschmettert, wird die Grundfesten der Republik von Tage zu Tage fester gründen. Ewig lebe, ewig triumphire sie. Strasburg, den 2ten Frimaire, im 2ten Jahr der einigen unzertheilbaren Republik.

 

Johann Georg Stuber

Man muß nicht denken, daß die einzigen waren, welche der Zeitumstände zufolge, der öffentlichen Meinung beizutreten für gut befanden. Monet ließ von dergleichen Aeusserungen und Bekenntnissen, welche die Geistlichen in den Bureau’s niederlegten, eine ganze kleine Sammlung drucken, aus der boshaften Ursache: durch dergleichen Bekenntnisse die ehemaligen Geistlichen Jedermann eben so verhaßt zu machen, als sie ihm und seines Gleichen längst waren. Er selbst gab sich die Mühe, überall das Volk mit Gewalt darauf hin zu weisen, daß sie sehen sollten, wie nun durch die Bekenntnisse der Geistlichen sich hinlänglich entwerfe, daß sie immerhin Volksbetrüger gewesen wären, die nie Glauben und Achtung verdienten etc.

Ich könnte noch mehrere solche Erklärungsakte anführen, z.B. besonders welchen der vormals gewesene Karmelitermönch, Johann Scherer, öffentlich bekannt gemacht, und welcher mehr als alle übrigen Aufsehen erregt hatte. Allein ich glaube, den Leser werden die eben angeführten schon zum Ueberflusse davon zu überzeugen im Stande seyn, wie groß die Macht der Jakobiner, und so hin der rasenden Leichtfertigkeit zu jener Zeit gewesen seyn müsse. Furcht und Gewalt brachte alles zu Wege, und so gehorsam sich auch die Klasse der Geitlichen dermalen gegen ihre Herrscher zeigte, so konnte sie ihnen es denn doch in gar nichts zu Danke machen. Die Meisten wurden, ihrer noch so aufrichtigen Bekenntnisse und Absagsätze ohngeachtet, bald nachher in die Gefängnisse geworfen und als Verdächtige behandelt.


[1] Ja wohl, wo ist das Münster, welcher Unhold hat es so sehr verunstaltet, wird mancher Deutscher einst fragen, wenn er das Münster zu Strasburg sieht. Er wird es nichts weniger als lachenswerth finden, wenn man ihm sagt, zur Zeit, als ausgesandte Bösewichte von Paris in Strasburg ihr Wesen trieben, und dieses Gebäude zum Tempel für die von ihnen gemachte Vernunft umformen wollten, damals wurde dieses alte ehrwürdige Denkmal sehr vandalirt.

Dr. Herausg.

Letzte Änderung der Seite: 30. 07. 2017 - 15:07