EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Eulogius Schneider's ehemaligen Professors in Bonn etc. Schicksale in Frankreich. (Kopie 1)

von Christoph Friedrich Cotta

25.

Lange hatte man von einer Revolutionsarmee gesprochen, ohne sich von ihr, wie von der revolutionären Regierung selbst, einen Begriff machen zu können. So viel wußte man, daß diese armee zum Schrecken der Aristokraten seyn, und sie, wo es nöthig seyn möchte, züchtigen sollte; allein eine solche Revolutionsarmee, wie jetzt im November 1793 eine im Elsaß entstand, hatte man nie vermuthet. Sie war, wie die zu Straßburg errichtete Revolutionskommission selbst, das Werk der Repräsentanten: Saint-Just, Lebas - seines wackern Kupans - Lacoste, Malarme, Suiardin und andrer Herren mehr, die damals zu Strasburg sich befanden.[1]

Während, daß man sich mit diesen Dingen abgab, von denen gleichsam das Glück des ganzen Landes abzuhängen schien; während der Feind vor den Thoren stand, suchte man das ohnehin gedrückte Volk noch mehr zu quälen, und gleichsam den Feinde von aussen in die Hände zuarbeiten. Noch war den Herren der Zustand des Volkes, so betrübt er auch war, zu leidlich; sie ergriffen also das äusserste, um vollends alles recht zu verwirren und zu verderben. Die Volksbeamten zu Strasburg waren gleich nach dem Uebergange der Linien von Weissenburg abgesetzt, und patriotische an ihre Stellen vorgeschlagen, und auch angenommen worden. Allein sie hatten ihre Plätze kaum vierzehn Tage inne, als durch die Erzintriganten Monet und Teterel diese sämmtlichen Beamten, einige Wenige ausgenommen, auf einmal aufgehoben, und am Morgen darauf nach Chalons an der Marne, und nach Besancon gebracht und eingekerkert wurden, weil sie mit dem Feinde in Briefwechsel gestanden, und schon drei Millionen von ihm erhalten hätten, Strasburg ihm dafür in die Hände zu liefern. Bekanntlich war das ganze Ding eine Lüge, und der Brief das Werk des besagten Monet, dem die Meisten unter diesen Männern nicht anstunden, und in seine Plane zu arbeiten, nicht leicht sich würden haben entschliessen können. Saint-Just und Lebas hatten mit Monet den Handel verabredet, und er mußte den Brief fabriciren; die unglücklichen, der Verrätherei angeklagten Bürger mußten also, nach dem sie kaum vierzehn Tagen ihren neuen Stelen gewesen waren, zuerst empfinden, was man mit dem Elsaße noch vorhabe. Sie wurden von Strasburg abgeführet, ohne daß man ihre Papiere versiegelt oder jemals untersucht hätte; und doch sollten sie Verräther seyn[2]Schneider und Jung befanden sich nicht unter ihnen; denn Monet und Saint-Just hatten beide zu noch etwas ärgerm aufgehoben.


[1] Bei dieser Gelegenheit schrieb Schneider: das höchste Gesetz. S. Argos Nr. 52 – 93 3. Halbjahrgang.

[2] »Merkwürdiger Brief der Volksrepräsentanten Saint-Just und Lebas an die Volksgesellschaft zu Strasburg.«

Strasburg, den 24sten Brumaire
(im Nov. 1793.)

Brüder und Freunde!

Wir sind überzeugt, daß sich eine Verschwörung gebildet hat, um das ehemalige Elsaß den Feinden zu überliefern; so wie dieses schon mit andern Theilen der Republik der Fall war. Wir sind überzeugt, daß der Feind nach der Einnahme von Weissenburg eben die Versuche gemacht hat, um sich Einverständnisse mit Strasburgern zu verschaffen und die Stadt zu überfallen.

Als wir ankamen, schien die Armee in voller Verzweiflung; sie war ohne Lebensmittel, ohne Kleider, ohne Disciplin, ohne Chefs. In der Stadt herrschte keine Policey; das arme Volk seufzte unter dem Joche der Reichen, dessen Aristokratie und Reichthum an allen Unglük schuld war, indem er die Nationalmünze erniedrigte, und bei den Versteigerungen der Lebensbedürfnisse den Armen das Brod vor dem Munde wegschnappte. Die Thore der Stadt wurden spät geschlossen, Schauspiele, Bordelle, Gassen waren voll Offiziere, die Dörfer und Landstrassen wimmelten von herumstreifenden Soldaten.

Als das Volk unglücklich, die Armee verrathen war, und vor Elend umkam, als Laster und Gegenrevolution triumphirend in der Stadt umherzogen, was thaten da die konstituirten Gewalten? – Ha! die Rechenschaft, welche sie dem Frankenvolke zu geben haben, ist fürchterlich! Sie haben die Requisition des Korns, der Fuhren, des Brennholzes vernachlässiget, haben einen Lichterkauf geschlossen,  das Pfund zu sieben Livres. Die Soldaten der Freiheit verfaulten in den Spitälern; kurz die Verwalter vernachlässigten ihre Pflichten so sehr, daß es unmöglich ist, sich von ihnen das Zeungnis irgend einer Handlung der Wachsamkeit und republikanischen Kraft zu verschaffen. Welche Seele empfand und fühlte in einem Land, woe alles unglücklich war?

Unterdessen fängt man Briefe auf, welche Einverständnisse (???) mit dem Feinde ankündigen, und dieser Feind ist vor den Thoren der Stadt ! Wir verbannen im Namen des öffentlichen Wohls die konstituirten Gewalten, wir legen den Reichen Auflagen auf, um die Lebensmittel wohlfeiler zu machen; das Militärtribunal läßt verschiedene Verschworene niederschießen, bei welchen man weiße Korkarden fand; man überrascht die Wachten, und findet Posten wo bis an 81 Mann fehlen, weil der Legionschef, der vom Platzkommandanten zu uns geführt wurde, seine Pflicht nicht gethan hatte; man findet in den Schildhäusern auf dem Wällen Zeichen des Rojalismus; man arretirt Emigranten in der Stadt, Bösewichter und Anhänger der Förderalismus, welche bis dahin zu Strasburg in der größten Sicherheit gelebt hatten. Wir nehmen verschiedene Polizeimaaßregeln, das Volk erhält seine Rechte wieder; die Armuth wird unterstützt; die Armee gekleidet, genährt, verstärkt; die Aristokratie schweigt, und Gold und Papier haben gleichen Werth. Warum geschah dies Gute nicht schon längst? Von welchem Verwaltern kann man sagen, daß sie unschuldig sind am Eldende des Volks? Waret ihr glücklich; hatte man eine Thräne, eine einzige Thräne über das Vaterland vergrossen?

Alle Menschen sind sich Wahrheit schuldig; wir sagen sie euch. Ihr seyd nachsichtig gegen verwalter, welche nichts gethan haben – für das Vaterland. Euer Brief verlangt ihre Zurückkunft, ihr sprecht von ihren Talenten und Anlagen zu öffentlichen Verwaltungen; aber ihr sagt nichts von ihren Revolutionstugenden, nichts von ihrer Volksliebe, nichts von ihren heldenmäßigen Aufopferungen für die Freiheit. (??)

Wir haben Zutrauen zu euch gehabt, haben Bürger aus eurer Mitte verlangt, um über die Sicherheit der Stadtthore zu wachen, um die vertriebenen Verwalter zu ersetzen. Wir haben Tag und Nacht die Soldaten und  Bürger angehört; wir haben den Schwachen geschützt und beschirmt wder den Starken. Eben diese Herzen reden zu euch in diesem Augenblicke. Nicht die Zurückkunft eurer gleichgültigen Maigstratspersonen sollte euch beschäftigen; sondern die Verjagung eines Feindes, der euer Land aufzehrt, sondern die Entdeckung der Verschwörer, welche unter allen Gestalten in eurer Mitte hausen. –

Es war eine Verschwörung, Strasburg dem Feinde zu überliefern. Wir haben die Denunziation erhalten, daß zwei Millionen Gold sich in den Händen der Administration des Niederrheins befanden. Diese Thatsache muß euch in Erstaunen setzen, wir geben der Nationalkonvention Nachricht davon. Es ist wichtig, daß diese Thatsache erwiesen werde. –

Brüder und Freunde! das Vaterland, das Volk ist zu beklagen; der Feind muß verfolgt werden; Mitleid gegen Verbrechen gehört für Mitschuldige und nicht für euch. Die Zeit wird vielleicht die Wahrheit enthüllen. Wir untersuchen alles mit kaltem Blute, und haben uns das Recht erworben, argwöhnisch zu seyn. Unsre Pflicht ist unerbittlich fest bei den Grundsätzen zu verharren. Wir sind euch Freundschaft schuldig, aber keine Schwäche. Alles, alles dem Vaterlande. Wir bleiben bis nach der Gefahr bei unserm Schlusse. - - -

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