EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Eulogius Schneider's ehemaligen Professors in Bonn etc. Schicksale in Frankreich.

von Christoph Friedrich Cotta

24.

Die Lage der Rheinarmee, die sich nach dem Verluste von Mainz bis an die Linien von Weissenburg zurück gezogen hatte, verschlimmerte sich von Tage zu Tage. Die Generale und Offiziere, theils Verräther, theils Memmen, hatten die Gefahr für das Rheindepartement täglich mehr vergrößert, im Angesichte eines ganzen Haufens Volksrepräsentanten, die zur Beobachtung der Generale und ihrer Maaßregeln hauptsächlich waren geschickt worden. Man wollte von Seite des Jakobinerklubs zu Strasburg nicht allein die größte Nachläßigkeit bemerkt haben, mit der diese Herren Repräsentanten ihre Aufträge befolgten; sondern man wollte sogar auf Spuren von verrätherischen Anschlägen gekommen seyn, welcher sich die nämlichen Herren schuldig gemacht hätten[1].

Verschiedene Mitglieder der Volksgesellschaft sprachen nun recht laut und freimüthig über das Betragen dieser Herren, und Schneider, ließ den Inhalt davon, freilich noch weit gemäßigter, als der eigentliche Vortrag gelautet hatte, in seinem Argos abdrucken, mit dem Titel: Auch einmal teutsch gesprochen mit dem Volksrepräsemtamten, die nur mit Wein, Mädchen und Spiel sich abgaben, und ihre so wichtigen Geschäfte bei der Rheinarmee dahinten ließen. Dieß Unternehmen war der Grund zu seinem Untergange. Denn er, als ein Deutscher, der im Angesichte des ganzen Publikums u Franzosen, zu Leuten sprach, wie Ruamps[2] war, der in der Landauer Sache sicherlich nicht republikanisch gehandelt hatte, begieng hier ein Verbrechen, das ihm die wackern Herren nie verziehen. Indessen war ihnen denn doch bange, denn ihr Gewissen mochte nicht ganz rein seyn, und sie brachten es durch ihren Hauptführer Monet dahin, daß Schneider in einem andern Blatte das wiederrief, was er als Bericht und Meinung andrer vorher in seinem Argos über die Representanten gesagt hatte.[3]

Endlich geschah, was man längst befürchtet hatte; die Linien bei Weissenburg wurden überstiegen, und das Unterelsaß von den feindlichen Truppen beinahe ganz überschwemmt. Nun erschienen die Repräsentanten zu Strasburg, und allmählig wurden gegen die Bewohner der Gegenden dieses Landes, welche noch nicht in der österreichischen Truppen waren, die bedrückendsten Maßrgeln ergriffen. Requisitionen über Requisitionen ergiengen, besonders an die Einwohner Strasburgs, und so kritisch der Zustand der Dinge war; so waren die Handlungen der Repräsentanten doch eigentlich nur dazu gemacht, alles in noch weit gefährlichere Umstände ui versetzen. Ein abscheuliches Vorhaben, das diese Unmenschen mit den unglücklichen Bewohnern des Elasses vorzuhaben schienen. Sie ganz zu vertilgen, oder wenigstens in andre entferntere Gegenden Frankreichs zu versetzen, soll eigentlich ihr Plan gewesen seyn. Dahin mußte man wenigsten ihre so ungerechten Anordnungen, ihren Haß gegen den deutschsprechenden Elsaßer auslegen. Im Grunde war wohl Neid die Haupttriebfeder, der sie zu allen den schändlichen Thaten und Mißhandlungen des Elsasses verleitete, Neid über seinen wohlhabende Zustand, der doch nicht das Werk der in Frankreich gewöhnlichen Faulheit unter dem Landvolke, sondern die Folge seines Fleißes, seiner Häuslichkeit war. Ihn zu Grunde zu richten, ihn aus seinem alten Besitz zu verdrängen, das schien ihr Anschlag zu seyn. In ihren Augen war das Elsaß das Nest aller Aristokraten und Vaterlandsfeinde. Sie betrugen sich also gegen das Volk so, als wenns an allen dem Unheile, das jetzt das Land drückte, ganz allein schuldig wäre, da man es doch nur diesen Herren Repräsentanten, den wahren Feinden des Vaterlands und des Wohls seiner Bürger, ganz allein zu verdanken hatte.

Das Jahr 1793 war also für das Elsaß ein sehr qualvolles Jahr. Patrioten und Aristokraten mußten die ungerechtesten Bedrückungen erdulden[4]. Im Monat Mai erschien das Dekret wegen der Verfertigung der Listen der Verdächtigen. In jedem Distrikte wurden sogenannte verbleibende Commissarien ernannt, und in die sämmtlichen Gemeinden geschickt, die verdächtigen Inwohner derselben, das heißt, die entweder gegen die neue Verfassung offenbar feindselig Gesinnten, oder mit derselben unzufriedenen Bürger in Arrest zu nehmen, und den Distriktshauptorten zuzuschicke. Zum Glücke für diejenigen, die auf diese Listen gebracht wurden, waren die meisten der Commissarien Leute, bei denen Geschenke und Geld vorzüglich alles vermochten. Die Arretierten kamen also bald wieder in Freiheit.


[1] Ohne mich auf eine genaue Untersuchung dieses Umstandes einlassen zu können, muß doch so viel angemerkt werden, daß die Herren Repräsentanten wirklich die unverzeihlichste Nachlässigkeit in Versehung ihres Amtes hatten zu Schulden kommen lassen. Das schon mußte Verdacht gegen sie erregen. Noch mehr: wie sehr mußten sie erst damals sich blos geben, als sie durch ihre Befehle an die Bewohner der Rheingegenden und der ihnen zunächst liegenden Departemente, allgemeine Aufrufe an alles, was Waffen tragen könne, ergehen liessen. Alle Tage erschienen gedruckte Anordnungen in der Sache, und eine widersprach der andern. Man mußte darüber wohl aufmerksam werden. Die Sturmglocke ward drei Tage in allen Gemeinden gezogen, und so das Volk, wie man gedruckt vorgab, zum Aufstande und zur Bewaffnung gegen den Feind an den Linien aufgefordert. Das gutmüthige Volk verstand den Aufruf, so wie er gedruckt lautete; allein als ein deutsches, folglich dummes Volk, wie der Franzose noch sagt, war es zu kurzsichtig, hinter diesen sich so widersprechenden Aufrufen die eigentliche Absicht der wackern Herren Repräsentanten zu ersehen; und diese war keine andre, als durch diesen allgemeinen Aufruf und durch das Sturmläuten das Volk zum wirklichen Aufruhr zu bringen, und so, weiß Gott, welche schändliche Gelegenheit zu erhalten, eine neue Wende im Elsasse anzurichten. Das Volk zog also, dem gedruckten Aufrufe zu Folge, mit Heugabeln, Sensen, Säbeln und andern Waffen versehen an die Linien von Weissenburg, lag da mehrere Wochen auf Kosten der Gemeinden, die durch diesen Don Quixotenstreih großentheils in ansehnliche Schulden geriethen; und indessen zu Hause die Erndtegeschäfte so dringend die Landleute forderten, waren die bewaffneten, und nun auch an den Linien schon verkauften guten Bauern müßig, und zum Theile recht unmuthig darüber, daß man sie berufen hatte, ohne sie jetzt zu einem allgemeinen Sturme gegen den Feind zu brauchen. Endlich waren sie so klug, sich wieder nach Hause zu begeben; und daß sie sich dem ganzen Europa lächerlich gemacht hätten, sahen sie nun auch ein.

[2] Sollte auch gefänglich genommen werden, ist aber nebst andern ähnlichen Herrn mehr, entwischt.

[3] Argos, St. 40., 46. und 50. V. Jahre. 1793.

[4] Ich muß mich über den Ausdruck Patriot und Aristokrat etwas näher erklären. Es mag vielleicht nicht jedem bekannt seyn, daß man bis nach Robespierre's Tode nur einzig dieser beiden Ausdrücke sich bediente, um damit die Bürger zu bezeichnen, welche entweder für oder wider die neue Verfassung waren. Und in dieser Hinsicht behalte ich besagte Ausdrücke bei. Ich will aber damit keines Weges sagen, als wenn mir die eigentliche Sache der einen oder der andern mit diesem Namen belegten Parthei wichtiger wäre, als Wahrheit und Menschheit, die weder der einen noch der andern von beiden Partheien in der französischen Revolution sache vielen Dank schuldig seyn möchte.

Der. Herausg. 

Letzte Änderung der Seite: 30. 07. 2017 - 15:07