EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Eulogius Schneider's ehemaligen Professors in Bonn etc. Schicksale in Frankreich.

von Christoph Friedrich Cotta

09.

Schneider diente ihr mit Mund und Hand nach allem seinen Vermögen, und umging keine Gelegenheit, Dietrich mit den gehäßigsten Farben gezeichnet dem Publikum darzustellen. Besonders that er dies bei Gelegenheit der Todesfeyer des gemeuchelmordeten Maire’s von Étampes dessen Lob er in einem Gedichte besang, wozu ihm Dietrichs bisherige Lebensgeschichte den Stoff liefern mußte. Die Zeichnung in diesem Gedichte, die durch die Hererzählung von allerhand Lastern, welche der Maire von Étampes nicht an sich hatte, aber bekanntlich von Dietrich erzählt wurden, ließ auf den ersten Anblick ersehen, auf wen der Verfasser mit seinem Lobliede zielte.

Ich bin versichert, der Leser dieser Erzählung wird die wörtliche Einrückung des Loblieses auf den in seinem Amte von einigen Feinden des Gesetzes gemordeten Maire’s Simoneau von Etampes nicht am unrechten Platze oder für überflüssig finden.

Simoneau’s Todesfeier

von Eulogius Schneider
Im vierten Jahre der Freiheit.

Lasset uns der Wehmut Thräne weinen
     Auf das Grab des edeln Simoneau,
Weil er starb als Hirte für die Seinen,
     Weil er nicht als feiger Miethling floh.

Weil er nur für seine Brüder lebte,
     Weil er stand‘ im Sturme der Gefahr,
Weil er vor dem Tode selbst nicht bebte,
     Weil er treu dem Bürgereide war.

Keiner lebte noch im Frankenreiche,
     Keiner starb so tugendhaft wie er;
Ach daß ihm am Bürgersinne gleiche
     Jeder Volksbeamte, jeder Mair‘.

Er versuchte nicht das Volk zu blenden
     Durch Betrug und falscher Andachte Schein, [1]
Und das fromme Christenmal zu schänden,
     Um bewundert und gewählt zu seyn.

Er verlangte nicht von seinen Söhnen,
     Das zu glauben, was ihm Thorheit schien,
Führte nicht, um einen Hof zu fröhnen,
     Heuchelnd sie zu fremden Priestern hin.[2]

Simoneauernährte sich vom Fette,[3]
     Von dem Mark der guten Bürger nicht,
Er bewahrte keusch sein Ehebette,
     That als Mann und Vater seine Pflicht.

Scham und Würde stand auch seiner Stirne,
     Er vermied das Laster wie die Pest,
Er beging mit keiner feilen Dirne
     Ein entehrendes Bachantenfest.[4]

Er beherrschte nicht des Volkes Wahlen,
     Er betrog den schlichten Landmann nicht,[5]
Sagte nicht bei Gläsern und Pokalen:
     Bürger schreibt, was euer Sultan spricht.

Andre mochten vor Ministern knien,
     Mochten küssen eines Prinzen Hand;[6]
Er verkaufte nie den Thuillerien
     Sein Gewissen und sein Vaterland.[7]

Er verfolgte nie die Freiheitswächter,
     Trennte brüderliche Bande nie;[8]
Aber war auch Niemand zum Gelächter,
     Da er wieder um Versöhnung schrieb.

Ließ er je den Mann in Ketten schmachten,
     Der den Schleier von dem Laster zog?
Haßt‘ er Jene, die für Freiheit wachten?
     Liebt‘ er den, der Freiheitsliebe log[9]?

Ließ er ungeahndet das Verbrechen?
     Zog ihn je das Laster in das Netz?
Ließ er Hohn dem Vaterlande sprechen
     Seine Gottheit, hiieß sie nicht: Gesetz?[10]

Ach! er starb an ihrem Hochaltare,
     Ach! er gab sich selbst zum Opfer hin.
Sehet dort den Edlen auf der Bahre,
     Sehet und benetz mit Thränen ihn.

Pflanzt um seine Stätte, Frankensöhne,
     Einen Lorberr- und Cypressenhain,
Und es stimmte jede sanfte Schöne
     In die dumpfe Todesfeier ein.

Bürgerinnen führet eure Kleinen
     In den Hain, der unsern Helden ehrt,
Wenn sie dann bei seinem Namen weinen,
     Freuet euch, sie sind der Freiheit werth.

So bald das Volk erfuhr daß dies Lied eigentlich ein Schmählied auf seinen Herren Maire sey, so gerieth man über Schneidern so sehr in Wuth, daß er, wenn ich nicht irre, durch einen Sprung aus dem Fenster des Saales, worinn man die Feier begieng, sich der Gefahr, ermordet zu werden, entziehen mußte. –

Selbst Schneiders Freunde nahmen diesem die so sehr unbescheidene Handlung im Betreffe seines gegen Dietrich verfertigten Gedichtes sehr übel. Sie warnten ihn, auf seine Sicherheit zu denken, und sich besonders bei der Nachtzeit wohl in Acht zu nehmen.


[1] Dietrich war, wie man zu Strasburg sich sagte, zu Paris katholisch geworden, um bei den Königlichen Prinzen eine Sekretairsstelle zu erhalten; als er nun als königl. Kommissair wieder nach Strasburg kam, waren aller Augen auf ihn gerichtet, zu welcher Religion er sich wohl bekennen würde. Dietrich war zu sehr Hofmann, als daß er nicht gerade das gethan hätte, was ihm zur Erreichung seiner geheimen Anschläge gegen Strasburg ausserordentliche Dienste leisten konnte; er bequemte sich nach dem stillen Wunsche der vorzüglichsten und meisten Strasburger, und gieng bald nach seiner Ankunft daselbst mit seiner Familie in die protestantische Kirche zum Abendmahle. Dieser Schritt erwarb ihm die Gunst der meisten Einwohner.

[2] Dietrich hatte zu Paris seine beiden Söhne zum katholischen Abendmahle hingeführet, um die Sekretairsstelle zu erhalten.

[3] Dietrich, und sein Vater besonders, hatten vom Könige die Erlaubnis erhalten, das Volk zu pressen, und durch Wechselgeschäfte und andere Arten mehr einen ausserordentlichen Reichthum zu sammeln. – Item: Dietrich hatte seine erste Frau von sich gejagt, oder sie verlassen, und eine Schweizerin sich zugelegt.

[4] Er gab Bachantenfeste, um sich hiedurch die Stimmen der Bürger von Strasburg zu erkaufen. Bei so einem Feste krönte ihn ein feiles Weib mit einer Bürgerkrone.

[5] Auch das Landvolk ward durch solche Schmäuse gewonnen, und gab allen denen, welche Dietrich vorschlug, seine Stimme zu den verschiedenen Staatsämtern.

[6] Dietrich stand, wie gesagt, im Dienste der Prinzen, und weil man seiner Anhänglichkeit an das königliche Haus versichert war, so

[7] Wählte ihn auch der König nach ausgebrochener Revolution zum Commissaire für Strasburg und das Elsaß. Durch ihn sollte nach erfolgter Gegenrevolution das Elsaß ganz in die königlichen Hände kommen, die durch die Ueberbleibsel der ehemaligen teutschen Verfassung bis daher im Elsasse noch gebunden waren.

[8] Dietrich trennte die Volksgesellschaft zu Strasburg, und als er dann doch seinen Anschlag nicht erreichte, wollte er wieder in die ihm verhaßte Gesellschaft aufgenommen werden.

[9] Hier wird auf Laveaur’s Einkehrung gezielt. Dietrich hatte denselben als Rebellen angeklagt. Das Umständlichere hierüber, habe ich im Schneiders leben oben vorgelegt.

[10] Dietrich verfolgte die Gegner der Royalisten, und letztere schützte er auf alle Weise; achtete keine Anklage gegen sie, und suchte alles ihnen zu Freunden und zu ihren Helfern zu machen.

Letzte Änderung der Seite: 30. 07. 2017 - 15:07