EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Wunderlieder und Träume

Die Stimme im Walde

Nur noch eine Tagereise war Alfonso von seiner Heimath entfernt. Er hatte die Diener vorausgesendet, um der Mutter die frohe Bothschaft zu bringen, daß sie ihren geliebten Sohn wieder an ihren Busen drücken sollte. Er hatte die Nacht in einer einsamen Hütte, am Fuße eines Berges geruht, und die Bewohner hatten ihm wunderbare Dinge erzählt, von Geistern, die in dem Walde wohnen sollten, der jetzt vor dem Ritter lag. Er dachte an diese Erzählungen, als er hinein ritt, und die hohen Baumwipfel über ihm rauschten; eine sonderbare Empfindung beklemmte seine Brust, furchtsam schaute er um sich, und lächelte über seine eigne Thorheit. Bin ich denn noch derselbe, sprach er, der den Tod nicht fürchtete, der mit Ruhm und Ehre kämpfte? Und nun erbebt mein Herz vor den Erzählungen einer leichtgläubigen Alten. Er ritt muthig weiter, und seine Augen schwärmten in den Blätterlabyrinthen, die sich über ihm durch einander bewegten. Er erreichte einen offnen Platz im Walde, und der hohe Rasen, den Alfonso nie so frisch und grün gesehen zu haben glaubte, die Bäume, die ringsum so still standen, ohne auch vom kleinsten Lüftchen bewegt zu werden, luden ihn zur Ruhe ein. Er stieg ab, und band sein Pferd an einen Baum, und setzte sich nieder. Es war ein heißer Tag, und die Kühle an diesem Plätzchen empfing ihn mit aller Lieblichkeit; er irrte mit den Augen durch die hohen Gräser, dann wieder in den Zweigen umher; kein Lüftchen regte sich. Endlich entstand in dem Baumwipfel über ihm ein Rauschen, als wenn ein sanfter Wind die Blätter durch einander kräuselt. Alfonso richtete seine Augen empor, die Bäume bewegten sich, und es entwickelte sich aus dem Rauschen eine Stimme, die leise rief; Mir nach! mir nach! und immer stärker wurde, indeß Alfonso, vom Erstaunen gefesselt, seiner selbst nicht Meister war. Der himmelsüße Ton hatte sein Herz gefangen genommen, er blickte noch starr auf zu dem Wipfel, da hörte er das Rauschen und die Stimme in einem andern Baume, er sprang auf und näherte sich diesem; da zog es schneller, und immer schneller durch alle Baumwipfel fort, und Alfonso folgte mit ängstlicher Eile, denn er fürchtete, die liebe Stimme zu verlieren. – Sie schwieg, er hörte nur noch das Rauschen in den Wipfeln. Ich Unglücklicher! rief er, ich habe sie, ich habe mein Glück verlohren. Ermattet sank er nieder, der Schweiß stand auf seiner Stirne; da rauschte und flüsterte es über ihm weg: Mir nach! und er raffte sich auf und folgte der Zaubergewalt, Unermüdet rannte er, so lange es Tag blieb; die Sonne fing schon an, sich zu neigen, und es lockte die Stimme ihn immer durch dunkle Büsche, und wenn er still stand, um sich zu erholen, so rief es über seinem Haupte weg: Mir nach! und er mußte den Tönen folgen. Endlich stand er auf der Spitze eines Hügels, da schlüpfte die Stimme ins Gras zu seinen Füßen: Mir nach! und er eilte hinunter, und stand am Rande eines kleinen Sees, um dessen Ufer in bestimmten Entfernungen schwarze Steine gelegt waren. Die Sonne war schon untergegangen, und der Himmel glühte noch in Gold und Purpur; da schwamm auf der andern Seite der Mond herauf, und der See, der bis jetzt ruhig gewesen war, fing an, sich in kleinen Wellen zu bewegen. Die silbernen Stralen des Mondes und die Purpurgluten der Sonne berührten wechselsweise die Wellen, und sie fingen an zu tönen, und die liebliche Musik berauschte Alfonso's Herz. Endlich wurden die Töne leiser, die Wellen theilten sich, und lagen auf der einen Seite in silbernem, und auf der andern in rothem Feuer; aus der Kluft, die sich gebildet, hörte er die Götterstimme, die ihn den ganzen Tag sich nachgezogen hatte, dieselben Worte singen, die sie bis jetzt nur flüsternd oder rufend ausgesprochen. Dieser Gewalt konnte er sich nicht erwehren, er stürzte sich in die Kluft, und die Wellen bedeckten ihn. Ein wunderbares Rauschen, als würden hundert Instrumente zugleich gespielt, so daß keins mit dem andern zusammen stimmte, betäubte sein Gehör. Er bemühte sich seine Besinnung zu behalten, aber vergeblich, er mußte sich der Betäubung ergeben. und bald vernahm er nichts mehr. Am andern Morgen erwachte Alfonso, und fand sich am Fuß eines Berges, vor der Thür einer kleinen Hütte, er saß auf einer Bank unter einer schattigen Linde. Er konnte sich auf die Begebenheiten des vorigen Tages nicht besinnen, eine Schwermuth beklemmte sein Herz, deren Ursach er sich nicht erklären konnte. Gedankenvoll hob er seine Augen auf zu dem grünen Blättergewebe, ihm war als würde das Rauschen dieses Baumes ihm sagen, was seinem Herzen mangelte. Die Thür der Hütte öffnete sich, und eine freundliche Alte trat zu ihm. Warum, junger Herr, sagte sie, bleibt ihr draußen vor der Hütte? kommt doch herein, und eßt das Frühstück mit mir. Alfonso stand auf und folgte ihr. Sie setzte ihm Milch und Obst vor, er aß wenig und blieb nachdenkend, so sehr ihm seine freundliche Wirthin auch zusprach. Aber sagt mir, junger Herr, rief sie endlich, was ist es, das euch bekümmert, so daß ihr nicht essen mögt, und auf alle meine freundlichen Reden nicht hört? Ihr werdet über mich lachen, gute Mutter, erwiederte Alfonso. Wer weiß? sagte die Alte; erzählt mir nur euern Kummer. Ich kann ihn selbst nicht nennen, sprach Alfonso; mir ist, als hätte ich gestern ein großes Gut besessen, und mein träger Geist kann sich darauf nicht besinnen, Mir ist, als gäbe es einen Klang in der Welt, wonach mein Herz mit Sehnsucht schmachtet, und mir dünkt, wenn dieser Klang mich wieder berührte, so würde ich glücklich seyn: aber wie soll ich ihn suchen? wo soll ich ihn finden? da ich ihn nicht einmal zu nennen weiß. Die Alte hatte seine Erzählung sehr ernsthaft angehört, und stand auf, ohne ein Wort zu sagen; Alfonso wunderte sich, daß sie ihm nichts antworte, sie trat zur Thür, und indem sie sie öffnete, wandte sie sich, sahe ihn einen Augenblick lächelnd an, und rief: Mir nach! Er erwachte, alle Besinnung kam ihm wieder, die Stimme, wonach sein Herz sich sehnte, war ihm wiedergekehrt, er wollte auf die Alte zueilen; sie war verschwunden; er trat vor die Hüttenthür und sahe den Baum, er wußte nun, warum er so sehnsüchtig nach dem grünen Laube hinauf geblickt hatte. Die Zweige regten sich, und aus dem kühlen grünen Schatten rief die Stimme, und Alfonso zog ihr nach, sie flohe durch den ganzen Wald, und er war unermüdet, sie zu ereilen. Der Tag verging wie der vorige, und als die Sonne sank, stand Alfonso wieder am Ufer des Sees. Der Mond war noch nicht aufgegangen, und von der untergesunkenen Sonne waren nur noch einige Streifen sichtbar; unruhig bewegte sich der See, ohne daß ein harmonischer Klang aus ihm empor stieg. Die Wellen theilten sich, aber sie glänzten nicht in lieblichem Schimmer. Wie zwei graue Berge lagen sie auf beiden Seiten, und aus der Kluft erscholl die Stimme ernst und befehlend: Mir nach! Alfonso war bestürzt, er erkannte den Zauberklang, aber er wurde nicht liebevoll zu folgen eingeladen; es war Befehl, und die Stimme tönte ernst und unfreundlich. Noch einmal rief es den Zögernden, und Liebe und Sehnsucht zog ihn hin; er stürzte in die Kluft, und die Wellen rauschten wie gewaltige Ströme über ihm, er hatte bald seine Besinnung verlohren. Ein heftiger Frost schüttelte ihn und er erwachte; hinter grauen Wolken bemühte sich die Sonne durchzubrechen, aber es gelang ihr nur mit wenigen Stralen; Alfonso lag unter einer wilden Tanne, die ihn mit ihren Zweigen nicht gegen den Thau hatte schützen können, der in der Nacht kalt niedergefallen war. Er blickte um sich, und sahe zu seinen Füßen einen fürchterlichen Abgrund; ein hoher Felsen stand ihm zur Seite, und drohte in jedem Augenblick, mit seinen überhängenden Steinen Alfonso zu zerschmettern. In dem Gesträuch am Felsen nisteten Uhus und Raben, die er mit seiner Bewegung aus ihren Nestern verscheuchte. Scheu flatterten sie über seinem Haupte weg. Alfonso glaubte sich in dieser Einsamkeit verlohren, er erblickte rings um sich keine Spur, daß jemals ein Wanderer diese Wüste besuchte. Endlich hörte er wie in weiter Ferne den Klang einer Glocke, und nun fühlte er wieder daß sein Herz mit einer Sehnsucht nach etwas erfüllt war, und doch lernte er dies Etwas nicht begreifen. Unwillkührlich ging er dem Klange nach, der ihn immer schwermüthiger machte. Er war den Felsen umgangen, unter dem er diese Nacht zugebracht hatte, und stand nun auf der andern Seite; da erblickte er auf der äußersten Spitze desselben eine kleine Hütte, aus der ihm der Klang zu kommen schien. Er bemühte sich den Felsen zu ersteigen, er brauchte aber eine lange Zeit, ehe er den mühsamen Pfad hinauf gelangte; er fühlte seine Kräfte ermattet, aber er konnte sich die Ursache nicht erklären. Endlich erreichte er die Hütte, er öffnete die Thür, und auf einer steinernen Bank saß ein Einsiedler, der in Gedanken vertieft schien. Alfonso wagte es nicht ihn zu stören, und blieb an der Thür stehen. Endlich blickte der Greis auf, und betrachtete den Jüngling mit Verwunderung: Wie kamst du hieher, redete er ihn an, in eine Gegend, die keines Menschen Fuß betritt? Zürne nicht, ehrwürdiger Greis, erwiederte Alfonso, wenn ich deine Frage nicht beantworte, mir ist es selber unbekannt. Ich kann, sagte der Greis verdrüßlich, jedem sein Geheimniß lassen, setze dich zu mir, ich will dich bewirthen. Alfonso setzte sich, und der Greis brachte ihm einige Wurzeln und eine Schaale mit Wasser. Als er sah, daß Alfonso nur wenig davon genoß, wurde er zornig und rief: Ich glaube, du leckerer Jüngling verschmähst meine Mahlzeit, daß du so traurig vor dir nieder blickst. Zürne nicht, sagte Alfonso, ich weiß die Ursache meines Kummers nicht zu sagen, ich erinnere mich dunkel, daß ich in rastloser unglücklicher Mühe mich abmattete, aber ich ziehe jenen Zustand meinen jetzigen vor. Damals erfüllte eine glühende Sehnsucht mein Herz, und ich konnte doch streben, das zu erreichen, wonach ich glühte; jetzt ist mein Herz todt und kalt, und ich wünsche mir meine Wünsche zurück. Bei jedem Worte, das Alfonso sprach, wurde der Greis freundlicher, und als jener seine Rede geendet hatte, ergriff er seine Hand und sagte: Du bist ein edler Jüngling, und darum folge mir nach! Bei den letzten Worten erkannte Alfonso seine geliebte Stimme; er wollte die Hand halten, aber der Einsiedler und die Hütte waren verschwunden, und Alfonso stand auf der Spitze eines furchtbaren Felsen, kalte Lüfte umwehten ihn, er war noch in Erstaunen verlohren, da rief die Stimme schon am Fuß des Felsens zu ihm hinauf, und ohne Besinnung stürzte er nach. Durch die dunkelsten Gebüsche, bei furchtbaren Abgründen vorüber, lockte die Stimme den Bethörten; endlich als die Sonne anfing sich zu neigen, war er in ein Labyrinth von hohen Eichen und finstern Tannen verlohren, die Zweige rauschten nicht, der Himmel hing grau und schwer über den hohen Wipfeln, eine ängstliche Schwüle beklemmte seine Brust, und die Stimme schwieg, sie zog ihn nach keiner Seite hin. Er blickte flehend auf zu den Bäumen, aber keins von den tausend Blättern bewegte sich. Als kein Lüftchen sich zu seinem Troste regte, wurde er von unnennbarer Angst ergriffen, er arbeitete sich durch das Gesträuch, und ritzte sich Gesicht und Hände blutig. Als er endlich einen freien Platz erreicht hatte, blickte er um sich und hoffte, nun die geliebte Stimme zu finden; aber auch hier herrschte ein dumpfes Schweigen, er erstieg einen Hügel, und erblickte am Fuße desselben den See, er erinnerte sich jetzt, daß er sich jeden Abend in diesen gestürzt hatte. Ich will, ich muß dich finden, rief er wie im Wahnsinn aus. Er eilte dem See zu, der eine trübe, graue Fläche bildete, er hoffte, die Stimme würde ihn aus der Tiefe rufen, aber kein Laut berührte sein Ohr. Hast du mich verlassen? rief Alfonso, so will ich dir auch gegen deinen Willen folgen. Er sprang in den See, und die Wellen umschlangen ihn, er wollte sich in die Tiefe senken, aber die Fluthen hoben ihn immer wieder empor. Er brach endlich in Thränen aus: Giebt es denn keine Linderung, rief er, für diesen Schmerz der Sehnsucht, der in meinem Busen glüht? Versagst du mir, grausamer See, in deine Tiefe mich aufzunehmen, wo ich die Beruhigung finden, oder sterben will? – Als er diese Worte gesprochen hatte, fühlte er sich von zarten Armen umschlossen; warme, weiche Lippen drückten sich auf die seinigen, und ein balsamischer Athem wehte ihn an; er wollte die Gestalt umarmen, die so Ruhe und Seeligkeit in sein Herz küßte, aber er berührte nur die nassen Wellen. Eine unwiderstehliche Schläfrigkeit ergriff ihn, und die süßen Harfentöne, die von zärtlichen Flöten zuweilen unterbrochen wurden, wiegten ihn ein. Als er erwachte, war es Mitternacht, die silberne Scheibe des Mondes schwamm an dem reinen, blauen Himmel, und Alfonso fand sich auf einem von dem schwarzen Steinen sitzend, welche rings um den See lagen. Er erkannte jetzt, daß es Fußgestelle waren, auf denen weiße Bildsäulen standen. Es waren Bilder von Jünglingen, und eine Traurigkeit war auf allen Gesichtern sichtbar. Alfonso wunderte sich, daß er diese Bilder niemals bemerkt hätte, ob ihm gleich die schwarzen Steine, auf denen sie standen, aufgefallen waren. Er dachte noch darüber nach, als er in einiger Entfernung Fußtritte hörte, die so schwer niederfielen, daß Alfonso eine furchtbar-große Gestalt erwartete. Wie erstaunte er, als eine ganz kleine menschliche Figur sich dem See näherte; er konnte sich nicht überzeugen, daß diese Gestalt mit so schwerem Gange auftreten könne, und doch kam ihm das Geräusch immer näher. Endlich stand der Zwerg bei den Statuen still, und betrachtete eine jede mit Wohlgefallen. Ein Fußgestell war immer noch leer, sagte er: ich muß doch einmal nachsehen, ob noch kein neues Bild angekommen ist; er näherte sich mit diesen Worten Alfonso, und dieser fühlte, daß die Erde von den Fußtritten des Zwerges zitterte. Als der Klelne zu dem Fußgestelle kam, und sahe Alfonso darauf sitzen, machte er ein unwilliges Gesicht, und wendete sich um. Wie er von ihm ging, sahe Alfonso, daß seine Füße schwerer, schwarzer Marmor waren. Alfonso konnte sich des Lachens über diesen seltsamen Anblick nicht enthalten; der Alte drehte sich um, und drohte ihm mit aufgebobnem Finger: Wir treffen uns schon einmal, wo ich mich an dir rächen kann, sagte er, und ging in den Wald. Alfonso war froh, diesen seltsamen Gesellschafter los zu werden. Er wendete nun den Blick wieder nach dem See, und erstaunte von neuem: Die Bilder fingen an sich zu bewegen, und stiegen langsam von ihren Gestellen herunter. Sie standen einige Augenblicke und sahen in den See, plötzlich färbten sich ihre Gesichter und Kleider, und sie gingen mit traurigen Geberden um das Wasser, sobald sie vor Alfonso standen, sahen sie ihn an, und ein Lächeln schwebte um ihre Lippen. Alfonso wollte sie anreden, als der See zu rauschen begann, die Jünglinge bebten und eilten, ihre Gestelle wieder zu erreichen; kaum hatten sie sie bestiegen, so erblichen ihre Wangen wieder zu Marmor. Der See schlug in hohen Wellen, welche wieder leise erklangen, eine rauschende fröhliche Musik tönte aus der Tiefe, die sich in Flötentönen endigte. Das Wasser beruhigte sich, und auf der glatten Flüche schwebte eine weibliche Gestalt, ganz in silberne Schleier verhüllt. Alfonso! rief sie, und er eilte hinzu, und kniete am Rande des Sees nieder, es war die Stimme, die ihn durch Wälder und über Felsen gelockt. Alfonso, sagte sie, du hast mir die Hofnung gegeben, daß ich mich aus dem unglücklichen Zustand befreit sehen werde, in welchem ich seit vielen Jahren schmachte. Ein Zauberer, der mich liebt, hat diesen Fluch über mich ausgesprochen, als ich seine Hand verweigerte. Er zwang mich, in diesem See zu wohnen, und mit meiner Stimme jeden Jüngling, der durch diesen Wald zog, zu fesseln, daß er der Stimme folgte, und jeden Abend ihr nach in den See sich stürzte. War nun die Sehnsucht am dritten Morgen, wenn er sich einsam und verlassen am Abgrunde fand, gestillt, so schlief er bei dem Einsiedler den ganzen Tag, und am Abend fand er sich am Ufer dieses Sees, der Zauberer stand vor ihm, und zwang ihn einen jener Würfel zu besteigen, die von dem Tyrannen selbst um den See gelegt waren. Hier müssen die Armen unbeweglich als Bildsäulen stehen. Ein Stein war noch leer, und wenn du nicht am dritten Abend dich aus Liebe freiwillig in den See gestürzt hättest, so ständest du hier als Bild, und ich müßte, wenn die Sonne wieder herauf kömmt, dem Verhaßten meine Hand reichen, und du und alle die übrigen Unglücklichen, ihr müßtet traurig um dies Wasser stehen, und keines Menschen Macht vermöchte es euch und mich zu befreien; denn so gebietet ein unerbittliches Schicksal: wurden so viele durch mich unglücklich, daß alle diese Steine mit Bildern besetzt sind, dann sollten ich und sie es ewig bleiben. Jetzt aber kann ich hoffen, daß du uns zum neuen Leben zurück rufst, denn du liebst mich wahrhaft, und deine Liebe wird dich siegen lehren. Ich darf dir nicht helfen, nimm dieses Armband, begegnest du Einem, der das zweite trägt, das so wie dieses gearbeitet ist, so fordere es von ihm, er ist mein Feind. Bringst du mir dies Armband zurück, so bin ich die deinige, und zugleich aus der Gewalt des Tyrannen befreit. In jenem Armbande ist mein Bild, so wie in diesem das Bild meiner Mutter, du wirst dann sehen, ob du mich lieben kannst; hast du dem Zauberer das Bild entrissen, so hat er über mich nichts mehr zu gebieten. Sie reichte bei diesen Worten dem knieenden Alfonso das Kleinod hin, er wollte ihr antworten und schwören, daß er sie ewig lieben werde, aber sie sank in die Wellen, die Musik erklang, so wie das Wasser über sie hinglitt. Jetzt färbte die Sonne mit ihren ersten Stralen den Himmel, da sahe Alfonso, daß die Statuen anfingen zu erblassen, und so wie das Licht höher stieg, erloschen sie immer mehr, und als der helle Tag über die Erde glänzte, sahe er nichts als die schwarzen Steine, die rings um den See lagen. Er wußte nicht, ob er alle diese Dinge geträumt hätte, aber er sahe das Kleinod in seinen Händen und erstaunte über die wunderbare Arbeit; es war aus einem einzigen Diamant, der so künstlich geschnitten war, daß es schien, als ob sich ein vielfaches Gitterwerk durch einander schlänge. Alfonso verwahrte das Armband in seinem Busen, und ging dem Walde zu. Wohin werde ich mich nun wenden, rief er, und wo soll ich meinen Feind finden? Er durchirrte den Wald, und setzte sich endlich im Schatten eines Baumes nieder; er hatte kein Obdach gefunden, keinen Menschen, der ihn mit Speise oder Trank erquickt hätte. Ich werde hier im Walde verschmachten, sagte er traurig, und wenn ich nun den Zauberer finde, wie werde ich Gewalt haben, ihn zu bekämpfen? Diesen Betrachtungen hing er nach, da bewegte sich der Boden, auf welchem Alfonso ruhte; erstaunt blickte er um sich, und die Wand eines niedrigen Felsen öffnete sich, der Zwerg, den Alfonso in der Nacht gesehen hatte, trat heraus, und sagte mit einer Freundlichkeit, die sein Gesicht widrig entstellte: Ich habe in meinem Hause deine Klage gehört, und will dir deine Verspottung verzeihen, komm in meine Wohnung, mich jammert dein Zustand, du magst mit mir essen. Alfonso sah ihn mißtrauisch an. Warum traust du mir nicht? sagte der Kleine, ich bin in meinem Hause ganz allein, und meine es gut mit dir. Alfonso war matt und durstig, er entschloß sich also, das Anerbieten des ungestalteten Zwerges anzunehmen, und folgte ihm in seine Höhle. Der Alte ließ ihn an einem kleinen Tische niedersitzen, und hohlte ihm Brod und Früchte. Beide saßen einander gegenüber, der Zwerg aß wenig, nöthigte aber seinen Gast sehr freundlich. Als sie gegessen hatten, sagte er: Nun will ich dir auch einen guten Trnnk Weins reichen, den du schon lange entbehrt hast; er ging und hatte eine volle Schaale, und reichte sie Alfonso; als dieser getrunken hatte, und der Alte die Schaale zurück nehmen wollte, fiel das Kleid von seinem Arm zurück, und Alfonso erblickte das Armband, genau wie das seinige gearbeitet, welches er aus den Händen der wunderbaren Schönen empfangen hatte. Er erschrack, als er es erkannte, er fühlte sich in der Gewalt des Wesens, das er gesucht hatte und bekämpfen wollte. Der Alte sahe sein Erstaunen und lächelte; Alfonso faßte sich, stand auf, sahe dem Zwerg ins Gesicht und sagte: Ich fordere im Nahmen einer Unglücklichen das Armband von dir, das du entwendet hast, gieb es freiwillig zurück, oder mein Schwerdt und mein Arm sollen es dir mit Gewalt entreissen. Der Greis sahe ihn an und lachte: Ey! rief er, gieb mir lieber das, welches du in deinem Busen verbirgst, so habe ich den Schmuck vollkommen, und wir bleiben bessere Freunde. Alfonso's Zorn entbrannte, er zog den Degen, und wollte auf den Zauberer eindringen, dieser lachte noch mehr und sagte: Du verstehst schlecht das Gastrecht zu ehren, weißt du nicht, daß du deinem Wirth, der dich in dieser Wüste aufnahm, dankbar seyn sollst? Er drehte sich um und verließ die Höle, Alfonso wollte folgen, als er aber im Begriff war hinauszutreten, schloß sich der Felsen, und Alfonso war in der Dunkelheit gefangen. Verzweiflungsvoll rannte er gegen die Wand, er wollte das Schwerdt in seine eigne Brust stoßen, da fiel das Armband aus seinem Busen, und der Edelstein beleuchtete mit seinen Strahlen die Wände des Gefängnisses. Wie soll ich hier entrinnen? sagte Alfonso, indem er die Höle betrachtete. Auf der einen Seite war eine Vertiefung; Alfonso näherte sich, und sahe in dem einen Winkel der Höle verschiedne Früchte und Weine, dazwischen wunderbares Geräth aufgestellt; eine Thür war im Grunde, und Alfonso suchte sie zu öffnen, sie war aber so vielfach verschlossen, und so stark, daß jeder Versuch vergeblich war. Soll ich denn hier, rief er aus, in der Gewalt dieses Ungeheuers verschmachten? Soll denn keine Rettung für mich und meine theure Geliebte seyu? In der Wuth ergriff er die Flaschen, die aufgestellt waren, und zerschmetterte sie gegen die Thür; unter diesen zerbrach er auch eine kleine, die mit einem rothen Safte angefüllt war, zuletzt; und kaum flossen die rothen Tropfen über die ungeheuern Schlösser, als sich die eiserne Pforte von selbst öffnete, und ein lieblicher Geruch ihm entgegen duftete. Er stand in einem kleinen, von Bergen eingeschlossenen Thale, wo tausend gewürzreiche Kräuter blühten; von jedem Berge floß ein Quell, und zog wie ein Silberfaden durch den grünen Grund, das reinste Blau des Himmels bedeckte dieses Thal. Alfonso stand noch in Enzücken verlohren, da sahe er, wie die kleine unförmliche  Gestalt zwischen den duftenden Kräutern lag, und mit wehmüthigem Blick sein Bild in einem klaren Bach betrachtete. Schnell eilte Alfonso auf ihn zu: Verräther! Bösewicht! rief er ihm entgegen; der Zwerg stand auf und sagte verwundert: Wie kommst du in meinen Garten? Gieb das Armband oder stirb! rief Alfonso. Der Alte lächelte, und Alfonso wollte ihn mit dem Schwerdte niederstoßen, aber jener ergriff es mit der Hand, und entriß es mit großer Leichtigkeit dem bestürzten Alfonso; kaltblütig warf er es in die Höhe, und es flog über die Berge weg. Was willst du nun? redete er den Bestürzten an: Ich dächte, du gäbest mir dein Kleinod, damit wir gute Freunde bleiben. Verzweifelnd warf sich Alfonso auf ihn, und wollte ihn im Ringen überwältigen; aber zu groß war die Kraft des Alten, er faßte Alfonso's Arme, und in wenigen Augenblicken lag der Jüngling am Boden. Jetzt wollte der Greis ihm das Armband aus dem Busen ziehen, da wurde Alfonso von der Angst der Verzweiflung ergriffen, er schrie laut und umfaßte wüthend die Kniee des Alten. Der Zwerg wankte und wollte widerstreben, aber Alfonso ließ nicht ab, und der Zauberer fiel mit lautem Getöse zu Boden. Alfonso sprang schnell auf, lösete ihm das Armband ab, und bemerkte nun erst, daß der Zwerg ohnmächtig sey. Er wollte sich schnell entfernen, als er sahe, daß die Gestalt sich wieder bewegte. Nach einigen Zuckungen löseten sich die schwarzen Marmorsteine von seinen Füßen ab, die Gestalt wurde größer, das häßliche Gesicht verschwand, und ein schöner Jüngling lag schlummernd im Grase. Bald darauf richtete sich dieser auf, sahe Alfonso an und rief: O mein Erretter, wie danke ich dir für das neue Leben! Er schloß ihn in seine Arme und fuhr fort: Ja! Rosalinde ist dein, du verdienst sie, betrachte ihr Bildniß, und du wirst sehen, daß sie jedes Verdienst belohnt. Alfonso betrachtete das Bildniß, welches in das Armband gefaßt war, und rief entzückt: Wo ist sie? laßt mich zu ihr, daß ich zu ihren Füßen es auszusprechen versuche, wie glücklich ich bin. Ich will dich hinbegleiten, sagte jener, und indeß wir gehen, dir sagen, wie es kommt, daß du mich in der Gestalt gefunden, in der ich dir abscheulich war. Rosalinde ist meine Verwandte, sie hat mich aber in dieser schändlichen Gestalt nie gekannt, und ich konnte ihr mein Schicksal nicht sagen. Eine alte Base, die in allen Künsten der Zauberei unterrichtet war, flehte ich oft begierig an, mir ihre Wissenschaft mitzutheilen. Sie versprach es mir endlich unter der Bedingung, daß wenn ich mein achtzehntes Jahr erreicht hätte, ich sie zu meiner Gemahlin wählen sollte; ich war damals noch jung, und gab leichtsinnig dies Versprechen; ich wurde von ihr unterwiesen, und erfuhr alle ihre Künste, doch blieb sie mir immer überlegen. Endlich erreichte ich mein achtzehntes Jahr, und sie verlangte die Erfüllung meines Versprechens, jetzt erst sahe ich meine Thorheit ein, es war mir unmöglich, mich mit ihr zu verbinden; sie entdeckte meinen Abscheu, und ihre ungerechte Eifersucht glaubte, daß eine Neigung zu der schönen Rosalinde mir diesen Widerwillen einflößte; sie beschloß in ihrer Wuth uns beide zu verderben, und noch viele andere durch uns. Ich hatte oft Rosalindens himmlische Stimme bewundert, und sie legte nun den Fluch auf diese Stimme, daß sie das Herz eines jeden Mannes fesselte, der sie hörte; sie bestimmte den See zu Rosalindens Aufenthalt, und ich mußte sie selbst dorthin verbannen. Rosalinde hatte oft meine Leichtigkeit im Tanzen gerühmt, und darum mußte ich diese ungestalteten Füße zum Spotte mit mir tragen. Die böse Zauberin legte selbst die funfzig Steine um den See, die jedem Bilde zum Fußgestelle dienen, und zwang mich, einen jeden Jüngling, dessen Sehnsucht nach der Stimme nicht so glühend war, daß er am dritten Abend freiwillig zurück kehrte, in ein Marmorbild zu verwandeln. Nur wenige Minuten durfte ich den Unglücklichen erlauben, in jeder Nacht als Menschen um den See zu wandeln. Sie gab mir das Armband mit Rosalindens Bild, und auch mit mir mußte der Jüngling noch den Streit wagen und mich überwinden. Dir ist es gelungen, du hast uns allen das Leben wieder gegeben. Als der Jüngling geendigt hatte, erreichten sie die Spitze eines Hügels; sie blickten in das Thal, und Alfonso erstaunte von neuem; der See war ausgetrocknet, in der Mitte eines grünen Platzes saß eine Dame in weiße Schleier gehüllt. Funfzig Jünglinge standen in einem Kreise in ehrerbietiger Entfernung umher, es schien, als ob der Hauch des Lebens noch alle diese schöne Gestalten berühren müsse. Alfonso stürzte von dem Hügel hinunter, knieete vor der Schönen nieder, und reichte ihr die beiden Armbänder hin. Sie nahm sie an und schlug zugleich den Schleier zurück; ein himmlisch schönes Gesicht lächelte Alfonso an, und die süße Stimme sagte: Ich bin dein. Er war berauscht, er schloß die Geliebte in seine Arme, und nun bewegten sich froh alle Jünglinge, und drängten sich hinzu, um ihrem Retter zu danken. Auch Rosalindens Freund trat hinzu, Rosalinde erkannte ihn; und alle die so lange unglücklich waren, athmeten froh das neue seelige Leben.

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