EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Wunderlieder und Träume

Die Quelle der Liebe

Der Morgen funkelte mit goldenen und purpurnen Strahlen auf Fluren und Wäldern, die Vögel stimmten ihren Gesang an, und wollten das Echo ermuntern, als sich schon die muntere Jagd des Prinzen Alwino in dem Walde ausbreitete. Die Vögel erschracken vor dem Hundegebell, und schwiegen mit ihren Liedern; Echo mußte jetzt den Waldhörnern antworten, und aus sanftem Schlummer wurde das Wild aufgejagt, floh bestürzt hin und her, und traf auf allen Wegen nur schnelle Hunde oder rüstige Jäger. Bald wurde der Prinz der Jagd überdrüßig, stieg vom Pferde, und setzte sich unter einen schattigen Baum. Er blickte zu den Zweigen auf, wie die Blätter mit einander zu flüstern schienen, und von der Sonne vergoldet wurden, ein leiser Wind rührte die Zweige an, sie schüttelten alle die Thautropfen von sich ab, und ruhig stand der Baum, und der Wind schlich durch den Wipfel fort zu den andern. Nachdenkend saß Alwino, und so wie der Baum ihn mit seinen Thautropfen beregnete, wurde wieder alle Sehnsucht in seinem Busen wach, und er brach in Strömen von Thränen und in lauten Klagen aus: Fröhlich schwärmen die Freunde durch den rauschenden Wald, und keiner wird von so herber Qual bedrängt als ich; hören sie des Jagdhorns Töne, so stürzen sie muthiger dem scheuen Wilde nach, ach und ich – mich lockt der Klang, daß ich möchte in die weite Ferne rennen, mit dem schnellen Rosse die höchsten Berge erklimmen, und dann hernieder in die Thäler stürzen, und immer weiter, und mir so die Ruhe erjagen.

Indem er noch so mit sich selber sprach, hörte er den Zug der Jäger, die sich gesammelt hatten, sie näherten sich mit einem fröhlichen Liede, und legten die Beute der Jagd zu seinen Füßen nieder. Er befahl den Jägern, an den Hof zurück zu kehren, er werde ihnen folgen. Schweigend erfüllten sie seinen Willen, nur Lenardo, sein Freund, den er immer vorzüglich geliebt hatte, gehorchte ihm nicht, und blieb an seiner Seite.

Der Prinz bemerkte ihn bald und fragte, warum er nicht die andern nach der Stadt begleitet. Ach! mein theuerstev Fürst, antwortete der treue Lenardo, mehr als mein Leben habe ich dich immer geliebt, und wie ich die Eltern verlohr, und als Knabe schon einsam und ohne Schutz war, da tröstete mich deine Liebe, und ich glaubte, ich könnte mich nimmer verlassen fühlen. Und nun: – du hast dein Herz von mir gewendet, deine Liebe hat mich verlassen, aber doch will ich nimmer von deiner Seite weichen.

Gerührt sagte der Prinz: Wie kannst du, mein treuer Freund, so lieblos von mir denken? – Er nahm hier auf Lenardo's Hand, drückte sie wider sein Herz, und Thränen flossen aus seinen Augen, und fielen in großen Tropfen auf jene herab; da warf der treue Freund sich nieder auf seine Knie, und beschwur den Prinzen, ihm sein Leiden zu entdecken; und Alwino antwortete: Ja mein Freund, ich will dir sagen, was meine Seele so gewaltig quält. Ihr alle mögt mich wohl beneiden, weil ihr mich glücklich glaubt, denn ihr denkt, was könne mir fehlen? Meinem Vater gehorcht das blühende Land, und mich, seinen einzigen Sohn, liebt er so zärtlich, daß ich mit aller Macht schon jetzt im Lande gebiete, das Volk achtet mich als seinen König, und jeder strebt meine Wünsche auszuforschen, und sie alle, so viel ich nur nennen mag, zu erfüllen. Dies alles, mein Freund, ich fühl' es, ist wohl ein Glück, doch niemals das, welches mir bei meiner Geburt bestimmt wurde; in der Ferne schreiten mir gewiß wunderbare Empfindungen entgegen, und füllen die Leere im Busen aus, und befriedigen die schmerzliche Sehnsucht; es schwärmen in ungekannten Gegenden Freuden und Schmerzen, die mir zugehören, und darum will ich hinziehn, sie mir erbeuten, und wenn ich das Glück gefunden, das mein ist, dann kehre ich wieder zu dir und meinen theuren Eltern, und ihr erfreut euch über den Glücklichen.

Und ihm antwortete Lenardo: Laß mich, geliebter Alwino, dich auf deiner Reise begleiten; du bist es ge wohnt, daß so viele dir dienen, darum gehe nicht allein, um dein Glück zu suchen, sondern nimm wenigstens mich als Einen Diener mit, und meine Liebe wird dir viele ersetzen.

Aber der Prinz bat ihn zurück zu bleiben, und die Eltern über des Sohnes Abwesenheit zu trösten, hierauf schwang er sich auf sein Roß und sprengte in den Wald hinein. Lenardo verlohr ihn bald aus den Augen, und kehrte mit trauerndem Herzen an den Hof des Königs zurück.

Alwino aber zog mit Eile durch das Land, und rastete Nachts nur wenige Stunden; oftmals blickte er mit neuem Muth den glänzenden Morgen an, und dachte: Gewiß wird dieser Tag nicht enden, ohne daß ich meine Schmerzen stille; und immer kam des Tages Ende, und noch brannte unbefriedigt die alte Sehnsucht ihm im Busen.

So kam er endlich an den Hof des Königs Delamo, mit dem Entschluß, sich ihm als Ritter, unter fremdem Nahmen, vorzustellen. Der Greis empfing ihn freundlich, aber Alwino bemerkte, daß ein schwerer Kummer seinen Geist niederbeugte, und als er sich die Ursache zu erforschen bemühte, erfuhr er, daß ein mächtiger Riese die Felder des Königs verwüste, und sein Morden und Rauben nicht eher einzustellen geschworen, bis ihm der König die schöne Angela, seine einzige Tochter, zur Gemahlin geben wolle. Die kühnsten Ritter hatten den Streit mit dem Unholde versucht, und keinem war der Sieg gelungen: in großen Schaaren hatte das Volk ihn schon ermorden wollen, oder aus dem Lande vertreiben, aber er widerstand jeder Macht, und alle die ihn angegriffen, hatten den Tod gefunden; nun verlangte das Volk von seinem Könige, er solle den Riesen mit der schönen Angela vermählen, damit der Schreckliche aufhöre, das Land zu verderben. Delamo konnte nur mit Thränen und Bitten von dem Volke gewinnen, daß sie noch zehn Tage den Wüthrich ertrugen, und wenn sich nach dem zehnten Tage kein Ritter fand, der den Riesen besiegte, so wolle er sich entschließen, seine einzige Tochter dem Lande zum Opfer zu geben. Acht Tage waren schon verflossen, als Alwino sich dem Könige vorstellte, und am neunten erfuhr er das harte Schicksal des Vaters. Da eilte er schnell zu dem Trauernden, und erbot sich, gleich am kommenden Morgen den Kampf mit dem Riesen zu wagen. Der König schloß ihn in die Arme, weinte und sagte: Gewiß, du edler Ritter, bist du mit der Gefahr nicht genug bekannt, daß du kommst, und dich zum Kampfe anbietest, denn in allen verflossenen Tagen hat es keiner gewagt, den Streit mit dem Riesen zu beginnen, so reiche Preise ich auch dem Ueberwinder geboten habe, ja selbst, wenn er von adelicher Geburt wäre, meine einzige Tochter zur Gemahlin, die jeder als ein Wunder der Schönheit und Tugend verehrt. Bei diesen Worten ging dem Prinzen Alwino die Hoffnung in seiner Seele auf. Ist es, sprach er zu sich, vielleicht die Liebe, die mir mangelt? O! dann kehre ich bald glücklich zur Heimath zurück, wenn das himmlische Bild der schönen Angela mir im Herzen wohnt; dann flieht jeder Kummer von mir zurück, denn sie ist gewiß himmlisch gebildet, Entzücken ergreift ja jeden, der mir nur ihren Nahmen nennt.

Fröhlich verließ er den König, und bereitete sich zum Kampfe. Als kaum der junge Tag mit freundlicher Stirne die Menschen begrüßte, zog er hinaus vor die Stadt, um den gräulichen Riesen zu tödten, und eine große Schaar ihrer Bewohner begleitete ihn voll Neugier, das Ende des Kampfes zu sehn.

Als der Riese den jungen Prinzen erblickte, der ihn zum Kampfe forderte, konnte er sich des Lachens nicht erwehren; er betrachtete die schöne zarte Gestalt, und sagte spottend: Nun das ist mir warlich noch nicht [⇐10][11⇒] begegnet, daß ein verkleidetes Mädchen kömmt und mich zum Kampfe ruft, aber du, Knabe, sollst bald den Uebermuth büßen. Und so eilte er mit furchtbar breitem Schwerdte auf Alwino zu, und als das schwere Eisen sausend durch die Luft fuhr, den Prinzen zu verderben, ergriff schon eine so gewaltige Angst das Volk, welches in der Ferne stand, daß sie laut aufschreiend die Gesichter verhüllten. Unerschrocken hielt Alwino den Angriff aus, suchte durch geschickte Wendungen den Streichen zu entgehen, und brachte durch seine Geschwindigkeit dem Riesen manche Wunde bei. Vom Aufgang bis zum Untergang der Sonne währte der Streit, und Alwino war ermattet, und konnte sich kaum mehr auf den Füssen erhalten, da nahm der Niese sein Schwerdt in beide Hände, voll Wuth, daß der Kampf sich nicht früher geendet, und dachte nun mit Einem Streich den Prinzen zu verderben. Aber er strauchelte und fiel; schnell raffte Alwino seine letzten Kräfte zusammen, sprang hinzu, und stieß sein scharfes Schwerdt in den Nacken des Riesen; als er den Todesstoß vollbracht hatte, verließen ihn seine Kräfte, und er sank in Ohnmacht neben der Leiche des Riesen.

Das Volk eilte herbei, und trug mit Siegesliedern den Prinzen zu dem Pallast des Königes; er öffnete wieder die Augen, und als er die Burg des Königs erblickte, und man ihn durch die hohe Pforte trug, da war ihm, als redete eine Stimme in seinem Busen: Nein hier nicht, hier wird nimmer dein Glück erblühen. Eine quälende Angst ergriff ihn, und die Trompeten und Hörner, die ihm aus dem Pallast entgegen tönten, konnten die Stimme in ihm nicht übertäuben. Der König kam ihm vor dem Saale entgegen, und schloß ihn in die Arme, dann führte er ihn zu seiner Tochter, die von ihren Frauen begleitet in den Saal gekommen war; aber Alwino vermochte es nicht, die Prinzessin anzuschauen, so sehr er auch früher gewünscht hatte, ihre Schönheit zu betrachten. Auch die Prinzessin empfing abgewendet seine Hand, und als der König in seiner Freude aussprach, daß an dem folgenden Tage ihre Hochzeit gefeiert werden sollte, zogen beide zugleich die Hände erschrocken zurück und trennten sich von einander.

Ein prächtiges Gastmahl hatte der König angeordnet, und Alwino saß neben der schönen Angela, als seiner Braut, und wurde vom ganzen Volke beneidet. Er betrachtete sie, und noch beängstigter wurde sein Herz, als er ihre himmlische Schönheit bemerkte; abwärts zog ihn eine heimliche Gewalt, und er beschloß, in der Nacht diesem Glücke zu entfliehen, das er nicht als das seinige begrüßen konnte.

Als das Gastmahl geendigt war, berief die Prinzessin eine alte Dienerin zu sich, redete sie freundlich an und sagte: Liebe Camilla, du hast mich gesäugt, und immer wie deine Tochter geliebt, darum will ich dir jetzt meinen Vorsatz vertrauen. Als ich gebohren ward, theilte mir das Schicksal zu, daß mein Herz verschlossen bliebe vor den Freuden der Hoheit, darum war mir schon als Kind der Hof des Vaters zuwider, ich fühlte mich einsam unter der glänzenden Schaar der Männer [⇐13][14⇒] und Frauen, und du fandest mich oft in den einsamsten Gängen des Gartens; da waren die Blumen meine Gespielen, und es erfreute mein Herz, wenn ein leiser Wind die tausendfarbigen in ihren Beeten durch einander schwanken ließ. Das Geflüster der Büsche redete verständlich zu meinem Herzen, und tröstete mich über alles, was ich entbehrte. Jetzt, da ich erwachsen bin, und die Blumen nicht mehr mit Kinderaugen betrachten kann, ist mir der Glanz erloschen: ich sehe noch die verschiedenen Farben, aber sie haben keine Strahlen mehr, die mein Herz mit Freude rühren; die vernehmliche Stimme in den Büschen schweigt mir, und die Blätter rauschen unverständlich durch einander. Darum, gute Amme, liebe Camilla, laß uns mit einander gehn, und meines Vaters Pallast verlassen. Mir graut vor der Vermählung, denn zu hoch und herrlich ist mir der Mann, den mein Vater meinen Bräutigam nennt, ich würde mich seiner nie erfreuen. Alles Große und Hohe rührt mein Herz nicht, selbst nicht die Furcht vor einem großen Unglück; als der Riese das Land verwüstete, konnte ich nicht mit dem Volke trauern, so sehr ich auch mein Herz oft zwang; auch stimmte ich nicht in die allgemeinen Jubellieder, als der Held ihn besiegte, und kann nun diesen nicht ehren. Du hast mir oft erzählt, daß du, ehe ich gebohren wurde, und meine Mutter verlangte, daß du mich säugen solltest, eine Hütte besaßest, und eine Heerde Schaafe und wie du diese geliebt und wie oft du geweint hast, wenn dir in den Sinn gekommen, daß du sie nun bald verlassen solltest. Als dir nun deine kleine Tochter gestorben war, da erst hast du angefangen, so erzähltest du mir, mich als deine Tochter zu lieben, und nur, um in meiner Nähe zu bleiben, hast du endlich die liebe Hütte und die Schaafe vergessen. Laß uns jetzt gehen, du gute Mutter, und deine verlassene Hütte wieder suchen, sieh ich will viel Goldes mit mir nehmen, wir wollen eine neue Heerde kaufen, ich werde für die Lämmer Sorge tragen, sie lieben, und so das Glück finden, das mir immer fehlte, vor allem aber der Vermählung entgehen, die ich fürchte.

Mit Erstaunen hatte die Amme das Verlangen der Prinzessin gehört, aber sie liebte sie zu sehr, als daß sie gegen einen Wunsch der schönen Angela etwas einwenden konnte, auch freute sie sich, die alte längst verlassene Hütte wieder zu sehen. Sie ging noch in derselben Nacht heimlich mit der Prinzessin aus dem Pallaste, und trat mit ihr den Weg nach ihrer ehemaligen Wohnung an. Als der Morgen herauf kam, und die Vögel singend ihre Flügel in dem Glanze badeten, betraten die beiden reisenden Frauen schon den Wald, in dem Camilla's Hütte versteckt lag, und seufzend sagte die Prinzessin: Ach gute Camilla! ich fühle schon jetzt, auch die Lämmer, die wir kaufen werden, auch deine Hütte wird mich nicht erfreuen, aber doch will ich deine Sorge für alles theilen, und vielleicht sendet mein gutes Schicksal mir einst noch die Gedanken, die mir jetzt mangeln, und mit denen es mir gelingt, mein Herz zufrieden zu stellen.

Als der Prinz den königlichen Saal verlassen, ging er hinunter, reichte einem Diener ein Geschenk, und befahl ihm, sein Pferd herbei zu führen, er wolle beim Lichte des Mondes durch die Stadt reiten, und sie betrachten; der Diener ehrte in ihm den Eidam des Königes, und eilte schnell seinen Befehl zu vollziehn. Mit Demuth erbot er sich, den Prinzen zu begleiten, Alwino aber befahl ihm zu ruhen, und ihn seinen Gedanken zu überlassen. Einsam ritt er durch die Gassen der Stadt, und athmete freier als die Burg hinter ihm lag; er lenkte bald vom Wege ab, damit man ihn nicht entdecken möchte, wenn ihn der König verfolgen sollte.

Viele Tage durchzog er wieder das Land, und einst, bei der schwülen Hitze des Mittags, suchte er Schutz in einem Walde. Eine liebliche Kühle wehte ihm entgegen, und er war nicht lange fortgezogen, als er auf einen kleinen Rasenplatz kam, den schattige Buchen rings einschlossen; auf einem niedrigen Hügel saß ein Hirte, und verzehrte mit heitern Augen seinen mitgenommenen Vorrath; zu seinen Füßen lagen die Hunde, denen er auch zuweilen Bissen zutheilte, und die ihm dankbarfür seine Güte schmeichelten. Auf dem Rasenplatz hatten sich die Schaafe gelagert. Alwino stieg vom Pferde, und setzte sich ihm gegenüber, und beneidete den ruhigen Hirten. Sollte wohl, sagte er bei sich, hier das Glück, die Ruhe wohnen? Ist vielleicht in der Freiheit die Qual? Wenn wir meinen, daß wir unserer Gedanken und Thaten Herr sind, dann beherrscht uns vielleicht ein böser Dämon, daß wir ihm folgen müssen, und wenn wir uns selbst der Freiheit begeben, und unsern Willen unterthan machen unter das Gebot eines andern Mannes, vielleicht daß wir so der bösen Gewalt entrinnen.

Er stand auf und nahte sich dem Hirten, der demüthig sein Haupt entblößte, als ihn Alwino anredete. Nachdem der Prinz sich erkundigt, wem die Schaafe angehörten, und der Hirt ihm geantwortet hatte, daß sie das Eigenthum eines reichen Bauern aus dem nahen Dorfe wären, fragte der Prinz, ob der Herr der Schaafe wohl noch eines Hirten bedürfte. Er erhielt die Antwort, es fehle jetzt bei der Heerde eben an einen Hirten, da der, welcher die übrigen Schaafe versorgte, diese heute zum letzten Male ausgetrieben habe, weil seine Dienstzeit mit diesem Tage zu Ende gehe. Der Prinz erbot sich, als er dies gehört, die Heerde zu versorgen; der Hirt aber betrachtete lächelnd seine prächtige Kleidung, schüttelte den Kopf und sagte: Es mag euch gern erlaubt seyn, mit einem armen Manne zu scherzen. Als ihm der Prinz aber versicherte, daß es ihm Ernst sey, und der Hirt es endlich glauben mußte, sagte dieser: Wenn ihr in diesen Kleidern zu meinem Herrn kämet, und ihm dienen wolltet, so würde er glauben, ihr kämet nur um seiner zu spotten, und er möchte euch übel empfangen; nehmt also die Heerde hier in Acht, indeß ich hingehe, und euch einen Rock hohle, wie ihn die Hirten tragen. Alwino dankte ihm, und der Hirte kam bald mit einem groben leinenen Rock zurück, mit welchem er den Prinzen bekleidete. Noch an demselben Tage wurde der Prinz als Hirte von dem reichen Bauer angenommen, und trieb am folgenden Morgen seine Heerde mit dem andern Hirten zugleich aus.

Als sie den Platz erreicht hatten, wo beide Heerden sich trennten, sagte der Hirte zum Prinzen: Hütet euch, noch tiefer in den Wald hinein mit eurer Heerde zu treiben, ich habe mich nie weiter gewagt, als bis zu dem Platze, wo ihr mich gestern fandet; in dem andern Theile des Waldes, sagt man, wohnen Feen und böse Geister, die den armen Menschen, die sich ihnen nahen, die Sinne verrücken, und so könntet ihr leicht mit der Heerde in Schaden gerathen. Alwino versprach, seinen Rath zu befolgen, er ging hinter seiner Heerde, und blies auf der Flöte, der helle Ton ermunterte die Vögel, sie stimmten mit ihrem Gesange in seine Lieder ein. Die Hunde hielten bellend die Heerde bei einander, und Echo rief ihre schallenden Töne zurück. Da warf Alwino die Flöte von sich, und setzte sich nieder auf den Boden. So finde ich denn nirgend Trost für mein Herz, rief er aus, dessen thörichte Wünsche ich selber nicht kenne. Wie in einer fremden Sprache redet die Natur zu mir, ich verstehe nur, daß jeder Klang mir etwas gebietet, aber ich kann die Befehle nicht begreifen.

Camilla hatte mit der Prinzessin ihre Hütte gefunden, und bald war die alte Ordnung darin wieder hergestellt, eine kleine muntere Heerde erfüllte den Hof und die Ställe, und Camilla war so glücklich, daß sie den wachsenden Kummer der schönen Angela nicht einmal bemerkte. Oft stand die Prinzessin sinnend auf der kleinen Wiese, ängstlich hafteten ihre Augen auf den Blumen, sie wollte sie zwingen, daß sie ihr wieder wie vormals glänzen sollten; so wie ein Wind die Gebüsche berührte, horchte sie auf, und glaubte in jedem Augenblick, die alte sonst gekannte Empfindung würde ihr Herz beschleichen, aber immer blieb ihr Busen leer und kalt, und schmerzlich weinend warf sie sich oft auf den grünen Rasen nieder. Eines Tages stand sie am Fenster der kleinen Hütte, und suchte in dem blauen Himmel mit den Augen nach Trost für ihre Schmerzen; die Sonne neigte sich, und warf einen goldnen Schleier über die Gegend; die Hütte, und Angela darinnen, waren mit Glanz umwebt, und der Prinzessin wurde die Gegend so fremd, sie konnte keinen Baum finden, an den sie sich erinnerte, und eine unnennbare Angst beklemmte ihren Busen; endlich sank die Sonne hinter den fernen Wald hinab, und der Zauberschleier fiel von ihren Augen, sie erkannte alles und weinte herzlich. Einzelne Sterne blickten auf Angela, und winkten ihr wie mit Augen nach dem Walde; da konnte sie die Sehnsucht nicht länger bemeistern, sie ging an der alten Camilla vorüber, die im Strahle des Abends eingeschlafen war, nahm ihren langen weißen Schleier, der ihre schöne Gestalt ganz verhüllte, und verließ eilend die Hütte. Sie hatte den Wald noch nicht erreicht, als der Morgen schon wieder hinter den Bergen herauf schwebte, sie verdoppelte ihre Eile, denn sie fürchtete, daß das helle Tageslicht sie der suchenden Camilla verrathen möchte. Endlich erreichte sie den Wald, und ermattet sank sie auf den Boden, ein sanfter Schlummer bedeckte ihre Augen, und hielt ihre Sinne viele Stunden gefangen. –

Vier Tage waren es jetzt, daß der Prinz die Heerden hütete; als er am fünften Morgen mit ihnen den Rasenplatz erreicht hatte, den ihm der Hirte als die Gränze bezeichnet, setzte er sich auf denselben Hügel, wo er jenen gefunden, ließ seine Thränen fließen, und sagte: Nein, ich ertrage es nicht länger, mir wurde bei meiner Geburt nur die Hälfte meines Wesens gegeben, und nun jagt es mich rastlos durch die Welt, den Theil meines Selbst zu suchen, den ich so schmerzhaft entbehre. Ich will hinein in den Wald eilen, und mich der Gewalt der Geister gefangen geben, der böseste beherrscht mich ja in meinem Busen. Er stand auf, verließ seine Heerde, und eilte in den Wald. Er hatte kaum die dichten Schattengänge betreten, so faßte ein Grauen seine Brust, Geister schienen in den Baumwipfeln zu schweben, die ihre Sprache in einem Rauschen der Blätter verkleideten, damit sie ihm nicht verständlich wäre, weil sie sein Verderben beschlossen. Er ging einige Schritte weiter, und drängte sich durch ein dichtes Gebüsch, da störte er aus ihrem Neste zwei Vögel, sie flatterten vor ihm auf, schwebten über seinem Haupte, und sangen wunderbare Töne, die sein ganzes Herz ergriffen; er konnte sich nun vor Wehmnth nicht mehr lassen, diese Töne sprachen es aus, was ihm gebrach, und doch konnte er sie nicht verstehen; mit inniger Angst wartete er endlich, wann in seinem Herzen das Geheimniß aufgehen sollte. Er konnte sich nicht mehr erhalten, sondern sank auf seine Kniee nieder, und fürchtete immer, die Vögel würden ihn mit ihren Tönen verlassen. Diese schwebten über seinem Haupte, drehten sich in kleinen Kreisen, und fuhren fort ihren Gesang auszuhauchen; endlich flohen sie tiefer in den Wald hinein, und Alwino sprang auf, um sie wieder zu erjagen, er dachte nichts, ihn belebte nur der brennende Wunsch, die Töne wieder zu vernehmen.

Und Angela erwachte, nachdem sie viele Stunden geschlafen hatte, sie erhob sich und blickte um sich, wunderbare Träume hatten ihre Sinne umschwebt, aber sie hatte sie vergessen, ihr schien es, als würde sie getröstet und beruhigt seyn, wenn sie sich nur auf diese Träume zu besinnen vermöchte, sie ging sinnend tiefer in den Wald, und glaubte die glänzenden Gestalten, die sie umgaukelt hatten, in seinen dichtesten Schatten zu finden.

Alwino war den ganzen Tag den Vögeln nachgezogen, und Angela den wunderbaren Traumgestalten, und das brennende Verlangen wuchs in jedes Busen. Als die Schatten im Walde finsterer wurden, beschlossen beide voll Verzweiflung ihr Leben zu enden, das ihnen zur Qual ward; in demselben Augenblicke hörten beide einen Waldbach, der von einem Berge herab in ein kleines Thal floß. Du wirst ja Wasser genug haben, rief Alwino, um einen Lebensmüden aufzunehmen. Lieblicher Fluß, sagte Angela, schlage deine kalten Arme um mich, und entnimm mich der Qual. Und beide näherten sich von verschiedenen Seiten dem Bache, und setzten sich an seine Ufer nieder, jeder blickte gedankenvoll vor sich hin, und sahe nicht den andern. Als sie nun so die silberne Fluth betrachteten, ergriff sie beide der Wunsch das klare Wasser zu kosten; Angela schlug den Schleier zurück, und bückte sich mit Alwino zugleich, in der Hand etwas Wasser zu schöpfen, und als beide, über den Quell gebeugt, das Wasser tranken, sahe jeder das Bild des andern in der klaren Welle. Sie hoben die Häupter auf, und blickten mit seeligem Lächeln einander in die freundlichen Augen. Angela streckte die Hände aus, und Alwino sprang über den schmalen Fluß, sie lag in seinen Armen, und wie er den feurigsten Kuß auf ihre Lippen drückte, entfiel der Schleier ihren Schultern, und die goldnen Haare umwallten die Hüften.

Jetzt war alle Sehnsucht gestillt, Ruhe wohnte in ihren Busen, und die Stimmen der Geister, die in den Bäumen schwebten, wurden ihnen verständlich. Ihr habt von der Quelle der Liebe getrunken, rauschte es in allen Zweigen, Ruhe und Seeligkeit wird nun immer in eurem Busen wohnen; glückliche Sterbliche! kehret heim: Dies ist die Quelle der Liebe.

Letzte Änderung der Seite: 27. 03. 2017 - 22:03