EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Wunderlieder und Träume

Belinde

Belinde stand in ihrem einsamen Gemach, und schaute hinunter in den blühenden Garten. Lebe wohl, sagte sie mit Thränen, du Schauplatz meines Glücks, lebt wohl, ihr rauschenden Bäume, die ihr mich und den Geliebten oft in eurem dunkeln Schatten vor den spähenden Augen verbarget! Lebt wohl, ihr süßen Blumen, spendet keine Gerüche mehr, haucht euren balsamischen Athem nicht mehr vergeblich in die Lüfte! Die Liebe, welche verstand, was ihr mit euren Farben, mit euren Düften meintet, sie muß euch verlassen. Hinweg wird man mich reißen von allen meinen Freuden, und ich werde einsam verblühn.

So klagte sie laut, und es trat ein Diener herein, er reichte ihr ein schlechtes Gewand, und sagte mit traurigen Blicken: In diese grobe Tücher sollt ihr, edles Fräulein, eure zarten Glieder hüllen, so will es euer strenger Vater. Lächelnd nahm Belinde die Kleider und legte sie an; bald darauf erschien ihr Vater und befahl ihr, ihm zu folgen.

Laßt mich die Mutter nur noch einmal umarmen, sagte Belinde, daß ich ihren Segen mit mir hinweg nehme.

Schweig! rief der Vater, nimmer sollst du sie wieder sehen. Die Thörin! sie begünstigte deine Wahl, so büße sie denn auch mit dir. Ihr kennt den Jüngling nicht, den ihr verwerft, sagte Belinde. Er ist meines Feindes Sohn, rief der Vater, das ist mir genug, ihn zu verwerfen; du widersetzest dich, dem Manne die Hand zu reichen, den ich für dich erwählt habe, das genügt mir, dich zu bestrafen; du sollst deinen Ungehorsam, von meinem Angesicht verbannt, mit tausend Thränen büßen. Belinde mußte ihrem Vater folgen, er befahl ihr, ein Roß zu besteigen, und er selbst und einige Diener begleiteten sie. Stillschweigend ritten alle, der Vater war erzürnt, die Diener betrübt, daß sie ihr Fräulein so verstoßen sahen. Sie war ihnen so oft tröstend erschienen, wenn der strenge Herr zu harte Befehle gab, sie hatte jede Strafe gemildert, jede Belohnung erhöht, denn sie war bis jetzt des Vaters Liebling gewesen, und hatte ihn oft versöhnt, wenn er im Zorn entbrannte, diesen Zorn hatte sie nun gegen sich selbst gereizt, und so mußte sie ihn in seiner ganzen Schrecklichkeit empfinden.

Belinde hielt ihre Thränen nicht zurück, als sie das Schloß ihres Vaters aus den Augen verlohr. Fernando, du Geliebter! sprach sie leise, ach auf ewig bist du meinen Blicken entzogen, vergebens werde ich meine Arme nach dir ausstrecken, vergebens wird der Strom der Liebe durch mein Herz fließen, meine heißen Thränen, sie werden dich nicht zu mir herziehn. Ach du weißt nicht einmal, wo deine unglückliche Belinde einsam trauert! O ihr mitleidigen Winde, bringt ihm Kunde von mir! ihr Bäume verrathet ihm mit eurem Rauschen den Weg, den wir gezogen sind, ihr Vögel zieht vor ihm her, und leitet seine Schritte mir nach. Ach nur einmal noch, gütiges Schicksal, laß ihn mich an mein Herz drücken, nur Abschied laß mich von ihm nehmen, nur ihm sagen: vergiß mich nicht! damit er wisse, daß mein Leben mit seiner Liebe enden muß.

Den ganzen Tag waren sie ohne zu rasten fortgezogen; Belinde war ermattet, und ihr Vater mußte erlauben, daß man bei einer nahen Quelle still hielt. Belinde näherte sich der Quelle, um mit einigen Tropfen Wassers sich zu erquicken. Wie sie sich über die Quelle bog, um das Wasser mit der Hand zu schöpfen, sahe sie das Gesicht eines schönen Mädchens im Wasser, das ihr freundlich zuwinkte, und leise zu ihr sagte: Sey nur getrost, ich stehe dir bei. Belinde erschrack nicht über den Anblick, und die Worte, die sie vernahm, trösteten sie. Sie bestieg muthig ihr Pferd, ihr Auge war heiter geworden, und sie zogen weiter. Man erreichte einen Wald, hinter dessen Bäumen die Zinnen einer Burg sichtbar wurden, die auf einem Berge lag. Laßt uns hier noch einen Augenblick rasten, sagte der Graf, wir sind bald am Ziel unserer Reise. Die Diener konnten ihren Thränen nicht Einhalt thun, daß sie sich nun so bald von ihrem Fräulein trennen sollten, auch Belindens Herz bangte. Sie setzte sich in einiger Entfernung von ihrem Vater, und lehnte sich an eine Grotte, die mit wilden Blumen ganz umwachsen war. Wenn du dich jetzt noch mir zu gehorchen entschließest, redete der Graf seine Tochter an, so will ich meine Liebe den Zorn über deinen Ungehorsam besiegen lassen, und dir deine Thorheit verzeihen. Gelobe dem Ritter deine Hand zu reichen, und du kehrest mit mir in mein Schloß zurück. Die Diener knieten zu Belindens Füßen nieder. und flehten sie an, ihres Vaters Wünschen zu gehorchen. Da hörte sie hinter sich eine Stimme: Sey getrost, ich stehe dir bei. Sie blickte nach der Grotte, und sahe einen Mann, der mit Fellen bekleidet war, und ihr freundlich zuwinkte. Sein Anblick gab ihr Muth. Verzeiht, mein Vater! sagte sie: mein Herz hat gewählt, und kann nun seine Wahl nicht wieder verläugnen, geschehe mir auch, was da wolle, ja wenn ich mich selber dem Tode bieten müßte, so würde ich es freudig thun, und der Gedanke an ihn würde machen, daß ich mein Schicksal muthig ertrüge.

Der Graf gerieth über die Rede seiner Tochter von neuem in Wuth. Nein, nicht sterben, rief er, sollst du! viel härtere Plagen giebt es, als den Tod. Du in Freude und Ueberfluß erzogen, deren Befehlen sich viele Diener neigten, du sollst nun die ganze Schmach der Dienstbarkeit erfahren. Fort und bindet sie! rief er den Dienern zu, wie eine Verbrecherin will ich sie überliefern! Die Diener zögerten, diesen grausamen Befehl zu vollziehen, da riß der Graf sein breites Schwerdt von der Seite, und drohte den, welcher sich widersetzen würde, nieder zu hauen. Zitternd näherten sich die Diener Belinden, welche die zarten Hände lächelnd hinreichte, und sie fesseln ließ. Der Graf befahl, sie wieder auf ihr Pferd zu heben, und den Zug fortzusetzen. Weinend und lächelnd saß Belinde und betrachtete ihre gefesselten Hände. Von Zorn glühend ritt der Graf neben ihr, und von Kummer ganz gebeugt folgten die Diener. Sie hatten schon beinahe das Ende des Waldes erreicht, als ihnen eine Alte entgegen kam, die mit Mühe an einem Stabe ging, sie trug einen großen schwarzen Schleier, den sie vom Gesicht zurückgeworfen hatte, so daß er ihr nachschleppte; in ihren Armen hatte sie ein Bündel von Kräutern und Blumen. Sie drohte dem Grafen mit ihrem Stabe und näherte sich Belinden, der sie eine Blume reichte. Sie winkte ihr, sich zu ihr niederzubücken, und steckte sie Belinden selbst an die Brust. Der Graf war bestürzt und wagte es nicht, sich dem Thun der Alten zu widersetzen, die sich sogleich wieder in den Wald begab. Unaufgehalten zogen nun die Reisenden weiter, und kamen bald an die Burg. Ein alter Ritter kam ihnen entgegen. Hier bringe ich euch eine Dienerin, sagte der Graf, übergebt sie eurer Hausfrau, und ich will, daß sie sie mit aller Strenge behandle. Der Ritter sahe Belinden mitleidig an, und hieß ihr ihm zu folgen; schweigend gehorchte sie, und stieg die hohen Stufen hinauf zu einem finstern Gemach,  der Ritter öffnete die Thür, und Belinde entsetzte sich vor dem Anblick einer Alten, die mit funkelnden Augen und grauen Haaren an einem goldnen Rocken saß und spann. Hier bringe ich dir eine Dienerin, sagte der Ritter; die Alte näherte sich, nahm eine große Brille, setzte sie auf die Nase und betrachtete Belinden. Es ist mir lieb, sagte sie, ich habe Hülfe recht nöthig. Sie befahl dem Fräulein die Hände zu lösen, und hieß sie dann sich niedersetzen und spinnen. Die Alte gebot nun, was sie jeden Tag arbeiten müsse, und ließ ihr schlechte Speisen zum Abendessen reichen. Belinden vergingen so traurige Tage; wenn sie ihr Tagewerk nicht vollendet hatte, schmählte die Alte, und ließ ihr keine Speise reichen, und gewährte ihr kein Nachtlager, aber der Gedanke an ihren Geliebten tröstete sie, sie war stolz darauf, daß sie alles um ihn erdulde. Einst stand sie an dem kleinen Fenster, das mit engen Gittern verschlossen war, und hörte ferne Vögel singen, sie erblickte die Blume, die ihr die alte Frau gegeben hatte, und verwunderte sich, daß sie nach so vielen Tagen noch so frisch blühte, als ob sie erst vom Stengel gebrochen sey. Seltsam dünkte ihr die Gestalt der Blume, die Farben waren hellglänzend, und Belinde gedachte dabei wieder des Mädchens, welches sie an der Quelle gesehen hatte, des Mannes im Walde; sie sagte: Ihr habt mir alle zu helfen versprochen, und keiner nimmt sich meiner an! Plötzlich dehnte sich die Blume aus und wurde grösser, die Blätter erglänzten noch heller, und zeigten sich endlich ganz klar und durchsichtig. Die Blume schien in einen sanften Duft zu zerfließen, und ihre Form nur noch in den schönsten Farben zu brennen. Jetzt schloß sich der Kelch weiter auf, und das Gesicht des Mädchens, welches Belinde in der Quelle gesehen hatte, lächelte ihr aus dem Kelch der Blume entgegen. Fasse Muth, ich stehe dir bei! sagte das Mädchen mit klarer zarter Stimme, über deren Lieblichkeit Belinde erschrack, so daß sie die Blume aus der Hand fallen ließ. Als sie sie wieder aufhob, war das Gesicht des Mädchens verschwunden. Ihre Gebieterin kam und sagte: Lange genug hast du gesponnen, du sollst nun in dem Garten arbeiten, meine Blumen warten und meine Pflanzen begießen. Belinde folgte ihr, sie übernahm mit ihren zarten Händen gern die Pflanzen zu pflegen, und Unkraut aus der Erde zu ziehn, damit sie nur wieder den Himmel sähe, und das Rauschen der Bäume aus dem nahen Walde hörte. Sie mußte nun täglich im Garten arbeiten, und die übrigen Diener verhöhnten sie, daß sie es oft kaum vollbringen konnte, was ihre strenge Gebieterin ihr auftrug. Diese häufte die Arbeit für ihre Gefangene täglich, so daß es Belinde nicht mehr ertragen konnte. Da weinte sie laut und rief, indem sie die Blume betrachtete: Wenn ihr es vermögt, die ihr mir Hülfe versprochen, so flehe ich euch an, mir beizustehn. Sie erwartete nun, daß eine Stimme ihr antworten würde, aber alles blieb stumm, das Gesicht des Mädchens lächelte ihr nicht aus der Blume entgegen, die Stimme des Mannes hörte sie nirgend, aber ihre Gebieterin sahe sie kommen, die ihre Arbeit betrachtete. Belinde bemerkte, wie ihre Augen vor Wuth anfingen zu glänzen, daß sie heut noch so wenig gethan hatte; sie hörte schon die kreischende Stimme der Alten, und warf sich voll Verzweiflung auf den Boden. Ich will sterben, rief sie, und auf keine Verheißungen bauen, die mich betrügen! Sie wollte die Blume zerreißen, aber kaum hatte sie ein Blatt abgelöst, so hörte sie einen lauten Klang, als ob die Saiten eines Instruments mit Heftigkeit berührt würden, und lange nachzitterten; sie war darüber verwundert, doch plötzlich sahe sie die Alte mit ihrem schwarzen Schleier, die ihr im Walde begegnet war, eilig durch den Garten kommen. Sie bedrohte Belindens Gebieterin, die ihr entgegen ging, mit dem Stabe und eilte auf Belinden zu, die sie bei der Hand faßte, und mit sich fortführen wollte.

Wohin willst du mit meiner Magd? fragte Belindens Hausfrau, und wollte sie bei der Hand fassen, und der Alten entreißen; diese war aber sehr gewandt und schnell, sie schlug mit ihrem Stabe nach der Wüthenden, so [⇐241][242⇒] daß sie zu Boden sank, dann ging sie mit Belinden fort, die ihr stillschweigend folgte.

Als sie an das Thor des Gartens kamen, schlug die Alte mit ihrem Stabe daran, es öffnete sich von selbst, und sehr bald erreichte Belinde an der Hand ihrer Führerin den Wald.

Sie waren durch einen Theil des Waldes gegangen, und endlich in ein kleines Thal gekommen, das rings von Bergen eingeschlossen war. Ein freundliches Haus, von Bäumen beschattet, stand an einer Quelle; ein Garten mit vielen Obstbäumen und Früchten, von einem zierlichen Gitter umgeben, war dicht am Hause. In diese Wohnung führte die Alte Belinden. Als sie in den Hof traten, kam ihnen eine Heerde entgegen, die Schaafe thaten so bekannt mit Belinden, als ob sie schon immer für sie gesorgt hätte. Das Hausgeräthe war zierlich und hell polirt, und Belinde betrachtete noch alles in diesem freundlichen Hause, als die Alte schon verschwunden war. Ermüdet von dem Wege, entschlief Belinde bald auf dem reinlichen Lager, und erwachte am Morgen mit neuem Muth. Fernando! rief sie aus, ach könntest du diese glückliche Einsamkeit mit mir theilen! – Sie ging durch das Haus und besorgte alle Geschäfte, dann eilte sie nach der Quelle um Wasser zu schöpfen. Sie blickte hinein und sagte: Erschiene mir doch wieder das holde Bild, so wollte ich Muth fassen und nach Fernando fragen. Das Gesicht des Mädchens blickte ihr aus dem Wasser freundlich entgegen, und sagte mit lieblicher Stimme: Ich will dir einen Boten senden, dem gieb ein Blatt aus der Blume, er wird damit zu deinem Geliebten fliegrn, und an meinem Hochzeittage wird er bei dir seyn. Mein kleiner Vogel ist oft mein Liebesbote gewesen, als die Mutter meiner Liebe zürnte. Als das Mädchen diese Worte gesagt hatte, tauchte sie in die Wellen und verschwand. Belinde schöpfte Wasser und kehrte in ihre Wohnung zurück.

Sie war kaum hinein getreten, so hörte sie einen lieblichen Gesang am Fenster, es war ein weißer Vogel, dessen reine Federn in der Sonne glänzten, er sah Belinden mit klugen Augen an. Weißt du meinen Freund zu finden? fragte Belinde, und der Vogel neigte sein Haupt. Belinde zog ein Blatt aus der Blume, die wie sanfte Flötentöne erklang, und das stille Leid der Liebe und Sehnsucht in süßen Melodieen aussprach. Der Vogel nahm das Blatt und flog damit davon.

Belindens Sehnsucht war durch den Ton aus der Blume recht von neuem erwacht, sie sah dem Vogel nach und wünschte ihn schon wieder zurück; sehnsüchtig blickte sie in den blauen Himmel, die Berge umschlossen sie zu eng, sie wünschte sich mit dem Vogel fliegen zu können, um ihren Geliebten früher zu begrüßen. So ging sie sehnsüchtig schmachtend umher, und indem entdeckte sie in einem der Felsen eine Grotte, sie trat hinein und fand den Mann, der sie im Walde getröstet hatte, drinne ruhen. Fürchte dich nicht, schönes Mädchen, redete er sie an, ich habe dir zu helfen versprochen, dein Geliebter ist schon auf der Reise, und wenn ich mit meiner Braut verbunden werde, so wird auch er in deine Arme eilen. Als er diese Worte geredet hatte, sahe ihn Belinde nicht mehr; sie setzte sich in der Grotte nieder, und sahe alsbald den weißen Vogel durch die Luft fliegen, er eilte der Quelle zu, und tauchte sich in die silbernen Wogen. Er hat seine Reise vollbracht, rief Belinde aus, bald wird mein Fernando erscheinen, und ich werde freudig an seine Brust sinken. Sie ging wieder in die Hütte, und schaute oft in das Thal hinaus, und meinte Fernando müsse kommen, aber oft noch wurde ihre Sehnsucht getäuscht.

An einem Tage konnte sie ihre sehnsüchtigen Blicke nicht von dem Berge losmachen, sie meinte, er müsse an diesem Tage kommen; aber es wurde Abend. Heut kömmt er nicht! sagte sie seufzend, wehe mich an, du kühler Abendwind; und mit diesen Worten trat sie vor die Hütte hinaus, und setzte sich unter den Bäumen nieder. Der Mondschein ruhte auf den Bergen, und sandte seine blassen Strahlen in das Thal, und Belinde sah die Alte, welche ihr die Blume gegeben hatte, festlich geschmückt von dem Berg hernieder steigen, ein langer silberner Schleier hing von ihrem Haupte und schleppte ihr weit nach, ihr Kleid glänzte von reichen Steinen, in der Hand hielt sie einen goldnen Stab, auf welchen gestützt sie eilfertig ging. Kaum hatte sie das Thal erreicht, so zeichnete sie mit dem Stabe einen Kreis im Grase, und bunte Flammen kamen aus dem Boden hervor, und brannten im Kreise. Als die Alte dies Geschäft vollbracht hatte fing die Quelle zu rauschen an, die Wellen hoben sich hoch empor, und das Mädchen schwamm darauf, dessen Gesicht Belinden oft tröstend entgegen gelächelt hatte, ein grüner Kranz umschloß ihre goldnen Locken, ein weißes Gewand schmiegte sich um die zarten Glieder. Sie entstieg dem Wasser, und nahte sich der Alten, welche sie auf die Stirn küßte. Viele Mädchen waren noch aus dem Wasser gekommen, die Alte ward ehrerbietig von ihnen begrüßt. Nun that sich auch der Berg auf, und man konnte weit hinein sehen, daß er in seiner Tiefe prächtige Gemächer enthielt; der Mann trat heraus, mit vielen Kränzen und kostbaren Fellen geschmückt. Die Alte legte die Hand des Mädchens in die seinige, viele Jünglinge waren ihm gefolgt und ergriffen die Mädchen, mit denen sie lustig zwischen den bunten Flammen tanzten. Belinde betrachtete dies alles mit Verwunderung, und war so in Erstaunen verloren, daß sie nicht bemerkt hatte, wie sich ihr ein Mann näherte; sie erschrack heftig, als sie sich von einer wohlbekannten Stimme so anreden hörte:

Wollt ihr einen müden Wanderer nicht in eurem freundlichen Hause beherbergen? Belinde stand auf, betrachtete ihn und wollte doch ihren Augen nicht trauen. Fernando! rief sie entzückt, bist du es, geliebter Fernando? – Er erkannte ihre Stimme und rief, indem er sie in seine Arme drückte: Meine Belinde! welch ein Gott giebt dich mir zurück? Beide sprachen nichts weiter, sondern schauten sich in die Augen, küßten ihre Lippen und weinten vor Wonne und Schmerz. Habe ich dich so lange entbehren müssen? sagte endlich Fernando. Die finstern Tage liegen hinter mir, wie ein schwerer Traum, ich habe dich nun wieder, und nichts soll uns mehr scheiden. Belinde führte ihn in ihr Haus. er sah es mit Entzücken. In dieser glücklichen Abgeschiedenheit von der Welt, sagte er, laß uns unserer Liebe genießen, und uns niemals nach jenen thörichten Freuden zurücksehnen.

Jeder fragte nun den Andern, wie er seine Abwesenheit ertragen habe, und wenn einer sprechen wollte, so küßte der andere die Worte von seinen Lippen. Unter solchen süßen Tändeleien war es Nacht geworden, und die Dunkelheit schloß sie inniger und vertraulicher an einander. Als der Morgen herauf dämmerte erwachte Belinde als Fernando's Weib.

Nun besorgten beide gemeinschaftlich die Geschäfte der kleinen Haushaltung, Fernando vertauschte seinen reichen Mantel und seine prächtige Kleidung mit einer leichten Hirtentracht, Belinde war die Wirthin des Hauses, und beide verlebten so die seligsten Tage. Oft sahen sie im Mondenscheine ihren Freund mit seiner schönen Freundin sich im Thale ergötzen, die Mädchen und die Jünglinge tanzten umher, und Fernando und Belinde wurden mit diesen Erscheinungen so bekannt, daß ihr Anblick sie nicht mehr in Verwunderung setzte. Glückliche Tage, Wochen und Monden waren ihnen ungezählt verflossen, als Belinde fühlte, daß die Zeit nahe sey, wo noch ein dritter Hausgenoß ihre Freude theilen würde; sie empfand, daß sie Hülfe bedürfe, und zog ein Blatt aus der Blume. Ein lauter Klang zitterte durch die Luft, und die Alte mit ihrem schwarzen Schleier stieg an ihrem Stabe eilig den Berg hernieder. Sie stand der geängsteten Belinde bei, und gab bald der erfreuten Mutter ein schönes Kind in die Arme. Belinde betrachtete den holdseligen Knaben, und reichte ihn lächelnd Fernando entgegen, der so eben in die Hütte trat.

Ihr Glück war nun noch vermehrt, der Knabe wurde immer schöner und wuchs täglich heran, die Eltern freuten sich über sein Gedeihen. Er lernte bald gehen, und spielte fröhlich mit den Schaafen im Grase vor der Hütte. Fernando und Belinde ließen ihn oft mit diesen frommen Thieren allein, und fanden ihn jedesmal wieder, ohne daß ihm ein Unfall begegnet wäre. Eines Abends kamen sie aus dem Garten zu ihrer Hütte zurück, und fanden den kleinen nicht, sie riefen seinen Namen, doch nur der Wiederhall rief ihn zurück, und ihr Sohn kam nicht. Sie stiegen auf die Berge, aber es wurde dunkel, und sie konnten ihn nirgends erspähen. Trostlos kehrten sie in ihre Hütte zurück, und benetzten ihr Lager mit Thränen, kein wohlthätiger Schlummer schloß ihre Augen. Am Morgen zog Belinde das letzte Blatt aus der Blume, die Alte kam von den Bergen herunter, Belinde fiel vor ihr nieder auf die Knie und rief: Kröne alle deine Wohlthaten durch die höchste, und gieb mir meinen Sohn wieder. Suche ihn jenseits der Berge, sagte die Alte und verschwand. Fernando und Belinde eilten fort, ihren Sohn zu suchen, beide erwählten einen verschiednen Weg, und schieden unter vielen Thränen von einander.

Verschiedne Tage waren sie den Wald durchzogen, nirgend aber fanden sie eine Spur von Menschen. Trostlos jammerten beide, als sie am vierten Tage die Hütte eines Einsiedlers auf einem Felsen erblickten; sie erstiegen beide den Felsen, um bei dem Einsiedler zu ruhn, und ihm ihr Leiden zu klagen, damit er sie in sein Gebet schließen möchte, sie hatten den Felsen er klimmt, und trafen bei der Thür der Hütte zusammen. Die Thränen entflossen ihnen, als sie sich erblickten, und jeder seine Hoffnung getäuscht fand, daß der andere vielleicht den lieben Sohn gefunden habe. Sie traten in die Hütte, und erblickten an dem steinernen Tisch einen jungen Mann, in das Gewand eines Eremiten gehüllt, ihm gegenüber saß eine junge Frau, eben so gekleidet, und sahe den Eintretenden mit schalkhaftem Lächeln entgegen. Der feierliche Ernst, womit die Reisenden den Einsiedler begrüßen wollten, mußte sich verlieren, als sie ihn nicht einsam fanden. Seyd mir gegrüßt, redete der junge Mann sie an, wollt ihr unsere Mahlzeit theilen, so seyd uns dazu willkommen, doch ein bequemes Lager zum Ausruhen kann ich euch nicht bieten, denn seht, dies hat schon ein anderer Mann eingenommen. Fernando und Belinde sahen hin. und erblickten ein Lager von weichen Fellen, worauf ein Mann lag, der sein Gesicht in einen reichen Mantel gehüllt hatte. Als Be. linde die Felle betrachtete, aus denen das Lager bereitet war, erinnerte sie sich plötzlich an das Gesicht des Einsiedlers, sie sahe ihn noch einmal an, und erkannte den Mann, der in der Grotte wohnte; die Frau war dasselbe Mädchen, die ihr aus den Quellen entgegen lachte. Belinde näherte sich ihnen und sagte: Ja ihr seyd es, gütige Wesen, die ihr mir helft und mich beschützt. Du hättest uns früher erkennen sollen, sagte der Einsiedler; siehe, wir haben für dein Wohl gesorgt, und dir diesen Mann versöhnt. Er trat zu dem Lager, hob den Mantel von dem Gesichte des Schlafenden, und Belinde erkannte ihren Vater. Er wollte, fuhr der Einsiedler fort, zu der Burg hin und sehen, ob die alte Zauberin, die dort wohnt, dich genugsam quälte; er wurde im Walde von Räubern überfallen, seine Diener flohen, und er blieb verwundet liegen. Wir nahmen ihn in diese Hütte, und seine harten Wunden und unsere sanften Worte haben sein Gemüth erweicht. Wir haben ihm eure Liebe und eure Verbindung vertraut, und er wünscht euch nur zu finden, um euch zu verzeihen. Belinde kniete neben ihrem Vater nieder und küßte seine Hand. Der Graf erwachte und sah seine weinende Tochter. Weine nicht, mein Kind, rief er aus, komm an meine Brust, von nun an sollt ihr alle glücklich seyn! Ach mein Vater! sagte Belinde, nie wird mir wieder die Freude lächeln, ich habe meinen Sohn verloren. Geht nur auf jener Seite den Berg hinunter, sagte der Einsiedler lächelnd, da werdet ihr ihn in guter Gesellschaft finden. Sie stiegen alle den Berg hinab, auf der Seite, die ihnen der Einsiedler zeigte, und wie erstaunten Fernando und Belinde, als sie sich in dem Thale sahen, in welchem ihre Hütte stand. Auf dem Rasen spielte ihr kleiner Sohn mit einem andern, der den ihrigen noch an Schönheit übertraf, die Alte aus dem Walde gab auf die Kinder Acht.

Belinde drückte ihren Sohn mit Entzücken an ihre Brust, der Graf weinte vor Freuden, daß er in diesem schönen Knaben seinen Enkel sah. Das fremde Kind näherte sich Belindens Sohn und sagte: Meine Eltern lieben die deinigen, laß uns auch in steter Freundschaft leben, und zum Zeichen meiner Liebe gebe ich dir diese Blume, die mich in aller Noth zu dir ruft. Er reichte dem Kleinen eben solch eine Blume, wie Belinde von der Alten erhalten hatte, und die Alte, der Einsiedler, das Kind und die Mutter waren verschwunden. Belinde lud ihren Vater für diese Nacht in ihre kleine Hütte, und am Morgen zogen sie alle fröhlich nach des Grafen Schloß, wo die Mutter Belinden und ihren Sohn mit Freudenthränen empfing.

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