EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Flore und Blanscheflur

Ein episches Gedicht in zwölf Gesängen.

Zweiter Gesang.

Ein wenig schwieg der rosenrothe Mund
Der Herz und Ohr von allen hielt gefangen,
Sie schaut die Blumen an, die auf dem Grund
In allen Farben aus dem Grün erprangen.
Ein Ritter sprach: thut uns noch ferner kund
Wie Leid und Weh das Liebesglück bezwangen,
Daß wir nicht thörigt bess're Hoffnung wagen,
Und männlich hemmen eig'ne Liebesklagen.

Es schaut die Frau ihn an; ein lieblich Lachen
Schwebt um den Mund, und freundlich spricht die Süße:
Die Blumen, welche Sehnsucht uns anfachen,
Die ich mit Herzen, wie mit Augen grüße,
Sie können euch die Liebe deutlich machen.
Und auch die klaren hellen Wasserflüsse,
Die scherzend hin durch bunte Blumen springen,
In jedem Ton hört ihr die Liebe klingen.

Der Ritter sprach: als sich auf Blumenau'n
Der Ritter von Provenze muß vertiefen,
Die ihm das Bild von seiner holden Frau'n
Mit Düften, Farben vor die Seele riefen,
Daß seine Augen Thränen niederthau'n,
Aufsteigen Seufzer aus des Herzens Tiefen,
Da brachten Blumen selbst der Minne Schaden,
Durch ihre Schuld ward er mit Noth beladen.

Und als die Wasser willig sind zu tragen
Hinweg sein Schifflein mit gelindem Rauschen,
Wind, Blum' und Wasser keine Kund' ihm sagen,
Und er sein Glück mit Elend muß vertauschen,
Einsam verbleiben mit den Liebesklagen,
Wollte Verrath nicht in den Blumen lauschen?
Und in dem Winde der die Seegel rührt?
Im Wasser das sein Glück und Heil entführt?

Arm blieb der Graf und einsam an dem Strande,
Sein Schatz war mit dem Schiff hinweggeschwommen,
Doch führt es Wind und Wasser zu dem Lande
Wohin Mag'lone früher war gekommen;
So sprach die Frau: dort in des Herzens Brande
Sucht Kühlung die im Leben einer Frommen.
Die Schiffer legten als andächt'ge Gabe
In ihre Hand des Grafen reiche Habe.

Gott herrlich einen Tempel zu begründen
Wird dann das Gold von ihrer Hand verwendet,
Krank muß der Graf, und arm die Wege finden
Zu selbem Hause wo sein Leid sich endet!
Als sie vom Haupte lößt des Schleiers Binden,
Da wird sein trübes Loos in Glück gewendet,
Die goldnen Haare fließen von dem Haupt
Der Frommen, die als Fürstin er geraubt.

So endet Liebe Leiden stets und Klagen,
Glückseelig wer der Minne Dienst erkohren,
Drum dürfen auch die Kindlein nicht verzagen,
Wähnen sie auch der Minne Huld verloren,
Bald wird aus Leiden und aus bangen Klagen,
Den Schönen höchste Seeligkeit geboren.
Schmuck sind die Thränen ausgepreßt vom Leide,
So ist der Thau der Blümelein Geschmeide.

Die Minne zwang schon ihre Kindesherzen,
Zusammen neigt sie stets die kleinen Süßen;
Ihr Tändeln, Lachen, all' ihr Spielen, Scherzen,
Ist nur der Liebe zärtlich holdes Grüßen;
Getrennt müssen mit Weinen, und mit Schmerzen
Die zarten Kinder die Entfernung büßen;
Zu jung erkannten sie nicht ihr Gebot
Und fühlten doch der Minne sehnende Noth.

Die Kinder wuchsen in der Liebe Pflegen,
Wie Blumen die im Sonnenglanz entsprossen,
Die milde Frühlingslüfte lieblich hegen,
Und Farb' und Duft sich um sie her ergossen,
Bis sie die Blätter auseinander legen.
Wie Rosen, die den Morgenthau genossen,
Wie Lilien, die sich auf zum Licht geschwungen:
So waren sie von Schönheitsglanz durchdrungen.

Sie waren so fünf Jahre alt geworden,
Da sprach der König: Kind, du bist mein Blut,
Und zierest einst wie ich den Ritterorden,
Dein Müßiggehn ist dir nicht länger gut,
Unwissend bleibst du sonst gleich rohen Horden,
Drum geb' ich dich in eines Meisters Hut,
Ihn sollst du stets in allen Dingen ehren
Er soll dir Weisheit aus den Büchern lehren.

Als Flore diese Rede hat vernommen,
Da wurden seine lichten Augen naß,
Er seufzte schwer, so war sein Herz beklommen
Und weinend sprach er: trägst du mir nicht Haß,
Ist deine Gnade je zu mir gekommen,
Dann thu', wie ich dich Vater bitte, laß
Von mir nicht seyn getrennet Blanscheflur
Mit ihr glaub' ich, lern' ich die Bücher nur.

Denn, sprach der Klare sollt' ich sie vermeiden,
So hört ich nimmer was der Meister spricht,
Und muß dann immer Furcht und Strafe leiden,
Seh' ich die liebliche Gespielin nicht. —
Der Vater sprach: von allem Kummer scheiden
Will ich dich gern, erheitere dein Gesicht,
Wie groß dein Eifer werd' ich nunmehr sehen,
Sie mag denn also mit zur Schule gehen.

Der zarte Flore und sein hold Gespiel,
Da sie zusammen in die Schule gingen,
Hatten der Freuden und der Wonne viel,
Wenn sie sich freundlich bey den Händen fingen,
Da war zu ferne ihnen nie kein Ziel,
Wie leichte muß es ihrem Fleiß gelingen,
Sie sprachen beide: sieh wie ich so gerne
Im süßen Spiel mit dir wetteifernd lerne.

Drum waren nimmer Kinder unterwiesen
In allen Wissenschaften also gut,
Die Liebe selber war es, welche diesen
So hoch gestellt, so wonniglich den Muth,
Daß sie den Lehren solchen Fleiß bewiesen,
Es zwang dazu sie ihrer Herzen Glut.
Ihr Alter war viel kleiner als die Sinne,
Denn die beherrscht lieblich Sehnsucht der Minne.

Dieses bewiesen sie in jeder Stunde
Mit ihrer leichten Augen süßem Blicken,
Mit Worten aus dem wohl redenden Munde,
Wenn sie die Händ' einander innig drücken,
Sie geben sich von ihrer Liebe Kunde
Mit Seufzern, die sie aus dem Herzen schicken.
Die Herzen schlugen unter ihren Brüsten,
Wenn sich die rothen Lippen zärtlich küßten

Sie wußten nicht, daß sie im Dienst der Minne
In allen ihren Jahren stets gewesen,
Da wurde erst das Lernen zum Gewinne
Als sie in Büchern von der Minne lesen,
Wie die mit Sehnen quälet Herz und Sinne,
Von deren Wunden keiner noch genesen,
Wie sie mit Leid oft will die Seele kränken,
Und bald das Herz mit Himmelsfreuden tränken.

Davon ward ihr Gemüth erst recht erhoben
Und all' ihr Sinn auf Bücher hingerichtet,
Sie lasen stets, was von der Liebe Proben
Die größten Meister immer nur gedichtet,
So daß der Lehrer ihren Fleiß muß loben
Und dieses Lob dem Könige berichtet,
So kam's, daß bald die Worte vor den Leuten
Sie konnten im Lateinischen bedeuten.

Vernehmt nun ferner was die Holden thaten,
Als sie erfahren was ihr Herz bezwang,
Wann sie gelernt, wie freundlich sie dann baten,
Daß gleich hinaus ins Freie sey ihr Gang
Zu einem Platz, gar lieblich wohl berathen
Mit Blumen, Bäumen und mit Vogelsang,
Von milder Luft durchwehet stand ein Garten,
Da sieht man jeden Tag die holden Zarten.

Da setzten sie sich hin auf grünen Rasen,
Der war mit Blumen farbig überblüht,
Von milder Luft die Bäume angeblasen,
Durch die kein scharfer Strahl der Sonne glüht,
Daß alle Herzen wohl vom Weh genasen,
Und mild in jeder Brust die Freude blüht,
So lieblich tönte hier der Vögel Singen,
Man hörte sie von tausend Zweigen klingen.

Da sprach Flore: Ach, holde Blanscheflur! —
Und unterbrach die Rede doch mit Küssen;
Sie sah ihn an, und seufzte leise nur,
Es müssen ihn die Augen zärtlich grüßen,
Sie brachen Blumen von der grünen Flur:
Die mußten nun den Schmerz der Sehnsucht büßen.
Sie wußten nicht von welcher süßen Wunde
Sie redeten mit rosenfarbnem Munde.

Und Flore sprach: mit Gnade Königinne,
Wie kommt es doch, daß so mit ganzer Treu
Mein junges Herz beherrscht die Noth der Minne,
Daß jeden Tag mir eure Liebe neu,
Und ich nur darauf immer denk' und sinne
Wie ich nicht fern von euren Augen sey?
So mag die Mutter wohl ihr Kindlein lieben,
Doch inn'ger noch werd' ich zu euch getrieben.

Und Blanscheflur muß ihm so Antwort geben:
Ja Flore, du mein lieber süßer Freund,
Ich möchte wohl nicht einen Tag so leben,
Daß mir kein Blick aus deinen Augen scheint,
Gehst du nur von mir, ist es als entschweben
Die Wonnen all', als sey die Welt mir feind,
Drum lieb ich, so wie du, und Gott nur weiß,
Hat meine Liebe nicht noch höhern Preis.

Ich bin ein Kind, und thu mir oft die Frage,
Warum ich Kummer leide jede Stunde,
Den ich, mein Freund, von deinen Schulden trage,
Du bringst ja in mein Herz die süße Wunde,
Du rufst hervor die liebe holde Plage
Mit einem Kuß von deinem rothen Munde;
Doch küssest du mich also sanft und süße,
Drum denk' ich, ohne Kuß ich sterben müsse.

Ja und noch mehr muß ich darnach mich sehnen,
Als je ein Kind nach seiner Mutter Brust. —
Aus ihren Augen fielen helle Thränen,
Die gaben Floren beides Schmerz und Lust:
Er drückt sie an sein Herz in süßem Wähnen
Kaum seiner, sie kaum ihrer sich bewußt,
So war ihr Herz in starker Minne Bangen
In Kindesjugend lieblich doch befangen.

Nun höret, wie sie ihre Zeit vertrieben,
Wann sie nicht konnten bei einander seyn,
Sie dann mit ihren goldnen Griffeln schrieben
Auf Täfelein von weißem Elfenbein.
Der König zeigte, wie er mochte lieben
Die Kinder, die in seiner Gnade Schein
Aufwuchsen, er hieß selber ihnen geben
Die Kleinod', freudig sollten beide leben.

Von Blumen schrieben sie, wie die entspringen,
Von Bächen, wie sie hin durch Wälder rauschen,
Von Vögeln, die in grünen Zweigen singen,
Daß Laub und Gras den süßen Tönen lauschen,
Von Sonnenstralen. die durch Bäume dringen,
Daß die ihr Grün um leuchtend Gold vertauschen;
So ist Bach, Wald, Blum', Vogel ihr Gedicht,
Wie Klang, Ton, Rauschen, Singen Liebe spricht.

So stand ihr Leben in der Freude trunken,
Es hatte hoch das Glücke sie erhoben,
Es barg ihr Auge nicht der Liebe Funken:
Da fingen Neid und Mißgunst an zu toben,
Und all' ihr Glück war leider bald versunken.
Ach, alle, die den Dienst der Minne loben,
Verbergen sollten sie das süße Band!
Das ward an Flor' und Blanscheflur erkannt.

Zwey Kinder waren sie einfältiglich,
Drum sandten sich die Augen holde Grüße
In lieber Unschuld, die den Engeln glich,
Man sahe wie sie spielten um die Küsse,
Zum neuen Kuß er nur den Lippen wich,
Daß er sein Glück in kurzer Trennung büße:
Da rangen nun die Diener nach Gewinne,
Verriethen roh der zarten Kinder Minne.

Auch sah' es nun der König selber klar,
Daß zärtlich liebend beider Herz entbrannt,
Im wilden Grimm betrachtend die Gefahr,
Die seinem Stolz droht, dieser Minne Band;
Bereut im Zorn er, wie so manches Jahr
Dem Mägdlein sanft in seiner Huld verschwand.
Gesteigert wird sein flammender Verdruß,
Durch jedes Wort, durch jeden linden Kuß.

Er ging zum Saal, wo er die Kön'gin fand,
Ihr wollt' er seiner Seele Kummer klagen,
Er nahm die Fraue heftig bey der Hand, —
Vor wildem Zorn konnt' er nicht Worte sagen;
Die bange Fürstin hätte gern erkannt
Die Leiden, die das stolze Herz ihm nagen.
Er winkt, die Diener gehn; als sie allein
Beginnt er schnell von seiner Wuth und Pein.

O, Gnade, Frau, o helft und rathet mir!
Ich muß vor euch in bangem Kummer stehen,
Der Krone Ehre, unsre höchste Zier
Muß ich beinahe schon verloren sehen,
Euch trift das Leid, wie mich, erfahret ihr
Was mir erregt den Grimm, die Herzenswehen:
An Blanscheflur ist unser Sohn gebannt
Die Liebe bringet Schmach auf unser Land.

Und irrig seyd ihr, wenn ihr immer glaubt,
Daß er zur Eh' je eine andre werbe,
Denn beide sind der Sinne schier beraubt,
Darum ist besser, daß die eine sterbe,
Und Blanscheflur verliere gleich ihr Haupt
Eh' unsers Sohnes Ehre ganz verderbe.
Liebste der weisen Weiber, gebet Rath
Ob ich beschleunigen soll diese That?

Es sprach die Königin: ach, Liebster, nein,
Bewahret euch vor dieser großen Schande,
Laßt milde Weisheit euren Führer seyn
Und legt den grimmen Zorn in enge Bande,
Wir finden dann wohl Rath für unsre Pein,
Damit man nicht in unserm weiten Lande
Mit frechem Mund mag also von euch sagen:
Der König hat ein schuldlos Kind erschlagen.

Drum, theurer König, höret meinen Rath,
Zu tödten sind noch dieser Reigung Keime,
Wir selber streuten aus die schlimme Saat,
Mitsammen lasen sie die Liebesreime,
Sie trennen nun sey unsre nächste That,
Dann löschen aus in unserm Sohn die Träume;
So sprach die Königin noch manches Wort,
Bis sie gewendet Blanscheflurens Mord.

Der König alsbald von der Fürstin schied,
Und was sie wollte wurde gleich gethan,
Krank war der Meister, wie die Frau es rieth
Der doch von Schmerzen keine Pein gewann,
Von Lust und Liebe schrieben manches Lied
Die, deren herbes Leiden schon begann;
Des dritten Tages Ende war gekommen,
Da hieß der König Flore zu sich kommen.

Der Vater that dem Sohn den Willen kund,
Wie für sein Wohl es möge nöthig seyn,
Daß er hin nach Montmore geh' zur Stund;
Da faßt den armen Flore grimme Pein,
Zum Reden will er zwingen seinen Mund,
Doch kann er nichts als nur voll Jammer schrein,
Die Thränen stürzen auf den Boden hin
Voll Mitleid seufzt die schöne Königin.

Doch endlich, sprach er: wollt ihr Gnade haben,
Mein theurer Vater, sendet mit mir die,
An deren Blick sich meine Augen laben,
Denn glaubt ich sterbe wahrlich ohne sie.
Der König sprach zu dem betrübten Knaben:
Willst du, daß sie von ihrer Mutter zieh,
Die krank darnieder liegt an schweren Peinen?
Soll die verlassen um die Tochter weinen?

Auf denn, mein Sohn, und trockne deine Thränen,
Kann nur vom Weh die Mutter erst gesunden,
Sollst du dich nach der Freundin nicht mehr sehnen,
Ich sende sie dir nach in kurzen Stunden,
Und wie ich bey mir selber wohl kann wähnen,
So ist wohl kaum der zehnte Tag verschwunden,
So folget nach Montmore deiner Spur
Die liebe Freundin, deine Blanscheflur.

Flore muß gehn, darf keine Antwort wagen,
Obwohl sein Zürnen und sein Jammer groß,
Er will zu ihr, erregen ihre Klagen,
Daß sie wie er nun werde freudenlos,
Da sieht er sie, wie muß sein Herz verzagen,
Das sonst beym Anblick Seeligkeit genoß.
Heut wird es schwach, die Glieder ohne Macht;
So sinkt er hin wie in des Grabes Nacht.

Erschrecken faßt die arme Blanscheflur,
Sie eilt zu ihm, sie drückt ihn an ihr Herz;
Geliebter Flore, ach! ein Zeichen nur
Von Leben gieb, o du mein eigen Herz!
O wehe mir unsel'gen Creatur!
Woran stirbst du? an welchem herben Schmerz?
Von ihrer Stimme ward sein Herz getroffen,
Er seufzt, es stehn die Augen wieder offen.

Sie fährt nun fort mit lieblich lindem Kosen,
Sie küßt ihn oft, doch bleibt die Trauer gleich:
Es blühten deine Wangen sonst wie Rosen
Von meinem Kuß, wie bist du jetzt so bleich?
So spricht sie traurig zu dem Hoffnungslosen:
Ach, lieber Flore, nur nicht länger schweig!
Wie muß ich doch so groß den Kummer finden,
Daß er vor Wort und Kuß nicht will verschwinden?

Du sprichst noch nicht; mein Herz ist auch voll Gram,
Der mir gesendet diese Nacht im Traume;
Zwey Tauben sah ich, lieblich, weiß und zahm,
Die nisteten auf einem grünen Baume,
Ich sah sie fliegen, und ein jedes kam
Und trug zum Nest, das sie im engen Raume
So lieblich wirkten, zärtlich sich gewogen:
Da kam ein grimmer Habicht her geflogen.

Er will das Taubenpaar in Gier verderben,
Weil liebend er sein eignes Junges hegt,
Die zarten Weißen wollen doch nicht sterben,
Drum wird zum Flug das Flügelein geregt,
Ich sah in heft'ger Eil den Habicht werben,
Von seinem Fittig war die Luft bewegt,
So lange folgt er nach den armen beiden,
Bis sie in Aengsten von einander scheiden.

Getroffen war im Innern mein Gemüthe,
Und dieser Traum gab Kummer mir, und Pein,
Wär' nicht der Meister krank, durch seine Güte
Sagt er uns gern, was dies Gesicht soll seyn,
Mich freut im Garten heute keine Blüthe,
Nun hab' ich auch erblichen noch den Schein
Von deinen holden Wangen sehen müssen,
Den nicht zurücke meine Lippen küssen.

Ach liebe Frau, du holdeste Freundinne,
Des Traumes Meinung kann ich deuten dir,
Die beiden Tauben, die sind unsre Minne,
Sie wohnt in deinem Herzen wie in mir,
Ich fürchte jetzt, daß sie in Schmerz entrinne
Durch eines grimmen Habichts wilde Gier. —
So hob nun Flore an sein Leid zu sagen,
Doch Thränen hemmten oft des Kindes Klagen.

Dem Vater, fürcht' ich, ist die Minne leid
Die unser Herz treu hegt in jeder Stunde,
Drum sendet er von deinem Blick mich weit
Wo mich kein Kuß erfreut von deinem Munde,
Von deinem Herzen reißt er mich noch heut,
Es kümmert ihn nicht meiner Seele Wunde.
Es will dein trübes Traumgesicht sich enden,
Mich will der Vater nach Montmora senden. —

Geliebter Freund, mein innigstes Verlangen,
Ist es denn wahr, was deine Zunge sprach?
Wie wird nach dir dann meine Seele bangen!
Sie ziehet dir in langen Seufzern nach.
So sagte sie, und hielt ihn fest umfangen,
So daß ihr Herz an seinem Herzen lag:
Will man dich weg von meinem Herzen treiben,
So kann mein Herz nicht mehr lebendig bleiben.

Wir müssen, Liebste, auf zehn Tage scheiden.
Sprach Flore, weil der König es gebot,
Doch soll ich länger die Verbannung leiden
Nur einen Tag, so tödte mich dann Gott,
Denselben Tag, den ich dich soll vermeiden,
Der mir verlängert meine Todesnoth.
Nein, Liebste, mein, man bringt dich dann zu mir,
Wenn nicht, so reit ich wieder her zu dir.

Es spricht nun Blanscheflur mit bangem Munde:
Bist du denn selber, liebster Flore, kalt?
Kannst du dir denken unsre Trennungsstunde?
Magst du dich fügen grimmiger Gewalt?
Es bricht mein Herz, ich sterb' an dieser Wunde,
Und bin ein Kind, und nicht zum sterben alt!
O weh, wie bald ist doch mein Glück entflohn!
Wie tödtet mich denn Gram und Kränkung schon?

Ach Gott und Herr, von dem mir kam das Leben
Du hegst und liebst ja jede Creatur,
Die Lehre hat die Mutter mir gegeben,
Ich wandelte doch stets auf deiner Spur.
Warum muß denn mein Glück und Heil entschweben?
Warum vergissest du die Blanscheflur?
Weshalb hab' ich des Himmels Huld verloren?
O wehe mir! wozu ward ich geboren?

Doch war mein junges Leben so gewendet,
Daß ich der Liebe süßen Balsam trank
In jeder Stunde, das ist nun geendet,
Es liegt mein Glück mein Herz und Leben krank.
Vom Himmel war es mir herabgesendet,
Zum Himmel stieg auch jeden Tag mein Dank,
Nun wird mein Herz getödtet in der Brust,
Vom Himmel auch kommt mir nun der Verlust.

Nein, Flore, nein, und keinen Trost versuche,
Mein vorig Heil, es sey nicht mehr gepriesen!
Ja Glück und Heil, das ist's, was ich verfluche,
Die haben falsche Bilder mir gewiesen,
Die ich vergeblich wohl im Leben suche;
Nein, besser ist mein Herz nun unterwiesen,
Schmerz, Gram, Angst, jedes Leid, Pein und Unheil
Sind meines armen ird'schen Lebens Theil.

Wie sollte man der Minne Bande scheuen
Und sich in ihrem Schutz nicht seelig wähnen?
Wie muß es mich so armes Kind gereuen,
Wie nimmt sie mir das Lachen, giebt mir Thränen!
Und doch dient ich ihr stets mit ganzen Treuen,
In meiner Brust war ja kein ander Sehnen;
Mit falscher Hoffnung bin ich nun betrogen,
Der kurze Traum von Glück ist schnell entflogen.

Wer bist du, Minne, die mein Herz beladen?
Wie bist du also listig, also arg,
Daß du die Herzen fängst mit milden Gnaden,
Und dann bist du so grimmig und so stark?
Fühlt nur ein Herz erst, was du ihm zu schaden
Vermagst, bist du mit deiner Gnade karg,
Am Ende bitter, anfangs sanft und süße,
Bist Minne du, die Gott verderben müsse.

Ach, Gott im Himmel laß mich nicht mehr klagen,
Laß hier nur seyn des schwachen Lebens Ende,
Es kann mein Herz so großes Leid nicht tragen,
Drum nimm die Seele doch in deine Hände! —
Es wollte mehr von ihrem Schmerz noch sagen
Die Freudenarme, kummervoll Elende,
Da sank erbleicht sie hin in Florens Schoos,
Der war wie sie von allen Freuden bloß.

Nun schlang er seine Arm' um ihren Leib
Und küßt in Thränen ihren rothen Mund;
Ach, Blanscheflur, du holdes süßes Weib
Gieb durch ein Zeichen nur dein Leben kund!
Ach, nicht in kalten Todesbanden bleib,
Auch mich belebtest du in dieser Stund'
Wie schleunig drang dein Wort zu meinem Herzen,
Wie bald erweckt' es mich zu herben Schmerzen.

Ermattet hebt sie nun die Augen auf,
Da will er tröstend milde zu ihr sprechen,
Doch was er sagt, sie höret nicht darauf,
Es will ihr Herz in ihrem Busen brechen,
Und nur den Thränen läßt sie ihren Lauf,
Einfältiglich will sie ihr Leiden rächen;
Ich hatte einen Trost, wohin ich sehe,
So spricht sie, hab' ich jetzt nur herbes Wehe.

Als Dido einst am Ufer einsam stand
Mit Thränen mehrt' des weiten Meeres Fluten,
Auf denen falsch Aeneas ihr entschwand,
Ihr Auge weint, die Herzenwunden bluten,
Mit scharfem Dolch bewaffnet sie die Hand
Die inn'ren Flammen löschend in den Gluten,
Die ihre Schwester fromm zum Opfer fachte,
Der Minne Opfer sie sich selber brachte.

Ihr Loos hab' ich in meinem Leid erkoren,
Wie Dido will ich enden meine Pein,
Da ich wie sie zu Schmerzen nur geboren! —
Sie faßte schnell ihr goldnes Griffelein,
Damit will sie die weiße Brust durchbohren:
Ach, Blanscheflur, du liebste Fraue mein!
So Flor' in Hast voll Angst und Schmerzen sprach,
Er nahm den Griffel eh' sie sich durchstach.

Ach, Gnade Frau, durch unsern Herrn und Gott!
Ist dies wohl eines sanften Kindes Scherz?
Es ist ein sündlich freventlicher Spott,
Wenn sich ein Mensch ermorden will im Schmerz;
Erkanntet ihr einst gern der Minn' Gebot,
So fügt in ihrem Dienst nun euer Herz,
Und wollet auch nicht, Liebste, ganz verzagen,
Seh' ich euch wieder doch nach zehen Tagen.

Mein Vater war im Muthe grimmiglich,
Als er mir sagt', daß eure Mutter krank,
Will er nun auch von hier entfernen mich,
Treu ist mein Herz euch ewig ohne Wank,
So treu, daß keine Liebe meiner glich,
Die ich in deinen süßen Küssen trank;
Die Trennung muß ich, Holdeste, wohl leiden,
Doch kann er nicht mein Herz von deinem scheiden.

Die Trennung (weh! das hab' ich wohl erkannt)
Sie muß ich dulden, das raubt mir die Sinne,
Doch würd' ich auch noch weiter weggesandt,
Glüht stärker nur in meiner Brust die Minne,
Ja risse man mich hin durch zwanzig Land,
Im Wahn, daß so der Minne Strom zerrinne:
Nein, nie vergäß' ich, Holde, deinen Leib,
Nie sieht mein Aug' in Lieb' ein ander Weib.

Und sollte mir so herbes Leid geschehen,
Und fügte so sich meines Herzens Pein,
Daß ich nicht sollte mehr dein Auge sehen,
Wollt' ich darum in ew'ger Trauer seyn! —
So linderte er ihres Herzens Wehen
Und gab ihr wieder ferner Hoffnung Schein,
Da sie nun doch sich von ihm scheiden muß,
Drückt sie ihm liebend auf noch manchen Kuß.

Ach kann ich nur auf deine Treue bauen,
So will ich noch, spricht sie, mein Klagen stillen,
Doch nun siehst du ach! viele schön're Frauen,
Die tragen alle wohl dir holden Willen;
Denkst du an mich, wenn du wirst andre schauen,
Wirst du mir noch dein Liebeswort erfüllen,
Kein andrer Ton in deiner Seele klingen,
Du immer meine Liebesreime singen? —

So mag von mir des Himmels Gnade wanken,
Wenn meine Treue wankt an einem Tage,
Wenn nicht der Seele innerste Gedanken,
Um dich geschlungen sind in treuer Klage,
Es mag mein Leib zum Tode dann erkranken;
Ach, holde Frau, nun Lebewohl! mir sage,
Und Gott der Herr, der hohe Gnad' uns thut,
Behalte, Liebste dich in seiner Huth!

So thu' er euch durch seine große Güte,
Der immer eure treue Liebe schau!
Sprach Blanscheflur, daß ihr stets im Gemüthe,
Mich liebend hegt und keine andere Frau.
Sie stand vor ihm wie eine Frühlingsblüthe
In Thränen glänzend wie im Morgenthau;
Den goldnen Griffel, den sie erst zum Tod
Gezückt, sie ihm mit süßem Lächeln bot.

Er nahm ihn gern, und reicht ihr hin den seinen:
Gedenke, sprach er, wie mein Herze wund,
Wie meine Augen immer nach dir weinen!
Er küßte ihr wohl tausendmal den Mund.
Da sieht er einen Diener schon erscheinen,
Der thut des strengen Königs Willen kund:
Zur Reise, spricht er, ist nun höchste Zeit,
Die Pferd' und Diener stehen euch bereit.

Gedenke, Fraue, das was ich dich bat,
Sprach er. Sie muß im bangen Schmerzen schweigen,
Sie geht mit ihm wie er zum Saal austrat,
Wo nun sein Roß der Jüngling soll besteigen;
Wie seine Hand den Zaum des Pferdes hat,
Faßt sie den Bügel, will ihm dienstlich neigen,
Da wurden traurig seine Wangen blaß,
Und ihr Gewand von ihren Thränen naß.

Ach, wie war wohl so hart und schwer ein Scheiden!
Wie ofte sieht der Jüngling noch zurücke
Nach Blanscheflur, die er muß schmerzlich meiden.
Noch folgen ihm der Schönen Liebesblicke,
Nun ist er fort. Es lebt in ihnen beiden,
Wie sie geschieden, nur ein Herz und Glücke,
Wie fest gezaubert Blanscheflur noch stand,
Da er schon lange ihrem Blick entschwand.

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