EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Flore und Blanscheflur

Ein episches Gedicht in zwölf Gesängen.

Vorrede des Herausgebers

Seit einiger Zeit hat sich, nicht bloß in Deutschland, sondern auch in andern Ländern Europa's, eine lebhafte Neigung sowohl zu den Dichtungen, als zu geschichtlichen oder dichterischen Darstellungen des Mittelalters kund gegeben. Es ist vielleicht um so anziehender, sich in die vaterländische Vorzeit zu versetzen, je fremder ihre Sitte uns geworden, und je mehr die damalige Verfassung der Gesellschaft in der heutigen Wirklichkeit ausgelöscht ist. Glücklich begabte Dichter haben sich darin gefallen, ihre eignen Erfindungen in die Tracht der ritterlichen Zeit zu kleiden. Allein dieß ist ein bedenkliches Unternehmen: denn es steht kaum zu erwarten, daß eine freye Erdichtung menschlicher Leidenschaften, Handlungen und Lebens-Auftritte nicht in gewissem Grade das Gepräge ihrer Zeit tragen sollte: und wenn das der Fall ist, so wird das gewählte Costum nicht ganz zu dem Grundgewebe passen, und ein Mangel an sichrer Haltung zu spüren seyn. Ueberhaupt sind die einfachen, kräftigen, und eben deswegen gläubigen Zeitalter am glücklichsten im Erfinden; ich meine im Hervorbringen solcher Erdichtungen, die, wenn sie einmal vorhanden sind, in die Reihe der Wirklichkeiten einzutreten, und die Mannichfaltigkeit des Weltschauspiels zu bereichern scheinen. Ausbilden und vollenden hingegen, auch die bewußtlose Tiefe ergründen, ist der eigentliche Beruf solcher Zeitalter, in welchen die Besonnenheit und der zweifelnde Verstand vorwaltet.

Es dürfte also auf alle Weise das gerathenste seyn, bei einem solchen Vorhaben sich an die ächten und noch vorhandenen Dichtungen des Mittelalters anzuschließen. Hier ist durch die Bewegung der Charakter der Gestalten schon gegeben; die verloschenen Umrisse dürfen nur aufgefrischt, und mit ihren eigenthümlichen Farben ausgefüllt werden, um ein anschauliches Bild der ritterlichen Zeit in vollkommener Einstimmung mit sich selbst hervortreten zu lassen.

Man hat sich auf verschiedene Art bemüht, die zuvor ganz in Vergessenheit begrabenen alten Ritterromane wieder ans Licht zu ziehn. Zuvörderst durch prosaische Auszüge: dieß ist besonders in Frankreich geschehen, aber ohne Kritik, ohne Kenntniß der wahren Quellen, nach vergleichungsweise sehr späten und verfälschten Bearbeitungen, in einem gezierten Vortrage, der mit der Unschuld und Treuherzigkeit der Dichtungen in schneidendem Widerspruche stand; man schien die feine Lesewelt gleichsam um Verzeihung zu bitten, daß man sie von solchen Albernheiten unterhalte. Nur in Deutschland ist bisher eine beträchtliche Anzahl der in Versen abgefaßten Originale aus dem dreyzehnten Jahrhundert treu in der alten Sprache abgedruckt. In England, wiewohl man dort den Gehalt dieser Dichtungen zu ahnden anfängt, hat man sich meistens mit Proben begnügt, übrigens Auszüge, zum Theil ziemlich verständige, geliefert. In Frankreich, wo durch Raynouard's meisterhafte Arbeiten ein neues Licht über die Provenzalische Litteratur aufgeht, hat man im Nordfranzösischen nur von dem Fabliaux und dem allegorischen Roman von der Rose genaue Ausgaben veranstaltet; an die Ritterromane ist die Reihe noch gar nicht gekommen.

Indessen müssen sie, auch durch treue Abdrücke vor dem gänzlichen Untergange bewahrt, dennoch den meisten Lesern unzugänglich bleiben. Denn sie sind in einer veralteten Sprache geschrieben; und was das schlimmste ist, in einer Sprache, welche zwar schwer verständlich, aber doch die unsrige ist. Wenn es um den Genuß ausländischer Poesie zu thun ist, so versetzen wir uns willig zu dem Dichter auf sein eignes Gebiet. Hier aber wird man beständig durch die Erinnerung an den verschiedenen Sprachgebrauch, und die veränderte Geltung der Wörter gestört, und gelangt nur durch lange fortgesetzte und eigentlich gelehrte Uebung zu einem reinen Eindruck.

Es kommt jedoch ein viel wesentlicher Umstand hinzu, weswegen die alten erzählenden Gedichte nicht bloß einen Sprachausleger, sondern einen dichterischen Dollmetscher erwarten. Ihre Form ist meistens sehr unvollkommen: ich hoffe durch dieses Geständniß die Verehrer der Vorzeit um so weniger zu kränken, je entschiedener ich mich über den unermeßlich hohen Werth der Dichtungen selbst, und das Unvermögen der jetzigen Zeit, etwas ähnliches hervorzubringen, ausgesprochen habe. Die Erzählung ist unbeholfen: es fehlt ihr auf der einen Seite an rascher Gewandtheit und gedrängter Kürze, welche vorzüglich in den bloß zur Verständigung unentbehrlichen und des Schmuckes wenig empfänglichen Theilen erfodert wird; auf der andern Seite an gleichmäßig vertheilter, und in leichtem Schwunge vorübereilender Fülle. Es ist, als fühlten die Erzähler die Unzulänglichkeit ihrer Worte für das, was sie so treu und gemüthlich empfinden: sie wollen ihren Gegenstand erschöpfen, sie nehmen verschiedentlich einen neuen Anlauf, und verfallen in Weitschweifigkeit. Insbesondre wissen sie die Wendepunkte der Begebenheiten nicht genugsam herauszuheben, und weder allmählich vorzubereiten, noch zu verschweigen und auszusparen, wo Ueberraschung bewirkt werden soll. An diesen Gebrechen hat die unglücklich gewählte Versart der kurzen Reimpaare keinen geringen Antheil. Es ist nicht zu läugnen, die schnelle Folge der Reime hat den Dichtern oft befremdliche und störende Wendungen abgenöthigt, ja zuweilen Verse, die ganz wie müßige Einschiebsel aussehn. Diese Versart ist von einer auch dem geübtesten Vorleser unüberwindlichen Eintönigkeit: die kunstreicheren Meister haben diese, jedoch vergeblich, dadurch zu heben versucht, daß sie mit dem Sinne beständig aus einem Reimpaare in das andre hinüberschreiten, und also durch die Wortfügung, der Natur des Reimes zuwider, verbinden was er trennt, und trennen was er verbindet. Welcher Kunsterfahrene möchte es unternehmen, in dieser Versart ein langes erzählendes Gedicht durchzuführen? Bey dem Gebrauch des Reimes ist irgend eine Abtheilung in Strophen dazu ganz unentbehrlich. An dem Bruchstücke des ächten Titurel in vierzeiligen Strophen, einigermaßen auch noch an der Umarbeitung in siebenzeiligen, sieht man die günstige Rückwirkung einer schicklicher gewählten Form auf die Darstellung. Es versteht sich, daß wir nicht von dem Liede der Nibelungen reden, welches durch Ton und Farbe eben so wesentlich von den welschen Ritterromanen ausgesondert ist, als durch seine Heimath und die verschiedene Art der Entstehung. Von diesem Gedichte behaupte ich allerdings, und berufe mich dabey auf die schon gemachten Erfahrungen, daß es keine Erneuerung, die der Aussprache beym mündlichen Vortrage ausgenommen, weder bedürfe noch dulde, um lebendig auf die Gemüther zu wirken.

Wenn man mir im Obigen beystimmt, so wird man mir auch zugeben, den alten Ritterromanen sey nicht etwa damit zu helfen, wenn man durch Wegnahme des Unverständlichen, Ueberflüssigen und Mißfälligen stellenweise nachbesserte, im Ganzen aber Form und Manier beybehielte. Hiedurch würde nichts anderes bewirkt werden, als ein zwitterhaftes Wesen; eine unerlaubte Verfälschung des Alten, ohne daß doch ein wahrhaft Neues aufgestellt, und in sich selbst begründet wäre. Nein: man muß sich ganz an das Wesen halten, die Hülle aber fahren lassen; der Geist der alten Dichtung, aus einem künstlerischen Sinne wiedergebohren, muß sich aufs neue in einer sprechenden und einnehmenden Gestalt verkörpern. Eben dieses Recht haben die alten Dichter an ihren Vorgängern geübt, von welchen sie Ueberlieferung oder Erfindung überkamen: sie schmückten das Ererbte nach den Foderungen ihrer Zeitgenossen; wir müssen das Gleiche für die unsrigen thun, denn niemand kann für seine Altvordern schreiben.

Solche Gedanken haben mich oft beschäftigt, als ich der Poesie noch jugendliche Stunden zu widmen hatte. Meine Bewunderung für den Ariosto hielt mich nicht ab, sein wahres Verhältniß zu den Ritterromanen einzusehn. Er hat nur die späteren Bearbeitungen in Prosa gekannt, und an diesen schien ihm erlaubt, alle Willkühr zu üben: ihre Namen und Abentheuer dienten ihm nur zum Vorwande seiner fantastischen Einfälle. Er hat fremde Schätze mannichfaltig darauf zusammengehäuft, keinesweges aber die Dichtung aus ihren eignen Mitteln bereichert; er hat sie übertrieben, ohne sie natürlich zu entfalten. Seine künstlerische Meisterschaft lobt man am besten, wenn man sagt, was erweislich wahr ist, daß er sein Gedicht ohne einen Entwurf angefangen, und ohne einen Entwurf fortgeführt hat; daß er von Gesang zu Gesang, wie von Tage zu Tage gelebt; endlich daß er, während er den bunten Teppich ohne Maaß und Ziel fortwebt, dennoch die Wiederholung der Figuren zu verkleiden, und die Zuschauer bey der Betrachtung festzuhalten weiß. Wenn aber von Haltung und Einheit die Rede ist, so gestehe ich gern, daß ich den prosaischen Roman von Fierabras, so roh und wild er auch seyn mag, vorziehe; wenn von ergreifender Wirkung auf die Gemüther, daß im rasenden Roland nichts mit der Ertränkung des Rosses Bayard in den alten Heymons- Kindern verglichen werden kann. Unter den Italiänischen Dichtern hat Dante noch die ächten Ritterromane gekannt, und nach seiner großen Weise gefühlt: seine wenigen Erwähnungen, vom Lancelot (wer gedenkt nicht dieser?) vom Artus, vom Tristan, von Ronceval und Rolands gewaltigem Horn, haben einen ganz anders zauberischen Anklang als Ariosto's verschwendete und sich gegenseitig im Preise herabsetzende Wunder-Erscheinun¬gen.

An einer Dichtung, mit deren tiefer Leidenschaftlichkeit nichts anders aus demselben Kreise verglichen werden kann, am Tristan, unternahm ich, was meinem Sinne vorschwebte, zu verwirklichen. Der erste Versuch schien mir hinlänglich gelungen zu seyn, um mich zu der Fortsetzung aufzumuntern; und ich würde das Werk rasch zu seinem Ziele fortgeführt haben, wenn ich nicht durch unglückliche Vorfälle unterbrochen worden wäre. Nachher ist es mir in einem mannigfaltig bewegten Leben niemals geglückt, den abgerissenen Faden wieder anzuknüpfen; so daß ich mich endlich entschloß, den ersten Gesang, nur als Zeugniß eines unvollendet gebliebenen Vorhabens, dem Publicum mitzutheilen.

Jetzt gewährt es mir eine ungemeine Befriedigung, was ich ehemals zu leisten mich bemüht hatte, an einer andern Lieblings-Dichtung des Mittelalters, mit zartem Sinne, mit leichter und glücklicher Hand, ausgeführt zu sehn. Die Geschichte von Flore und Blanscheflur ist eine anmuthige Kinder-Idylle unter den Ritterromanen. Sie war so allgemein beliebt, daß sie in alle Europäische Sprachen, worin man vom dreyzehnten bis zum sechszehnten Jahrhundert zu schreiben und zu dichten pflegte, verschiedentlich übertragen worden ist. Die bibliographischen Nachrichten hierüber, so wie über die Handschriften und Drucke, wird man leicht in den Büchern finden, wo man dergleichen zu suchen gewohnt ist. Den Geist der Dichtung hat mein Bruder Friedrich von Schlegel in seiner Nachricht von den poetischen Werken des Boccaccio bey Gelegenheit des Filocopo treffend geschildert. Die eben genannte Jugendschrift des berühmten Italiäners ist nämlich nichts anders als die Geschichte von Flore und Blanscheflur, aber durch gesuchte Pracht der Schreibart, durch die hinzugedichtete Einwirkung überirdischer Wesen unter heidnischen Namen, und allerley andere fremde Zuthaten zu einem weitläuftigen heroischen Roman in Prosa hinaufgeschraubt. An dieser unerträglichen Verkleidung eines lieblichen Mährchens kann man lernen, wie man es nicht machen muß, wenn man Dichtungen des Mittelalters erneuern will; aber der mit so großer Anstrengung unternommene ehrgeizige Versuch beweist wenigstens, daß im vierzehnten Jahrhundert die Geschichte auch in Italien volksmäßig verbreitet war, und in hohem Rufe stand.

Was den Ursprung des Romans von Flore und Blanscheflur betrifft, so ist die Meynung einiger Gelehrten, Spanien sey dessen Heimath, ohne allen Grund, und vielleicht nur durch den Schauplatz der Handlung in der ersten Hälfte veranlaßt worden. Die älteste bisher bekannt gewordene Behandlung ist die welsche, worauf unser alter Meister mit Nennung des Verfassers Robert von Orbent (wofern die Leseart richtig ist) sich beruft. Ob diese noch in der Königlichen Bibliothek zu Paris, oder sonst irgendwo vorhanden seyn mag, kann ich nicht sagen. Allein ich halte Frankreich dennoch nicht für das Geburtsland der Dichtung, und bin geneigt zu glauben, sie sey, wie so manche andre, aus dem Morgenlande, diese aber zunächst aus dem christlichen Morgenlande nach Europa gekommen, und vielleicht durch Vermittlung des Griechischen und Lateinischen in den lebenden Volkssprachen verbreitet worden. Der feindliche Gegensatz zwischen Christenthum und Islam fand im Occident eben so wohl Statt, als im Orient. Den Schauplatz und die Erwähnung der Pilgerfahrt zu St. Jakob von Compostella wird man nicht als eine erhebliche Einwendung anführen: die geographischen Angaben konnten bei der Uebertragung verändert werden: sie sind überdieß meistens verwirrt und unbestimmt genug; Boccaccio hat sie vollends unverantwortlich entstellt. Da ich gegenwärtig die Hülfsmittel nicht zur Hand habe, welche erfodert werden, um eine solche Spur weiter zu verfolgen, so gebe ich meine Ansicht für nichts weiter aus, als eine bloße Vermuthung. Aber da es bey uns Sitte geworden ist, die alten Gedichte nach Fabelkreisen zu ordnen, und ich sehe, daß Flore und Blanscheflur, wegen der am Schlusse beygefügten Genealogie, zu dem Fabelkreise von Karl dem Großen gerechnet wird, so finde ich nöthig zu bemerken, daß diese Dichtung mit jenem Fabelkreise nicht das mindeste zu schaffen hat, sondern, wo sie auch entstanden seyn mag, unabhängig für sich besteht. Ein solcher genealogischer Zusatz, ganz willkührlich ersonnen, war wohlfeilen Kaufs zu haben; und nichts ist bei den alten Erzählern gebräuchlicher, als dieses Mittel, die Namen ihrer Helden an schon berühmt gewordene anzuknüpfen.

Wir haben zwei Bearbeitungen in alten Reimen, die eine in Oberdeutscher, die andre in Niederdeutscher Mundart. Die letztere hat Bruns, Professor in Helmstädt, in einer Sammlung Niederdeutscher Gedichte herausgegeben; der gelehrte Eschenburg besaß eine bessere Handschrift davon. (S. dessen Denkmäler altdeutscher Dichtkunst. S. 209 — 230.) Sie scheint sehr jung zu seyn: schwerlich darf man sie höher hinaufsetzen, als in die letzte Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts. Die Erzählung ist ungemein abgekürzt, ja sogar durch Weglassung der eigentlichen Züge (z. B. des Schachspiels, wodurch Flore des Pförtners Gunst gewinnt) häufig verstümmelt. Die Verse sind unförmlich, die Ausdrücke gemein, die bei jedem Abschnitte wiederholte bänkelsängerische Auffoderung, dem Vorleser zu trinken zu geben, ist wohl nur dem Abschreiber zuzurechnen. Aber das Ganze ist in dichterischer Hinsicht völlig werthlos. Der einzige Gesichtspunkt, aus welchem es einige Aufmerksamkeit verdienen möchte, ist die abweichende Angabe einiger Namen und Oerter, woraus hervorgeht, daß das Buch, auf welches der Niederdeutsche Verfasser sich beruft, nicht die vorhandene oberdeutsche Bearbeitung war. Vielleicht hat er mittelbar oder unmittelbar aus einer Lateinischen Quelle geschöpft. Die Vermuthung scheint durch die Abänderung der Namen in Flos und Blankflos begünstigt zu werden.

Das Oberdeutsche Gedicht von Floren und Blanscheflur ist durch C. H. Müller in der bekannten Sammlung zum Druck befördert worden: bis zur Unlesbarkeit fehlerhaft, wie alles, was durch die Hände dieses unwissenden Herausgebers gegangen ist. Der Verfasser hat, wie ich oben bemerkte, den Urheber der welschen Fabel, aber, gegen die Sitte des Zeitalters, nicht seinen eignen Namen genannt. Man nimmt an, er habe Herr Conrad Flecke geheißen, weil Rudolph Dienstmann von Montfort einen Ritter dieses Namens als Erzähler der Geschichte von Flore und Blanscheflur rühmt; wogegen auch nichts einzuwenden ist, so lange wir nur Eine so alte Behandlung kennen. Hieraus folgt dann, daß das Gedicht früher als Wilhelm von Orleans geschrieben worden. Der Verfasser spricht sehr bescheiden von sich selbst. Es war sein erster Versuch, und er glaubt deswegen auf Nachsicht Anspruch machen zu dürfen.

Wanne zu nuwen listen ist las
Ein vngeflissen synn.
Dis ist myn erste begynn,
Des soll ich genießen,

Indeß, wiewohl er weder an erfindungsreicher Tiefe mit Herrn Wolfram von Eschenbach, noch an blühender Anmuth mit Meister Gottfried von Straßburg, noch an gewandter Leichtigkeit und Fülle mit Meister Conrad von Würzburg verglichen werden kann, so fehlt es doch seiner Erzählung nicht an gemüthlichen Zügen, an treffenden Ausdrücken und Bildern, welche ganz unverändert noch jetzt gefallen können. Diese hat die Dichterin sorgsam bewahrt, oft einen versprechenden Keim entfaltet, zuweilen das ausführlich geschilderte zusammengedrängt. Was die Umstände der Geschichte betrifft, ist sie mit allem Rechte dieser ächtesten Ueberlieferung Schritt vor Schritt gefolgt, und hat sich nur da kleine Abweichungen erlaubt, wo ein verändertes Gefühl der Schicklichkeiten sie nothwendig machte. Auch diese Wendung ist dem alten Dichter abgeliehen, daß die Erzählung in einem ritterlichen Kreise von Herrn und Frauen, in einer lachenden Frühlings-Umgebung, durch eine edle Frau gleichsam wie vor einem Liebeshofe vorgetragen wird. Allein jener hat dieses nachher fahren lassen; hier ist hingegen dadurch zu Anfange jedes Gesanges ein Ruhepunkt gewonnen, wo statt der beim Ariost und den übrigen Italiänischen Erzählern von Rittergedichten üblichen allgemeinen Betrachtungen, an eine schon sonst bekannte romantische Dichtung, welche Beziehung auf die Lagen und Schicksale der Liebenden hat, erinnert wird. Mit kunstreicher Symmetrie ist dann in dem Laufe jedes Gesanges irgend ein mythologisches Beyspiel eingeflochten. Man würde irren, wenn man glaubte, die Dichterin sey hiedurch aus der Gedankensphäre des Zeitalters, in welches sie uns versetzen will, hinausgetreten. Die Bilder der alten Mythologie waren im Mittelalter niemals ganz vergessen, sie lebten in dem Sinn der damaligen Menschen nach ihrer allgemeinen Bedeutsamkeit, wenn sie sich gleich auf eigne Weise gestalteten: wie zum Beyspiel Ritter Ulrich von Lichtenstein sich die Göttin Venus zum Helmzimier gewählt hatte, aber vorgestellt als eine Königin im Purpurgewande, mit Krone, Szepter und Fackel. Ein Troubadour vergleicht den Mund seiner Geliebten, der ihn durch einen Kuß verwundet hatte, mit der Peleischen Lanze, welche allein die geschlagenen Wunden zu heilen vermochte; sich selbst, indem er sich in ihren Augen spiegelt, mit dem Narcissus. In einer Geschichte, wo der Sohn eines Mohrischen Königes in Spanien aus der Liebeskunst des weisen Meisters Ovidius Latein lernt, wo nachher ein wunderbarer mit der Geschichte des Paris und der Helena verzierter Becher vorkommt, waren mythologische Erwähnungen doppelt veranlaßt und gerechtfertigt. Auch stand nicht zu besorgen, daß solche kleine Episoden die Theilnahme unwillkommen stören möchten, denn sie steigt niemals bis zu einer schmerzlichen Spannung, weil man vom Anfange an der glücklichen Lösung entgegensieht.

In der Sprache hat die Dichterin einen leisen Anstrich von Alterthümlichkeit mit der heutigen Ausbildung glücklich gepaart; hierin, so wie in der Wahl des Sylbenmaaßes, in der Behandlung der Reime, der wechselnden Rhythmen und Einschnitte hat sie ungefähr dasselbe vor Augen gehabt, was ich bei der Ausarbeitung meines Tristan erstrebte. Ich würde vieles bewundernd zu bemerken, nur hier und da gegen einzelne Ausdrücke, gegen die Gliederung der Sätze und manche grammatische Freyheiten etwas zu erinnern finden, wenn ich das Amt eines Kunstbeurtheilers, und nicht das willkommenere eines Herausgebers übernommen hätte. Es steht mir nicht zu, dem Gefühle der Leser und Leserinnen vorzugreifen, denen ich nur geschichtlich die Verhältnisse der Dichtung habe darlegen oder ins Gedächtniß zurückrufen wollen. Die zarte Geschichte von zwey sittsamen Blumenkindern, wo Unschuld und Liebesglut als Lilie und Rose persönlich erscheinen, mit frischem und farbigem Schmuck ausgestattet, wird ohne Zweifel auch jetzt wie ehemals sich Wohlgefallen und Zuneigung erwerben.

Bonn im Junius 1822.

A. W. von Schlegel.

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