EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Ein Jugendtraum

Mir träumt', ich saß an einem Wasserfalle
Von Wünschen matt; - vorüber flog die Zeit
Und bot', indem sie einen Augenblick verweilt',
In einem grünumwundenen Pokale
Aus Lethens Quelle mir - Vergessenheit.
Ich wollte danken - wollte fragen,
Wie dies Geschenk zu brauchen sei ?
Doch schnell war sie entflohn, Vergessen- war mir neu,
Ich konnte nichts als ihre Flucht beklagen-
Da kam mit Zephir leichtem Schritt
Ein kleiner Genius gesprungen :
Er winkt: «Ich führe dich in jenen Hain, komm mit!
Schnell sprang ich auf: und folgt dem holden Jungen.
Eh'- ichs versah, war ich im Musenhain; j
Es herrschte da die feierlichste Stille :
"Nimm -- sprach der Genius, es ist Apollens Wille -
Dies Saitenspiel, Du wirst es nicht entweih'n,
Es hat die Kraft in schwermutsvollen Stunden
"Zu heilen durch die Töne jene Wunden,
"Die Missgeschick und Gram dir schlug.
"Mit zärtlich rührenden Akkorden
"Tönt es" vom Süden bis zum Norden
"Und übereilt der Zeiten Flug/'
Ich atmete von nun an freier,
Apolls Geschenk, die goldne Leier,
"War mein Gefährte Tag und Nacht.
Ich sang zuerst nur kleine Lieder,
Und sie gefielen, wie man spricht;
Doch Mädchen lieben Dichtermädchen nicht,
Ich sang zu laut und Echo hallts es wieder,
Was indes junge Herz sich wünscht und sich verspricht.
So sang' ich mit umwölktem Sinn
Teils froh -- teils klagend meinen Frühling hin.
An einem schwülen Sommertag,
Als Phöbus abwärts, seine Rosse lenkte,
Allmählich sich ins Meer versenkte,
Ertönte meiner Leier Klag':
"Apoll du holder Gott der Sonne.
"Nimm dein Geschenk zurück - die Wonne,
"Die mir es schuf, verdank ich dir,
"Gib mir Unsterblichkeit dafür!"
"Dein Wunsch ist unbesonnen zwar, :"Erwiederte Apoll, doch will ich ihn gewähren ;
»Wirst du nun auch auf die Gefahr,
Die dich bedroht, gefasst zu sein, mir schwören?"
Schon stampfte Pegasus , und stutzt ob dem Verlangen,
Von mir --- von mir Befehle zu empfangen; -- :Dass Er, der stets nur Männer trug»
Von einem Mädchen sanft gelenkt, im raschen Flug
Von einem Alter hin zum andern, wie ich wollte,
Im vollen Trabe wandern sollte.
Dies wollt ihm gar nicht ein. -- - Die leichte Reiterin»
Gab sich indes den Schwung erhöhter Phantasien,
Und sah mit wonnigen Entzücken ,
Mit schwärmerischen Liebesblicken
Schon ins Gebiet, der fernen Zukunft hin; - :Sie schmiegte sich wie Bürgers Leonore,
In jenem Schreckenstraum am schwarzen Gitterthore,
Im Geiste fest an ihren Trauten an,
Und hielt statt Willhelm des ersehnten Gatten,
Nur sein Skelet und seinen bleichen Schatten :In ihren Arm - o, grauenvoller Wahn! -
So ging es mit verhängtem Zügel, :Unaufgehalten über Thal und Hügel,
Im laufenden Galopp durch Dorn und Distel fort ;
Auch luftige Gewalten, so wie dort, :Umflattern ihren Weg, hier fletscht der Neid die Zähne,
(Ich hielt mich an des Flügelpferdes Mähne) -
Dort knirscht die Eifersucht die Zähne müd und stumpf,
Und hier entsteigt dem schilfbewachsenen Sumpf,
Ein Irrlicht um uns falsch zu leiten; - :Doch es lies Pegasus mich gleiten. --
Dies dank' ich ihm mit innigen Gefühl,
Er trug mich unerschrocken bis ans Ziel,
Trotz manchem rauhen kalten Winde,
Durch ungangbare Dorngewinde,
Zu jener Schauerbrücke hin,
Wo die Jahrhunderte vorüberziehn; -
Ein unverständliches Gemurmel machte,
Dass ich aus diesem Traum erwachte
An dieser Grenze der Vergangenheit
Und Zukunft steh' ich nun entschlossen,
Entreiss' die Lieder und die zarten Sprossen,
Des Jugendkranzes, der Vergessenheit. -
Euch Lieder, die so manchen Freund erfreuen,
Will ich dem künftigen Jahrhundert weihen.

Letzte Änderung der Seite: 27. 03. 2017 - 22:03