EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

An Selmar

Ha! dieser süsse Aufruhr aller Sinnen,
Dies Drängen, Streben, Schmachten und Zerrinnen
In heissen Thränen, die die Liebe weinet
So uns vereinet,

Sie lässt uns nie der Ruhe Glück geniessen,
Bis Herz an Herz sich wonnevoll wird schliessen,
Und dieses Busens ungestümes Schlagen
Dir mehr wird sagen

Als tausend Worte dir bezeichnen können -
Wer kann das Unaussprechliche benennen? -
Vergebens streb' ich, Holder! dies Entzücken
Dir auszudrücken.

Im Flammenkuss, den der Geliebte küsset,
Den Aug' und Herz, ach! überall vermisset,
Und von dem Arm des Einzigen umwunden,
Wird sie gefunden -

Die längst verlor'ne und von uns ersehnte,
Als ich noch Selmar nicht zu lieben wähnte,
Und doch im süssen Wahnsinn ganz versunken
Ward Liebe trunken.

Wie strebt' ich da im Geist dich zu umfangen,
Am Gaumen stockte dieses Sprechverlangen,
Ich fühlte mich, in dir so ganz verlohren,
Wie neu gebohren.

Wann schlagen sie die lang ersehnten Stunden,
Die seligsten der zögernden Sekunden!
Wo ich dich, Selmar, trunken von Entzücken,
Ans Herz kann drücken?

Dann mag die Welt vor meinen Augen schwinden,
Ich werde Welt und Himmel in dir finden,
Im langen Kuss, den diese Lippen geben
Mit Wonnebeben.

Und würde mir der Todesengel winken,
Ich müsste noch den Kelch der Liebe trinken,
Durch ihn gestärkt, fühlt' ich ein neues Leben
Den Busen heben.

Ein Himmelreich scheint mir die ganze Erde,
Und federleicht die drückendste Beschwerde,
Seit dem die Glut, die unsre Herzen nähret,
Die Welt verkläret.

O, komm Geliebter! den ein Gott mir wählte,
Der unsre Seelen ewig treu vermählte:
Komm! und vergiss an Selma's treuem Herzen
Der Unruh Schmerzen.

Letzte Änderung der Seite: 27. 03. 2017 - 22:03