EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Das Mährchen von den Kücheln

Als die Küchle gebachen waren, gab die Mutter jedem Kinde eins zum Imbiß; die übrigen aber trug sie in die Speis für das Mittagessen, und sagte dann, und drohte: Rührt mir nichts an in der Kuchel und im Keller, das sag' ich euch; sonst ergeht es euch, wie jenen bösen Buben, von denen die Geschichte erzählt.

Eine Bäuerin hatte sechs Kinder, lauter Buben, von sechs bis zwölf Jahren. Da hatte sie denn mit ihrem Manne vollauf zu thun, um sie alle zu ernähren. Am Notdürftigen fehlte es auch den Kindern eben nicht; aber Küchle kriegten sie nie, gleichwie die Kinder in andern Bauernhäusern. Da sagten sie oft: »Aber, Mutter! wann bachet Ihr uns denn einmal Küchle? Wir möchten auch einmal Küchle haben.« Die Mutter sagte dann jedesmal: »Merkt! Schwarzes Brod macht die Backen roth. Habt ihr sonst keine Schmerzen?« – Warum sie aber keine Küchle bachen, und weder sie selbst noch ihr Mann eins schmecken und essen mochte, das muß wohl, denk' ich, seine geheime Ursache gehabt haben. – Das ging nun so fort bis ins siebente Jahr. Da gebar sie ein Töchterle, das sie Lisele nannte; und ihre Freude darob war so groß, daß sie den Buben versprach, sie wolle ihnen endlich auch Küchle bachen. Als die Buben das hörten, hatten sie große Freude, und sie konnten kaum den Tag erwarten, wo sie endlich auch einmal Küchle kriegen sollten. Die Mutter richtete den Teig zu; sie machte Feuer an; sie setzte die Pfanne voll Schmalz darüber; jetzt pregelte scbon das erste Küchle und bräunte sich; jetzt ward es herausgelangt mit dem Spieß, und in die Schüssel gelegt; und da lag es nun so schön braun und von Fett triefend, und es schmeckte (roch) so gut, daß den Buben der Mund darnach wässerte, und der Gelust ihnen aus den Augen lugte. Darauf als die sechs Küchle gebachen waren, nahm die Mutter die Schüssel, und trug sie in die Speis, indem sie sagte: »Die Küchle müssen erst ein wenig auskühlen; dann schmecken sie besser.« Kaum aber hatte die Mutter die Kuchel verlassen, so schlichen die bösen Buben in die Speis, und jeder nahm sein Küchle, und lief davon; und vor dem Fenster, daraus die Mutter guckte, blieben sie stehen, und bissen in die Küchel, und lachten sie aus. Das verdroß die Mutter, und sie rief voll Ingrimm: »O ihr vermaledeiten Rabenkinder!« Als sie das kaum ausgesprochen, sieh, da verwandelten sich plötzlich die Buben in lauter Raben, und sie flogen auf und davon, schreiend und krächzend. – Es gereute zwar die Mutter alsbald ihr Fluch, und sie heinte und jammerte; aber es war zu spät. Da sah sie das Lisele liegen in der Wiege, und sie sagte: »Sey du mein Trost und meine Freude und meine einzige Hoffnung!« – So vergingen ein paar Jahre und drüber. Da wie eines Tages Lisele im Garten saß im Grase und ihre Milchbrocken aß, kamen sechs Raben herbei geflogen, und setzten sich im Kreis um das Kindlein, als bäten sie dasselbe um ein Bröckle. Und Lisele, wie es denn ein gar gutes Herz hatte, warf jetzt dem einen, dann den andern Vögeln einen Brocken hin, und lugte ihnen zu, wie sie fraßen, und hatte ihre Freude daran. Ihr habts errathen, wenn ihr glaubt, daß diese sechs Raben niemand anders gewesen, als die verwünschten Brüder. Ach! sie hatten ihren bösen Lust theuer büßen müssen. Sommer und Winter, bei Hitz' und bei Kälte, mußten sie sich auf freiem Felde aufhalten, und sich kümmerlich nähren von dem Aas und dem Dung und all dem Unrath. Oft flatterten sie um das Haus, darin sie geboren worden – denn sie hatten die Besinnung behalten, gleich Menschen – aber aus Furcht vor der Mutter, die ihnen geflucht, flogen sie bei jedem Geräusch gleich wieder hinweg, schreiend und krächzend. An jenem Tage aber, als sie ihr Schwesterle erblickten, da faßten sie Zutrauen, und flogen näher, um Speise bittend; und von der Zeit an kamen sie alle Tage, das Lisele aufzusuchen, die auch jederzeit schon auf sie wartete, und gern mit ihnen theilte. »Allmählich wurden sie so heimlich, daß sie ihr aus der Hand fraßen. Und wenn sie noch nicht da waren, so rief nur Lisele:

Raben schwarz, mit dem Schnabel roth,
Kommt doch her zum Vesperbrod!

und alsogleich kamen sie herbei geflogen, als wenn es so seyn müßte, im Sommer in den Garten, im Winter vor's Fenster. – Das hat viele Jahre so gedauert. Eines Tags sind sie aber alle ausgeblieben, und nicht wieder gekommen.«

»Wo sind sie denn aber hingekommen?« fragten die Kinder. »Müßt ihr denn sogleich alles wissen?« sagte die Mutter.

 

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