EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Der Zweifler.

Ich will mich kühn in deine Tiefen wagen
Du schreckenvolles Zweifellabyrinth!
Nicht länger will ich hier am Eingang zagen,
Wo stets umsonst mein Geist nach Lösung sinnt.
Hinab, hinab! Begräbst du auch in Trümmern
Dies kranke Herz, das längst die Ruhe flieht!
Was kann den Geist ein Sclavenleben kümmern,
Wodurch er an des Schicksals Fesseln zieht?

O seel'ge Zeit, eh ich noch selber dachte,
Als gläub'ge Einfalt noch mein Herz bewohnt'!
Es war beglückt — doch die Vernunft erwachte —
Mit Martern ward mein Forschungsgeist belohnt.
Wie ernstlich horcht' ich an des Lehrers Seite,
Der Menschenwerth durch Freyneit mir verhieß!
Schon wählt' ich Pflicht und Tugend zum Geleite,
Die seine Red' so liebenswürdig prieß.

Doch sie zerfloß, die Täuschung reich an Wonne
Und Seelenruh, schnell, wie ein Duft verwallt,
Den Nebeln gleich im Aether, die der Sonne
Gebrochner Strahl mit tausend Farben mahlt
Ja, sowie nach der Iris Gürtel Streifen.
Voll bunter Pracht, mit weinender Begier,
Umsonst des Kindes kurze Händchen greifen,
So sehn' ich fruchtlos mich zurück nach ihr.

Sie ist dahin! In schreckenvoller Klarheit,
Die mich, wie Blitzesloh, zu Boden schlägt,
Steht sie vor mir, die grause bittre Wahrheit:
Daß jeder Mensch des Schicksals Ketten trügt.
Sie hielten fein, doch kräftig ihn umfangen,
Bevor er hoch als Embryon sich regt',
Sie drücken ihn, wie Laocoon die Schlangen,
Wenn er seih Haupt nun sterbend niederlegt.

Ja! strömten nicht schon alle aufgeregten
Affekte in mein kaum noch kreisend Blut;
Die, Wellen gleich, der Mutter Brust bewegten,
Da ich als Keim in ihrem Schoose ruht?
Sind Neigungen, gemeinsam meinem Stamme.
Als Erbe nicht, seit ich nur fühle', mein !
Sog ich im Schlaf nicht mit der Milch der Amme
Schon ihre Trieb' und Leidenschaften ein ?

War mein die Wahl, wohin, am Gängelbande;
Geleitet, ich mit schwankem Tritte gieng?
Daß mein Gemüth. von diesem Gegenstande
Des ersten Eindrucks stete Form empfieng?
Wozu das Schicksal mein Gefühl gewöhnen
Vom ersten Lebenstag gebietrisch hieß,
Ob es dem Häßlichen, ob es dem Schönen
Die jungen Blicke mehr begegnen ließ?

Zeigt mir Aleid nicht an dem Scheidewege!
Er stehet reif, ein edler Jüngling, da,
Vollendet schon durch des Geschickes Pflege,
Bereitet lang, bevor die Wahl geschah.
Mit diesem Geist, vom Vater angeerbet'
Dem Willen, der das Reine nur begehrt ,
Mit dieser Wang', von Tugendglut gefärbet,
Wie hätte ihn des Lasters Mask' bethört ?

Frey soll ich seyn — und allenthalben klemmen
Verhältniß' mich in Ketten schwer und eng;
Da will ich hin — und Hindernisse hemmen
Den Pfad, die kaum ein Götterarm bezwäng'. Und-
o des Trugs, vermein' ich frey zu wählen!
Schon seit Aeonen stand die That im Plan
Des Schicksals — was es schrieb, kann nimmer fehlen;
Ich war das Werkzeug nur, das sie gethan,

Ein Werkzeug, von dem Meister längst bereitet,
Wie es der Absicht hohem Zweck entsprach,
Ein Werkzeug, von des Künstlers Hand geleitet,
Zum Widerstand viel zu beschränkt und schwach.
So wär' ich denn Maschine nur, an Ketten
Zum Spiel bewegt vom Zufall und der Zeit,
Das Erdenrund ein Haus voll Marionetten,
Zu kürzen eines Dämons Ewigkeit ? —

O, warum sind nicht fühllos Wir gebohren ?
Wer pflanzte denn mit schadenfroher Lust
Den Hang für Freyheit — ewig ihr verlohren —
Für Tugend, in der Automate Brust ?
Wer saget meinem Herz: Du sollst zur Rechten,
Wenn ich nicht anders als zur Linken kann?
Welch Rang gebührt dem Edlen vor dem Schlechten ?
Was scheidet dann den Nero vom Trajan?

Wer peitscht Orest mit wilden Schlangenhieben
Von Argos bis an Tauris rauhen Strand,
Vergoß er, vom Verhängniß angetrieben,
Der Mutter Blut nur mit geführter Hand?
So schenktest du ja deiner Willkühr Sclaven
Das warnende Gewissen nur zum Spott,
Bestimmt zum Laster, quälst du noch mit Strafen
Den Bösewicht, erbarmungsloser Gott ?

Was sprach mein Mund? Welch freches Wort?
Verzeihe
Allgüt'ge Seel' der geistigen Natur!
Der Wahn entflieht — schau wie ich sie bereue,
Die Lästerung, die meinem Schmerz entfuhr!
Wer schuf mein Herz zu des Gesetzes Tempel,
Hat einen Richter in ihm selbst gesetzt?
Ja, diefs ist meiner Freyheit hoher Tempel,
Den kein Sophism entkräftet noch verletzt!

Hier liege ich voll kindlichem Vertrauen,
Die Andacht hebt auf ihrem Fittig mich.
Mein Geist, gestärkt durch dein erhabnes
Schauen, Ermannt aufs neu zum festen Kampfe sich.
Vom innern Gott auf ewig freygesprochen,
Durchschauert von der Selbstheit Hochgefühl,
Hat er das Joch des Schicksals kühn zerbrochen,
Und wandelt stolz nun nach der Tugend Ziel.

Letzte Änderung der Seite: 27. 03. 2017 - 22:03