EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

An die Gewohnheit.

Freundinn unsres Staubgeschlechtes,
     Sey, Gewohnheit, mir gegrüfst,
Die des Königs wie des Knechtes
     Bittre Loose gleich versüßt:
Die vom Throne bis zur Hütte.
     Alle alten Wunden heilt,
Zwar mit scheinbar trägem Schritte,
     Doch gewiß, zur Hülfe eilt.

Lebensweisheit, Fassung, Treue,
     Rühmt an Manchem oft die Welt:
Du nur, die dem Hang fürs Neue
     In der Brust die Wage hält,
Du nur bist es, die bescheiden
     Sich in diese Namen hüllt,
Und mit gleichem Muth im Leiden
     Unsre schwache Brust erfüllt

Nie mit leichter Hoffnung Flügel,
     Stets zum Schwunge ausgespannt,
Trägst du, über Erdenhügel,
     In ein täuschend Feenland,
Dessen Ufer immer weichen,
     Das uns stets gleich ferne ist,
Oder, wenn wir es erreichen,
     In ein Dunstgebild zerfließt.

Dessen Ufer immer weichen,
     Das uns stets gleich ferne ist,
Oder, wenn wir es erreichen,
     In ein Dunstgebild zerfließt.
Nur auf seinem Mutterballe
     Leitest du den Sterblichen;
Dass er ihn vergnügt durchwalle,
     Machst du das, was ist, ihm schön.

Was das Schiksal ihm beschieden,
     Wird, durch dich, ihm auch genug,
Und du lehrest ihn, zufrieden
     Seyn, bey Brod und Wasserkrug.

Führst zum eignen Vaterheerde
     Jedes liebsten Wunsch zurück,
Wandelst Arbeit und Beschwerde,
     Leiden selbst, in Lust und Glück.
Führest froh am Stab den Blinden,
     Und den Greis, der kaum noch schleicht;
Lehrst im Siechbett Freuden finden,
     Machst Galeerenruder leicht.

Feind bist du dem raschen Muthe,
     Welcher mehr zerstört, als schaft!
Der Tyrannen ehrhe Ruthe
     Brichst du nicht mit Riesenkraft,
Doch du stumpfest ihre Spitzen
     Mit des Zeitgotts Sense ab;
Endlich wird ein Streich nur ritzen,
     Der sonst Todeswunden gab.

Was der Stoa Geist vergebens
     Nur durch Sätze lehren will,
Das gelingt durch dich: des Lebens
     Last zu tragen froh und still.
Mochtest du mein Herz auch stählen!
     Mochte froh des innern Glücks,
Nie der Bosheit List mich quälen,
     Nie die Laune des Geschicks!

Alles mildere dein Schleyer,
     Dichter von der Zeit gewebt,
Nur ersticke nie das Feuer,
     Das die Brust fürs Gute hebt,
Hemme nie des Antheils Thräne,
     Birg' der Sterne holdes Licht,
Die Natur in ihrer Schöne,
     Und der Freundschaft Lächeln nicht!

Letzte Änderung der Seite: 27. 03. 2017 - 22:03