EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Ermahnung an die deutschen Männer und Jünglinge in Preußens rheinischen Ländern

von Ernst Moritz Anrdt

Die oben gehenden Worte über dje Bedeutung des Landsturms und der Landwehr sind in dem Monate Januar des großen Jahrs 1813 in Königsberg in Preussen geschrieben worden, als die siegreichen Heere des Kaisers von Rußland die letzten Reste der gewaltigen französischen Kriegsmacht auf ihrer schimpflichen Flucht verfolgten und über die Weichsel und Oder weiter gegen Westen jagten. Diese Worte hat Gott im Himmel gesegnet, weil sie aus dem Herzen des ganzen deutschen Volkes geschrieben waren, welches in Zorn und Rache brannte, die unbeschreiblichen Drangsale zu strafen, welche es von dem wälschen Volke der Franzosen litt, und das schändliche Joch dieser ihrer arglistigen Unterdrücker und Peiniger zu zerbreche». Darum wurden diese kurzen und leichten Worte allenthalben, wo man wieder deutsch empfinden und denken durfte, mit unbeschreiblicher Freude empfangen und viele tausend Male durch den Druck vervielfältigt und von vielen tausend deutschen Menschen mit Erbauung gelesen und wieder gelesen.

Es begab sich aber bald nach der Niederlage der französischen Heeresmacht in Rußland und Polen und nach der jämmerlichen Flucht der geringen Häuflein, die dem Verderben entrannen, daß ein großer und mächtiger deutscher König, der König von Preussen, den wundervollen Wink Gottes und den treuen Willen seines Volkes verstand und sein ganzes Land in die Waffen rief. Das Erste aber, was der König that, war die Anordnung eines Landsturms und einer Landwehr, welche sich über sein ganzes Reich erstrecken sollten. Das edle und tapfere preussische Volk vernahm diesen Befehl seines Herrschers mit unaussprechlicher Freude und eilte mit einem beispiellosen Eifer sich zu dem Kriege gegen die Franzosen, den sie als einen heiligen Krieg ansahen, zu rüsten und zu bewaffnen: so daß in wenigen Wochen das ganze Volk ein Kriegsheer und das ganze Lanb eine Waffenschmiede und ein Uebungsplatz zu seyn schien.

Durch diesen brennenden Eifer und heiligen Haß des Volkes gegen den französischen Uebermuth war das preussische Heer in der kurzen Zeit von drei bis. vier Monaten auf die große Zahl von beinahe 300.000 Streitern gebracht, und die feurige Jugend war von dem großen Gefühle von Gott, König, Freiheit und Deutschland so entflammt, daß sie in den ersten Schlachten, wo sie auf den Feind traf, gleich den ältesten und geübtesten Kriegern focht. Die preussische Landwehr hat in Schlesien, der Mark Brandenburg, Böhmen und Sachsen die ewig unvergeßlichen Siege von Großbeeren, an der Katzbach, bei Dennewitz, bei Kulm, bei Leipzig, und in Frankreich bei Brienne, Laon, la Fere champenoise und Paris mit erfochten und den Trotz der Feinde zerschmettert und die französische Uehermacht im deutschen Reiche zerbrechen helfen.

Durch das edelste deutsche Blut und durch die größten Opfer, welche Millionen deutscher Menschen mit redlichem Sinn an Leib und Gut dem Vaterlande dargebracht hatten, war Deutschland befreit und den Franzosen in ihrer eigenen Hauptstadt der Friede geboten worden; Napoleon Bonaparte, dessen gräuliche Herrschsucht alle Länder Europa's mit Verrath und Brand und Mord erfüllt hatte, war gestürzt und der alte vertriebene König von Frankreich, Ludwig der Achtzehnte, welcher über zwanzig Jahre im Elende gelebt hatte, war wieder auf den Thron seiner Väter gesetzt. Die hohen Herrscher, bei welchen in Paris die Macht und Gewalt über die Franzosen und über Europa's und Deutschlands künftiges Schicksal stand, glaubten^ die Franzosen seyen durch die ungeheuren Niederlagen, die sie erlitten hatten, und durch die -sichtbaren Wunder, wodurch Gottes Hand ihren tyrannischen Uebennuth gestürzt und gestraft hatte, erschreckt, und werden künftig Reue empfinden und still sitzen und ihre Nachbarn still sitzen lasse«. Sie ließen daher Gnade für Recht ergehen und schenkten ihnen einen sehr milden Frieden, wodurch sie ihr Land behielten, wie es vor der großen Umkehrung der Dinge im Jahre 1792 gewesen war. Auch Napoleon Bonaparte schenkten sie das Leben und wiesen ihm die kleine Insel Elba, welche an der italischen Küste liegt, zu seiner Wohnung, an, wo er in Musse bedenken könnte, wie unsägliches Elend er über die Welt gebracht und wie viele Millionen Menschen er seiner unersättlichen Herrschsucht geopfert hat.

Der alte König von Frankreich, obgleich durch langes Unglück und durch hohe Jahre geschwächt und ermattet, trat unter den Franzosen auf wie ein gütiger und milder. Vater, der seine verirrten Kinder gern durch Liebe gewinnen und alle Vergehen vergeben und vergessen will: er regierte mit der Freundlichkeit und Gerechtigkeit, daß sie ihn hätten lieb haben und lieb behalten müssen, wenn sie weniger verdorben gewesen wären, als sie sind. Ueber diese unruhigen und leichtsinnigen Menschen, die eben noch unter den Drucke der gräulichsten Sklaverei als die kriechenden Knechte gezittert, hatten, konnte die gebührliche Freiheit und Förderung, welche jezt im französischen Reiche gestiftet werde» sollte, nicht ertragen; viele von ihnen sehnten sich wieder nach dem wilden und blutigen Eroberer, der sie zu Raub und Mord durch alle Länder getrieben und in blutdürstige und golddürstige Tiger verwandelt hatte. Die meisten französischen Marschalle und Feldherren, fast alle Offiziere und Soldaten, die unter Bonaparte gefochten hatten, viele Tausende von Intendanten, Präfekten, Zöllnern und Spionen, welche unter der vorigen räuberischen Regierung das Mark aller Länder ausgesogen hatten, endlich eine große Bande von nichtswürdigen und verruchten Helfern der gestürzten Tyrannei, welche so. große Gräuel begangen hatten, daß sie einmal die gerechte Strafe fürchten mußten, alle diese konnte man von Anfang an als Verschworne gegen den König ansehen. Der König Ludwig der Achtzehnte, war von Auflaurern und Verräthern umgeben, welche den scheußlichen Tyrannen, der nach der Insel Elba abgeführt war, wieder zurückwünschten. Diese Verruchten unterhielten mit ihm eine beständige Verbindung und einen ununterbrochenen Briefwechsel. Endlich als ihnen die Umstände günstig däuchten und sie zu seinem Empfange alles bereitet hatten, luden sie ihn ein wieder nach Frankreich zu komen. Wirklich landete er mit etwa tausend Mann und einigen Kanonen in den ersten Tagen des Märzmonats an den französischen Küsten und zog durch ganz Frankreich. Wie in einem Triumphzuge nach Paris hinauf. Die Marschälle und Feldherren und das ganze Heer und ein großer Theil des treulosen und wankelmüthigen Volkes hatten ihren rechtmässigen König verrathen, und fielen von ihm ab und fielen dem Tyrannen zu. So ist es geschehen, daß Ludwig der Achtzehnte mit einigen Wenigen, die ihm treu geblieben sind, hat aus Frankreich entfliehen müssen und daß der fürchterliche Korse Napoleon Bonaparte sich mit dem Namen Kaiser von Frankreich wieder auf den französischen Thron gesetzt hat.

Dieser Kaiser von Frankreich, wie er sich, nennt, gebehrdet sich nun, als wenn der Wolf ein Lamm geworden wäre, er gebehrdet sich, als wenn Krieg und Raub ihm verhaßt seyen und als wenn er auf nichts simte, als auf das Glück und den Frieden der Welt. Und so klingt es denn in seinen Erklärungen, Verkündigungen und Ausrufungen von eitel Friede und Gerechtigkeit und Freiheit und Menschlichkeit, die jetzt die Völker segnen sollen. Aber er und. seine Franzosen haben zu viel, und zu lange gegaukelt und gelogen und mit schönen Klangen und Scheinen betrogen; Es glaubt ihnen keiner mehr.

Alle Herrscher und Völker haben nun erkannt, daß sie gegen die Franzosen zu gnädig gewesen sind, daß sie sie für besser und menschlicher gehalten haben, als sie sind; sie haben, erkannt, welche Gefahr >Bonaparte und seine schändliche Banditenbande der Welt bringen könnte, wenn man nicht eilte dem Nebel gleich in seinem Anfange mit voller Kraft zu. begegnen. Sie wissen, daß kein friedlicher Zustand in Europa seyn, kann, die er und die Räuberbande, welche ihn wieder auf den Thron gesetzt und alle Gefühle der Ehre und Menschlichkeit ausgezogen hat, vertilgt sind. Darum haben sie ihn geächtet als einen, der in Europa friedlos und vogelfrei seyn soll , und darum haben sie den Franzosen die Fehde und den Krieg angesagt.

Dieser Krieg, der jetzt beginnt, ist ein heiliger und gerechter Krieg für die Religion, für die Freiheit und Ordnung der Welt gegen die Verruchtheit, Tyrannei und Gewalt; es ist ein Krieg der ehrenvollen und edlen Völker gegen eine Schaar von treulosen und verbrecherischen Bösewichtern, welche gern wieder die Welt umkehren und alle Länder mit Brandstätten und Leichen füllen mögten, wie sie beinahe in die zwanzig Jahre gethan haben. Denn wenn >Bonaparten und den Hundertausenden, welche ihn wieder gerufen haben und welchen nichts als Lug und Trug und Raub und Gewalt gefalle, der Sieg gelänge, so würde das geschehen, was viele gute und fromme Menschen vor drei Jahren noch fürchteten: alle Treue und Gerechtigkeit und Gottesfurcht würde von der Erde verschwinden und ein schändliches Gesindel von Tyrannen und. Sklaven würde in der Welt übrig bleiben.

Dieses ist. hartes« Wille nicht, und er hat in den letzten Jahren auch den Kleingläubigsten und Ungläubigsten sichtbarlich gewiesen, daß es sein Wille nicht ist. Die Fürsten und Herrscher also, welche diesen Krieg erklärt haben, und die Völker und Krieger, welche den Kampf mit dem meineidigen und treulosen Feinde bestehen sollen, stehen unter Gottes unmittelbarem Schutze, und können sich im Leben und Tode zuversichtlich getrösten, daß sie in Gottes Hand sind und daß Gott mit ihnen, seyn wird. Denn die, gegen welche sie ausziehen, sind die Bösesten und Verworfensten und wollen das Böseste und Verworfenste.

Nun ein Wort zu euch, Männer und Jünglinge dieser rheinischen Lande, die. ihr .jetzt unter den Fahnen des Königs von Preussen, eures Königs und Herrn, mit in das Feld ziehen wollet, ein Wort des Trostes und der Ermahnung vor eurem Abschiede aus der Heimath und vor eurem Hingange auf das blutige Feld der Schlachten, wo ihr offenbarem sollt, daß ihr es würdig seyd; wieder die geliebten Kinder eines deutschen Herrschers zu heißen und dem alten heiligen Volke und Reiche der Deutschen wieder anzugehören.

Ihr habt beinahe zwanzig Jahre lang unter der traurigen Herrschaft eines fremden Volkes gestanden, unter der Herrschaft der Franzosen, welche in ihrer verblendeten Eitelkeit glauben, daß sie das erste Volk der Welt sind, und welche unter andern auch das deutsche Volk als ein viel schlechteres und dummeres Volk als sich selbst ansehen und verachten, da Gott den Deutschen doch vielmehr Treue, Redlichkeit, Gottesfurcht und Vernunft gegeben hat, als den wälschen und französischen Völkern. Diese .Franzosen, die sich eure Herren nannten und die meinten, daß ihnen die Herrschaft über alle andere Völker von Rechtswegen zukomme, haben recht hinterlistig dahin getrachtet und gearbeitet, wie sie die deutsche Tugend, Sitte, Gottesfurcht, Sprache und Verfassung ausrotten und euch zu einem schlechten und verworfenen Volke machen mögten, zu einem Volke ohne Ehre, Religion und Wissenschaft, das einem wilden Tyrannen, dem Dummheit und Leichtfertigkeit gefällt, das brauchbarste wäre.

Gott dort oben, der früher oder später alle Gespinste der Lüge zerreißt und den Frevel und die Bosheit durch ihre eigenen Thaten und Werke straft, hat nicht gewollt, daß das gute und treue deutsche Volk untergehen sollte, er ist mit seinem gewaltigen Arm dazwischen getreten, und ihr werdet wieder Deutsche genannt und Genossen des deutschen Reichs, und die Franzosen dürfen euch mit fremder Hinterlist in fremder Sprache keine Befehle mehr ausfertigen noch Gesetze geben.

Ihr seyd nun dem Ansauge dieses eures neuen Zustandes, der nach den Nöthen und Gefahren der Zeit gewiß ein glücklicher deutscher Zustand werden wird, sogleich zu tapfern Thaten berufen, wodurch ihr beweisen könnet und gewiß beweisen werdet, daß deutsches Blut in euren Adern fließet und daß deutsche Gottesfurcht und Treue euch zu festeren Kriegern macht, als eure Gegner durch Leichtfertigkeit und Verruchtheit sind. Es gilt der große Kampf mit den Bösen, der jetzt beginnen soll, nicht allein euer Vaterland, eure Religion, eure Freiheit, eure Sitte und Sprache, nein es gilt die Ehre, das Glück und die Freiheit der Welt: es ist das Böse gegen das Gute zu Felde gezogen, es ist, als ob Satan sich zum zweiten Mal gegen Gott empören und im schnöden Frevelmuth die Werke seiner Herrlichkeit zerstören wollte.

Darum sollet ihr frisch und fröhlich seyn und muthig in den Streit ziehen, denn ihr ziehet mit Gott und werdet es mit Gott glücklich vollenden.

Deutsche Männer und Jünglinge, ihr ziehet aus mit einem edlen und stolzen Heere, dessen Name durch seine Tugend und Tapferkeit in dem Vaterlande der größte geworden ist; ihr ziehet aus mir dem preussischen Heere, welches durch seine gewaltigen Thaten das Vaterland um meisten befreit und eure Lande wieder zu deutschen Landen und euch selbst wieder zu deutschen Menschen gemacht hat. Ihr werdet hinter den Preussen nicht zurückbleiben, hinter den Preusscn, die jetzt eure nächsten Brüder heissen, ihr werdet freudig und unerschütterlich wie sie in den Streit und, wenn Gott so will, in den Tod gehen; aber ihr werdet auch die andern Tugenden nicht verleugnen, die einem Krieger so wohl stehen, die Tugenden der Freundlichkeit, Barmherzigkeit und Zucht, ohne welche der Soldat einem wilden und reissenden Thiere ähnlich wird. Dadurch werdet ihr den deutschen Namen ehren in der Heimath und in der Fremde, und dadurch werdet ihr beweisen, daß ihr besser seyd als die, welche ihr besiegen wollt.

So gehet denn Hin mit Gott, mit dem Gott, der alles segnet, was der Mensch aus reinem und treuem Herzen thut, gehet hin mit Zuversicht und Freude; denn die deutsche Sache ist die gute Sache und der deutsche Krieg ist der gerechte Krieg?

Köln am Rhein den 18. Mai des Jahres 1815

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