EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Halle im October 1806

Anonym 1808

20. October

Heute war der für Halle ewig denkwürdige Tag, der Ankunft Napoleons in ihren Mauern und der Aufhebung der Universität.

Das Hauptquartier wurde hierher verlegt, und zugleich mit der Kaisergarde traf der Befehl ein, dass alle anderen Truppen unverzüglich die Stadt verlassen und vor dem Steinthore bivouakiren sollten. Diese seit dem Tage der Schlacht bey Jena fast immer unter freyem Himmel übernachteten beständig in der Verfolgung des Feindes begriffenen Truppen, suchten sich den jetzt befohlenen Bivouak in der Nähe der Stadt, aus deren Häusern sie verjagt wurden, möglichst bequem und angenehm zu machen. Sie nahmen daher ihren Wirthen die Betten und andere Mobilien mit hinaus, um nicht auf der bloßen Erde liegen zu müssen, sie zündeten Wachfeuer an, und hohlten, in Ermangelung anderer Brennmaterialien, die Zäune, Fenster, Thüren und Balken der einzelnen vor der Stadt gelegenen Häusern und aus der Vorstadt zu Brennmaterialien weg; die Ställe und Höfe der Bewohner gaben ihnen Schlachtvieh, und kleine Trupps thaten öfters Streifzüge in die Stadt, drangen in die Häuser, und requirirten dort Getränke und Speisen. Als der Bivouak aufgehoben ward, blieb eine Menge Betten und anderer Hausrath, ausgeschlachtetes Vieh und dergleichen zurück, welches die armen ausgeplünderten Vorstädter sich zueigneten, und so zum Theil einen kleinen Ersatz für ihren Verlust durch den Verlust der Städter erhielten.

Die Französische Garde marschirte auf dem Markte auf, wo noch wenig Wochen die Preußische Garde stand, und vor ihr her wurde eine große Anzahl von Sächsischen und Preußischen eroberten Fahnen hergetragen. Sie erhielt Quartier in der Stadt, welcher eine Lieferung von 12000 Portionen Fleisch auferlegt wurde. Die Rathswaage wurde einstweilen als Schlachthaus benutzt.

Ein hier gedrucktes Deutsches Bülletin gab Nachricht von dem, was seit Dem 9ten October vorgefallen war, und zeigte die gänzliche Vernichtung der Preußischen Armee.

Der Kaiser nahm sein Quartier im Hause des verstorbenen Geheime-Raths Meckel, am großen Berlin; mit ihm trat eine große Menge hoher Militair- und Civilpersonen ein.

Die Deputation des Magistrats und der Universität wurde huldreich von ihm aufgenommen, und er unterhielt sich mit mehreren Personen derselben. Darauf ritt er von seiner Suite begleitet in einem simplen grauen Überrocke vor die Thore, an welchen man sich geschlagen hatte, um die Wahlstatt in Augenschein zu nehmen.

Alles wurde ruhiger, jeder hoffte Wiederkehr der Ordnung, man sprach schon von dem Tage, an welchem die angekündigten Collegia beginnen sollten, man erholte sich allmählich von dem gehabten Schrecken und der Angst, als plötzlich der Befehl: die Studenten sollen vor Tagesanbruch die Stadt verlassen, alles wieder in einen fast noch schrecklicheren Zustand zurückwarf. Um etwa vier Uhr, war dieser Kaiserliche Befehl dem Prorector von dem Brigade-General Menard, Commandanten der Stadt, zugeschickt. Mit Thränen in den Augen unterzeichnete der brave Prorector Maas die Bekanntmachung des Befehls, welchem die Weisung für die Vertriebenen beygefügt war, sich um Reisepässe an den General Menard zu wenden. Da es aber schon zu spät war, so wurde die Abreise der Studirenden bis auf den folgenden Tag verschoben. Ein jeder, welcher einen Paß verlangte, musste seinen Namen, Alter, Eltern, Vaterland u.s.w. beym Prorector aufzeichnen lassen. – Viele sahen den Befehl nicht ungern, sie seufzten nach Hause, und jetzt wurden ihnen Pässe zu ihrer Reise angeboten. Vielen konnten so, ohne von ihren Gläubigern aufgehalten zu werden, die Stadt verlassen. Einige wurden durch dieses Exil in der von ihnen angefangenen Laufbahn gestört und aufgehalten, manche ganz außer Stand gesetzt, den betretenen Weg weiter fort zu gehen.

Doch welche Aussichten eröffneten sich dem Hallischen Bürger? Durch eine langdauernde Theuerung verarmt, durch ewige Durchmärsche gedrückt, allen Kriegsunfällen ausgesetzt, sah er jetzt auf einmahl die Aussicht eines künftigen Erwerbs, durch die Auswanderung der Studenten vernichtet. Und in diesen fürchterlichen Augenblicken, wo jedem das Herz vor banger Ahndung klopfte, ertönte um alle Schrecken zu paaren, die Sturmglocke vom Marktthurm. Die Preußen in der Kirche eingesperrt, hatten, um sich zu erwärmen, große Feuer angezündet, von welchen Dampf in dem Thurme bis zur Wohnung des Thürmers hinaufdrang. Dieser, welcher Feuer im Thurme selbst vermuthete, fing sogleich an zu stürmen, entdeckte aber bald die Ursache und es wurde wieder still. Noch um achte Uhr Abends machte der Ausrufer bekannt, dass die Studenten sich morgen in aller Frühe auf dem Rathause zur Abholung der Pässe einfinden sollten.

Unerklärbar sind die Gründe zur Vertreibung der Studenten, und werden immer hypothetisch bleiben. Einige hielten es für eine momentane militärische Verfügung, andere für eine Bestrafung der heftigen Declamationen Hallischer Professoren gegen die Französische Regierung, andere, selbst Hallenser, glaubten, die Studenten hätten auf die eindringenden Feinde gefeuert u.s.f.

Eine sehr wahrscheinliche Hypothese ist wohl folgende, dass ein Student durch sein Betragen die Ursache zu jener für Halle so traurigen Maaßregel wurde. Dieser Mensch, der durch sein rüdes Betragen, bramarbasierendes Äußere und seine burschikose Bravheit sich zum Senior einer sogenannten Landsmannschaft hinaufgeschwungen hatte, arretirte am 14ten October jenen Französischen Sprachmeister. Am Abend war er es, der eine Menge seiner Collegen zusammen raffte, und nach Abstimmung von Burschenliedern dem Könige ein Vivat, den Franzosen ein Pereat ausbrachte. Dies geschah in der Nähe des Kerkers, worin der Sprachmeister saß. Da man denselben für einen Auflaurer hielt, so wurden seine Papiere versiegelt und untersucht, er selbst aber aus einem Verhöre in das andere geschleppt. Es bedurfte einer militärischen Bedeckung, um ihn gegen die Wuth des Volkes zu schützen. Schon früher hin, als er sich um August dieses Jahres in Halle niederließ, hatte er von einigen Professoren manche Spöttereyen ruhig ertragen müssen. Auch Studenten erlaubten sich Neckereyen und Grobheiten gegen ihn, einer derselben verhaftete ihn, er wurde vom Pöbel mit Misshandlungen bedroht, als Spion vor Gericht geführt, und mit der Transportation nach Magdeburg geängstiget; als plötzlich seien siegreichen Landsleute seinen Kerker öffneten, und ihn von seiner Angst befreyeten. Er wurde Secretair des Commandanten der Stadt, und hier hatte er wohl Gelegenheit, die Stimmung der Universität gegen Frankreich, seine eigenen Unfälle und andere Umstände, wenn auch nicht unmittelbar doch mittelbar zur Kenntnis des, Anfangs gnädig gegen die Universität gesinnten Kaisers kommen zu lassen. Hierzu kam noch, dass, was unglaublich erscheint, ein Student, man sagt derselbe, von welchem vorhin die Rede war, unter die Fenster des Kaisers trat, und ihm ein Pereat anzustimmen sich erfrechte.

Kurz, der Befehl war unabänderlich gegeben. Jeder raffte etwas Kleidung und Wäsche, welche er vielleicht von der Plünderung gerettet hatte, zusammen, um morgen früh aufbrechen zu können.

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