EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Erinnerungen aus der Zeit der französischen Fremdherrschaft

aus dem Tagebuch eines Verstorbenen.

Der Kaiser Napoleon in Düsseldorf

Bereits im August 1810 langte von Paris die Nachricht zu Düsseldorf an, daß Sr. Majestät der Kaiser der Franzosen »die gute Stadt Düsseldorf« mit seiner Gegenwart beglücken wolle. Der Präfect notificirte das bevorstehende höchsterfreuliche Ereigniß auf ministeriellen Befehl allen Mairen des ganzen Großherzogthums per Estafette. Man rüstete sich zum würdigen Empfange; indeß waren alle dieserhalb getroffenen Zurüstungen mehr als ein Jahr zu früh begonnen worden; denn des Kaisers Ankunft verzögerte und verschob sich bis zum October des folgenden Jahres. Am 14. Des ebengenannten Monats traf die officielle Nachricht aus der Hauptstadt ein, daß Napoleon, der von Paris nach Holland abgereist war, mit seiner Gemahlin, der Kaiserin, endlich auch Düsseldorf beglücken werde, wozu denn sofort alle Maßnahmen getroffen wurden, um den Empfang so prachtvoll als möglich zu machen. Bereits im August des vorigen Jahres hatte man zu der damals erwarteten Ankunft des Kaisers im Hofgarten einen Obelisk und vor dem Bergerthore einen Triumphbogen errichtet; ersterer, auf morastigen Grunde erbaut, drohte den Einsturz, weshalb er vor einigen Monaten verkauft ward; letzterer hatte besondere Schicksale gahbt. Schon vor vier bis fünf Jahren war die Idee dazu angegeben, als Napoleon's Schwester, die Großherzogin von Berg, nach Düsseldorf kommen sollte. Das Gerüste hatte Professor Schäfer erbaut, die Figuren, womit er ausgeschmückt werden sollte, hatte Cornelius gemalt; die übrigen Decorationen waren vom Maler Mengelberg. Da aber die Großherzogin nicht eintraf, so wurden die Gemälde nicht aufgestellt; das Gerüst warf ein Sturm über den Haufen. Im August des vorigen Jahres wurde von den Architekten von Vagedes ein neues Gerüst, welches wegen der fertigen Malereien wie das frühere eingerichtet werden mußte, erbaut und an einer anderen Stelle, in der Mitte zwischen dem Bergerthor und der Neustadt, hingestellt. Dies gab der Verschönerungscommission Veranlassung, auch diese Partie zu verschönern, weshalb man die dort befindlichen Teiche und Pfützen ausfüllte, die Hügel ebnete, die Hauptstraße Neustadt mit dem Bergerthor in gerader Linie brachte, wodurch ein geräumiger Platz zwischen der Alt- und Neustadt entstand, der mit neun Reihen Bäumen bepflanzt wurde. Als dieses Alles fertig war, stellte man den Triumphbogen am Ende der Neustadt auf, brach ihn indeß wieder ab und richtete ihn am Flingernthor auf.

Vor den Thoren hatte es während dieser Zeit das Ansehen, als sei der Frühling da; alles war mit Heckenscheren, Gras aus dem Wege Jäten, Wegeebenen u.s.w. beschäftigt. Die nach dem Abgange des Großherzogs ins Stocken gerathene Nationalgarde wurde schleunigst neu organisirt, uniformirt und exercirt. Auch die Ehrengarden von Elberfeld und Gemarke trafen am 16. October zu Düsseldorf ein. Sämmtliche Präfecten, Departements- und Präfecturräthe wurden einberufen, die ganze Provinz dadurch allarmirt, und der Allarm durch das Zeitungsgeplärre noch vermehrt und unterhalten.

Die bergischen Fabrikanten, welche den Hauptstolz ihrer Fabrikate nach Frankreich hatten, wünschten, weil ein großer Theil derselben als Conterbande nicht dahin ausgeführt werden durfte, ein anderer Theil mit hoher Eingangssteuer belegt war, daß das Großherzogthum mit dem Kaiserreiche vereinigt würde, indem sie wähnten, dadurch gänzliche Handelsfreiheit zu gewinnen, so wie dieser Egoismus sie zu der Präsentation verleitete, daß alle Einwohner des Großherzogthums mit ihnen sympathisiren und in jener Vereinigung auch ihr Glück finden sollten, weshalb sie seit Jahresfrist auch eine ständige Deputation zu Paris unterhielten, welche fortwährend um diese Vereinigung follicitiren mußte. Jetzt dachte man die kaiserliche Majestät persönlich zu bestechen. Man errichtete zwar auch zu Elberfeld Triumphbogen; allein der Glaube, daß Napoleon auch dahin kommen werde, schien doch schwach zu sein, weil man das gesammelte Magazin der besten und schönsten Fabrikate, die vorgeblich den englischen gleichkamen, sie gar übertreffen sollten, nach Düsseldorf schaffte und daselbst in einem der Galleriesäle aufstellen ließ.

Da dieses Magazin schon frühzeitig von Elberfeld herübertransportirt worden war, und man besorgte, der Staub möge den Fabrikwaaren schaden, so gab ein elberfelder Kaufmann einem düsseldorfer Bürger mittels Briefes den Auftrag, einige hundert Ueberzüge von feinem Stoffe zu besorgen, um damit die Waaren zu überziehen. Der Bürger entledigt sich des Auftrages, bringt die Ueberzüge zusammen und sendet eine Rechnung für Miethentschädigung nach Elberfeld hinüber.

In Elberfeld ward man über solche Zumuthung — wie man es nannte — sehr verwundert, ja selbst aufgebracht und schalt, daß der Düsseldorfer so wenigen Patriotismus besitze, und diese Schutzwehr gegen das Verderben der Producte der bergischen Landesindustrie nicht unentgeltlich herleihe. Ein merkwürdiges, sprechendes Beispiel, wie weit der Egoismus geht! Ein Kaufmann dessen ganzes Lebensprincip einzig und allein Gewinnsucht ist, führt das Wort: Patriotismus im Munde auf Kosten Anderer, ja einer ganzen Stadt — daher um so absurder und lächerlicher in diesem Falle, da grade der Zweck vor Ausstellung der elberfelder Fabrikerzeugnisse kein anderer war, als dadurch der Vereinigung des bergischen Landes mit dem Kaiserreiche Vorschub zu leisten und sie zu befördern, dieses Vereinigung aber, wenn sie erreicht worden wäre, den gänzlichen Ruin der Stadt Düsseldorf herbeigeführt haben würde, ihn unfehlbar nach sich zog, während sich Elberfeld gewaltig gehoben hätte, weil Düsseldorf durchaus in die Classe der gewöhnlichen Provinzialstädte dadurch gekommen wäre und mit einer Menge von Beamten fast ihre einzige Nahrungsquelle verloren hätte.

Die bevorstehende Ankunft des Kaisers lockte selbstredend eine große Zahl Fremder aus dem benachbarten Städten und Ortschaften sowohl, als aus der Ferne nach Düsseldorf. Daß es dabei an Glücksrittern, Vagabunden, Gaunern und ähnlichen Gesindel, denen dergleichen Tage Gelegenheit vollauf bieten, gute Geschäfte zu machen, nicht fehlte, versteht sich von selbst. Ja dieser Rücksicht, besonders aber in Beziehung auf die Sicherheit der Person des Kaisers, waren von Paris aus die strengsten Befehle ergangen. Die Polizei lugte überall mit Argusaugen umher; alle Pässe wurden aufs genaueste untersucht, und diejenigen, die sich nicht durchaus vollständig legitimiren konnten, wenn sie auch zu Wagen oder zu Pferde, mit Gefolge und Dienerschaft, kamen, wieder fortgeschafft. Am 17. October langte schon der Minister von Röderer, dem das Portefeuille des Großherzogthums übertragen war, von Paris an und entfaltete selbst eine außerordentliche Thätigkeit, um die Vorrichtungen zum Empfange Napoleon's aufs Prachtvollste einzuleiten und zu beschleunigen. Am 29. Folgte der Staatssecretair Herzog von Bassano, mit seiner Gemahlin, zwei vollständige Geschäftsbureaus mit ihren Beamten bei sich führend. Am 31. October halb 6 Uhr trafen Couriere ein mit der Nachricht, die Kaiserin werde am Abend eintreffen. Eine Straßenbeleuchtung ward schleunigst befohlen. Die berittenen Ehrengarden von Düsseldorf, Elberfeld und Gemark, die bergischen Lanciers und Gendarmen, und die in diesen Tagen eingerückten französischen Leibgarden, worunter auch die polnische Ehrenlegion, warfen sich zu Pferde, postirten sich in Parade auf dem Markt und auf der Zollstraße, woselbst auch die düsseldorfer Nationalgarde zu Fuß aufmarschirt war. So stand diese ganze bewaffnete Macht vn Abends 6 Uhr bis Morgens um 4 Uhr, und ging erst dann, weil die Kaiserin nicht kam, auseinander. Folgenden Tages im Mittag versammelte sich abermals alles wirkliche und das maskirte Civilmilitär an demselben Orten, bis gegen halb 2 Uhr Geschützdonner und Glockengeläut die Ankunft der Kaiserin am Rhein verkündeten. Bald setzte sich der Zug in Bewegung, die Kaiserin in Empfang zu nehmen, der darauf vom Rheinthore durch die Bolkerstraße nach dem Jägerhause, dem Miniaturschlosse Düsseldorfs, seinen Weg nahm, die Ehrengarden voran, darauf die Lanciers, dann die Leibgarden, in deren Mitte die Kaiserin, an ihrer Linken eine Hofdame, im offenen Wagen, verschleiert und in einem himmelblauen Kleide. Der Leibgarde folgte ein zweiter offener Wagen mit zwei Damen und einem Hofcavalier in hellblauen Costüm, stark bebändert und beordnet, den kaiserliche Lanciiers folgten; am Schlosse wachte eine Abtheilung Gendarmerie. Tages darauf langte eine große Zahl von Equipagen an, welche das Gefolge der Kaiserin, worunter viele Herzoge und Herzoginnen, Marschälle u.s.w., brachte; auch die kaiserliche Hofküche fehlte nicht. Alles war überfüllt. Gasthöfe und Kneipen konnten die Menge der Fremden nicht fassen; in Bürgerhäusern zahlte man für eine Schlafstelle einen Kronthaler für jede Nacht. Viele Hausbesitzer wurden ganz aus ihren Wohnungen getrieben, indem darin das hohe Gefolge der Kaiserin untergebracht werden mußte.

Am 2. November Mittags 1 Uhr begannen Geschütze und Glocken abermals ihre Thätigkeit, indem der Kaiser, von Wesel kommend, wirklich eintraf und im Jägerhause abtrat, ohne in die Stadt zu kommen; der Wagen war von Kavallerie stark umgeben. Am anderen Tage — es war Sonntag und die Stadt wogte von Menschenwellen — Mittags 2 Uhr ritt der Kaiser zu Pferde durch die Stadt, stieg auf dem Rheinwerst ab und ging bis zum neuen Hafen, besah denselben, stieg dann wieder zu Pferde und ritt zum Jägerhofe zurück. Am folgenden Morgen fuhr das kaiserliche Paar nach dem Schlosse Benrath, und nach der Rückkehr musterte der Kaiser die bergischen Truppen auf dem Exercirplatze. Auf einem der Galeriesäle fand ein Ball Statt. Gegen halb 10 Uhr erschienen Kaiser und Kaiserin auf dem Balle und nahmen ihren Sitz auf dem für sie errichteten Throne. Nach viertelstündigen Verweilen daselbst begaben sich Beide den Saal hinunter und unterhielten sich in wenigen Worten mit einigen Damen und Herren, worauf sie den Saal und Tages darauf die Stadt verließen.

Das Resultat der Anwesenheit des Kaisers war, daß von Paris aus vierzehn Tage nachher die Etablirung einer Universität, das Niederreißen des alten abgebrannten Schlosses und der Bau der Universitätsgebäude an dieser Stelle und die Gründung eines neuen Schauspielhauses in der großen Akerstraße, die den Namen »Napoleonstraße« erhielt, genehmigt ward. Nichts destoweniger aber wurde von dem Allen — nichts.

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