EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung.

Preussen

Dieser, während Friedrich des Einzigen sechs und vierzigjähriger Regierung zu einer der ersten Mächte Europas herangewachsene Staat, hat zwar seit dem Tod des großen Königs, sich an Ländern und Kriegsvölkern beträchtlich vergrößert, dadurch aber, wie die heutige Erfahrung lehrt, an Ansehen und Nachdruck bei den übrigen Höfen in Europa, nichts gewonnen. Im Jahr 1787, da König Friedrich Wilhelm II. wegen der in Holland vorgegangenen Unruhen und Beleidigungen des Prinzen von Oranien, unter dem regierenden Herzog von Braunschweig ; ein Heer von neunzigtausend Mann dahin schickte, wurde die vorige Ordnung bald wieder hergestellt und man schloss daraus, dass Friedrichs Geist, auch nach seinem Hintritt noch, auf den von ihm organisierten Kriegsscharen, ruhe. Allein die Feldzüge 1792, 1793, 1794 fingen an, die Welt in dieser guten Meinung irre zu machen. Einzelne Kriegsverrichtungen enthielten wohl Merkmale der guten Taktik und altpreussischen Tapferkeit. Sie waren jedoch zu schwach, die großen Gedanken, welche durch ganz Europa dem preussischen Heere den Vorzug erteilten, ganz aufrecht zu halten. Der in Basel 1795 zwischen Preussen und Frankreich abgeschlossene Traktat öffnete dem Hause Brandenburg mehrere angenehme Aussichten und gewährte seinen Staaten den wichtigen Vorteil, im nachherigen ganzen Verlaufe des, so vielen deutschen Ländern höchstverderblichen Kriegs, der Früchte zu genießen, welche nur das Himmelskind, der Friede, auszuspenden pflegt. Indessen konnte doch Friedrich Wilhelm nicht hindern, das die mit ihm ausgesöhnte französische Republik, noch im selbigen Jahre, die Regierung in Holland umwälzte und dem Hause Oranien, an welches zwei königl. preussische Prinzessinnen vermählt waren, die oberste Stelle in den vereinigten Niederlanden entrisse. Noch lagen die Gründe, welche den König acht Jahre zuvor bestimmten, sich in die holländischen Angelegenheiten zu mengen, in der Mitte. Ja sie mussten weit stärker werden, wenn man erwog, das eine Nation, die kürzlich erst ihren König und Königin, nebst der Schwester des erstern, auf das Schafott lieferte, einem Fürsten Europens nach dem andern, seiner Hoheit, zu berauben, und den Geist des Aufruhrs durch alle Länder zu verbreiten, den tollkühnen Entschluss gefasst habe. Friedrich Wilhelm, durch diese und noch weit stärkere Beweggründe ungerührt, sahe gelassen zu, das die Franzosen, in Vereinigung mit den sogenannten holländischen Patrioten, auf den Prinzen von Oranien mit seinem Hause losstürmen, ihn der Statthalterschaft, seine Söhne ihrer Ehrenstellen bei der Armee entsetzen und mit Leibes- und Lebensgefahr, wenn er der Gefangenschaft entgehen wollte, den Prinzen nötigen, über das Eis in englische Schiffe zu flüchten. Waren gleich die Franzosen mitten im Winter, (durch die Verräterei einer Spinne geleitet,) und von gefrorenen Flüssen und Kanälen begünstigt, unter Pichegru in Holland eingedrungen, so würde dies, wenn Friedrich Wilhelm Ernst gebrauchen wollte, seinen Arm zum Beistand des Hauses Oranien nicht verkürzt haben. Der ruhige Besitz von dem an Geld, Geschütz, Getreide und allen andern Bedürfnissen, damals überfließenden Holland, gewährte Frankreich einen weiten Spielraum für seine künftigen Unternehmungen, und man darf ohne Verlegung der Wahrheit beteuern, das Hollands Eroberung, dem wankenden französischen Staat ganz auf die Beine geholfen. Erschrockenheit und verzagter Mut lagen nicht in König Friedrich Wilhelm III. Charakter. So sehr auch die vorigen Feldzüge die preussische Schatzkammer gelichtet hatten, konnte man doch nicht sagen, das Preussen dadurch in völlige Untätigkeit gesetzt worden. Wo finden wir also den ersten Ruhepunkt für eine Vermutung? Darin - - -

Vielleicht fühlte sich der König der 1797 das Zeitliche verlies, damals schon in kritischen Gesundheitsumständen. Das ist es, was ihn entschuldigen dürfte, doch bleibt es eine schwere Aufgabe, das Betragen des preussischen Kabinetts bei dem bedauernswürdigen Schicksal eines dem Könige allernächst verwandten Hauses, und des an königliche Provinzen stoßenden Hollands zu rechtfertigen. Als der jetzige König den Thron bestieg, war er um ein Jahr jünger, wie FriedrichII. bei seinem Regierungsantritt. Ganz Europa richtete das Augen auf einen Monarchen, dessen blühendes Alter und lebhaftes Blut, die größte Tätigkeit im Kabinett und durch sein gerüstetes Heer, Schrecken der Feinde erwarten ließ. Allein Friedrich Wilhelm III. hielt sich an das erste, und war daher unbeweglich, als verschiedene Mächte im Jahr 1799 seinen Beitritt zur Verbindung mit Östreich und Russland ernstlich suchten. Die Ruhe, worin sich der preussische Hof zu halten für gut fand, war den französischen Waffen sehr große Förderung. Diese Verdienste um Frankreich erhielten im Frieden von Lumeville Beweise der Erkenntlichkeit, leider jedoch nicht auf französischen, sondern deutschen Grund und Boden. Preussens Haltung gegen Östreich wäre einigermaßen zu entschuldigen. Man weiß, welche Beschimpfungen, nach den Baseler Frieden , in den heftigsten Pasquillen, oder Schmähschriften, gegen den preussischen Hof zu Wien ausgestoßen wurden. In dieser Kaiserstadt wetteiferte jeder, wer es dem andern in Lästerung des Königs von Preussen, zwar tun könne. Ausdrücke, deren sich wohlgezogene Gassenjungen zu schämen haben, schienen manchen dieser feinen Schriftsteller viel zu glimpflich für ihren Gegenstand. Um in dieser Arbeit nichts gemeines zu liefern, waren sie in Erfindung von Schimpfnamen übersinnreich, und geraume Zeit gewährten dergleichen Aufsätze den Publikum die belustigenste Unterhaltung. Diese unsaubern Vögel verflogen sich auch nach Berlin. Dort rächte man sich an den Umglimpf, teils mit Verachtung, teils durch wohlgesalzene schriftliche Antworten. Wie es nun zu sein pfleget. obschon der Wiener und Berliner Hof in jener Zeit sich nicht feindselig behandelten, so war doch dem König von Preussen der heftige Groll, welcher seit dem Baseler Frieden in Wien auf ihn geworfen worden, nicht gleichgültig. Beide Höfe sahen sich mit starren Augen an. Daher ließ Preussen die Östreicher ihre Fehde allein verfechten, gewiß mit dem geheimen Wunsch, diese Nachbarn, welche eben nicht die freundschaftlichsten Gesinnungen hatten, beschränkter zu wissen. Sieht man auf die Folgen dieser Kaltblütigkeit, so sind sie Östreich weniger, als dem übrigen Teil des deutschen Reichs, nachteilig gewesen. Was der letzte Friede von Luneville dem deutschen Boden auf dem linken Rheinufer einrisse, hätte nach aller Wahrscheinlichkeit, durch Preussens Macht können erhalten werden. Hier waren die meisten Länder von vier Kurfürstentümern, außer mehreren freien Reichsstädten und kleinen Herrschaften gelegen. Von der Feindschaft der Erzbischöfe zu Mainz, Trier und Köln, welches letztere ohnehin einem Prinzen aus dem Hause Östreich zum Regenten hatte, konnte wohl ein König von Preussen bei der bekannten Anhänglichkeit dieser geistlichen Fürsten an den Wiener Hof, sich nichts sonderliches versprechen. Man darf nur die Geschichte des siebenjährigen Krieges darüber nachschlagen. Seitdem jedoch die mit Religionshass unzertrennlich verknüpften Vorurteile durch aufgeklärtere Einsichten dahin schwanden, ging auch an den Höfen der geistlichen Kurfürsten eine Veränderung politischer Grundsätze vor. Daher trug selbst des h. Röm. Reichs Erzkanzler, der letzte Kurfürst von Mainz, kein Bedenken, dem von Friedrich II. in Gang gebrachten Fürstenbund beizutreten., ein Schritt; darüber Kaiser Joseph viel Empfindlichkeit blicken lies, besonders weil eben dieser Monarch durch die Besitznahme von Niederbaiern im Jahre 1778 die Aufmerksamkeit der ersten deutschen Fürsten zu Vorsichtsmaßregeln gereizt hatte. Nach dem Tode Friedrich Wilhelm II. mehr Ergebenheit für Östreich, als sein großer Oheim hegte, oder vielmehr, weil jener, der vier Kriege wider die östreichsche Macht glücklich hinausgeführt, seinen Thron so befestigt hinterließ, das man sich sobald keines neuen Angriffs vom Wiener Hof, preussischerseits zu besorgen hatte. Wie sehr Deutschlands Erhaltung und die Rettung seiner Missstände Friedrich am Herzen lag, ist aus dem Teschner Frieden für alle Zeiten erwiesen. Diesem König müssen Baierns Fürsten ewigen Dank zollen, denn durch seine nachdrucksvolle blieben sie im Besitze der, ihrem Hause angestammten Länder. Saß Friedrich stille, so war Baiern ohne Rettung verloren. In Wien wurde daher sein Name nur desto verhasster. Man gab ihm spottweise den Titel eines Diktators im Römischen Reich; eines solchen nämlich, der sich dem Kaiser an die Seite setzen und in der Reichs-Staatsverwaltung dem Oberhaupt in sein Amt greifen wolle. Was ihm hier, an seinem durch den letzten Bairischen Erbfolgekrieg neuerworbenenRuhm entging, erntete dieser Monarch bei dem übrigen unparteiischen Teil der Welt auf das reichlichste und die Geschichte wird immer bezeugen, das er durch Baierns Erhaltung bei dessen Fürstenhaus, den großen Taten seiner vielen Feldzüge die Krone aufgesetzt hat. Wer hätte nun vermuten sollen, das Friedrich Wilhelm, Vater und Sohn, den Pfad ihres großen Vorgängers einmal verlassen und nicht mit aller Macht die Zerstückelung des Reichs abzuwenden versuchen würden. Jede Übermacht, sei sie in Frankreichs oder Östreichs Händen, ist gefährlich. Der östreichischen arbeitete Friedrich II. mit allem Eifer entgegen. Warum taten seine Thronfolger nicht, dasselbe gegen Frankreich? Antwortet man: »Das litten die Verbindungen nicht; dadurch würde Preussens Vergrößerung und Arrondierung verloren haben; Östreich würde sodann nicht gedemütigt, noch dem König von Preussen der Besitz Schlesiens so gewiss versichert worden sein, als jetzt, da Östreich ohne sich neuen Gefahren auszusetzen, gar nicht an Wiedereroberung dieses dieses souveränen Herzogtums denken darf; die Braunschweig-Lüneburgischen Lande, ein so beträchtlicher Zuwachs der preussischen Staaten, würden nie einen Ergänzungsteil derselben ausmachen: Der Krieg hätte unendliche Summen verzehret und doch ist das Glück nie wandelbarer als im Spiele des Mars; der Klugheit war´s also gemäß, das Gewisse dem Ungewissen vorzuziehen, sich folglich stille zu halten und im trüben zu fischen.« Lasst uns sehen, ob diese Gründe die Missgriffe des preussischen Kabinetts zu bedecken im Stand sind. Einmal ist doch richtig, das durch Preussens Untätigkeit, ja durch sie allein, der große Plan ausgeführt worden, mit dem Ludwig XIV. lange Zeit sich niederlegte und aufstand, nämlich den Rhein zur Grenze seines Reichs zu machen. Die französischen Gewalthaber, durch das Glück ihrer Waffen unterstützt, bleiben diesem Plan getreu und führten ihn, ohne weitere Hindernisse bekämpfen zu müssen, glücklich aus. Das hart mitgenommene Reich seufzte nur nach Friede. Östreich hatte den besten Teil seiner Kriegsscharen verloren und den Feind zum zweiten Mal in seinem Erbstaaten gesehen. Kein Fürst in Deutschland konnte der französischen Macht nur eine Stunde lang, ohne sich ins Verderben zu stürzen, die Spitze bieten. Unter solchen für Deutschland höchstnachteiligen Umständen am Frieden arbeiten und ihn schließen, musste das nicht das Verderben des Reichs herbeiführen? Preussen hätte wohl dieses zur Entschuldigung, das es erstlich auf König Friedrich Wilhelm II. sich berufen kann, der zur Herstellung des Friedens zwischen Östreich und Frankreich, seine (gute Dienste) Vermittlung schon 1795 anbot, die aber vom Kaiserlichen Hofe weit von der Hand gewiesen worden. Zweitens kann es anführen, dass das deutsche Reich nicht an eines seiner Glieder, sondern von seinem Oberhaupt, den Schutz fordern müsse; wobei es es drittens noch dieses zum Vorstand hat, das die Festung Mainz durch seine Völker wieder ans Reich gebracht, von den Östreichern aber an die Franzosen übergeben worden. Gründe, die ihr Gewicht hätten, wenn von Verlust, der das Haus Östreich allein betrifft, die Rede wäre. Hier ist nun ein ganz anderer Fall, den man aber gewaltig u verdrehen sucht. Scheelsüchtige Politiker und elende Träumer, wollen nämlich ihren deutschen Brüdern die neue Ordnung der Dinge, als eine neue Grundfeste des deutschen Reiches vorspiegeln und den Verlust der Länder am linken Rheinufer, darüber in Vergessenheit bringen. Verloren ist aber jede Mühe, die sie sich deswegen geben. Können schon Beispiele, der Regel nach, nur erläutern, nicht beweisen, so sei uns doch erlaubt, für beide Fälle eins anzuführen. Wir setzen, der König von Preussen hätte Schlesien nie beherrschet, oder er müsste es abtreten, würde seine Macht noch eben dieselbe sein, oder bleiben, wie bis diese Stunde? Man erwidere nicht hierauf: Das treffe nur bei Preussen, nicht aber aber den vormaligen Ständen am linken Rheinufer zu; bei diesen einzelnen Staaten, sei die Macht geteilt, folglich nicht von Bedeutung, insofern also entbehrlich, oder zur Reichsverteidigung von keinem Belange gewesen. Ganz recht! Jetzt also, da diese vormals deutschen Länder unter einen einzigen Oberhaupt stehen und nicht wie vorhin, getrennte Fürstentümer ausmachen, jetzt da der kriegerische Napoleon über mehr als vier Millionen unlängst noch deutscher Bürger und Einwohner, unumschränkt gebietet, ist die französische Macht, mit achtzigtausend braven Soldaten deutscher Nation, verstärkt, deren Beruf sie auffordert, bei jedem Wink aus Paris, Gefahr und Verderben über Deutschland verbreiten zu helfen. Wobei man noch bemerken muss, das diese unter Frankreichs Zepter geborne Deutsche, so lange für sie in ihrem Vaterlande etwas zu holen ist, an keine Desertation denken dürfen. Ein Vorzug, dessen sich kein preussisches oder östreichisches Heer rühmen kann. Welche neue Ordnung der Dinge (man vergebe diesen entlehnten Ausdruck) wird nun den Verlust des linken Rheinufers ersetzen, und wann wird diese, von unberufenen Köpfen entworfene Ordnung der Dinge zur Wirklichkeit kommen? - Deutschland, welches vorhin aus allen seinen Kreisen, viele und fürchterliche Soldaten dem preussischen Heer lieferte, hätte aus diesem Gesichtspunkt dem König von Preussen, höchstwichtig sein, und ihm die Integrität des Reichs sehr nahe legen sollen. Nunmehr für die preussische Werdung verloren, sondern der schwäbische und fränkische Kreis bleiben derselben nicht minder verschlossen. Vielleicht hält sich die Krone Preussen dafür mit Hannöverschen Mannschaften, schadlos. Aber ist denn der Besitz Hannovers schon unumstößlich? Und wenn auch, so mussten ja andere Länder dagegen abgetreten werden; Länder die seit geraumer Zeit von Kriegslasten verschont, einen großen Teil ihrer Einwohner in blühenden Wohlstand sahen, und jetzt dem unglücklichen Staaten unterworfen sind Rein ausgeleert, Städter und Landmann in tiefster Armut, die schönsten Wälder verheeret, und ihrer Zierde, des stolzen Hirsches, so wie Marstall und Dorf der edelsten Pferde beraubt, die königlichen Paläste bis auf den Nagel an der Wand geplündert, überlässt Napoleons Freigiebigkeit das deutsche Eigentum Georg III., einem der mächtigsten Verwandten des Königlich-Großbritannischen Hauses, und dieser seinem französischen Wohltäter verbundene Fürst, gibt England Freundschaft auf, um sich von Frankreich desto enger umfassen zu lassen. Möchten doch die Namen Friedrich des Großen, seinem zweiten Thronfolger umschwebt haben, »als er die Fürstentümer Ansbach und Kleve, nicht der Notwendigkeit der Lage, nicht der wahren Staatsklugheit, nein, dem Willen eines unbändigen Eroberers, zum Opfer brachte, als er die ehrenvollen Bande des Bluts mit einem der ersten Thronfolger in die Arme warf, der aller Thronen der Welt, nur nicht seiner eigenen, Feind ist.«

Wer der Wahrheit nicht ins Angesicht widersprechen will, der entbinde das preussische Kabinett von dem Vorwurf: »das selbiges zur tiefen Erniedrigung Deutschlands durch sein Benehmen im vorigen Kriege, wie im letzten, sehr viel beigetragen; der zeige und Gründe, das Friedrich Wilhelm III. die jetzigen Zeitumstände, als ein Weiser benutzt habe; der belehre die Welt, das Napoleon Siege bei Ulm und Austerlitz, den ruhig sitzenden König von Preussen nichts angegangen; der sage uns, ob je eine unerhörtere Verletzung des Völkerrechts sich zu erlauben sei, als diese: das ein Fürst die Lande eines andern, der mit ihm in »tiefstem Frieden lebt, in Besitz nimmt, bloß weil es sich mit dem Plan seines Feindes am besten reimt; der überführe uns endlich: das Preussen nicht allenthalben Schwäche über Schwäche verriet, da es sich einen beträchtlichen Teil seiner Stammländer in Franken, das reiche, gesegnete Markgrafentum Ansbach, von Napoleon abtrotzen ließ, ein Land dessen ungestörte Vereinigung mit der Kurmark Brandenburg, Friedrich II. im Teschner Frieden feierlichst versichert worden und dessen Hauptstadt unlängst noch für sich, wie für alle übrigen Einwohner, die ausgezeichnetesten Beweise treuer, unerschütterlicher Anhänglichkeit an das Königliche Kurhaus Brandenburg ablegte.« Friedrich Wilhelm bezeugte hierüber sein Wohlgefallen und Dankgefühl in einem erlassenen Kabinettschreiben, worin er der Stadt Ansbach zugleich seine Huld zu erkennen gegeben. Und  was erfolgte unmittelbar hernach. Bernadotte führt seine Völker in dieses bisher von Kriegslasten verschonte Land, damit auch dieser noch das Wohlstands genießende Winkel von Deutschland nicht übersehen, sondern wie alle andere, die Frankreichs Heere trugen, das aufs Knochenmark ausgesogen werde. Welcher Landesvater kann bei dem sichtbaren Untergang seiner treuen Untertanen unempfindlicher sein, als der König von Preussen? Wem können die Rechte der Menschheit weniger gelten als eben diesem Monarchen? Wer hat den Schlüssel zu allen deutschen Provinzen dem übermütigen Napoleon in die Hände geliefert? Rede du, heilige Wahrheit! Ists nicht Friedrich Wilhelm III.? Jedes mal, da die Franzosen für ihrer Eroberungssucht einen Anstrich nötig zu haben vermeinten, wurde von ihnen die Polnische Teilung zu Hilfe genommen. Diese verrufene Zerstückelung eines großen Königsreichs, ist in Napoleons eiserner Faust der Köder, aus welchem er die Rechtmäßigkeit seiner Eroberungen, sollten sie auch bis nach Hindustran gehen, überzeugend belegt. Jetzt scheint es, als wäre dieselbe Teilung von einer andern Seite ins Gesicht gefasst und gar zum Muster angenommen worden. Italien und Deutschland können uns darüber belehren- Napoleon nimmt und gibt Länder, wie immer seine Launen gestimmt seien zu wenig, und er erschafft sogleich vier neue. Er will ein Königreich stiften. Toskana taugt ihm dazu. Deutschland hat nur einen Kaiser, aber keine Könige. Napoleon weiß den Abgang gleich zu ersetzen. Er braucht einen Fürstenstuhl für den Kurfürsten von Salzburg. Napoleons schöpferischer Geist weiß auf der Stelle Rat dazu. Das vormalige Hochstift Würzburg, undankbar für die letzte bairische Regierung, sehnt sich ohnehin nach einem andern Herrn. Was sagt hier die Klugheit? Man überlässt diese unartigen Franken einem andern Fürsten. So wird Napoleon Wohltäter an einem Kais. Östreichischen (von ihm seiner Länder beraubten) Prinzen, und zugleich an jenen, die er vor wenigen Jahren den bairischen Zepter unterworfen hatte. Weil aber die Fürsten, wenn ihnen etwas entzogen wird, eben so sauer drein sehen, als der arme Landmann, dem der Soldat das Brot aus dem Kasten nimmt, so wollte Napoleon seinen nahen Verwandten in Baiern, nicht in ähnliche Versuchung führen, sondern er nahm mit Vergnügen die Sorge über sich, den König Maximilian durch ein anderes Stück von Gottes Erdboden in Deutschland schadlos zu halten. Das Fürstentum Ansbach, an Baierns Grenze gelegen, von wohlhabenden und fleißigen Einwohnern besetzt, lange vom Krieg verschont, mit Wein und Getreide versehen, zog Napoleons Adlerblick an sich. Freilich dem König von Preussen zuständig, doch, das tut nichts zur Sache. Was ist dem ersten Kaiser der Franzosen unmöglich, nachdem er einen Römischen Kaiser zu Grunde gerichtet, und die Armee eines Selbstherrschers aller Reussen nach Haus zu gehen genötiget? Vielleicht wollte Friedrich Wilhelm III. beide Kaiser nur deswegen vom Spiel abtreten lassen, um das Schach allein Napoleon aufzumachen? Du irrest, lieber Leser, keines von beiden. Schon hat dieser Letzte sichs zum Sprichwort gemacht: Zweimal hunderttausend Preussen sind ebensoviel wie Vögel. Hunderttausend derselben fange ich, und hunderttausend fliegen davon. Napoleon, mit der Schwäche des Preussischen Adlers bekannt, durfte ohne alles Bedenken verlangen, das Ansbach ihm abgetreten wurde. Abschlägig konnte die Antwort nie ausfallen. Eben das gilt auch von Kleve. Neugebackene Fürsten pflegen in geringer Achtung zu stehen. Ein solcher aber ist der Herr Schwager Sr. Kais. Französischen Majestät. Für diesen musste dann auswärts ein Land ausgemittelt werden. Nirgends konnte man diese Absicht leichter erreichen als in Deutschland. Napoleon durfte nur anklopfen, so ging für Murat die Türe auf. Friedrich Wilhelm öffnete sie und nun erhebt sich ein neuer Herzoglicher Hof am rechten Rheinufer, dessen Wachstum mit Preussens Verkleinerung parallel steht. Für Deutschlands tiefe Erniedrigung ein bejammernswerter Beweis, man betrachte ihn von Murats oder Napoleons oder Friedrich Wilhelms Seite. Als vor sieben Monaten alle öffentlichen Blätter ein mobilgemachtes preussisches Heer und dessen angetretenen Marsch verkündeten, dünkte sich Europa im preussischen Kabinett die Waagschale zu sehen, auf welcher Germaniens Los abgewogen werden sollte. Schon verehrten unzählige Deutsche den König von Preussen in der Stille, als den Retter der Freiheit ihres Vaterlandes und Hersteller des politischen Gleichgewichts, welches seit dem Luneviller Frieden sich ganz auf Frankreich konzentrierte. Schon hörte man hunderttausend preussische Krieger an der schlesischen und eben so viele and er bairischen Grenze, ein Machtwort sprechen, für welches Napoleon, wenn er nicht seine ganze, bei Austerlitz sehr geschwächte Armee, preussisch -russisch- und östreichischer Diskretion überlassen wollte, notwendig Achtung haben musste. Schon war Friedrich Wilhelm dem Anschein nach an dem Ziel, Schiedsrichter zwischen drei Kaisern und zwei Königen zu sein. Schon blühte ihm der Name des Großen und Unvergesslichen in den Analen der Weltbegebenheiten. Die Ankunft des Grafen seinen von Haugwitz in Wien, berechtigte zu den größten Erwartungen. Das mindeste was man sich versprach, war die gewissen Darstellung Preussens als einer vermittelnden Macht zwischen Östreich und Frankreich. Allein dieser Minister, ganz von Napoleon gewonnen, verlässt den Ort seines Aufenthaltes, ohne der Welt ein Zeichen von der Absicht und Wirkung seiner Sendung gegeben zu haben. Es müsste denn sein, wie sichs jetzt leider ansehen lässt, das er wegen Hannover, Hamburg, Lübeck daselbst nochmals Abrede mit Deutschlands Unterdrücker gepflogen , oder zu dessen letzteren Siegen ihm das Glückwunschkompliment gemacht hätte. Der kostbare Augenblick war erschienen, da die Krone Preussen die glückliche Revolution bewirken, Frankreichs Übermacht in engere Grenzen einschließen, Europa den Frieden geben, der unter der gewesenen Tapferkeit der Deutschen ihren vorigen Glanz wieder verschaffen, Beglückern alle Reichsstände, das Kaiserlich Östreichische  Haus selbst, sich auf lange Zeiten verbinden und damit wir alles sagen, Segnungen der ganzen Menschheit sich eigen machen konnte. Noch am Ende des verwichenen Jahres würden Deutschlands Verheerungen durch Napoleons raubgierige Scharen ihr Ziel erreicht haben. Mann und Ross der Franzosen, die noch wie Heuschreckenschwärme auf Deutschlands  Fluren, mitten in einem sogenannten Frieden, Korn und Halm auffressen, schon in ihre Heimat zurückweisen und unser seit 1792 von Freund und Feind bedrängtes Vaterland endlich zur Ruhe gekommen sein. Doch - diese Vorteile zusammen genommen von den scharfsichtigen Hardenberg, Herzbergs würdigem Nachfolger allein beherzigt, machten auf Friedrich Wilhelm und seinen Haugwitz so wenig Eindruck, das er mit zweihundert und fünfzigtausend Mann, denen noch siebzigtausend brave Sachsen und Hessen zur Seite treten konnten, nicht einmal einen Versuch angeht, Deutschland vor den Ketten Napoleons des Unersättlichen sich selbst aber vor dessen Subordination zu sichern. Sollte es einst zwischen dem Pariser und Berliner Hof zum Bruch kommen, auf wessen Beistand darf wohl dieser sodann Rechnung machen? Vielleicht auf Östreichs, Russlands, Schwedens, Englands? Dazu aber solls ja nicht kommen! Man denke. Fehlt es etwann an Beweisen, das Napoleon alle Reiche Europens von sich abhängig zu machen, fest entschlossen sei? Mit welcher Verachtung  spricht er jetzt von Östreichs Macht? Wie niedrig behandelt er Russland und seinen Alexander, nach der Schlacht bei Austerlitz? Wie laut sagt er, das die Englische Regierung abgeändert, das ist nach seinem Sinn, eingerichtet werden muss? Lässt er nicht die Pforte stehen oder fallen, wie es ihm gut dünkt? Sind nicht die von ihm neugeschaffenen Könige seine Vasallen, denen er jetzt noch jene Verbindlichkeiten gegen sich auflegt, die bekanntlich in vorigen Zeiten nur dem Feudalisten anklebten, das nämlich der Vasall dem Lehensherrn mit seinen Beistande, so oft es verlangt wurde, gewärtig sein musste? Bisher behauptete das Berliner Kabinett fast unter allen den ersten Rang. Seine Schritte zogen allgemeine Bewunderung nach sich und man hielt den preussischen Staat unter einer so weisen Leitung für beneidenswürdig. Dabei konnte man dem Gedanken nicht ausweichen, Preussen werde durch seine, von hinreichender Macht unterstützte Vorsicht, Deutschland n Ruhe zu erhalten, und für jeder auswärtigen Gewalt zu schützen wissen. Bot sich doch die schönste Gelegenheit dazu an, als mehrere Höfe in Süddeutschland, mit dem von Berlin, noch vor Ausbruch der letzten Unruhen in Verbindung treten, oder eigentlicher zu reden, sich dessen Schutz anvertrauen wollten. Friedrich Wilhelm, anstatt ihnen die Hand zu bieten, lehnt ihren Antrag ab und nötigte sie in der kritischen Lage, die aus Ost und West mit schwarzen Ungewittern drohte, wie jene Tauben zu handeln, die den Geier wider ihren Erbfeind, dem Stoßvogel, zu Hilfe riefen; leider aber auch dasselbe Schicksal erfuhren. Wer sich davon gänzlich überzeugen will, der gehe nach Baiern, dort wird er die französischen Geyer in Taubenschlag sitzen und die beschützten Tauben verzehren sehen. Doch, hat nicht die Holländer, die Schweizer und so viele andere, unter Napoleons Flügeln, das nämliche Schicksal betroffen? So teuer als dieser, hätte sich ein Tamerlan und Attila selbst nicht, den Schutz bezahlen lassen. Weine laut auf, edler, biederer Deutscher, dessen ruhige Hütte von den ersten Fürsten ungeschützt, den Heeren des allgemeinen Friedensförderers zum Aufenthalt dienen muss. Hardenberg, mit Ehrfurcht nenne ich seinen Namen, dieser Edle aus deutschem Blute, kannte und sahe, wie am hellen Mittage, die Gefahren den Untergang des Vaterlandes voraus - sahe, dass Frankreichs Liebkosungen Preussens König für nichts anders, als Sonnenblicke im April deren Gefolge nur Stürme sind, gelten können, Hardenberg zog den Vorhang auf, damit Friedrich Wilhelm im Hintergrunde die unter dem Gras versteckte Schlange bemerken könne, und ach! er bemerkte sie nicht. Sie schlich sich immer näher, bis endlich ihre Zirkel den König in die Mitte brachten, woraus man ohne Gefahr erdrückt zu werden, nicht entrinnen kann. Der warnende Weise zog sich zurück, der Ehre versichert, für die Würde der preussischen Krone und ihre Unabhängigkeit ein Wort zu seiner Zeit geredet, und zugleich als Vorwand der Deutschen, jetzt tiefgesunkenen Nation, gehandelt zu haben. Napoleons ganzer Charakter lässt sich aus seiner Empfindlichkeit über den Minister Hardenberg so genau entwickeln, dass man immer zweifeln kann, er verbinde mit dem unermesslichen Stolze die kleinlichste Demütigungsart und sei abgesagter Feind der Tugend und Rechtschaffenheit. Weil Hardenberg aus einer freiheitlichen Familie in Hannover abstammt, lässt Napoleon diesen Minister dem preussischen Interesse nicht günstig sein. Wer errät nicht die Ursache dieser vom Hass erzeugten Beschuldigung? Knn nicht ebenso  geschlossen werden: Napoleon ist in Korsika geboren, also taugt er nicht für Frankreich. Leugnet man hier die Folge, warum soll sie bei Hardenberg gelten? Die Weisheit und Rechtschaffenheit desselben hat sich durch den Erfolg genügsamgerechtfertigt. Die Welt ist übereugt, das Hardenbergs Rat, wenn ihn der König angenommen hätte, die glücklichsten Wirkungen für ganz Europa würde hervorgebracht haben. Er handelte demnach im Kabinett als treuer, gewissenhafter und einsichtsvoller Rat seines Königs, dem Preussens und des Römischen Reichs Wohlstand am Herzen lag. Napoleons gegen ihn gefasster Widerwille ist die sicherste Bürgschaft für Hardenbergs unbestechlichen Charakter und ewiges Zeugnis seines Tiefblicks in das Herz des eingebildeten Universalmonarchen in dem Tuillierien. O Vater Braunschweig, dessen Herz heroisch schlägt, konntest Du nicht in Friedrich Wilhelms Kabinett, den Kaiser der Franzosen sein, was Du einst im Felde Ludwig dem fünfzehnten und seinen Heeren gewesen! Man kann sich leicht vorstellen, was in der Seele diese Durchlauchtigsten Herzogs, dessen eigene Angelegenheiten durch die Preussische Besitznahme von Hannover, so bedenklich geworden, nun vorgehen müsse. Würden von Seiten des preussischen Hofs nicht den Verdiensten und der nahen Verwandtschaft des Herzoglich Braunschweigischen Hauses noch einige Rücksichten geschenkt, so wär es leicht möglich, das auch Napoleons Beistimmung an den Reihen müssten, weil, nach dem neuen Arrondierungssystem, keine mit der Landeshoheit begabte Fürsten und Stände in einem geschlossenen Staate geduldet werden sollen. Auf jeden Fall ist indessen der Wechsel der Hannoverischen Lande dem Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel höchst nachteilig. Die mit dem Kurhause Hannover bestandene Erbverbindung, ist nun aufgehoben. Gewerb- und Handlungsverhältnisse nehmen einen ganz andern Gang. Der Einfluss einer mächtigen Nachbarschaft begünstigt nie den Wohlstand des kleinen Staates. Jede Bewegung des größeren störet die Ruhe des kleineren, den er umschließt. Nichts ist daher gewisser, als das das Herzoglich-Braunschweig-Wolfenbüttelsche erhabene Fürstentums, aus welchem eine Prinzessin zur künftigen Kurfürstin von Hannover bestimmt war, durch die Französisch-Preussische Übereinkunft sehr gekränkt und dieses als ein wichtiger Teil der tiefen Erniedrigung Deutschlands, welches seine ältesten und größten Fürsten der Übermacht preis gegeben sieht, in Rechnung zu bringen sei. Die Unzähligen Veränderungen, welche sich alle Reichskreise, teils in erst geendigten, teils im vorigen Kriege, nach Napoleons willkürlichen Vorschriften unterwerfen mussten, konnten an sich schon, nichts als den traurigen Untergang vieler Tausend Familien zur Folge haben. Wenn aber, wie es dermalen leider geschieht, von Napoleon sanktionierte erweiterte Königreiche, diesem sich darüber so sehr verpflichten, das sie ihre Staaten von französischen Kriegsvölkern aushungern, durch die schändlichsten Gelderpressungen in die bitterste Armut stürzen, und wie der Fall  bei Preussen eintritt, von Familien- und Hausverträgen sich losreißen und zu Napoleons, des Welterschütterers, Werkzeugen gebrauchen lassen, dann ist gewiss die Stunde vorhanden, da das in Absicht seiner Einwohner kultiviereste, seiner Lage glückliche, seines Ranges erste und vorzüglichste, das deutsche Reich, dem Untergang an dessen Rand es geführt ist, nimmer entfliehen kann.

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