EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung.

An den Leser!

In einer Periode wo zwei der ersten Fürsten Deutschlands, ob unzufrieden mit ihrem bisherigen Rang und Würde? oder, aus unwiderleglichen Staatsgründen? die Krone aufsetzen, und ihre Erbländer zu souveränen Königreichen erheben, in dieser von außen glänzenden Periode durchhallet schauerliches Wehklagen über Geldmangel, Teuerung und nahrungslose Zeiten, Germaniens sonst so glückliche Provinzen. Entweder ist die Quelle dieser Klage bloß in der Schwermut einiger Milzsüchtigen aufzufinden, oder sie muss aus dem allgemeinen Elende des so genannten Römischen Reichs entsprungen sein. Wollte man einigen neueren Schriftstellern seine Leichtgläubigkeit preisgeben, so müsste der diesmalige Zeitpunkt, wo nicht für ganz Deutschland, jedoch für gewisse Gegenden, besonders beglückt und merkwürdig heißen. Mehrere Verfasser deutscher Staatsschriften wissen nicht genug von günstigen Aussichten aus der neuen Umwälzung der deutschen Staatsverfassung, zu rühmen und dürfte man ihnen trauen, so wäre der traurige Zustand, darunter Deutschlands Einwohner seufzen, nur eine Tränensaat, welche künftig von der reichesten Ernte vergütet werden solle. Ist es Männern, die uns so etwas bereden wollen, zu verargen, wenn sie Ohr und Herz dem lauten Kummer ihrer Mitbürger verschließen, wenn sie diesen feige Zaghaftigkeit, Mangel an Kenntnissen und wer weiß, was sonst noch mehr, zum Vorwurf machen? Wir wollen zugeben, dass bei einigen Individuen die Klage über den Druck der Zeiten übertreiben sei; zugeben, dass nicht durch Wimmern und Seufzen, sondern durch Weisheit und entschlossenen Mut, dem Übel am ersten müsste abgeholfen werden. Allein, eben hier fordern wir jene Propheten bessrer Zeiten auf, statt blinder Hoffnungen, und die Mittel und Wege zu zeigen, auf denen der Muth bedrängter Deutschen sich wieder erheben und die manchfaltigen Lasten darunter wir erliegen, abwerfen solle. Wie sehr ist zu fürchten, dass sie uns in diesem Stück unberaten lassen, sie, die entweder nur Hofluft atmen, oder durch zufälliges Glück gegen Teilnahme am allgemeinen Elende gesichert, von Klagen über schlimme Zeiten nichts wissen mögen. Indessen, so lange dem Leidenden kein Linderungsmittel für seine Schmerzen gereichet wird, so lange darf ihm auch niemand wehren, seinen kläglichen Zustand laut heraus zu sagen und sich wenigstens den Trost zu verschaffen, dass er um Hilfe gerufen und nicht durch Verschließung der Schmerzen, sich diese noch unerträglicher gemacht hat. Ist es die Ruhe der Allmacht, die uns unmittelbar, mit Misswachs, Hunger und tödlichen Seuchen, dermals heimsuchet; oder ist es Schuld der Regenten Deutschlands, wenn Mangel und Dürftigkeit mit ihrem ganzen schrecklichen Gefolge, täglich weiter einreißen und den vormaligen Wohlstand der Länder, den völligen Untergang bereiten? Wer ist verwegen genug, hier der Wahrheit ins Angesicht zu widersprechen, und die Verteidigung der Gewaltigen zu übernehmen, durch deren hand Pandorens Büchse, zu Deutschlands unschreiblichen Unglück eröffnet wurde? Freilich hat die Wahrheit ihre geschwornen Feinde, und wo am meisten, als an den Höfen der Fürsten? Dort findet sie Tür und Tore sich beständig verriegelt und wenn sie ja sich einmal hineinzuschleichen Gelegenheit fand, so darf sie doch nur in einer fremden Hülle sich alda blicken lassen. Heil diesen Blättern, auf welchem die Wahrheit, weder geschminkt noch verunstaltet, sich zeigen wird. Ihre Bestimmung ist nicht der Palast oder das Museum, sondern die Wohnung des friedlichen Bürgers und Landmannes, dem man so gerne das Ziel verrücken und in ganzer Ansicht seines eignen Zustandes sowohl als seines Vaterlandes, eine falsche Brille aufstecken mögte. Der Verfasser ist mit seiner Ansicht der dermaligen Zustands der Dinge in Deutschland nicht zudringlich. Er macht auch auf Untrüglichkeit seiner Behauptungen, nicht den mindesten Anspruch. Doch wird geprüfte Wahrheit seiner Feder heilig sein und wenn er hie und da aus Erfahrung redet, aller Zusatz davon verbannet bleiben. Ohne Rührung kann freilich ein Deutscher die Erniedrigung seines Vaterlandes nicht einmal ansehen, viel weniger persönlich empfinden und öffentlich davon reden. Hält er jedoch seine Leidenschaften dabei im Zügel, so ist er ein desto glaubwürdigerer Zeuge, und kein Vernünftiger wird ihm das Vorurteil der Übereilung, oder wie es sonst heißen mag, entgegen stellen. Dieser Abhandlung das gehörige Licht zu geben und Deutschlands betrübte Lage jedem Auge anschaulich zu machen, wurde für dienlich erachtet, über das Betragen sämtlicher Höfe, die mehr oder mindern Anteil an Germaniens Unglück nehmen, freimütige Betrachtungen zu liefern, woraus sich, ohne erzwungene Folgerungen, von selbst wird ersehen lassen, wie viel jeder zum Ursprung und Wachstum des, Deutschland verheerenden Ungewitters beigetragen habe.

Letzte Änderung der Seite: 27. 03. 2017 - 22:03