EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Der Königl, preuss, kommandirende General Graf Tauentzien von Wittenberg und das 4te Armee- Corps in den Jahren 1813 und 1814. Denkschrift eines Augenzeugen.

Unbekannter Verfasser

In den seit dem verhängnisvollen Kriege von 1813 bis 1815 verflossenen Jahren haben sich mancherlei Ansichten bei dem Publikum manifestirt, Mittheilungen über stattgefundene Ereignisse und über heldenmüthige Thaten der kommandirenden Generale und ihrer Truppen sind überliefert, und an oft Richtigen aber noch öfter partheivollen Urtheilen hat es nicht gefehlt !

Jetzt - nach Verlauf längerer Zeit – während welcher die Leidenschaften beruhigt und vielfache falsche und schiefe Ansichten berichtigt sein dürften, sei es einem Augenzeugen erlaubt über die Lage und über das Verfahren eines kommandirenden Generals, der nicht allein gegen die äußeren, sondern auch gegen innere Feinde zu kämpfen hatte, wahr und leidenschaftslos zu sprechen, was um so mehr geschehen kann, da hier Niemand den Schreiber dieser Zeilen in seiner stillen Einsamkeit belauscht und er auch nur mit der Nachwelt spricht. Es ist dieses nämlich der General Graf Tauentzien von Wittenberg, ein Mann dessen ächt deutsches Herz seinem Könige unter allen Umständen mit unerschütterlicher Treue und inniger Liebe ergeben war und der in jeder Beziehung eine richtige Würdigung der Mit - und Nachwelt verdient.

Als der König in Breslau sich für den Krieg gegen Napo1eon ausgesprochen hatte, wurde sehr eifrig debattirt wem das Kommando der preußischen Armee anvertraut werden solle; die Meinung und der Wunsch des Kaisers Alexander war, daß der General Graf Tauentzien gewählt werden möge. - Allein der damalige Oberst von Scharnhbrst, welcher theils seinen unbedingten Einfluß auf den General von B1ücher, theils aber auch die Stimme des Volkes, wie der Armee sehr richtig zu würdigen verstand, wußte den Kaiser für Blücher zu gewinnen, und die Erfahrung hat diese Wahl vollkommen gerechtfertigt; denn wenn auch der Kaiser eben so fuglich für seine Meinung anführte: daß sich der General Graf Tauentzien hinsichtlich der äußeren Formen und. der diplomatischenGewandheit und wahrhaft großartigen Ansichten, so wie auch seiner militairischen Kenntnisse wegen besonders gut zu einer solchen Stellung eigne - da auch fremdherrliche Truppen ihm untergeordnet werden sollten - so hat doch auch der Fürst B1ücher den Beweis geführt, daß er es vollkommen verstanden, sich die Liebe und das Vertrauen aller seiner Krieger zu erwerben. – Der General Graf Tauentzien wurde nun in Schlesien nicht angestellt, sondern erhielt den Befehl über das Blokade-Corps vor Stettin, so wie auch das General- Commando zwischen der Oder und Weichsel. Daß er in Gemeinschaft mit dem damaligen Civil- Gouverneui, jetzigen Großkanzler a. D. von Beyme hier rastlos thätig war, ist zu allgemein bekannt, um noch weiter berührt werden zu dürfen.

Nach dem Waffenstillstande erhielt der Graf von Tauentzien den Befehl über das neu formirte großentheils aus Landwehrmännern bestehende 4te Armee-Corps, bei welchem sich nur zwei Reserve-Regimenter von der Linie befanden, die sich erst bei der Blokade von Stettin einigermaßen zu Soldaten gebildet hatten. Seine Cavallerie aber bestand aus Leuten und Pferden, welche erst seit zwei bis drei Monaten hierzu gestempelt waren. Diese Thatsache ist deßhalb wichtig um die nun folgenden Ereignisse richtiger und partheiloser beurtheilen zu können. Die Truppen welche zum Corps des Grafen von Tauentzien gehörten, standen größtentheils an der Oder, in Crossen, Züllichau und der Umgegend, als sie den Befehl erhielten, in Eilmärschen sich nach Berlin zu begeben. An dem nämlichen Tage, wo das Bü1owsche Corps Berlin verließ, (es war am 20. August) rückte das Tauentziensche Corps in und um Berlin ein; es sollte hier rasten. Allein das Vordringen des Feindes unter dem Marschall Oudinot bestimmte den Grafen Tauentzien in der Nacht des 21. Augusts in die Gegend von Blankenfelde zu marschiren, um von dort, nachdem man bei Jünsdorff[1] stark kanoniren hörte, des Feindes rechten Fügel in Respect zu erhalten; er machte Miene auch hier vorzubrechen. Allein er wurde sowohl an diesem, wie am folgenden Tage mit bedeutendem Verlust zurückgewiesen, was unbedingt zum Gewinn der Schlacht bei Groß Beeren beitrug. – Hier schon war es, wo der Graf von Tauentzien mit dem Benehmen des damaligen Kronprinzen von Schweden nicht einverstanden war; derselbe äußerte sich im Vertrauen öfters darüber, und fand eben hierin in der Folge die beste Rechtiertigung seines früher eigenmächtig gefaßten Entschlusses, ohne den geringsten Außchub Berlin zu verlassen und sich bei Blankenfelde aufzustellen; dadurch allein ward die Schlacht von Groß Beeren - gewiß wenigstens der glückliche Ausgang derselben herbeigefiihrt, - denn auf des fremden Heerführers kräftige Unterstützung war wohl nicht zu rechnen.

Nach der Schlacht von Grot Beeren marschirte das 4te Armee-Corps über Dahme, welches bereits vom Feinde verlassen worden, gegen Luckau, wohin auch der General von Wobeser mit seinem Detachement von Baruth aus dirigirt war. Dieser alte brave Militair hatte den Commandanteii von Luckau zur Uebergabe aufgefordert, jedoch eine trotzige Antwort erhalten. Graf von Tauentzien ließ nun die Stadt beschießen und zwar mit gutem Erfolge, da mehrere Hauser sehr bald in Feuer aufgingen. Auch war der commandirende General schon zum Sturm bereit; ein feindlicher Parlamentair änderte jedoch diesen Vorsatz, indem derselbe anzeigte, daß der Kommandant zur Capitulation entschlossen wäre. - Der Kronprinz von Schweden hatte mehrere Schreiben mit der Aufforderung an den Grafen von Tauentzien erlassen, so eilig wie möglich sich mit ihm vor Wittenberg zu vereinigen; allein der Graf von Tauentzien hatte die Absicht sich dem General von Blücher zu nähern, da er besorgte, daß es dem Kronprinzen von Schweden kein wahrer Ernst mit dem Vorrücken und mit einem Angriff auf den Feind sei. - Die Drohung desselben jedoch, daß er sich gezwungen fühle, Berlin Preis zu geben und sich sogar über die Oder zurückzuziehen, wenn man ihm nicht unbedingt folgen würde,, bestimmten endlich den Grafen von Tauentzien, nachdem abermals ein schwedischer Offizier vom Kronprinzen an ihn geschickt war, einen, Nachtmarsch zu machen, um so schnell wie möglich in die Gegend von Wittenberg zu kommen, woselbst der Kronprinz mit seinem ganzen Armee-Corps bereits vorgefunden werden sollte. Als aber der Graf von Tauentzien am 3. September Abends 8 Uhr bei Seyda ankam, fand er keinen Mann von des Kronprinzen Corps, dessen Hauptquartier sich in Rabenstein vier Meilen von Seyda befand, und nur der General von Dobschütz vom 4ten Armee-Corps hatte Zahne besetzt, wohin er früher schon detachirt war. Es £anden an diesem und dem folgenden Tage kleine Vorpostengefechte statt, die ohne weitere Bedeutung oder Folgen waren.

Am 5. September wiederholten sich diese kleinen feindlichen Neckereien, jedoch wurde es bald von beiden Seiten ruhig. Der General Graf von Tauentzien, welcher sich in den Versprechungen des Kronprinzen getauscht sah, entschloß sich - da es von Seiten des Kronprinzen durchaus keinen Anschein hierzu hatte - zu ihm nach Rabenstein in Begleitung des Majors von E isenhart und des Hauptmanns von Puttkammer zu reiten und ihm geradezu zu erklären, daß er, wenn er sich nicht entschlösse den Feind gleich anzugreifen, von Seyda abmarschiren und sich mit dem General Blücher vereinigen würde, da dieser vorwärts gehen, und sich in Sachsen mit ihm verbinden könne. Gegen l Uhr Mittags kamen sie in Rabenstein an; der General wurde äußerst gütig und freundlich aufgenommen, und nachdem selbiger den Kronprinzen über zwei Stunden gedrängt und die Nothwendigkeit einer Offensive ernstlich ans Herz gelegt hatte, entschloß sich endlich der Kronprinz zu folgenden Worten:

„Eh bien Comte Tauenzien vous aves raison, demain nous attaquons et vous ferez la premiere attaque."

,,Dies ist alles was ich wünsche," erwiderte der General, ,,und ich eile zurück auf meinen Posten, völlig befriedigt." - Der Kronprinz lud den General zur Tafel ein, welches dieser aber ablehnte, da er noch vier Meilen reiten mußte um zum Hauptquartier zu gelangen. Auch schlug er die ihm angebotene Equipage aus, welches wahrlich zu' seinem Glück, nicht gefangen zu werden, viel beitrug, wie sich dieß in der Folge zeigen wird. - Der General war aber sehr froh, als er erfuhr daß seine Begleiter eine von Treuenbietzen eben angekommene Courierchaise in Beschlag genommen; er hatte noch eine Unterredung mit dem General von Krusemark, die eine ganze Stunde gedauert haben mochte, und eilte dann Seyda wieder zu erreichen. Die Reise ging zwar schnell von Statten, doch schien der Postillon den rechten Weg verfehlt zu haben. Auch die Handpferde, welche bisher dem Wagen folgten, hatten einen anderen Weg eingeschlagen, und ein gewisses Vorgefühl von den Dingen die da kommen sollten schien sich der Reisenden zu bemächtigen: die Ahnung, daß sie wohl gar dem Feinde in die Hände fallen könnten, beunruhigte den General und seine beiden Begleiter. Es mochte ungefähr halb 7 Uhr des Abends sein, als ein großes aufgehendes Feuer etwa eine halbe Stunde vor Seyda, wirkliche Besorgniß erregte; der General befahl dem Postillon schnell zu fahren. Schon konnte man hin und hersprengende Reiter beim Schein des Feuers sehen; der General befahl einen derselben zu rufen, da er sie fiir Landwehr-Cavalleristen hielt Dies geschah  umd die Antwort war: „qui vive?“  In dem nämlichen Augenblick kam auch ein Offizier mit mehreren Reitern an deii Wagen gesprengt und fragte in französischer Sprache: wo kommen sie her? wo wollen sie hin? und nachdem der General etwas zögernd diese Fragen mit: „von den Vorposten," und ,,nach dem Hauptquartier," beantwortet hatte, glaubte wahrscheinlich der französische Offizier, -daß der General ein Deutscher sei, und wiederholte dieselben noch einmal elsassisch deutsch; schnell und bestimmt erfolgte darauf die Antwort.  „Nun so machen sie doch, daß sie fortkommen, sie sind ja auf dem letzten Posten und können leicht gefangen werden, oder sind Sie etwa gar Preußen?" erwiderte der französische Offizier. Der Major von Eisenhart fing an laut zu lachen, und sagte: ,,warum nicht gar Preußen?" ,,Nun so eilen Sie fort zu kommen,“ sprach der Offizier, und der General von Tauentzien antwortete ,,freilich! freilich!" Es ist unbegreiflich, daß der französische Offizier den preußischen General nicht an dem großen rothen Adler-Orden erkannte. Auch der Major von Eisenhart trug den Orden pour le merite; es war noch hell genug um deutlich sehen zu können! Aber der Franzose schien mit Blindheit geschlagen zu sein.

Wa nun aber hin? es schien nicht mehr zu bezweifeln, daß das Hauptquartier von dem Feinde genommen war, wenn gleich fiir den General und seine Begleiter unbegreiflich; man hatte weder schießen gehört, noch weniger war eine Meldung von einem feindlichen Angriff eingelaufen. - Der Postillon mußte zuerst gerade auf Seyda zu, und dann erst als man einigermaßen den Vorposten aus dem Gesichte war, in einen großen Bogen wieder aus dcr Chaine herauszufahren suchen, welches dann auch wunderbarer Weise, fast irn Angesicht des feindlichen Ofiiziers gelang, der noch immer mit Aussetzung seiner Posten beschaftigt war. Um nicht zu weitläuftig zu sein, soll nur noch bemerkt werden, daß kurz darauf zwei Kosaken den Wagen umritten ; durch einige russische oder polnische Worte machte man sich denselben verständlich und der General ließ sich zu einem Kosaken-Pulk unter dem Befehl des Obersten Kotkeinkoff begleiten, der ihn auch sogleich erkannte, da er bei Stettin unter seinem Befehle gestanden hatte. Glücklicherweise befand sich ein Chirurgus bei diesem Detachement, der etwas Deutsch sprach und  den Dollmetscher machen konnte. Leider aber erfuhr der General von Tauentzien nicht das Geringste, indem der Oberst erst vor einer Stunde dieses Bivouacq bezogen und von dem Feinde nichts weiter wußte, als daß er seine Vorposten nicht fern von ihm postirt habe. Da die Handpferde des Generals und seiner Begleiter, wie oben bemerkt ist, abhänden gekommen waren, so gab der Kosakenoberst die nöthigen Pferde und er selbst mit 50 Kosaken begleitete den General, welcher ungeachtet der völligen Finsterniß sein Armee-Corps außuchen wollte. Es dauerte lange ehe es ihm gelang eine Spur davon zu entdecken, und erst bei dem Dorfe Oehna erfuhr er von einem Blessirten, daß sein Corps geschlagen und nach Jüterbock retirirt sei. – Hier entließ auch der General die Begleitung der Kosaken und benutzte die Courierchaise wieder.

Diese wunderähnliche Rettung des Generals von der Gefangenschaft hatte nicht allein die vortheilhaftesten Folgen für ihn selbst, da er sich von dem Augenblick an als besonders von Gott beschützt und zu großen Dingen berufen betrachtete; sondern auch für die allgemeine Sache war sie gewiß von der größten Wichtigkeit. Gegen 1 Uhr in der Nacht vom 5. zum 6. kam der General in Jüterbock an; hier in und vor der Stadt fand er sein Corps gelagert, und erfuhr nun von dem Chef des Generalstabes, dem Major von Rottenburg, den ganzen Verlauf der Sache. - Es hatte naämlich der Feind den General von Dobschütz am 5. gegen Mittag mit großer Uebermacht angegriffen und ihn so stark gedrängt, daß er gezwungen wurde sich auf das Hauptquartier Seyda zurückzuziehen, von wo aus er auch zwar kräftig unterstützt, dennoch zur Verfolgung  des Rückzuges vom Feinde gezwungen wurde. Unglücklicherweise ward die Abwesenheit des commandirenden Generals bei diesem Gefecht sehr stark gefühlt, denn Niemand hatte sich des Kommandos gehörig angenommen, und lange soll es sogar unentschieden geblieben sein, ob man sich über Dahme nach Luckau, oder nach Jüterbock zurückziehen müsse; bis endlich der Chef des Generalstabes von Rottenburg zum letzteren rieth und seine Meinung auch glückercherweise durchsetzte.

Am 6. November früh gegen 7 Uhr ritt der Graf von Tauentzien von Jüerbock ab, um den Feind zu recognosciren. Gegen 8 Uhr begegnete er einem Unteroffizier vom pommerschen Landwehr Cavallerie-Regiment des 3ten Armee-Corps, den der General von Bülow an den General von Tauentzien abgeschickt hatte um denselben dringend zu bitten sich nur eine einzige Stunde gegen den Feind zu halten, indem er mit seinem ganzen Corps in Anmarsch sei; dieß versprach der General von Tauentzien auf das Bestimmteste. - Auch sahe man die Avantgarde des Feindes sich nähern, und der General von Tauentzien ließ dem General von Dobschütz befehlen, sogleich aus seiner Außtellung bei der Windmühle vor Jüterbock abzumarchiren und sich rechts nach den Höhen von Kaltenborn zu ziehen. Während dieß geschah rückte der Feind in drei Colonnen vor und man schätzte seine Stärke ungefähr auf 40,000 Mann mit 60 Stück Geschützen. - Kaum waren die preußischen Truppen auf den oben bezeichneten Platz angekommen, so befahl: der General einem Bataillon Infanterie, zwei Escadrons Landwehr-Cavallerie und der reitenden Batterie des Lieutenant Papendick vorzurücken, mit dem Bemerken, daß er den Feind angreifen würde. – Dieß glaubte der General um so sicherer thun zu können, da der General von Bülow ihm zugleich. hatte sagen lassen, daß er dem Feinde bereits in der Flanke und. im Rücken gehe.

Der General griff also unter seiner persönlichen Führung den Feind an, und kaum war dieß geschehen, als dieser seine Massen entwickelte, und man bald überzeugt wurde, daß man es mit einem mehr als dreimal stärkeren Gegner zu thun habe. – Das feindliche Kanonenfeuer dauerte ununterbrochen fort; - das preußische Geschütz antwortete mit gleicher Heftigkeit. Alle Versuche des Feindes. vorzudringen, waren vergebens; alle .Truppengattungen wurden in's Gefecht gezogen und kein Schritt Terrain von beiden Seiten aufgegeben. So verfloß eine Stunde .nach der anderen, ohne auch nur einen Mann vom 3ten Armee-Corps zu sehen, und außer dem General glaubte schon ein Jeder, daß keine Hülfe zu erwarten und der Rückzug unvermeidlich werden würde. Aber der General von Tauentzien sagte mit edlem Feuer: „Wenn ein commandirender General einem andern ein Versprechen giebt, so darf dieser nicht daran zweifeln, und ich werde eher mit meinem ganzen Corps auf dem Platze liegen bleiben, ehe. ich einen einzigen Schritt weiche." So wurde es Mittag 12 Uhr; die Muriition war fast erschöpft, die Truppen auf's äußersterste ermattet, die Bagage schon nach Treuenbrietzen abgeschickt, und noch ließ sich keine Hülfe sehen! Eine augenblickliche Ruhe von beiden Seiten ließ beim General den Entschluß reifen, mit der Cavallerie einzubrechen, um wo möglich einige Vortheile zu erringen. Dieß geschah und zwar mit dem glücklichsten Erfolge, denn mehrere Quarées wurden gesprengt, Fahnen erobert und Gefangene gemacht. Der brave Major von Barnekow, Commandeur des 3ten pommerschen Landwehr-Regiments, blieb mit seinem Adjutanten bei dieser Gelegenheit, und der Rittmeister von Treskow nahm, ungeachtet einer erhaltenen Schußwunde, mit eigener Hand eine feindliche Fahne; hierdurch kam das Gefecht zum Stehen. Der Major von Eisenhart , der sich auf dem rechten Flügel, also unweit Dennewitz befand, versuchte es den General von Bülow aufzufinden, da eben wieder ein Stillstand eingetreten war, in welchem man on beiden Seiten nichts unternahm; .und hatte  auch das Glück, ein Bataillon des 5ten Reserve-Regiments unter dem Befehl des Majors von Puttlitz[2]  in Anmarsch zu treffen. Von diesem erfuhr er, daß der General von Bülow ganz nahe auf einer Anhöhe halte, er eilte zu diesem, um im Namen des Generals von Tauentzien dringend um die schnellste Unterstützung zu bitten. Ein Husaren-Regiment und die Batterie des Capitain Ludwig erhielten nun auch den Befehl, sich eiligst dem Corps anzuschließen. Der General von Bülow glaubte, daß, dasselbe bereits zurückgeschlagen sei, und daß die Truppen, welche er von der Höhe erblickte, dem Feinde angehörten; hoch erfreut war er, das Gegentheil zu erfahren: Ueber den nunmehr erfolgten Gang der Bataille soll hier nichts weitergesagt werden, da sie hinreichend, - mehr oder weniger richtig - beschrieben worden; nur sei noch angeführt, daß der Graf von Tauentzien, unter der kältesten Todesverachtung, mit fortwährender Ruhe und Besonnenheit, aber auch mit Eifer und Umsicht die ferneren Maaßregeln zum glücklichen Ausgange der Schlacht persönlich angab und fast überall war, um durch seine Gegenwart und seinen Muth die Truppen anzufeuern. Hohe Zeit war es aber auch, daß endlich die längst ersehnte und fest zugesagte Hülfe eintraf, sie bestand jedoch außer dem 3ten Armee-Corps, nur aus einer schwedischen und einer russischen Batterie und aus zwei Cavallerie-Regimentern. Erst am Abend nach gewonnener Schlacht, als der commandirende General dem Kronprinzen die erbeuteten Fahnen überbringen und zugleich bitten ließ, durch weniger fatiguirte Cavallerie die Verfolgung des völlig in wilde Flucht geschlagenen Feindes befehlen zu wollen, übersendete dieser, den man jetzt auffand, zwar dem Grafen von Tauentzien viele Danksagungen für dessen heldenmüthiges Benehmen, und mancherlei Versprechungen, aber auch den Befehl als Rückantwort, daß vor dem folgenden Morgen durchaus keine Kavallerie zur Verfolgung des Feindes abgeschickt werden könne und solle. Der General Graf von Tauentzien wurde hierdurch aufs heftigste erbittert und würde gewiß ohne weiteres durch seine Kavallerie den Feind haben verfolgen lassen, wenn dieß, wegen der ungeheuren Anstrengungen derselben, nur möglich gewesen wäre. Die Folge dieser Schonung des Feindes war, daß es ihm, der schon von Wittenberg durch das 3te Armee-Corps abgedrängt war, nun doch gelang, bei Torgau über die Elbe zu kommen, während bei schneller Benutzung des erstrittenen Vortheils kein Franzose entkommen sein würde. Ja selbst die beiden Marschälle 0udinot, Ney und einige bedeutende Generale[3] hatten sich nach Dahme mit einigen Tausend Mann und ein Paar Kanonen retirirt, von wo man die ersteren sich am andern Morgen früh retteten, während die Mannschaft durch den General yon Wobeser in Dahme gefangen gemacht und die Kanonen genommen wurden. Es waren über 2000 Mann und die letzten beiden Kanonen, welche der Feind einigermaßen zusammengehalten hatte.

Von jetzt an war es für den General von Tauentzien entschieden, daß der Kronprinz von Schweden nicht den Willen habe, ernsthaft und nachdrücklich gegen' den Feind zu operiren und er hatte keinen größeren Wunsch, als sich aus seiner Nähe zu entfernen, und mit dem General von Blücher zu vereinigen.

Mehrmale hatte er sich in dieser Art geäußert, und versichert, daß er mit Freuden unter B1üchers Befehle stehen wolle, da er hier trotz seiner scheinbaren Selbstständigkeit nur mit unzähligen Hindernissen und gegen bösen Willen zu kämpfen habe. Dieser Gedanke ließ ihm weder Tag noch Nacht Ruhe, besonders da sich die Anzeichen mehrten, welche seinen Verdacht rechtfertigten. Der General nämlich, durch mehrere auffallend scheinende Handlungen des Kronprinzen äußerst beunruhigt, war voller Besorgnisse.

Laut und rücksichtslos Ward von den Truppen die Handlungsweise des Kronprinzen von Schweden nunmehr besprochen, ja man erzählte sogar, daß derselbe den Wunsch gehabt, sich von dem französischen Volke zum Könige gewählt zu sehen, wenn Napo1eon fortwährend zum Rückzuge gezwungen würde.

Der Augenblick ist noch nicht gekommen, um über diesen interessanten Zeitabschnitt alles aufzuklären. Doch mußten hier die Gefühle jener Zeit ausgesproden werden, weil sie auf die Handlungen einen directen Einfluß ausübten. Jetzt darf man bei ruhiger Ueberlegung jedoch auch nicht übersehen, daß die Stellung des schwedischen Feldherrn eine ganz eigenthümliche und vorzugsweise politischer Natur war. Er durfte sich nicht unbedingt der sogenannten Kriegs-Raison hingeben.

Der General Graf von Tauentzien hatte am 9. September von Dahme aus den Major von Vogel, seinen ersten Adjutanten, mit den eroberten Fahnen nach Töplitz zum Könige abgesendet. Allein durch oben bemerkte Aufschlüsse über den Kronprinzen veranlaßt, schickte er noch in der Nacht vom 11. zum 12. September den damaligen Major von Eisenhart ebenfalls dahin ab, mit der Weisung, soviel als möglich zu eilen um den König selbst mündlich von Allem aufs genauste zu unterrichten  und auch dem Staats-Kanzler, sowie dem Geheimen Kabinets-Rath Albrecht Alles mitzutheilen, was einem Briefe nicht füglich anvertraut werden konnte. Zugleich sollte er dem General von Blücher anzeigen, daß der General bemüht sei, sich mit ihm zu vereinigen, mit dem Bemerken, daß er sich mit Freuden seinen Befehlen unterwerfen würde. Herr von Eisenhart, welcher 2 Tage später, als der Major von Vogel von Dahme abreisete, soll die erhaltenen Befehle nicht allein erfüllt haben, sondern auch einen Tag früher als der erste Bote zu Töplitz angekommen sein. Da der König erst von demselben erfuhr, d& der Major von Vogel mit den Fahnen schon zwei Tage vor ihm abgeschickt, derselbe Aber weder unterweges von ihm eingeholt, noch. dieser etwas von demselben gehört hatte, so war man sehr besorgt, wo jener geblieben sei, oder welches Schicksal ihn getroffen haben könne. Den Gang der Schlacht und deren Resultate ließ sich der König ausführlich vortragen; nicht minder das besonders merkwürdige Ereignis am 5. September, wo der General Graf von Tauentzien so wunderbar der Gefangenschaft entging.

Am folgenden Tage kam der Major von Vogel glücklich an; er hatte den bedeutenden Umweg über Prag genommen, um nicht etwa dem Feinde in die Hände zu gerathen. Am 17. September, trat der Major von Eisenhart aus dem Hauptquartier des Königs in Herzberg wieder ein; der General von Tauentzien war über die schmeichelhaften Aeußerungen des Königs hoch erfreut, so wie auch darüber, daß der General von Blücher ihm versprechen ließ, zur Vereinigung mit dem 4ten Armee-Corps alles mögliche beitragen zu wollen. Verschiedene feindliche Bewegungen hielten den General von Tauentzien in der Gegend von Liebenwerda, Elsterwerda und Herzberg fest, und erst am 23. September setzte sich dessen Corps nach Bischoffswerda in Marsch um die intentionirte Vereinigung mit Blüchcr zu bewerkstelligen Allein kaum eine Stunde nach dem angetretenen Marsch erhielt der General die höchst niederschlagende Nachricht von dem General von B1üch er, daß seine Vorposten vom Feinde angegriffen und zurückgedrängt wären. Auch hörte man nach Bischoffswerda hin stark kanoniren. Die Truppen des 4ten Armee-Corps mussten in ihr eben erst verlassenes Lager wieder einrücken.

Am 24. September Abends erhielt der General die Nachricht, daß Blücher den Feind geschlagen und ihm viele Gefangene abgenommen habe.

Am 25. September wollte der General den Brückenkopf von Torgau angreifen, die Truppen waren bereits auf dem Marsch; allein glücklicherweise bekam der General die zuverlässige Nachricht von einer bedeutenden Verstärkung, welche die Besatzung erhalten. Nachts 1 Uhr traf derselbe in Liebenwerda wieder ein. Die Nacht vom 25. zum 26. war sehr unruhig, indem sich der Feind sehr mobil zeigte; indessen beruhigte sich alles wieder. Torgau wurde durch den General von Wobeser mit der ostpreußischen Landwehr beobachtet. Am 28. September kam endlich die so sehnlichst gewünschte Vereinigung mit dem Blücherschen Armee-Corps zu Stande, wodurch ein höchst freudiges Gefühl überall erregt wurde. In Elsterwerda kamen die beiden kommandirenden Generale zusammen, um ihre ferneren Operationen zu verabreden. Allein eben so niederschlagend war es für das 4te Armee-Corps, als man erfuhr, daß der Kronprinz abermals darauf drang, dass der Graf von Tauentzien sich mit ihm vereinigen möge, um die Elbe zu passiren. Dieser prinzliche Heerführer drohte jetzt, wie auch jedesmal früher, wenn er den General Grafen von Tauentzien aufforderte, sich mit ihm zu vereinigen, daß im Weigerungsfalle er sich zurückziehen würde, anstatt über die Elbe vorzugehen.

Am 1. Oktober begann nun dieser Marsch; Blücher folgte auf dem Fuße nach, und dieß erweckte neuen Jubel. Kaum in Jessen angelangt, wurde das 4te Armee-Corps von Blüchers Truppen wieder verdrängt und marschirte nach Seyda. Den 4. October passirte das blüchersche Corps seitwärts von Elsterwerda die geschlagene Brücke über die Elbe, griff den in und bei Wartburg postirten Feind an und erwarb sich, wie allgemein bekannt ist, neue Lorbeeren. Der General von Tauentzien beauftragte den Major von Eisenhart, den Lauf der Schlacht zu beobachten, um ihm dann so schleunig als möglich über alles ausführlichen Bericht abstatten zu können. Er selbst, bei dem Uebergange des Blücherschen Corps gegenwärtig, war untröstlich, sich nicht ebenfalls demselben bei dieser Gelegenheit anschließen zu können; doch sein Marsch musste sich nach Dessau dirigiren. Der Major von Eisenhart machte diese Schlacht, wenn gleich auch nur als Zuschauer, mit, und nachdem sie gewonnen, wurde derselbe von dem General von Blücher auf dem Schlachtfelde mit Aufträgen an den General von Tauentzien und an den Kronprinzen von Schweden abgesendet, um persönlich Bericht abzustatten. Eine kurze schriftliche, in französischer Sprache geschriebene Anzeige, von dem jetzigen General der Infanterie von Müfling aufgesetzt, vom General Blücher unterschrieben, wurde offen zur Uebergabe an den Kronprinzen mitgegeben. Es war jedoch der Hauptmann von Weyher, welcher den Bericht über die gewonnene Schlacht dem schwedischen Kronprinzen überbrachte.

Der Herr von Weyher wurde gar nicht vorgelassen, ja der Kronprinz durfte nicht einmal geweckt werden, denn es war bereits Nacht und Se. Königliche Hoheit zur Ruhe gegangen.

Am 5. October ging das 4te Armee-Corps bei Coswig über die Elbe; den 6. October durch Dessau bis Cötritz, woselbst das Hauptquartier blieb. Den 8. October marschirte das Corps wieder zurück durch Dessau und ging auf der Straße nach Halle bis Hinsdorff und Gegend. Am 10. October wurde nach einer Unterredung des Generals von Tauentzien mit dem Kronprinzen das Hauptquartier wieder nach Dessau verlegt und blieb am 11. daselbst in der Erwartung,  jeden Augenblick vom Feinde angegriffen zu werden. Der General ritt gegen Wörlitz vor, um zu recognosciren und kehrte erst spät Abends .zurück. Am 12. October überrumpelte der Feind die Kosaken-Vorposten, und warf sie in größter Eile und fliehend auf die bei Dessau stehenden Infanterie-Posten, welche leider, keine feste Stellung mehr gewinnen konnten, da die Kosaken sie theils umritten, theils Veranlassung wurden, daß viele in der Elbe verunglückten. Der Andrang des Feindes war so groß, daß der General es für vortheilhaft hielt, wieder nach dem rechten Elbufer zurückzugehen um dort Position zu nehmen.  Die Brücke von Roslau wurde zerstört, weil der General von Thümen dem General von .Tauentzien meiden ließ, daß Napoleon selbst mit 30000 Mann aus Wittenberg hervorgebrochen sei und ihn gezwungen habe, Se Blokade von Wittenberg aufzuheben. Zugleich bat er um eine Unterstützung, weil er sehr gedrängt werde. Der General Graf Tauentzien ließ die 2te Neumärkische Landwehr-Brigade sogleich zum Soutien abmsrschiren, und als der General von Thümen sich bis Roslau zurückgezogen hatte, ward auf dessen Wunsch auch seine Arrier-Garde durch Truppen des 4ten Armee-Corps abgelöst. Der General von Thümen versicherte  dem Grafen von Tauentzien, ,,daß sich Napoleon selbst an der Spitze jener 30000 Mann befände, und den Marsch nach Berlin beabsichtige, auch sei es sicher, daß Napoleon einen Tagemarsch voraus gewinnen, und wir schwerlich noch zeitig genug Berlin zu Hülfe kommen würden“[4].

Des Generals Graf Tauentzien Lage war nun allerdings höchst kritisch, da es zu seiner Aufgabe gehörte, Berlin unter allen Umständen zu decken. Auch war ihm vom Kronprinzen diese Verfahrungsart auf das dringendste anempfohlen, und hatte er sich sehr besorgt hierüber persönlich gegen den vom General von Tauentzien an ihn abgeschickten russischen Capitain Ocuneff ausgesprochen, mit der Versicherung, dass er erst wieder frei geathmet, als er erfahren, daß der General einen forcirten Marsch nach Berlin angetreten habe.

Jetzt wären wir denn auf den Punkt gekommen, welcher bisher nicht .gehörig, wenigstens nicht unparteiisch, beurtheilt zu sein scheint. Nur der König soll - wie man sagt - sich nach dem Frieden hierüber billigend und ganz zum Vortheile des Grafen von Tauentzien ausgesprochen haben. Es handelt sich nämlich von dem Rückzuge dieses Generals, der einzig und allein durch Berücksichtigungen motivirt, aber nur zu gewiß ganz gegen die innigsten Wünsche desselben, die immer nur vorwärts drängten, ausgeführt wurde. Daß der General über eine Stunde lang das Pro et Contra abwog, kann seine nächste Umgebung bezeugen; fürchterlich war sein Kampf, der Notwendigkeit seiner Uebezeugung und den drängenden Umständen nachgeben zu müssen. Er glaubte alle errungenen Vortheile verloren, wenn es Napoleon gelänge, Berlin wieder zu gewinnen, welches demselben als Haupt- und Residenzstadt unermeßliche Vortheile darbieten konnte. Nicht minder fürchtete er den moralischen Eindruck, welchen dieß Ereignis nicht allein auf die Armee, sondern auch auf die Nation nothwend-ig machen mußte, und so entschloß er sich endlich zu einem Nachtmarsch über Zerbst, um wo möglich wenigstens zu gleicher Zeit mit dem Feinde Berlin zu erreichen. Er schrieb an die Prinzessin Wilhelm, an den Gouverneur und mehrere Einfluß habende Männer in Berlin, er bestimmte genau die Zeit, wann er dort eintreffen könne, und schickte starke Detachements ab, um den Feind, der über Bölzig, vorzudringen schien, genau beobachten zu lassen; da er jedoch von diesen durchaus keine Meldung erhielt, entstand natürlich die Besorgniß, daß selbige dem Feinde in die Hände gerathen seien. - Das Corps marschirte nun auf gut Glück, ohne vom Feinde stark beunruhigt zu werden, über Görtzke und Golzow bis Potsdam, wo es am 14. October ankam. Schon in Görtzke erhielt der General vom Hofrath und Hofpostmeister Brese durch eine Couriergelegenheit ein Schreiben, worin derselbe ihm mittheilte , dass sein Anmarsch große Freude in Berlin errege, und daß der beste Geist unter den Einwohnern herrsche; auch glaube man sich gegen den Feind bis zur nahen Hülfe halten zu können. Aus diesem Briefe entnahm der General von Tauentzien auch die sichere Nachricht, daß der General von Wobeser noch immer vor Torgau stehe.

In Potsdam angekommen, erfuhr der General, daß der Feind bei Bolzig Halt gemacht habe. Der General ließ nun zwar in Potsdam Truppen stehen, glaubte jedoch mit einem Theil des Corps nach Berlin marschiren zu müssen, weil er auf diese Weise um so eher die Stadt zu beruhigen, deren Einwohner zu einer vielleicht nothwendig werdenden Vertheidigung vorzubereiten und endlich Unterstützung zu erhalten hoffen konnte, da die Truppen an den nothwendigsten Bedürfnissen Mangel litten. Dies ist der Grund den der General für den Marsch von Potsdam nach Berlin angab, und  es ist nicht zu leugnen, daß sich die Truppen in einem sehr traurigen und erschöpften Zustande befanden, obschon man andererseits die Ueberzeugung hatte, daß diese braven Truppen eben so gern und willig nicht allein in Potsdam stehen geblieben, sondern noch freudiger auf der Stelle wieder vorwärts marschirt wären. Der Schmerz des Generals und seines ganzen Corps, an der Schlacht von Leipzig nicht Theil genommen zu haben, läßt sich mit Worten nicht ausdrücken; er war gränzenlos!

Mehrere Tage blieb das Corps in Berlin und Gegend, und nachdem es mit allen Bedürfnissen wieder versehen worden, ging es wieder nach der Elbe. Die bis dahin vorgekommenen Einzelheiten können füglich übergangen werden und es wird in der Erzählung, wo der General Graf Tauentzien sein Corps theils zur Blokade von Wittenberg, theils zur Belagerung von Torgau verwendete, fortgefahren.

Nach einer vorgenommenen Recognoscirung des Feindes bei Wittenberg, verlegte der commandirende General sein Hauptquartier nach Domitsch, ungefähr 3 Stunden von Torgau; auf dem rechten Elbufer belagerte der General-Lieutenant von Wobeser diese Festung. - Bald wurde die erste Parallele gegen das Fort Zinna ungefähr 400 Schritt von diesem entfernt eröffnet, und der commandirende General war vielfältig in selbiger gegenwärtig[5].

Die Belagerung wurde mit großer Thätigkeit betrieben und bald ward die dritte Parallele sehr nahe gelegt, und die Festung und das Fort mit sehr großem Erfolge beschossen. Da im For ein Pulvermagazin in die Luft flog und der Feind einsah, dass es bald genommen werden würde, so entschloß er sich zu capituliren[6]. Zuerst wurde ein Geistlicher *** zum General Grafen von Tauentzien nach Domitsch zu diesem Behufe geschickt, der unter dem Vorwande, den General um Schonung der Stadt zu bitten, diese Angelegenheit einzuleiten suchte. Allein der Oberforstmeister von Zoeben in sächsischen Diensten hatte schon früher benachrichtiget, daß dieser Mann französisch gesinnt sei; man war also vorsichtig genug, demselben nichts anzuvertrauen und seinen salbungsvollen deutsch-patriotisch scheinenden Worten, die mit Thränen gewürzt wurden, nicht mehr Glauben zu schenken, als sie verdienten. Aber bald kam eine Unterredung zwischen dem General Grafen von Tauentzien und dem General Brun de Villaret auf den Vorposten zu Stande, bei welcher jedoch nichts bestimmt wurde, da letzterer Forderungen machte, die nicht zu erfüllen waren. Die Beschießung der Stadt wurde nun heftig fortgesetzt, und zwar mit dem besten Erfolge, da nach einigen Tagen der Gouverneur General. Dutaillis , welcher dem in der Festung verstorbenen Grafen Narbonne im Commando gefolgt war, sich den Bedingungen des Grafen von Tauentzien fugte. Dieser. General hatte nur einen Arm, und schien sehr unter dem Einfluß des Generals Brun de Villaret zu stehen. Aber was konnte die Besatzung hoffen; Mangel an allen Bedürfnissen war eingetreten, auch wüthete die Ruhr unter den Soldaten und eine Menge Kranke erschwerte den Dienst und verpestete die Luft. Die Besatzung erhielt freien Abzug, und der Gouverneur versprach auf sein Ehrenwort, alles, was sich in der Festung von Geschütz und Waffen befände, überhaupt alles Kriegsgeräth und Munition redlich zu überliefern. - General Graf von Tauentzien setzte eine Commission von preußischen und sächsischen Offizieren, denen ein Banquier, Robert , aus Berlin beigegeben wurde, nieder, um die genaueste Specification über alle Gegenstände und vorzüglich über den großen Schatz von 13 Millionen Thalern, welcher nach einem allgemeinen Gerücht vorhanden sein sollte, anzufertigen.

Der Oberst von Jannerette, welcher der französischen Sprache mächtig war und sich vorzüglich hierzu paßte, wurde zum Präses und der Major von Eisenhart zum Mitglied dieser Commission ernannt. Eilf Tage war hinreichende Beschäftigung vorhanden, um ins Klare zu kommen; den die großen Geldsummen, welche gleich anfangs von dem französischen General abgeleugnet wurden, waren nicht aufzufinden, man fand keinen Heller vor, obschon man die Bücher der dortigen Kaufleute einer genauen Untersuchung unterwarf. Kurz alles Forschen war vergebens und die Ursache dieses falschen Gerüche war wahrscheinlich der Umstand, daß  eine Menge großer Wagen mit der Aufschrift: ,,Tresor Impérial" leer von Dresden nach Torgau geschafft worden waren. Auch ist es wohl in die Augen leuchtend, daß der französische Kaiser eine so große Summe nicht in Torgau zurückgelassen, sondern vielmehr wenigstens bis Leipzig mitgenommen haben würde. Mehrere Tage nach dem Ausmarsch der Garnison blieben einige französische Generale nebst dem Gouverneur Dutaillis in Torgau zurück, welche die Kornmissarien aufs gastfreundlichste zu bewirthen hatten, da der General von Tauentzien befohlen, mit aller möglichen Schonung und der nöthigen Umsicht zu verfahren, um wo möglich Eröffnungen in Betreff des Geldes zu erhalten und so eine redliche Erfüllung der Versprechungen herbeizuführen. Allein das Geld mochten sie wohl aus den oben angeführten Gründen nicht überweisen können, und das Uebrige mußte aus allen Ecken und Winkeln hervorgesucht, werden. Ja man wollte in der Stadt wissen, daß Kanonen und Gewehre des Nachts von den Franzosen in die Elbe versenkt worden, nachdem die Capitulation bereits abgeschlossen gewesen; jedoch waren auch darüber keine gewisse Anzeigen zu erhalten. - Ein alter sechszigjähriger General und der General  Sauer , Chef der Gensdarmerie, wurden nach vielen Bitten auf ihr Ehrenwort entlassen. Beide verpflichteten sich, niemals wieder gegen die Alliirten dienen zu wollen. Aber der ehemalige Gouverneur Dutaillis und General Brun de Villaret wurden der Capitulation gemäß nach Berlin als Gefangene abgefuhrt; beide hatten sich von Anfang an nicht besonders lobenswerth betragen. Während die Commission sich in Torgau beschäftigte, kam der General Graf Tauentzien auf einige Stunden dahin, um sich selbst von dem Erfolge der Untersuchungen zu überzeugen, lind da er sich von Allem möglichst unterrichtet hatte, sah er wohl ein, daß keine Schätze zu finden waren, noch sein konnten. Bei seiner Abreise machte er noch bekamt, daß der russische Kaiser mehreren Staabs-Offiziers den Annen-Orden zweiter Klasse ertheilt habe. - Bald erhielt der General von Tauentzien die Nachricht, daß man russischer Seits die Capitulation, welche er der französischen Besatzung bewilligt, nicht respectirt, sondern selbige auf ihrem Marsch angehalten habe, und zwar von Seiten des sächsischen General-Gouvemements, an dessen Spitze der Fürst Reppnin stand; dasselbe hatte sich dieser unerlaubten Handlungsweise schuldig gemacht. Graf Tauentzien klagte dieserhalb bei dem Kaiser von Rußland und es gedieh von seiner Seite zu sehr ernsthaften Erklärungen, da er es sich zur Ehrensache machte, in den Augen der Franzosen in dieser Hinsicht völlig gerechtfertigt zu erscheinen. Darauf wurde Wittenberg ernsthaft angegriffen und endlich mit Sturm genommen. Der Hauptmann von Neander, ehemals bei der Artillerie stehend, hatte eine Brücke erfunden, vermöge welcher man über die Mauer gehend in die Festung sollte eindringen können. Es waren auch Versuche zwei Meilen von Wittenberg angestellt, die befriedigend schienen, indessen hat man doch keinen Gebrauch von dieser Erfindung gemacht, da es ein sehr gewagtes Unternehmen gewesen wäre. Wem das Gedächtniß nicht trügt, so war es der General Krauseneck , welcher von dem Versuche abgerathen. - Der Major von Eisenhart war mit der Ausführung dieses Unternehmens bereits beauftragt, und soll sich über diese Abänderung sehr unzufrieden geäußert haben; er mochte wohl an einen glücklichen Erfolg glauben und sich sehr geehrt fühlen, als Kavallerie-Offizier zur Lösung einer solchen Aufgabe erwählt worden zu sein. Bei dieser Gelegenheit mag hier ein Tadel ausgesprochen werden, welcher öfters gehört wurde, und der sowohl den kommandirenden General, als den Major von Eisenhart traf; nämlich daß jener diesen Offizier zu so vielfältigen, vielseitigen und verschiedenartigen Aufträgen gebrauchte, und daß dieser sich nicht um- und vorsichtiger dagegen zu bewahren gewußt habe. Wurde auch Alles gut und glücklich ausgeführt, so fordert einmal die preußische Militair- und Civil-Administration ein unbemerktes, ruhiges Fortschreiten im gewöhnlichen, strenge vorgeschriebenen Dienstgleise; - Extravaganzen darin fuhren selten zu Glück und Anerkennung in Preußen! –

Bedeutende Vorräthe wurden in Wittenberg gefunden, unter andern auch mehrere tausend französische Infanterie-Montirungen, welche anfänglich verkauft werden sollten, weil sie nicht tauglich, wenn gleich völlig neu waren. Da aber die Bekleidung der Kavallerie sich bereits in sehr schlechtem Zustande befand, so machte man dem General den Vorschlag, für dieselbe aus jenen französischen Uniformen Kollets machen zu lassen; es geschah und entsprach völlig dem Zwecke.

Der General hatte sein Hauptquartier zu Quedlinburg genommen; doch verlegte er es bald nach Hundsburg - 3 Meilen von Magdeburg - um diese Festung enger einschließen zu können.

Obschon der Friede in Paris bald darauf abgeschlossen wurde, so wollte der Gouverneur von Magdeburg, General Lemarois , durchaus sich nicht fügen, und selbst den von Paris über Tauentziens Hauptquartier angelangten Befehlen des französischen provisorischen Gouvernements nicht Folge leisten. Es kam zwar eine Zusammenkunft zwischen dem General von Tauentzien und dem Gouverneur auf Antrag des Letzteren, bei den Vorposten zu Stande, die aber nur einige Minuten dauerte, weil der Gouverneur den General lange auf sich warten ließ, und dann sich gleich im ersten Augenblick mit solcher Arroganz betrug, dass der General von Tauentzien, sein Pferd wendete, mit der Hand zum Zeichen des Abschiedes winkte und fort ritt. Hierdurch wurde nun zwar der französische General sehr bestürzt, und fragte was dies bedeuten solle, erhielt aber sofort die deutlichste Aufklärung, indem man ihn auf sein unpassendes Betragen aufmerksam machte. Nun wandte sich der Gouverneur an den in Magdeburg wohnenden Medizinalrath Dr. Voigtel, der sein Arzt war, und schickte ihn nach Hundsburg, um die Einleitung einer Capitulation zu versuchen, da der General Graf von Tauentzien erklärt hatte, daß kein französischer Offizier sich zum zweitenmale bei ihm sollte blicken lassen. Dieser Dr. Voigtel zeigte sich hierbei als ein alter treuer Anhänger seines Königs und Vaterlandes, und durch ihn erfuhr der General umständlich und pünktlich Alles, was zu wissen nöthig war. Mehreremale kam er ins Hauptquartier um ferneren Bericht zu erstatten, noch öfter aber schickte er zuverlässige Boten mit Briefen. Der Gouverneur war unbesonnen genug, die tollsten und überspanntesten Forderungen zu machen, allein der General blieb bei den ,Bedingungen stehen, die er einmal festgesetzt hatte, und so kam es endlich dahin, daß der Gouverneur den Wunsch äußerte, einen preußischen Commissarius mit völliger Vollmacht nach Magdeburg gesendet zu sehen. Der commandirende General beorderte zu diesem Geschäft den Major von .Rottenburg, Chef seines Generalstabes, welcher sich den Major von Eisenhart als Begleiter erbat. Es war an einem Sonntage - das Datum ist nicht mehr erinnerlich - als die beiden Comrnissarien gegen 4 Uhr Nachmittags in Magedburg von mehreren Franzosen begleitet: eintrafen. Kaum wurde dieß Begebniß daselbst bekannt, als das Volk sich in Massen vor das Fürstenhaus und auf den Wall begab und mit fürchterlichem Geschrei verlangte, daß die ersehnten Landsleute sich zeigen sollten. Unzählige Lebehochs wurden dem Könige und der preußischen Armee gebracht, dergestalt, daß man wohl für die guten Menschen besorgt werden und fürchten konnte, der Gouverneur werde ihnen dieses nach der Abreise der preußischen Offiziere entgelten lassen. Gleich nach der Ankunft mußten die Bevollmächtigten ein Diné bei dem Gouverneur einnehmen; dasselbe war noch nicht beendigt, als das stürmische Rufen des Volks den Gouverneur zur Aufforderung veranlaßte, auf den Wall herauszutreten und sich zu zeigen. Kaum war dieß geschehen, als ein ununterbrochenes Vivat Rufen, mit heftigen Verwünschungen gegen die bisherigen Peiniger vermischt, gar nicht enden wollte.

Statt nun den eigentlichen Zweck der Sendung zu besprechen, wollte der Gouverneur die Abgesandten in das Gesellschaftszimmer seiner Maitresse, einer Madame ***, woselbst sich der gewöhnliche Sonntagszirkel versammelt hatte, führen; welches jedoch bestimmt abgeschlagen und der Gouverneur ersucht wurde, der Sache ein Ende zu machen.

Nun erklärte er, daß er die Bedingungen, welche ihm vorgelegt worden, nicht eingehen würde, und daß mit seinem Chef des Generalstabes, der von ihm instruirt sei, alles Uebrige abzunaachen wäre, da er für seine Person jetzt zur Gesellschaft müsse.Hierauf entfernte sich derselbe. Der Chef seines Generalstabes, ein geborner Schweizer, suchte das Benehmen des Gouverneurs nach Kräften zu entschuldigen, und bat dringend, Nachsicht zu haben. Er versicherte, daß sich alles ganz nach Wunsch arrangiren würde, und er nur noch einmal mit dem Gouverneur sprechen wolle. Solches wurde zwar zugestanden, doch aber auf diesen abermaligen Versuch von Seiten der Franzosen erklärt, daß man nunmehr eine kategorische Antwort vom Gouverneur erwarte, und daß - wenn er dann nicht die sieben vorgelegten Bedingungen unbedingt unterschreiben wolle, die Bevollmächtigten augenblicklich Magdeburg verlassen, und bei den Vorposten angekommen, den Befehl zur schnellsten und engsten Einschließung Magdeburgs, der Anweisung des commandirenden Generals zufolge, an die Truppen geben würden. Dann könnte von keiner Kapitulation weiter die Rede sein, sondern nur von unbedingter Ergebung.

Der französische Oberst verließ die Kommissarien, kehrte aber bald darauf mit dem Gouverneur zurück, der dieselben freundlich nagte, ob man sich nun arrangiren wolle. Die Antwort war natürlich, daß dieß nur von ihm abhinge, er dürfte nur die Punkte als genehmigt unterschreiben, dann wäre alles abgemacht. Nochmals versuchte er das hohe Pferd zu besteigen, erklärte, ,,daß ihm das Gouvernement  in Paris nichts zu befehlen habe, und daßer jetzt Kijnig von Magdeburg und diese Festung noch lange zu vertheidigen sei, - ja so Manches könne sich bald ändern". Hierauf soll den Major von Eisenhart die Geduld verlassen und derselbe heftig ausgerufen haben:

,,Wenn das Ihre Meinung ist, so erkläre ich Ihr Corps fur Brigands und Sie für deren Chef. Ihr Schicksal wird nicht zu beneiden sein."

Die hierbei mit der Hand gemachte verständliche Bewegung an den Hals, und die Bemerkung zu dem Major von Rottenburg, ,,daß sie nun, da alles „vergeblich schiene, gehen und keine Zeit mehr verlieren wollten", verfehlte den Zweck nicht, man rief die Deputirten sogleich zurück, und erklärte sich bereit, die Kapitulation in der geforderten Art zu unterschreiben. In einer halben Stunde war die Angelegenheit abgemacht, und man schied ganz einig und freundlich von einander. - Es .war bereits 10 Uhr Abends, als die Deputation vom Gouvernementshause , in Begleitung eines französischen Offiziers abfuhr. Sämmtliche Hauser auf dem weiten durch die Stadt. zu passirenden Weg waren erleuchtet, das Volk. war auf der Straße versammelt und folgte dem Wagen bis zum Thore unter fortwahrendem ,,Vivat“' Rufen. Manche laute Verwünschung gegen die Franzosen wurde dabei gehört! Um den cornmandirenden General baldrnögiichst von dem glücklichen Erfolg der Sendung zu benachrichtigen, eilten die Bevollnächtigten, so viel es nur möglich war, um Hauptquartier zu erreichen, welches jedoch erst um 1 Uhr in der Nacht möglich ward. - Der General, hoch erfreut über diese glückliche Beendigung, beabsichtigte. wieder den Major von Eisenhart mit dieser Nachricht zum Könige nach Paris zu schicken, allein dieser wünschte seine Brigade. nicht zu verlassen, und so ward der Hauptmann von Weyher dahin gesandt. Dieser reisete . nun als Courier dahin ab, und erhielt von dem Monarchen für seine Dienste während des Feldzuges das eiserne Kreuz erster Klasse.

Zur Uebergabe der Festung, der Geschütze und Bestände wurde dagegen nun der Major von Eisenhart mit kommandirt. Bei dieser Gelegenheit machten die Franzosen viel Weitläufigkeiten, wollten einige Geschütze mitnehmen u.s.w., welches Begehren jedoch mit Festigkeit zurückgewiesen wurde. Nachdem die Franzosen Magdeburg verlassen hatten, waren die Einwohner dieser Stadt bemüht, ihre Freude über die endliche Befreiung und ihren Dank dem General und dem Armee-Corps auszudrücken. - Es wurde eine Deputation vom Magistrat nach Hundsburg geschickt, um dem General die intentionirten Feierlichkeiten mitzutheilen und um dessen Genehmigungzu bitten; man einigte sich auch bald darüber, nachdem der General das ihm von der Stadt zugedachte Geldgeschenk aufs Bestimmteste abgeschlagen hatte. Der Einzug in Magdeburg und die unzähligen Beweise der treuen Anhänglichkeit an den König, so wie die Freudenbezeugungen, die unter mancherlei Gestalt sich so sprechend äußerten, sind durch die öffentlichen Blätter hinlänglich bekannt und beschrieben, weßhalb dieß hier mit Stillschweigen übergangen werden kann. Bald darauf verlegte der General sein Hauptquartier nach Hof Geismar, wo dasselbe bis zum Rückmarsch in die Friedensgarnisonen blieb.

In Berlin angekommen, erhielt der General, nachdem der König mit den Garden ebenfalls zurückgekehrt war, das General-Comrnando in den Marken. Die Truppen des 4ten Armee- Corps marschirten nach ihren Provinzen, wurden jedoch erst später aufgelöst.

Der König hatte den General von Bülow zum Grafen mit dem Zunamen von Dennewitz ernannt, und dieß war die Veranlassung zu gewaltigen Debatten und einer Correspondenz zwischen diesem General und dem Grafen von Tauentzien, welcher glaubte, daß er auf diesen Beinamen gerechtere Ansprüche habe. Da indeß der König anders entschieden, so verlangte er, das der General von Bülow schriftlich erklären solle, das das 4te –Armee-Corps wenigstens das Nämliche in der Schlacht geleistet habe, als das 3te Armee - Corps. Der Major von Rottenburg musste sich nach Freienwalde zum General von Bülow begeben, woselbst er sich im Bade befand und ihm das Schreiben übergeben; doch wurde diese Angelegenheit nach Wunsch ausgeglichen.

Wie gnädig der König übrigens für den General. gestimmt war, bewies er am 6. September 1814, dem Jahrestage der Schlacht von Dennewitz, in Charlottenburg, woselbst sämmtliche Offiziere, welche der Schlacht beigewohnt hatten, zum Diné eingeladen waren.

Der König, nachdem er mit mehreren Generalen gesprochen, soll sich zu einem der anwesenden Staabsoffiziere des Tauentzienschen Corps mit der Frage gewendet haben: „ob die Berliner heute viel Feierlichkeiten zu Ehren des 4ten Armee - Corps angestellt hatten, als dieser sich mit der Unwissenheit in dieser Angelegenheit entschuldigte, soll der König weiter gesprochen haben: „Die Berliner können nicht genug dem 4ten Armee-Corps danken, denn drei Mal hat es zur Rettung der Stadt sehr viel beigetragen. Das erste Mal bei Blankenfelde, wodurch das 3te Armee-Corps bei Beeren den Feind glücklich schlug; dann bei Dennewitz, wo der General Tauentzien mit seinem Corps so ausgezeichnet brav gefochten hat, und endlich als der Feind aus Wittenberg vordrang, ehe bei Leipzig sein Schicksal entschieden wurde." Man bemerkte die Verbeugung des Offiziers, vernahm seine Versicherung: ,,daß Se. Majestät durch diese huldreiche Aeußerung und Annerkennung die größte Belohnung für Alles gegeben, was das Corps mit Freuden für seinen geliebten Monarchen und für das Vaterland geleistet, und falsche Ansichten jetzt leicht verschmerzt werden könnten. Nahestehende versicherten, daß des Königs Erwiederung gewesen: ,,man habe nicht anders glauben können, als daß Napoleon nach Berlin marschiren würde, woran er doch weit klüger gethan hätte, als in den Col-de-Sac bei Leipzig sich hineinzuwagen, wo er doch seine Endschaft vor Augen sehen konnte. Die Einnahme von Berlin würde ihm aber in jeder Beziehung den größten Vortheil gewährt haben; Stettin und Cüstrin würden entsetzt worden sein, und wenn auch Hülfe gesendet wäre, so würde man doch zu spät gekommen, und es Napoleon gelungen sein, sich nach Magdeburg zu ziehen und sich à chevall der Elbe aufzustellen; Hamburg wäre auch noch in seinem Besitz gewesen und jedenfalls hätte er einen vortheilhaften Rückzug bewerkstelligen können."

Es lag wohl klar am Tage, daß der König dieß darum sagte, um es theile dem General Grafen von Tauentzien mittheilen, theils diese Aeußerungen auch im Corps selbst bekannt zu machen, welches denn auch nicht unterlassen worden ist.


[1] Jünsdorff war von preußischen Truppen besetzt. Wurde aber nach einigen Stunden vom Feinde genommen, später jedoch durch einige Bataillons Landwehr-Infanterie mit dem Bajonett wieder genommen, ein Angriff welcher von zwei Kanonen unterslützt wurde.

[2] Dieser ausgezeichnete Staatsdiener hat sich bei dieser Bataille ganz vorzüglich durch hervorstehende Tapferkeit ausgezeichnet, und mit seinem Balaillone mehrere Kavallerie-angriffe abgeschlagen, worauf er selbst zum Angriff mit dem Bajonett überging.

[3] Wie es hieß, die Generale Regnier, Pactod und Bertrrnd.

[4] Daß dies wirklich Napoleone Absicht gewesen - wie wir in dem Vorwort bereits angedeutet, - hat der General Pelet später (Spectat. milit. T. 1.) unwiderleglich dargethan, wenn gleich - wie bereits gesagt - der Gen.Lient. v. Müffling in seinem Werkchen „Napoleone Strategie 1813" daran noch zweifelt, und diese Unternehmung für zu gewagt ansieht. Der General Graf Tauentzien bekundete mithin sein richtiges Erfassen des Verhältnisses und des Gegners, dnrch den Entschluß zurück zu gehen, und einem Napoleon gegenüber konnte diese Bewegung nicht schnell genug geschehen, wollte man ihm znvorkommen, Umstände, die hier fern bleiben mogen, General Pelet aber genügend l. c. entwickelt, haben ailein Napoleons Aufgeben des Entwurfs veranlasst, und den schon angetretenen Marsc nach Berlin rückgängig gemacht.

Der preußische Feldherr wird durch die Erörterungen in Spectateur auf das Glänzendste für die Geschichte gerechtfertigt, wie bei seinem Könige durch dessen klares Erfassen der Ereignisse, was die Folge zeigen wird.

[5] Die Parallele hatte keine genügende Communication rückwärts und der Zugang war nicht immer ohne Gefahr; als sich daher einmal der commandirende General zu Fuß über die dahinter liegende, vom Cavalier des Forts bestrichene Plaine mit einem starken Gefolge dahin verfügte, wäre er um ein Haar erschossen worden. Die Aufmerksamkeit des Feindes war rege geworden, und die Kugeln schlugen fortwährend um den General ein. Seine Umgebung ging nun zwar so schnell wie möglich auseinander, um die Zielscheibe zu verringern, allein er selbst, der an der Brust litt, und einen sehr kurzen Athem hatte, wäre wahrscheinlich zum  Opfer geworden, wenn nicht einer seiner Vertrauten, der schon in der Parallele in Schutz war, heraus und auf ihn zusprang und ihm mit aller Anstrengung die deckende Brustwehr zu erreichen half. Hiermit war zwar viel gewonnen, aber nun kam Alles darauf an, den General wieder ans der Linie hinaus und in Sicherheit zu bringen; es war nämlich erst 12 Uhr Mittags.-Der Begleiter hatte zwar sein Pferd und eine reitende Ordonanz bei sich, da aber das erstere zu wild war, um dem Feldherrn angeboten werden zu dürfen, so persuadirte ihn der Vertraute, nicht ohne Mühe, das der Ordonanz zu besteigen und sich seiner Führung zu überlassen. Man verließ nun die Parallele am entgegengesetzten Ende, den Weg nach der Festung hin einschlagend, bis man bemerkte, daß die Geschütze eine neue Richtung genommen hatten, worauf man wieder ausbog und schnell zurückeilte, wodurch es gelang, ungefährdet aus dem Schosse zu kommen. Lange ritt der General still und nachdenkend, als er plötzlich seinen Begleiter heranrufend, ihm die Band reichte und sagte: „ich weiß nicht wie ich Ihnen Ihre Freundschaft genug danken soll; Sie lieben mir nun schon zum zweitenmale das Leben gerettet." - ,,Nichts als meine Schuldigkeit, Ew. Excellenz, also nur meine Pflicht", war .die Antwort. - ,,Nein“, ewiederte er lebhaft, ,,Freundschaft, reine Freundschaft ist es!" drückte ihm die Hand und äußerte sich ferner darüber sehr freundlich. - Dies wird hier nur angeführt, weil es einen Blick in die Gemüthlichkeit eines Mannes werfen läßt, den man so geneigt gewesen ist, kalt und stolz zu halten, was er wie schon geäußert durchaus nicht war, wie sich hier wohl unwiderleglich zeigt.

 [6] Das Fort Zinna war nämlich schon genommen.

Letzte Änderung der Seite: 27. 03. 2017 - 22:03