EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Leben mit dem Krieg. Süddeutschland im Krieg mit und gegen Napoleon (Kopie 1)

von Prof. Dr. Ute Planert

4. Abwehr konkreter Belastungen

Bei der Betrachtung der Muster politischer Loyalität zeigt sich, daß lokalen, regionalen und religösen Traditionen eine weit größere Wirkungsmächtigkeit zukam als der  Vorstellung eines neuen Landespatriotismus oder gar einer deutschen Nation. In den meisten Fällen, das dürfte in den obigen Betrachtungen deutlich geworden sein, ging es jedoch nicht nur um die Frage nach der Legitimität politischer Herrschaft, sondern vor allem darum, in den Wirren der Kriegs- und Krisenjahre soweit wie möglich an Vertrautem festzuhalten und Zumutungen lokal begrenzt so gut als möglich abzuwehren. Diese Handlungsmuster finden sich auch beim Umgang mit den Einquartierungen wieder, der als Beispiel für den vierten Punkt dieses Beitrags - die Abwehr konkreter Belastungen - angeführt werden soll.

Requisitionen und  Einquartierungen gehörten für die betroffene Zivilbevölkerung wohl zu den am meisten belastenden und daher auch konfliktreichsten Erscheinungen der Kriegszeit. Die 10.000 Köpfe zählende Einwohnerschaft von Biberach hatte von 1800 bis 1801 über 225.000 Soldaten zu versorgen. Und in Freiburg  mit seinen 9.000 Einwohnern sind von November 1813 bis zum August 1814 fast 650.000 Soldaten in den Quartierlisten verzeichnet. Prügeleien zwischen dem einquartierten Miltär und Bürgern oder Bauern, die mit »Furken und Mist Gablen« auf die Soldaten losschlugen,  waren keine Seltenheit. An dörflichen Streitigkeiten etwa um den Vorrang beim Passieren oder um gebührende Plätze bei Truppenparaden zeigt sich allerdings, daß auch die »eigenen« Soldaten , etwa die Schwäbischen Kreistruppen - kein hohes Ansehen genossen. Wenn die Truppen weiterzogen, hinterließen sie leere Getreidespeicher und Futtermagazine, Schulden, zertretene Felder und demolierte Gebäude. Kein Wunder also, daß Dörfer wie Staaten sich nach Möglichkeit die Truppen gegenseitig zuschoben. Die Versuche einzelner Gemeinden, sich den Einquartierungen zu verweigern, schlugen in Württemberg freilich fehl. Während man sich - soweit der erste Eindruck nicht täuscht -  in Baden eher aufs Verhandeln verlegte, griff der württembergische Staat im Fall der Aufsässigkeit mit ganzer Härte durch. In Ofterdingen wurden die Bürger dazu verurteilt, nach einer militärischen Exekution die Kosten für die Versorgung der  königlichen Leibjäger aus  eigener Tasche zu bezahlen; in Mögglingen setzte der König den widerspenstigen Bürgermeister kurzerhand ab. Beidesmal handelte es sich wohlgemerkt nicht um fremde Besatzungstruppen, sondern um die Einquartierung königlicher Soldaten in altwürttembergischen Ortschaften.

Aus der Beobachtung, daß es den Menschen in erster Linie um den Versuch ging, Zumutungen  lokal begrenzt abzuwehren, darf freilich nicht geschlossen werden, daß die »kleinen Leute« unpolitisch gewesen seien, was ihnen mit Blick auf den Vergleichsmaßstab Französische Revolution von manchen Autoren gerne unterstellt wird.  Denn ruhig, das dürfte klargeworden sein, ruhig war es im deutschen Südenwesten trotz ausgefeilter Pressezensur und der rigiden Unterdrückung politischer Meinungsäußerung keineswegs. Im Gegenteil dachte die Bevölkerung in Baden und Württemberg seit den Aufständen in Tirol und Spanien und natürlich seit dem Rußlandfeldzug  so laut über die politische Großwetterlage nach, daß ihr 1809 politische Gespräche verboten wurden. Drei Jahre später untersagte zusätzlich ein »Maulkorberlaß« württembergischen Staatsdienern und Pfarrern jegliches politische Raisonnement. Die Feldpost wurde zensiert, und in Baden ließ sich die Regierung von Beamten Rapporte über die »öffentliche Meinung« erstatten. Um dem Volk aufs Maul zu schauen, schickte die württembergische Polizei  Spitzel  in die Wirtshäuser, und der Besuch bayrischer Zechstuben, wo man offenbar mehr über das Kriegsgeschehen in Erfahrung bringen konnte, wurde den Ulmer Untertanen kurzerhand untersagt.

Die Abhörprotokolle aus den Gastwirtschaften von 1812 sind nicht überliefert, doch erhaltene Akten aus dem Innenministerium zeigen nicht nur, daß man sich bereits durch den Empfang  fremdsprachiger Briefe verdächtig machte, sondern auch, daß sich die Bevölkerung über den Stand der Politik und des Kriegsverlaufs vor allem in den Jahren nach 1812 durchaus ihre Gedanken machten. Da wurde über den Rückzug Napoleons sinniert, ein schwunghafter Handel mit Flugblättern über den Rußlandfeldzug betrieben und ein Toast auf das Wohl des russischen Kaisers ausgesprochen. Im zweiten Koalitionskrieg, als Frankreich vorübergehend in die Defensive geraten war, hatte man im Waldenburgischen noch »nachteilige Diskurse« über die alliierten Truppen hören können, die mit der soziale Hoffnungen beflügelnden Überzeugung gekoppelt waren, die Franzosen würden bald wiederkehren. Hatte das anfängliche Interesse für die befreiende Botschaft der »Neufranken« unter dem Druck der Kriegsereignisse vielerorts rasch nachgelassen, leitete das Ludwigsburger Residenzpolizeiministerium noch 1815 eine Untersuchung gegen vier Soldaten ein, weil sie - offenbar im Zusammenhang mit Bonapartes kurzfristiger Rückkehr  - »Vivat Napoleon« gerufen hatten. Doch nicht nur unter Soldaten, auch in einem kleinen Kreis  Stuttgarter Intellektueller hatte der französische Kaiser über seinen Tod hinaus Anhänger gefunden. Die obrigkeitsstaatliche Lähmung des öffentlichen politischen Lebens darf also nicht mit einer unpolitischen Haltung der Bevölkerung verwechselt werden.

Letzte Änderung der Seite: 14. 10. 2017 - 13:10