EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Leben mit dem Krieg. Süddeutschland im Krieg mit und gegen Napoleon

von Prof. Dr. Ute Planert

3. Politische Loyalität

Politische Allianzen wirkten sich also nicht notwendig auf die Wahrnehmung der Bevölkerung und auf ihre politische Loyalität aus. Im Gegenteil, die Belastungen der langjährigen Kriegs- und Krisenzeit schlugen sich in etlichen kleinräumigen Protestaktionen nieder, die selbst von der landesgeschichtlichen Forschung - wohl wegen ihrer Orientierung an anderen Größenordnungen - bislang weitgehend unbeachtet geblieben sind. Sozialen Protest gab es nicht nur, aber vor allem dort, wo die massive Verletzung konkreter Interessen der Bevölkerung mit einem Bruch lokaler und regionaler Traditionen zusammentraf. Entsprechend regte sich Opposition vor allem in jenen häufig anderskonfessionellen Gebieten, die  während der 'territorialen Revolution'  dem aufstrebenden Königreich Württemberg und dem neuen Großherzogtum Baden als Lohn für die Bindung an Frankreich  zugeschlagen worden waren. Nicht nur bei den bekannten Aufständen in Megentheim und Stockach, sondern auch andernorts gab es in Neuwürttemberg Konflikte mit der neuen und rigoros durchgreifenden Staatsmacht. Symbolischer Protest, aber auch handfester Widerstand gegen den steuerlichen Zugriff des Staates manifestierte sich in ehemaligen geistlichen Territorien, den früheren Freien Reichsstädten und, möglicherweise unterstützt von den Patrimonialherrn, auf den Gebieten der ehemals selbständigen Adelsherrschaften. Wie im früheren Deutschordensgebiet Mergentheim verschwanden auch in der ehemaligen Freien Reichsstadt Biberach und im Fürstprobsteibezirk Ellwangen die Insignien der ungeliebten neuen Herrschaft. In der ehemaligen Reichsstadt Esslingen weigerten sich Stadt und Spital, am Neujahrstag wie befohlen das württembergische Königshaus zu verehren; an Jagst und Enz widersetzten sich etliche Gemeinden dem Huldigungseid. Einzelne Adelige und ehemals reichsritterschaftliche Dörfer zahlten die ihnen auferlegten Steuern nicht, in Schwäbisch Gmünd ließen sich ausstehende Abgaben nur mit Mühe eintreiben. Angesichts der ständig steigenden und immer neuen Abgaben wurde Steuerhinterziehung zum Volkssport.

Als weiterer bedeutender Konfliktfaktor erwies sich in den ersten Jahren des württembergischen Königreichs die Religion.  Der Staat nahm die Aufsicht über die Kirche an sich und zog die Pfarrer zur Verkündigung staatlicher Verordnungen heran.  Das Kirchengebet wurde per Dekret geändert und hatte künftig an erster Stelle dem Schutz des kurfürstlichen, später königlichen Hauses zu gelten. Den Bibeltext für die Predigt an den Geburtstagsfesten des Herrschers legte man zentral fest. In katholischen Gebieten wurden Kirchenfeste aufgehoben und Jahrmärkte verlegt, Prozessionen verboten und Kapellen geschlossen, so daß die Gläubigen auf dem Gebiet des ehemaligen Klosters Zwiefalten ihre Gottesdienste heimlich bei Nacht abhielten. In der Landvogtei Ellwangen weigerten sich Pfarrer, landesherrliche Verordnungen auf der Kanzel bekanntzugeben und widersetzten sich den Weisungen des württembergischen Dekans. Andere Geistliche  mußten nach einer ungenehmigten Versammlung ihr Amt niederlegen. Pietistische Strömungen und »Schwärmer« wurden von Staats wegen besonders scharf beobachtet. Vor allem die Separatisten, die aus religiösen Gründen Staatskirche wie Militärdienst ablehnten, waren den staatlichen Behörden ein Dorn im Auge. Ihre Verweigerung des Wehrdienstes wurde mit Zwangsarbeit bestraft.

Konskription und Desertion

Als eine besondere Form des sozialen Protestes können Unruhen anlässlich von Rekrutenaushebungen und die verbreiteten Desertionen gelten. Fragen politischer Loyalität und Einstellung zum Krieg verknüpfen sich hier in einzigartiger Weise. Grundsätzlich war die Stimmungslage im deutschen Süden alles andere als kriegs- und vaterlandsbegeistert. Wer immer konnte, bemühte sich, von der Wehrpflicht freigestellt zu werden oder kaufte sich einen Stellvertreter.  Wegen der Rekrutenauswahl kamen ganze Gemeinden  bei den Militärbehörden ein, und auch die württembergische Landesuniversität Tübingen  wurde mit der Bitte um Verschonung ihrer Angehörigen in Stuttgart vorstellig. Die von Baden wie Württemberg in regelmäßigen Abständen ausgesprochenen Generalpardons für Deserteure, die Straffreiheit bei erneutem Einrücken in Aussicht stellten, sprechen eine deutliche Sprache. Unter den Deserteuren waren nicht nur Angehörige der Unterschichten, sondern auch Vertreter der ländlichen Oberschicht, wie etwa im schwäbischen Oberamtsstädtchen Heidenheim, wo es 1809  fast zum Konflikt gekommen wäre, als es aufgrund der zahlreichen Aushebungen nun auch für Wohlhabende keine Möglichkeit mehr gab, Stellvertreter zu kaufen. Um Unruhen vorzubeugen, beschlagnahmte die Staatsmacht die Waffen der Bürger, doch die Ausgehobenen wehrten sich auf ihre Weise und blieben den Fahnen fern.

Besonders virulent war die Lage in den säkularisierten geistlichen Regionen, die keine Wehrpflicht gekannt hatten, und im ehemaligen Vorderösterreich. Im ehemaligen Deutschordensgebiet Mergentheim lösten württembergische Aushebungen einen bewaffneten Aufstand aus, und auch an den Bodensee in die Gegend um Stockach wurden württembergische Truppen verlagert, weil man den Einfluß der ”Tiroler Insurgenten” fürchtete.  In Vorderösterreich war die männliche Bevölkerung schon seit  1793 zur Landesverteidigung gegen die »Feinde von Religion und Menschheit«, so das supranational-religiöse Argumentationsmuster, aufgerufen worden. Jeder Region wurde die Stellung eines bestimmten Quantums »Freiwilliger« auferlegt, oftmals ledige Burschen aus der Unterschicht, denen die Gemeinde dafür  eine entsprechende Vergütung versprach. Insgesamt hatte das österreichische Militär allerdings die Erfahrung machen müssen, daß die Bürger und Bauern zwar bereit waren, ihre Heimatorte zu schützen, zu einem Einsatz außerhalb ihrer Heimatregion jedoch nur schwer zu motivieren waren. Statt die Rheingrenzen zu verteidigen, waren etliche von ihnen einfach wieder in ihre Dörfer zurückgekehrt. Nachdem Vorderösterreich an Baden und Württemberg gefallen war, wurden die Konskriptionen für das napoleonische Heer von der Bevölkerung mit Unmut aufgenommen. Etliche junge Männer entzogen sich dem Kriegsdienst durch Flucht, Selbstverstümmelung oder durch eine schnelle Heirat im benachbarten Ausland, wenn sie zuhause keinen Heiratserlaubnis erwirken konnten. Andere verpflichteten sich in österreichische Dienste. Ob dieser Schritt der Loyalität mit der ehemaligen Herrschaft geschuldet war oder sie allein der höhere österreichische Sold  zu diesem Schritt bewegte, wird sich nicht mehr herausfinden lassen. Sicher ist nur, daß die Gegenmaßnahmen der badischen und der württembergischen Regierung vielfach keine Wirkung zeitigten. Ihre Drohung mit Vermögenskonfiskation blieb angesichts der Armut der meisten Betroffenen eine leere und hilflose Geste. Zwischen der Kriegsunlust der Bevölkerung auf der einen und dem  Druck französischer Militärforderungenauf der anderen Seite verblieb den »diesseitigen Regierungen« nur wenig Handlungsspielraum, den aber vor allem der  württembergische König Friedrich entschlossen nutzte, um die unruhigen neuwürttembergischen Gebieten seine Stärke fühlen zu lassen. Um Aufständen vorzubeugen und den neuen Untertanen seine Macht zu demonstrieren, wurden in Neuwürttemberg möglichst viele Männer zum Militär einberufen. Selbst die als »schwächlich« Gemusterten taugten in den Augen der Visiteure so noch zum Offiziersburschen.

Letzte Änderung der Seite: 14. 10. 2017 - 13:10