EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Jacques-Henri Bernardin de Saint-Pierre

* 19.01.1737 in Le Havre
† 21.01.1814 in Éragny-sur-Oise

Jacques-Henri Bernardin de Saint-Pierre (1737-1814) war ein französischer Schriftsteller, der durch sein als Kinderbuch verarbeiteten Roman »Paul et Virginie« bekannt war.
Jacques-Henri Bernardin de Saint-Pierre (1737-1814)

Dieser heute fast vergessene Autor war vom späten 18. bis zum frühen 20. Jh. jedem gebildeteren Franzosen von Kindheit an ein Begriff dank seinem als Kinderbuch verbreiteten Roman »Paul et Virginie«.

Bernardin (sein eigentlicher Name ist ein bürgerliches Saint-Pierre) wuchs auf in bescheidenen Verhältnissen in Le Havre, erhielt eine passable Schulbildung und studierte Straßen- und Brückenbau an der neugegründeten École des Ponts et Chaussées. Anschließend trat er als Ingenieur in die französische Armee ein, die gerade an der Seite Österreichs den Siebenjährigen Krieg (1756-63) gegen Preußen und England führte. Er musste jedoch 1762, als schwierige Person verschrien, seinen Abschied nehmen. Hiernach führte er eine unstete, von nebulösen Projekten und deren Scheitern bestimmte Existenz mit Reisen und längeren Aufenthalten in Russland und Deutschland. 1768 reiste er mit einem Auftrag als Planungsingenieur auf die damals französische Insel Mauritius (Île de France) im Indischen Ozean, fand aber kein rechtes Betätigungsfeld vor und beschäftigte sich statt dessen mit der Fauna und Flora der tropischen Insel, deren exotische Schönheit ihn faszinierte.

1771 kehrte er zurück, ließ sich mittellos in Paris nieder und begann zu schriftstellern. Als er nicht den erhofften Kontakt zu den Encyclopédisten fand, befreundete er sich mit dem zurückgezogen am Stadtrand lebenden Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) und wurde dessen Jünger. Sein erstes Werk: »Voyage à l'Isle de France« (»Reise zur Île de France«, 1773), hatte keinen Erfolg. Beachtlich dagegen war der im Jahre 1784 veröffentlichte dreibändige »Études de la nature« (»Naturstudien«, 1784), deren schwärmerische Bewunderung und häufig äußerst spekulative Erklärung der Natur offenbar den Zeitgeist traf.

Der dritten Neuausgabe der »Études« im Jahre 1788 hängte Bernardin zaghaft als vierten Band den kleinen Roman »Paul et Virginie« an, der überraschend gut einschlug und ab 1789, in der Regel separat gedruckt, eine Neuauflage nach der anderen erlebte (viele davon illustriert), übersetzt, dramatisiert und vertont wurde und als Vorlage für unendlich viele Gemälde und Stiche diente. In meist gekürzten und „gereinigten“ Ausgaben etablierte es sich rasch als klassisches Kinderbuch (das z.B. Flaubert (1821-1880) um 1850 wie selbstverständlich als romaneske Lektüre Emma Bovarys anführt).

Der Roman thematisierte die Schwierigkeiten, die ein ständische Gesellschaft Liebesehen in den Weg zu legen pflegte, und erzählte die Geschichte zweier Halbwaisen, die zusammen mit ihren Müttern in der Naturidylle der Insel Mauritius unbeschwert von Klassengegensätzen miteinander aufwuchsen, bis eine adelige Großtante Virginies diese nach Frankreich holt und so die sich inzwischen liebenden jungen Leute trennte – für immer; denn Virginie, die sich nicht standesgemäß verheiraten lassen, sondern Paul treu bleiben wollte, wurde, von der erbosten Tante zurückgeschickt, auf der Rückreise Opfer eines Schiffbruchs, und Paul wurde durch die desillusionierenden Vorträge, die ihm ein befreundeter alter Mann über die starre Klassengesellschaft im Frankreich des Ancien Régime hielt, so frustriert, dass er nach Virginies Tod den Lebensmut verlor und starb.

Dank des Erfolgs der »Études« und vor allem von »Paul et Virginie«, erreichte Bernardin endlich auch gesellschaftliche Anerkennung. So war er im Jahre 1789 als Hauslehrer des Dauphins im Gespräch. 1792 heiratete er die Tochter seines Verlegers und 1794 wurde er als Professor für Moral an die neugegründete Pariser Lehrerbildungsstätte (die spätere École Normale Supérieure) berufen. 1795 wurde er Mitglied des soeben durch Zusammenlegung mehrerer Akademien geschaffenen Institut de France. 1797 wurde er zum Direktor des botanischen Gartens ernannt.

Naturgemäß verfasste er auch in den 25 Jahren nach »Paul et Virginie« noch etliche kürzere und längere Werke, darunter die Erzählungen »La chaumière indienne« (»De Indianerhütte«) und »Le café de Surate« (beide 1790) oder die dreibändigen »Harmonies de la nature«, die im Jahre 1815 postum erschienen, doch blieben sie weitgehend unbeachtet.

Werke:

  • Voyage à l’Ile de France, à l’île Bourbon et au cap de Bonne-Espérance, 1773
  • L’Arcadie. Angers, 1781
  • Études de la nature, 1784
  • Paul et Virginie, 1787
  • Vœux d’un solitaire, 1789
  • La chaumière indienne, 1790
  • De la nécessité de joindre une ménagerie au Jardin des Plantes, 1792
  • De la nature de la morale, 1798
  • Voyage en Sibérie, 1807
  • La mort de Socrate, drame, 1808
  • Harmonies de la nature, 1815

Letzte Änderung der Seite: 24. 09. 2017 - 20:09