EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Jacob Michael Reinhold Lenz

* 12.01.1751 in Seßwegen/Livland
† 04.06.1792 in Moskau

Jacob Michael Reinhold Lenz (1751-1792), Dichter des Sturm und Drang, war einst Freund Goethes und verlor dessen Zuneigung durch eine »Eseley«. Er litt an einer paranoiden Schizophrenie. Als Dichter versuchte er stets seine Unabhängigkeit zu erlangen.
Jacob Michael Reinhold Lenz (1751-1792)

Jacob Michael Reinhold Lenz war der Sohn des pietistischen Pfarrers Christian David Lenz (1720-1798) aus dem livländischen Dorfe Seßwegen. Er wurde am 12.01.1754 in dem Dorf, etwa 150km östlich von Riga, geboren. Der Vater übte ab dem Jahre 1779 das Amt des Superintendenten in Livland aus.

Als der junge Lenz das Alter von 9 Jahren erreichte, trat der Vater eine Stelle als Pfarrer in Dorpat an, wo er auch seine erste schulische Ausbildung erhielt. Noch während seiner Schulzeit im Jahre 1766 erschien ein erstes Gedicht.

Zunächst nahm er im Jahre 1768, dank eines Stipendiums, an der Universität Dorpat ein theologisches Studium auf. Diese Studien setzte er später in Königsberg fort, wo er auch die Vorlesungen des Philosophen Immanuel Kant besuchte. Durch ihn wurde er auch angeregt sich mit den Werken des Aufklärers Jean-Jacques Rousseau auseinanderzusetzen.

In Königsberg ging er auch seinen literarischen weiterhin nach und veröffentlichte auch sein erstes eigenständiges Buch. So erschien im Jahre 1769 sein Langgedicht »Die Landplage«. Durch seine Freundschaft mit den Philosophen Johann Georg Hamann (1730-1788) kam der angehende Schriftsteller Lenz auch mit den Werken des englischen Schriftstellers William Shakespeare in Berührung. Diese literaische Begegnung sollte sich zukünftig immer wieder im Werke des livländischen Autoren wiederfinden.

Als Lenz sich im Jahre 1771 entschloss das theologische Studium abzubrechen, geschah das gegen den ausdrücklichen Willen des Vaters, der von nun an den Kontakt zum Sohn abbrach.

Er begleitete die jungen Barone Friedrich Georg (1751-1800) und Ernst Nikolaus von Kleist, die eine Offizierslaufbahn anstrebten, als Hofmeister auf eine Studienreise nach Straßburg. Durch seine Anstellung als Hofmeister konnte er in dieser Zeit seinen Lebensunterhalt bestreiten und sich auch der Literatur widmen.

In Straßburg lernte der Schriftsteller den Aktuarius Johann Daniel Salzmann (1722-1812) kennen. Über dessen Tischgesellschaft »Société de philosophie et de belles lettres« lernte er den jungen Studenten Johann Wolfgang Goethe sowie Johann Heinrich Jung-Stilling kennen. 

Über seine Bekanntschaft mit den angehenden Juristen Goethe lernte er auch den Theologen Herder (1744-1803), mit dem er einen ausführlichen und umfangreichen Briefwechsel pflegte, sowie Johann Kaspar Lavater, mit dem er ebenfalls korrespondierte.

Beide Männer sollten bestimmenden Einfluss auf den jungen Lenz ausüben. So pflegte er mit Herder einen ausführlichen und umfangreichen Briefwechsel während Goethe, der selbst noch Jura studierte, ihn zum Mittelpunkt und zentralen Figur des Sturm und Drang aufbaute.

Im Jahre 1772 reiste er im Gefolge seines Dienstherrn nacheinander in die Garnisonen von Landau, Fort Louis und Weißenburg. In dieser Zeit verliebte er sich in die junge Sessenheimer Pfarrerstochter Friederike Brion. Sie war zuvor mit den jungen Goethe, den sie zum Sessenheimer Liederzyklus inspirierte liiert. Diese Liebe blieb jedoch unerwidert. Im Jahre 1773 kam Lenz nach Straßburg zurück um sein Studium erneut aufzunehmen. Im folgenden Jahr gab er seine Anstellung als Hofmeister auf und verdingte sich von nun an als freier Schriftsteller und Privatlehrer.

In dieser Zeit war der Schriftsteller sehr produktiv. So verfasste er im Jahre 1776 beispielhaft das Drama »Der neue Mendoza« oder die Erzählung »Zerbin oder die neue Philosophie«. Bereits zwei Jahre vorher erschien seine Schrift »Anmerkungen übers Theater« in der er seine offene Dramenform, die sein schriftstellerisches Werk ausmachten, und ihn zugleich von den klassischen Formen der Regelmäßigkeit unterschieden. In den Straßburger Tagen erschienen auch autobiografische Texte, wie beispielsweie »Tagebuch« und »Moralische Bekehrungen«, die beide im Jahre 1775 erschienen.

Als sein Ideal Johann Wolfgang Goethe dem Rufe Herzog Carl Augusts nach Weimar folgte, schloss er sich zunächst an.

Durch sein exenztrisches Verhalten erregte er schnell eine unangenehme Aufmerksamkeit, die schließlich im Dezember desselben Jahres seine Ausweisung aus Weimar zur Folge hatte. Inwieweit Johann Wolfgang von Goethe seinen Einfluss geltend machte, ist bis heute nicht gesichert. Er vermerkte in seinem Tagebuch nur wage »Lenzens Eseley«. Goethe brach hierauf den persönlichen Kontakt zu Lenz ab.

Nun fand er in Emmerdingen, bei Cornelia, der Schwester Goethes und Johann Georg Schlosser zunächst Aufnahme fand. Er unternahm mehrere Reisen ins Elsass und in die Schweiz, wo er im Mai 1777 auch Lavater besuchte. Dort erfuhr er vom Tode Cornelia Schlossers kehrte er nach Emmerdingen zurück. Es folgte ein weiterer längerer Aufenthalt bei Lavater, bei dem es im November 1777 bei einem Aufenthalte bei Christoph Kaufmann in Winterthur zum Ausbruch seiner psychischen Erkrankung - eine paranoide Schizophrenie - kam. Kaufmann schickte Lenz Mitte Januar 1778 ins Elsass zum Pfarrer Johann Friedrich Oberlin zu Waldersbach. Der Philantrop und Sozialreformer nahm sich des Schriftstellers vom 20.01. bis 08.02.1778 aufhielt. Trotz aller Bemühungen Oberlins und seiner Gattin, verschlimmerte sich der geistige Zustand von Lenz weiterhin. Die von Oberlin gefertigten Notizen über das Krankheitsbild verarbeitete Georg Büchner (1813-1837) in seiner Novelle »Lenz«.

Er begab sich dann nach Emmerdingen zu seinem Freude Schlosser, der ihn bei einem Schumacher und einem Förster unterbrachte.

Im Jahre 1779 wurde Lenz durch seinen Bruder Karl von Hertingen, wo er sich in ärztlicher Betreuung befand, nach Riga geholt. Dort war der Vater inzwischen als Superintendent aufgestiegen. Der Versuch dort als Leiter der Domschule eine Anstellung zu finden, scheiterte. Sein alter Freund Herder verweigerte ihm hierfür ein Empfehlungsschreiben. Auch ein Aufenthalt in St. Petersburg, wo er sich vom Februar bis September 1780 aufhielt, blieb für ihn erfolglos. Er fand eine Anstellung als Hofmeister auf einem Gut in der Nähe von Dropat.

Während einer Reise nach Moskau im September 1781 fand er Unterkunft beim Historiker Friedrich Müller (1705-1783) und erlernte die russische Sprache. Er fand in Moskau als Hauslehrer eine neue Tätigkeit. Gleichzeitig verkehrte er im Kreise russischer Freimaurer und Schriftsteller. So beteiligte sich der Schriftsteller an der Ausarbeitung von Reformplänen und war gleichzeitig als Übersetzer russischer Bücher tätig.

In seinen literaturtheoretischen Arbeiten entwickelte Jacob Michael Reinhold Lenz eine neue Auffassung der Komödie. Für ihm galt, dass die dramatische Gattung der Komödie auch das tragikkomische Element als wirkungsvolle Annäherung an die Wirklichkeit beinhaltet. Diesbezüglich verstand er Literatur als Form der realistischen Darstellung von Gesellschaft und deshalb konnte die Darstellung in der Komödie nicht heiter sein. In seinen Werken stellte er aktuelle Bezüge, wie die Berufproblematik von Akademikern oder auch die Triebunterdrückung dar. Als Beispiel sei hier das Werk »Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung« beschrieben. Gleichzeitig wird auch Lenz Gesellschaftskritik deutlich, zeigte er doch die Klassengesellschaft am Beispiel Bürgerschaft und Militär in seinem 1776 erschienen Werk »Die Soldaten«.

In seiner Schrift »Über die Soldatenehe« versuchte er die Probleme einer positiven Sexualität und der Gefahr ihrer Zügellosigkeit entgegen zu wirken. So sah er die Lösung in einer grundlegenden Reform des Militärs. So sollte die Ehelosigkeit des Soldaten aufgehoben werden. Mit der Thematik Triebbeherrschung reihte er sich in die Tradition von Petrarca ein; dies spiegelte sich auch in seiner Liebeslyrik und dem Briefroman »Der Waldbruder, ein Pendant zu Werthers Leiden.« Dieses Werk erschien 1797 in »Die Horen« und wie der Titel erkennen ließ, beeinflusste Goethes Werk diesmal Lenz.

Immer wieder bemühte sich Lenz auch, eine Unabhängigkeit vom vorherrschenden französischen Kulturbild zu erlangen. Er wehrte sich gegen eine nicht kreative Aneignung und achtete vielmehr auf eine praktische Wirkung von Literatur. Dies war seine hauptsächliche Bedeutung, wenn er die gesellschaftlichen Ungereimtheiten literarisch formulierte und ausmalte.

Während seines Aufenthaltes in Moskau verschlechterte sich sein Gesundheitszustand immer mehr. Jacob Michael Reinhold Lenz wurde am 04.06.1792 auf einer Moskauer Straße tot aufgefunden. Der Ort seines Grabes ist unbekannt.

Der Schriftsteller Ludwig Tieck veröffentlichte im Jahre 1828 die »Gesammelten Werke« von Jacob Michael Reinhold Lenz heraus. Im 19. Und zu Beginn des 20. Jahrhunderts erschienen weitere Schriften, wie Dramen, Prosa oder auch theoretische Arbeiten, die zu Lebzeiten des Verfassers unveröffentlicht blieben, im Druck.

Neben Büchner verarbeiteten gerade auch Peter Schneider (1940-), in seiner Erzählung »Lenz« aus dem Jahre 1973, und Gert Hoffmann (1931-1993) in der Novelle »Die Rückkehr des verlorenen J.M.R Lenz nach Riga« im Jahre 1984, das Leben des Schriftstellers. Im Jahre 2002 erschien aus der Feder von Marc Buhl der Roman »Der rote Domino«. In diesem fiktiven Werk spannte der Verfasser um »Lenzens Eseley« eine Kriminalgeschichte, die das Zerwürfnis zwischen Goethe und Lenz als Ausgangspunkt nahm.

Dramen:

  • Der Hofmeister, oder Vorteile der Privaterziehung. Eine Komödie., 1774
  • Der neue Menoza., 1774
  • Pandaemonium Germanicum., 1775, [postum 1819]
  • Die Soldaten. Eine Komödie., 1776
  • Die Freunde machen den Philosophen., 1776

Theoretische Schriften

  • Anmerkungen übers Theater. Abhandlung, 1774
  • Meinungen eines Laien, den Geistlichen zugeeignet., 1775

Sonstiges:

  • Die Landplagen. [Versepos], 1769
  • Zerbin, [Novelle], 1776
  • Der Waldbruder. [unvollendeter Roman], postum 1882

Letzte Änderung der Seite: 21. 09. 2017 - 00:09