EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Henri Benjamin Constant de Rebeque

* 25.10.1767 in Lausanne/Schweiz
† 08.12.1830 in Paris

Henri Benjamin Constant de Rebeque (1767-1830) war ein französischer Literat und Staatstheorethiker mit hugenottischen Wurzeln. Napoléon I. lud ihn 1815 ein, einen Verfassungszusatz zu verfassen.
Henri Benjamin Constant de Rebeque (1767-1830)

Dieser wie so viele frankophone Literaten zwischen Schriftstellerei und Politik pendelnde Autor ist heute praktisch nur noch mit seinem Roman »Adolphe« (1816) bekannt, einem frühen Meisterwerk und Vorbild der im 19. Jahrhundert florierenden Gattung psychologischer Roman.

Constant, wie er in der französische Geschichtsschreibung heißt, war Abkömmling einer im 16. Jahrhundert in die Schweiz emigrierten adeligen Familie französischer Hugenotten. Seine Mutter starb bald nach seiner Geburt und er verlebte, was sicher stark zu seiner offenkundigen späteren Bindungsunfähigkeit beitrug, eine unstete Kindheit und Jugend, zunächst als Ziehsohn bei den Großeltern in der Schweiz und später als Anhängsel seines Vaters, eines offenbar sehr mobilen Berufsoffiziers, in Holland, der Schweiz, dem damals noch österreichischen Brüssel und in England, wobei er mal bessere, mal schlechtere Hauslehrer hatte.

Mit 15 begann er im protestantischen und von eingewanderten Hugenotten geprägten Erlangen ein Jurastudium, das er drei Semester später in Edinburgh fortsetzte. Zugleich las er viel und begann zu schreiben, verfiel allerdings auch der Spielsucht und machte Schulden. Darüberhinaus reiste er oft und hatte früh Liebesaffären. 1786 lernte er bei einem Parisaufenthalt die Romanautorin Madame Isabelle de Charrière (1740–1805) kennen, eine in der Schweiz verheiratete und Französisch schreibende gebürtige Holländerin. Sie wurde ihm zu einer (anfangs wohl nicht nur platonischen) mütterlichen Freundin, und ihr Landsitz bei Neuchâtel war in den nächsten Jahren ein Fixpunkt für ihn, wo er sich häufig kürzer oder länger aufhielt.

Mit 21 (1788) wurde er Kammerherr des Herzogs von Braunschweig und heiratete ein Jahr später die Hofdame Wilhelmine von Cramm. Er hielt es aber nicht lange mit ihr aus, ging oft auf Reisen und reichte schließlich die Scheidung ein, um sich mit einer anderen, ebenfalls noch verheirateten, aber scheidungswilligen Hofdame zu liieren, Charlotte von Hardenberg (1769-1845), die er jedoch erst 1808, nach mehreren zwischendurch absolvierten Verhältnissen mit anderen Frauen und einer zweiten Ehe ihrerseits heiratete, ohne dass die beiden hiernach glücklich wurden.

1794 begegnete Constant in der Schweiz der anderthalb Jahre älteren Madame de Staël: es war der Beginn einer langen, wechselvollen und für beide Seiten aufreibenden Beziehung (aus der 1797 auch eine Tochter hervorging).

1795, nach dem Ende der Schreckensherrschaft in Frankreich und der Etablierung des gemäßigten Regimes des Directoire, begleitete Constant Madame de Staël nach Paris und begann sich dort als vielbeachteter politischer Publizist und Redner zu betätigen. Nach dem Staatsstreich Napoléons von 1799 spielte er kurz auch eine aktive Rolle in der hohen Politik, bis er 1802 kaltgestellt wurde.

Anschließend war er wieder viel unterwegs, u.a. mit Madame de Staël, die er auf Teilen ihrer Deutschlandreise 1803/04 begleitete und von der er, nachdem sie 1802 verwitwet war, zur Eheschließung gedrängt wurde, während er sie zwischendurch immer wieder zugunsten neuer und alter Geliebten verließ und sich 1808 sogar, wie erwähnt, ohne ihr Wissen verheiratete.

1806/07 verfasste er, etwa zur selben Zeit, zu der Madame de Staël an »Corinne ou l'Italie« schrieb, einen Roman, »Adolphe«, mit dessen unentschlossen schwankenden Ich-Erzähler er sich sichtlich stark identifiziert. Die Handlung spiegelt offenbar seine Schwierigkeiten, sich von Madame de Staël zu lösen. Wohl 1811 begann er den ebenfalls autobiografischen Roman »Cécile«, der jedoch Fragment blieb und erst 1951 wiederentdeckt wurde. Das Theater reizte ihn weniger; immerhin verfasste er 1807/08 auch ein Drama: »Wallstein« (gedruckt 1808). 1811 begann er eine Autobiografie mit dem Titel »Ma Vie« (»Mein Leben«), die aber nur bis zum Ende seiner Jugendzeit gelangte und erst 1907 aus dem Nachlass als »Le Cahier rouge« (»Das rote Heft«) gedruckt wurde. Daneben führte er, wie immer, ausführlich Tagebuch, das aber offensichtlich nicht zur Veröffentlichung bestimmt war (postum publiziert als »Journal intime«) und eine ebenso umfangreiche Korrespondenz mit vielerlei Briefpartnern.

1814, nachdem Napoléon unterlegen war und die alte Königsfamilie der Bourbonen mit Louis XVIII. wieder den Thron bestiegen hatte, publizierte Constant ein Plädoyer für eine konstitutionelle Monarchie. Als im März 1815 Napoléon unerwartet an die Macht zurückkehrte, schloss er sich ihm an und entwarf in seinem Auftrag eine Verfassung für Frankreich. Nach der baldigen endgültigen Niederlage Napoléons in der Schlacht von Waterloo nahe Brüssel zog Constant es vor, Frankreich zu verlassen.

1817 kehrte er zurück nach Paris und in die Politik. Er wurde immer wieder als Abgeordneter in die neue Chambre des Députés gewählt und betätigte sich als gefürchteter Parlamentsredner und Pamphletist. Zugleich verfasste er bedeutende politologische und staatstheoretische Schriften. Mit ihnen wurde er zum Mitbegründer des Liberalismus, d.h. der Doktrin, dass der Staat sich möglichst wenig in die persönlichen und zumal die wirtschaftlichen Belange seiner Bürger einzumischen habe und möglichst viel Initiative und Verantwortung ihnen selbst überlassen müsse. Eine vierbändige religionswissenschaftliche Abhandlung, die er schon als junger Mann begonnen hatte und die 1824–31 erschien, geriet dagegen bald in Vergessenheit (»De la religion considérée dans sa source, ses formes et ses développements«, »Betrachtungen über die Quelle, die Formen und die Entwicklungen der Religion«).

Seinen Platz in der Literaturgeschichte verdankt Constant vor allem dem relativ kurzen, aber erfolgreichen »Adolphe« (1806/07, gedruckt erst 1816). Der immer noch gut lesbare Roman spiegelt sichtlich seine eigene fast pathologische Zerrissenheit zwischen Bindungswünschen und Bindungsangst und ist inspiriert von seiner Situation zwischen Charlotte von Hardenberg (1769-1845) und Madame de Staël, der er sich noch verpflichtet fühlte. Er erzählte in der Ich-Form die Geschichte eines jungen Mannes, der eine etwas ältere Frau verführte, sich, als er merkte, dass sie ihn liebte, von ihr zu lösen versuchte, dies jedoch aufgrund der vielen Opfer, die sie ihm brachte, nicht konnte, dann aber doch wieder möchte und am Ende auch tat, wobei er sie durch das unentschlossene Hin und Her und seine schließliche Abwendung in Krankheit und Tod trieb.

Essays:

  • De la force du gouvernement actuel de la France et de la nécessité de s'y rallier, 1796
  • Des réactions politiques, 1797
  • Des effets de la Terreur, 1797
  • Fragments d'un ouvrage abandonné sur la possibilité d'une constitution républicaine dans un grand pays, publiziert 1991 bei Aubier, geschrieben zwischen 1795 und 1810
  • De l'esprit de conquête et de l'usurpation dans leurs rapports avec la civilisation européenne, 1814
  • Réflexions sur les constitutions, la distribution des pouvoirs et les garanties dans une monarchie constitutionnelle, 1814
  • Principes de politique applicables à tous les gouvernements représentatifs, geschrieben 1806, publiziert 1815
  • Mémoires sur les Cent-Jours
  • Cours de politique constitutionnelle, 1818-1820
  • De la liberté des Anciens comparée à celle des Modernes, célèbre discours prononcé en 1819
  • De la religion considérée dans sa source, ses formes et son développement, 1824-1830
  • Appel aux Nations chrétiennes en faveur des Grecs., 1825
  • Mélanges de littérature et de politique, 1829
  • Du polythéisme romain considéré dans ses rapports avec la philosophie grecque et la religion chrétienne, 1833

Belletristik:

  • Adolphe, 1816 (Roman)
  • Le Cahier rouge, 1907 [Autobiografie]
  • Wallstein, 1808 (Drama)
  • Cécile, 1851 [Romanfragment]

Sonstiges

  • Lettre à M. Odillon-Barrot, avocat en la Cour de Cassation, sur l'affaire de Wilfrid Regnault, condamné à mort, 1818
  • Deuxième lettre à M. Odillon-Barrot, avocat en la Cour de Cassation, sur l'affaire de Wilfrid Regnault, condamné à mort, 1818
  • De l'appel en calomnie de M. le marquis de Blosseville, contre Wilfrid-Regnault, 1818

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