Goethe und die Brion

- Das Pfarrhaus von Sesenheim 1770/71 (Rötelzeichnung von J.W. Goethe)
Im Oktober des Jahres 1770 reiste der junge Student Johann Wolfgang von Goethe zusammen mit seinem Studienfreund Weyland von Straßburg nach Sesenheim im Elsass. Dort besuchten die beiden jungen Männer den Pfarrer Brion - einem Verwandten Weylands - und seine Familie.
Das Pfarrhaus erinnerte eher an ein Bauernhaus und als die beiden am Nachmittag eintrafen, war nur der Pfarrer anwesend. Dieser dachte wieder einmal über den Umbau des Pfarrhauses nach. Seine Ehefrau war zusammen mit den beiden Töchtern und dem Sohn auf dem Felde beschäftigt. Am Abend begegnete der 21jährige Student der damals 18jährigen jungen Frau und erinnerte sich 40 Jahre später in seinen Erinnerungen an diese Begegnung:
In diesem Augenblick trat sie wirklich in die Türe; und da ging fürwahr an diesem ländlichen Himmel ein allerliebster Stern auf... Friederike trug ein kurzes weißes, rundes Röckchen mit einer Falbel, nicht länger, als dass die nettesten Füßchen bis an die Knöchel sichtbar blieben; ein knappes weißes Mieder und eine schwarze Taffetschürze, so stand sie auf der Grenze zwischen Bäuerin und Städterin- Schlank und leicht, als wenn sie nichts an sich zu tragen hätte, schritt sie, und beinahe schien für die gewaltigen blonden Zöpfe des niedlichen Köpfchens der Hals zu zart. Aus heiteren blauen Augen blickte sie sehr deutlich umher, und das artige Stumpfnäschen forschte so frei in die Luft, als wenn es in der Welt keine Sorge geben könnte.
Der Dichter und die junge Frau verliebten sich ineinander und verlebten einen wunderschönen Sommer miteinander. So schwärmte Goethe über einen gemeinsamen Sonntag mit Friederike:
Früh beizeiten rief mich Friederike zum Spazierengehen; Mutter und Schwester waren beschäftigt, alles zum Empfang mehrerer Gäste vorzubereiten. Ich genoß an der Seite des lieben Mädchens der herrlichen Sonntagfrühe auf dem Lande, wie sie uns der unschätzbare Hebel vergegenwärtigt hat ... Wir entwarfen unseren Plan, was mit den Gästen vor und nach Tische geschehen sollte und machten einander wechselseitig mit neuen geselligen Spielen bekannt, waren einig und vergnügt, as uns die Glocke nach der Kirche rief, wo ich denn an ihrer Seite eine etwas trockene Predigt des Vaters nicht zu lang fand. Zeitverkürzend ist immer die Nähe der Geliebten.
Diese Liebesbeziehung zwischen dem jungen Goethe und der Brion dauerte nur einen Sommer lang. In diesem Sommer schrieb der Dichter "Heideröslein", "Willkommen und Abschied", "Mit einem gemalten Band", "Mailied" und vermutlich auch noch andere Gedichte, die er Friederike widmete.
Am 07.08. 1771 sah er Friederike vor seiner Heimkehr nach Frankfurt zum letzten Mal: "Als ich ihr die Hand noch vom Pferde reichte, standen ihr die Tränen in den Augen, und mir war sehr übel zumute." Das "herrliche Elsass" verließ er schon eine Woche später. Erst aus Frankfurt schrieb er Friederike einen Brief, der das Verhältnis endgültig löste. Die Antwort Friederikes "zerriss mir das Herz [...]; stets empfand ich, dass sie mir fehlte, und was das Schlimmste war, ich konnte mir mein eignes Unglück nicht verzeihen [...] Hier war ich zum erstenmal schuldig; ? doch der Abschied war endgültig."
Goethe kehrte noch zweimal in das Sesenheimer Pfarrhaus zurück. Das erste Mail als er 1779 in die Schweiz reiste und als er 1782 zur Hochzeit von Friederikes älterer Schwester Maria Salomea mit dem aus Straßburg stammenden Magister Gottfried Marx, der gerade als Pfarrer eine Stellung in Diersburg angetreten hatte, anreiste.
