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Über die Schönheit antiker Kinderköpfe

Durchlauchtigster Landgraf.
Hoch zu ehrende Mitglieder,

das Glück das ich genieße, unter dem persönlichen Vorsitze meines Gnädigsten Gebieters, dessen Huld ich durch so viele außerordentliche Proben, zu erfahren Gelegenheit gehabt habe, einer Versammlung von Männern zugesellt zu werden, die sich ihren Endzwecke, und Vollkommenheiten durch die mächtige Beförderung Ihres glorreichen Stifters mit Riesenschritten nähert, muss so schmeichelhaft es mir von der einen Seite ist, mich auf der andern ermuntern das wichtigste und würdigste Studium des Altertums, oder wie ich mir denke, den Urkunden der Fähigkeit, Kräfte und Größe des menschlichen Geistes, mit neuen Eifer zu betreiben.

Wer nur Kenntnis der Natur liebet wird diejenigen schätzen müssen die nicht nur das schöne aufzusuchen, und einzeln darzustellen sich bemühten, sondern das beste zu wählen, und es in eines zu vereinigen, und dadurch dem Werth eines solchen Ganzen gleichsam über die Natur zu erheben suchten, und nach dem einmütigen Geständnis der einsichtsvollsten Männer ihre Absicht so sehr erreichten, dass sie nie von ihren Nachkommen übertroffen würden.

Wie achtungsvoll man daher, diejenigen, die dieses unentbehrliche, aber zu gleich kostbarste Studium, nicht bloß unterstützen, sondern mehr als königlich befördern, und an Kenntnis und Geschmack mit großen Beispiel vorgehen wird verehren müssen dies überlasse ich der Empfindung eines jeden hier Anwesenden. Ich bin so vorzüglich glücklich zum Geschäfte meines Lebens zu geteilt bekommen zu haben, die Kenntnis der Natur und des Menschen insbesondere, in ihnen selbst suchen zu können, und demjenigen zu folgen, nicht was mir Menschendünkel und eingeführte Gewohnheit aufdringet sondern was mich Natur und Überzeugung lehret.

Öfter daher habe ich Gelegenheit, die aus der Natur selbst und ihrer Nachahmung entstandene Höhe der griechischen Kunst zu bewundern, und durch ihren Verfall das menschlichen Genie von einer andern Seite zu erblicken.

Doch ists sonderbar, dass sich aus jenen Zeiten der verloren Kunst her, Sachen eingeschlichen haben, die man noch immer nachahmt, ohne darauf zu sehen, ob es auch mit dem Werken der Alten, oder auch nur der alltäglichen Natur übereinkomrnen.

So ist wie man durch einen blick gewahr werden kann, ein aufrecht stehendes Oval zur Anlage eines menschlichen Kopfs von der Seite und dem sogenannten dreiviertel Gesicht völlig unpassend. Das Haupt des Menschen ist so wenig durch eine Eiform als eine Kugel gestalt begrenzet, und doch ist es noch immer die Vorschrift der Zeichen Meister und Mahler; weil man daher auf eine solche übel gewählte Grundlage, ein vorzustellend Gesicht hinaufzerrte, so wird es sehr schwer, wo nicht unmöglich vollkommene Ähnlichkeit darzustellen; und daher wird man in dem bestgetroffensten Gesichtern, die Zeichenbuchsregeln gewiss  nicht herausbringen können; Ich möchte fast behaupten, das die Alten sich gewiss nicht unsere gewöhnlichen Methode zur allgemeinen Richtschnur bei Anlegung eines Gesichts können bedienet haben, und mein wichtigster Grund ist der bekante Satz; das man allemal eine Münze oder geschnittenen Stein, in der Ähnlichkeit, mit dem Bruststück oder Statue von ebenderselben Person aufs genauste überein kommend antrifft.

Ich glaubte es würde eine, nicht fruchtlose Bemühung sein Eines der größten Kenner des Schönen Herrn Campers, in einer privat Gesellschaft zu Göttingen vorgelegten [?] Gedanken über die Schönheit der Kinder Köpfe der Alten, vorzüglich der Griechischen Künstler, in der Natur selbst zu untersuchen.

Ich werde mich daher bemühen darzutun das diese Künstler, das sogenannte Ideal erwachsener Körper, auch auf Kinder angewandt haben. Dieses Ideal besteht bekanntlich in einer ziemlich gradlinigen Nase und Stirne, und einen bis auf den äußersten Grad zurückstehenden Mund.

Es ist natürlich, dass da dieses Ideal aus dem Gesichtern die sie täglich vor sich sahen, abstrahiert war, selbst die Kinder die sich nämlich mit der Folge der Jahre diesem Ideale in ihrer Bildung näherten schon die Anlage dazu müssen gehabt haben. Doch da man nie Kinder mit gradlinigen Nasen bemerkt, so versteht sich von selbst, das man hier zwar wie oben die Grundregeln beobachten könne, doch da der Unterteil des Kopfs das eigentliche Gesicht, bei Kindern mehreren Veränderungen der ansehnlichen Verlängerung durch kommende Zähne und einem beträchtlicheren Wachstume unterworfen ist, als der übrige Schädel man in vielen kleinern Umständen werde Abweichungen vornehmen müssen.

Da ich das Vergnügen hatte unter den an mich abgelieferten Kindern, einige sehr schöne Gesichterchen zu erhalten, dachte ich auf eine sichere Art, das Profil derselben, so genau als möglich abzeichnen zu können und ich glaube ich befinde [bediente] mich hiezu, der sichersten und genausten, wo nicht gar der bestmöglichsten.
 

Ich durchschnitt nämlich, mit der größten Sorgfalt, und Aufmerksamkeit den Kopf und Hals genau senkrecht, von oben nach unten, in der Mitte, legte so dann die beste Hälfte, mit der durchschnittenen Seite, auf ein, auf einer ebenen Fläche liegendes in Öl getränktes Papier und hatte also ein fleischernes bar Relief oder dem besten halberhabenen Kinderkopf.

Nichts ist als den leichter, als aufs allergenauste dem Umriss zu nehmen und die Stelle für die Augenbraunen die Augen selbst, das Nasenloch, Mund, Lippen und zum teil des Ohrs, selbst zu nehmen.

Auf diese Art sind diese Zeichnungen von mir verfertiget worden; da ich die Originale die zu diesen Umrissen gedienet haben aufbewahre, so ist mir nichts leichter, als die Genauigkeit, Richtigkeit [?] dieser Zeichnungen einen jeden darzutun.

Vorzüglich bediente ich mich dreier Körper, um an ihnen meine Beobachtung anzustellen der schönste dieser Köpfe den die 3te Figur darstellt, wählte ich mir zum Maßstabe und idealisierte ihn zur vierten Figur, indem ich nämlich die Stirne und Nase mehr ebnete, und dem Mund so viel es anging nach innen hin ein auslaufen ließ, musste sich notwendig oberwärts der Scheitel erheben, und so wandte ich daher das griechische profil eines erwachsenen auf diesen Kinder Kopf an.
Auf diese Art ohngefähr scheint die Schönheit der Kinder Köpfe die von dem besten Meistern verfertiget worden sind erklärt werden zu können.

Diesen Regeln scheint de Widh der berühmte Mahler schöner Kinder, gefolgt zu sein, jedoch vielleicht ohne selbst zu wissen das er das griechische Profil auf Kinder anwandte.

Ich glaube dies wenige wird genug sein, nebst zu Hülfeziehung der Figuren zu zeigen, das die Schönheit eines Cupido oder der Genien der Alten der Anwendung ihres Ideals auf Kinder vorzüglich zuzuschreiben sei, wenn es daher nach dem Urteil der meisten Kenner ausgemacht sein möchte, das das Profil eines Apollo in belvedere göttlich schön genant werden müsse, so wird nicht zu leugnen sein, dass ein nach ähnlichen Grund Sätzen verfertigter Kinderkopf schön ausfallen könne.

Erlauben Sie mir nur noch einige Bemerkung die ich bei eben dieser Untersuchung machte anzuführen.
Es ist bekant, das die Größe des Ohrs bei allen Köpfen, und also auch bei Kindern dem allgemeinen Vorschriften der Zeichenmeistern zufolge, durch zwei parallele Linien bestirnt werde, von denen eine von den Augenbraunen und die andere unter der Nase weg quer übers Gesicht laufen, das also die Länge des Ohrs der Entfernung der Augenbraunen von den untern Rande der Nase gleich sein soll. Allein da ich in elf Kindern diese Entfernung mit der Länge oder Höhe des Ohrs verglich, fand ich offenbar in allen, ohne Ausnahme, das Ohr um mehrere Linien größer.
Übrigens können diese Umrisse, die nicht nach dem Zeichenbuch sondern nach der Natur selbst auf eine neue gleichsame mathematische Methode verfertiget sind, sehr vielen Stoff zum nachdenken geben. Man sieht in ihnen wenn man die 2te mit der 3ten, und 4ten Figur vergleicht, den Unterschied des Gesichts den der Fall [die fallende Gesichtslinie?] verursacht.
Man bemerkt die auffallende Verschiedenheit der Physiognomien schon im frühesten Alter. Man erblickt die Haare zwar nach dem Scheitel, jedoch mehr hinterwärts, als man gewöhnlich in Figuren gewahr wird sich gewissermaßen wirbeln.

Man erkennt das leere wenig ausdrückende eher unschuldige eines Kindergesichts. Man findet dem Stern in Auge konvexer als bei Erwachsenen Man wird nicht verfehlen können, die erstaunende Größe des Gehirn fassenden Schädels in Vergleich mit dem Gesicht zu unterscheiden.

Es verrät sich besonders in der ersten, und 2ten Figur, wenn ich mich nicht sehr irre, im ganzen das weibliche schwache selbst, schon in diesen Kindergesichtern.

Endlich wird man nicht ohne Erstaunen, die Bemerkung* wahr finden, das nämlich zur Anlage eines Kopfs ein querliegendes Oval gebraucht werden könne, und das es jedoch nicht möglich sei eine andere Stellung des Ovals, wie ich schon oben erwähnt habe aus zu finden.

Ich habe daher in allen Köpfen dieses Oval aufs genauste angebracht; um zu zeigen, wie genau dieses zur Anlage des Schädels mit der Natur übereinstimme.

Dies sei ein geringer Beweis wie nützlich Anatomie auch außer der Medizin auf andere Kenntnisse angewandt werden könne, und wie sie in genauer Verbindung selbst mit der Kenntnis und Beurteilung der alten Kunstwerke stehe.
 

S. Th. Soemerring, vorgelesen d. 4 Dez. 1779.
 

* des Hn Prof. Campers.